Geschichtsforschung: Veränderung und Objektivität

Interview mit Dr. Detlef Garbe, dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg über Dr. Detlef GarbeVeränderungen in der Geschichtsforschung und Objektivität in der Geschichte im Februar 2007 in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück.

Ingeborg Lüdtke:

Wie hat sich die Geschichtsforschung im Laufe der letzten 60 Jahre verändert?

Dr. Detlef Garbe:

60 Jahre ist ein sehr langer Bereich. In dieser Zeit hat eine Reihe von Entwicklungen stattgefunden. Zunächst war die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit für die Zeitgeschichtsforschung gar kein Thema. Die Zeitgeschichtsforschung hatte sich verstärkt den Ereignissen zu Beginn des 20 Jahrhunderts zugewandt. Der Blick auf die gerade erst kürzlich vergangene Zeit des Hitlerregimes war für die Geschichtswissenschaft ein Thema, das man eher mied. Diejenigen, die sich damit auseinander setzten, waren großteils Historiker, die in der Emigration waren wie Hans Rothfels oder Gerhard Ritter, die sich aus eigener Betroffenheit mit dem Thema auseinander setzten. Die Funktion, die die Zeitgeschichte damals nahm, war diejenige gegenüber der vom Ausland geäußerten sogenannten Kollektivschuld, also der Behauptung, dass das Hitlerregime durch das Deutsche Volk in toto, im Ganzen an die Macht gebracht worden wäre und dass für die Verbrechen des Nationalsozialismus alle Deutschen Schuld seien. Dieser Kollektivschuldthese versuchte die Geschichtswissenschaft in den 50er Jahren entgegen zu treten, zu beweisen sozusagen, dass es ein anderes Deutschland gab. Von daher hat die Geschichtswissenschaft jener Jahre sehr stark den Aspekt dann auf den Bereich des Widerstandes gelegt, allerdings sehr in der Engführung Widerstand aus bürgerlichen, aus kirchlichen Kreisen vor allem aber auf den Staatsstreichversuch des 20. Juli 1944. Das waren die Themen um zu belegen: Es hat nicht nur Deutsche gegeben, die dem Hitlerregime zugestimmt haben, sondern es hat auch ein anderes ein unbeflecktes Deutschland gegeben.

Der Nationalsozialismus selbst wurde sehr stark als deutsche Katastrophe verklärt, als eine Katastrophe, deren Ursachen schon sehr stark in den Bereich des Dämonischen verlegt wurde. Es wurde sehr stark auf die Person Hitlers als Führer fokussiert. Eigentlich verschwanden alle anderen Verantwortlichen hinter der Gestalt Hitlers. Wenn man das heute mit dem Abstand von 60 Jahren sieht, dann waren die frühen Versuche der Auseinandersetzung eher etwas was den Charakter des Nationalsozialismus vernebelte, als ihn offen zu legen. Es hat dann lange Jahre bedurft, ehe in den 60er Jahren mit der Hinwendung zur Alters- und Sozialgeschichte auch andere Fragen in den Blick gerieten. Es wurde sehr viel stärker nach den Funktionsmechanismen, nach den Strukturen, die das nationalsozialistische Regime hervorbrachten gefragt. Es war also weniger das Interesse auf die Programmatik, auf die Ideologie, sondern: Wie konnte der nationalsozialistische Staat funktionieren? Wer waren seine gesellschaftlichen Träger? Es wurde mehr der Ablauf der Ereignisse in den 12 Jahren in den Blick genommen: Die Erkenntnis, dass das System selber eine Phase der Radikalisierung durchlaufen hat. Es wurde die Zäsur des Krieges auch stärker herausgestellt und dann Ende der 60er Jahre auch die ersten Untersuchungen, die sich dem Krieg und der Wehrmacht intensiver auseinandersetzen. Und im Zuge der Hinwendung der Alltags- und Sozialgeschichte kam auch der Widerstand anderer Gruppen, der Arbeiterbewegung, überhaupt die Geschichtsschreibung von unten stärker in den Blick. In den 70er Jahren wurde durch die entstehenden Geschichtswerkstätten, durch die lokalen Initiativen der Blick stärker auf den Nationalsozialismus als ein gesellschaftliches Phänomen gelegt. (Interessant) waren nicht mehr die großen politischen Aktionen, die Staatsebene – das was an Außenpolitik und Innenpolitik im 3. Reich stattgefunden hat -, sondern das wie sich die Politik in regionalen Verhältnissen niederschlug. Es war eine sehr viel konkretere Betrachtungsweise. Dieses wurde dann auch noch dadurch verstärkt , dass eine neue Quellengattung in den Blick geriet. Zwar hat sich die Geschichtsschreibung seit jeher nicht nur die Schriftgutüberlieferung in Form von Dokumenten gestützt, sondern sie hat immer auch Erinnerungsberichte in die Auswertung geschichtlicher Ereignisse mit einbezogen, aber dabei wurde eigentlich immer nur an die Tagebücher und Memoiren bedeutsamer Personen gedacht. Teilweise, wie beim dem großen Projekt zur Geschichte der Vertriebenen, dass in den 50er Jahren durchgeführt wurde, wurden auch schon Befragungen durchgeführt, aber auch die haben sich auf reine Schriftzeugnisse berufen. Erst Ende der 70er Jahre kam über die USA die Bewegung der Oral History nach Deutschland. Man ging also auf diejenigen zu, die als Zeugen der Zeit aus eigenem Erleben berichten konnten. Die etablierte Geschichtswissenschaft hat das erst sehr stark abgelehnt, hat gesagt, dass seien ja alles nur subjektive Wahrnehmungen und man könne dem keinen hohen Stellenwert zuschreiben. Aber dadurch, dass sich nach und nach eine sehr genaue Methodik der Analyse von mündlich erfragter Geschichte entwickelt hat, die ja Dinge abbilden kann, die sich nie in der Schriftgutüberlieferung finden, dadurch ist die Oral History immer stärker etabliert worden. Ich nehme als einen Bereich die Geschichte der Konzentrationslager (heraus).Viele der Vorgänge, die in den Lagern stattgefunden haben, haben natürlich überhaupt keinen Niederschlag in den Akten der NS gefunden und nur durch Befragung der Überlebenden, der ehemaligen Häftlinge und anderer Augenzeugen, lassen sich diese Vorgänge erheben.

Ingeborg Lüdtke:

Haben wir dadurch ein objektiveres Wissen über die NS-Zeit?

Dr. Detlef Garbe:

Jede Zeit, jede Generation stellt ihre eigenen Fragen an die Geschichte. Es gibt dort Wechsel in den Perspektiven. So wurde in den 70er/80er Jahren sehr stark nach den wirtschaftlichen Ursachen, nach den ökonomischen Nutznießern gefragt. Und in den 90er Jahren tauchen dann stärker die Fragen nach den Geschlechterbeziehungen auf, nach den Geschlechterverhältnissen: In wieweit hat das Regime in seinem Frauenbild, in seiner Partizipation von Frauen gewirkt? In den zurückliegenden 10 Jahren tauchen Fragestellungen auf, die wieder stärker die Bevölkerung insgesamt in den Blick nehmen. Fragen wie: Wie war dies eigentlich möglich? War es nur ideologische Verführung und nur Propaganda, die dazu geführt haben, dass Millionen Deutsche diesem Regime zugestimmt haben? Oder war es auch so, dass die Zustimmung zum Regime verbunden war mit Angeboten vom Regime, beispielsweise das man an materiellen Dingen partizipierte? Zum Beispiel ist in den letzten Jahren überhaupt erst untersucht worden, in welchem hohen Maße die nichtjüdische Bevölkerung in Deutschland, die regimetreue Gesellschaft, partizipiert hat an der Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung. Auch andere Aspekte der Einbindung von der Bevölkerung in das Regime sind in den letzten Jahren thematisiert worden, so dass die frühere Rede von dem Führerstaat inzwischen der Rede von Hitlers Volksstaat gewichen ist. Es tauchen Begriffe auf wie Zustimmungs- und Wohlfühldiktatur. Die das also widerspiegeln, dass das Regime des Nationalsozialismus keine Diktatur der wenigen über die vielen waren, sondern eine Gewaltherrschaft der vielen über die Ausgegrenzten und Anderen. Gleichwohl, wie immer in der Geschichtswissenschaft, gibt es Widerspruch und Kritik an solchen Konzeptionen, so dass die Frage nach einem objektiveren Wissen ganz schwer zu beantworten ist. weil mit den unterschiedlichen Fragestellungen natürlich auch immer Perspektiven und Sichtweisen, also subjektive Dinge mit in den Blick kommen. Natürlich hat sich das Faktenwissen enorm erweitert. Insbesondere nach 1989/1990 konnten auch die Quellen, die bisher der westlichen Geschichtsforschung verschlossen waren, zum Beispiel die Quellen in russischen Archiven, in osteuropäischen Archiven mit einfließen; und in dem es eine Vielzahl von Untersuchungen gab, die sehr genaue Analysen hervorgebracht haben, ist das Faktenbild sozusagen immer umfassender geworden.

Die Frage nach Objektivität ist hingegen ganz schwer zu beantworten, weil sie davon ausgeht, was derjenige darunter versteht. Es gibt natürlich ein gesundes Basiswissen, ein solides Fundament. Es gibt Informationen, die nur Einzelne und Wenige in Frage stellen und wo es so etwas wie ein Kommessenz der wissenschaftlichen Forschung gibt. Wenn man das mit objektiv gleich setzt, dann ist sozusagen dieses Basiswissen enorm gestiegen. Aber man darf sich nicht täuschen, dass es immer das Erkenntnisinteresse der jeweiligen Generation der Befrager ist; und ich bin mir ziemlich sicher, dass das Bild auf den Nationalsozialismus sich in 10 oder 20 Jahren in Nuancen wieder weiter verändern wird. Klar ist, dass der verbrecherische Charakter des Regimes sich heute eher noch deutlicher darstellt, als es in früheren Jahren der Fall gewesen ist, also das Versuche der Relativierung, der Gleichsetzung des Nationalsozialismus mit anderen totalitären Regimen, die es noch in den 80er Jahren im Zuge des Historikerstreites gegeben hat, heute eigentlich kein Thema mehr sind. Niemand würde heute allerdings in Frage stellen, dass man vergleichen muss als Historiker. Selbstverständlich müssen die Verbrechen im Nationalsozialismus verglichen werden können mit dem Unrecht, das sich in kommunistischen Regimen zugetragen hat, weil erst im Vergleich sozusagen die Unterschiede auch deutlich werden.

Ingeborg Lüdtke:

Wie haben sich die neueren Forschungsmethoden auf die Geschichtsforschung bezüglich der Zeugen Jehovas ausgewirkt?

Dr. Detlef Garbe:

Vor 10 oder 20 Jahren konnte man mit gutem Recht die Zeugen Jehovas zu den sogenannten vergessenen Opfern des Nationalsozialismus rechnen. In der Öffentlichkeit war die Verfolgungsgeschichte dieser Glaubensgemeinschaft so gut wie unbekannt. Das hat sich in den zurückliegenden Jahren deutlich geändert. Wie überhaupt den marginalisierten Opfern wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, den Opfern, die am Rande standen, die nicht zu den Gruppen politischer Regimegegner oder den aus rassischen Grund Verfolgten gehörten, wo dabei lange Zeit das Interesse auch nur den Jüdinnen und Juden galt und nicht den Sinti und Roma. Aber die Fragerichtung hat sich in den letzten 10-20 Jahren nicht nur im Blick auf die Zeugen Jehovas, sondern insgesamt den Randgruppen zugewendet. Man kann im Blick auf die Zeugen Jehovas heute davon sprechen, dass es inzwischen eine soweit gesicherte Forschung gibt, dass die Relationen, die Zahlen klar sind. Die Ereignisabläufe sind offen gelegt worden. Es gibt wie immer Detailfragen, die noch nicht untersucht sind. Es sind relativ wenige Studien beispielsweise über die Auswirkung der Verfolgung von Angehörigen der Zeugen Jehovas in den besetzten Gebieten und den mit dem deutschen Reich verbündeten Ländern vorhanden. Solche einzelne Fragen gibt es noch. Aber die Geschichte der Verfolgung der Zeugen Jehovas, ihr Widerstand, ihre Selbstbehauptung, die Verfolgung durch Justiz und Polizei, die Sondergerichtsverfahren und so, dass ist inzwischen gut ausgeleuchtet.

© Ingeborg Lüdtke

Bilder: Mit freundlicher Genehmigung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme

Teilausschnitt aus den Radiosendungen vom 20.4.2007 sowie 27.1.2009 ausgestrahlt im StadtRadio Göttingen

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