Klassenfoto mit Massenmörder – Das Doppelleben des Artur Wilke

Das Doppelleben des Artur Wilke“ hat Jürgen Gückel seine dokumentarisch-biografische Rekonstruktion im Untertitel genannt. Der frühere SS-Hauptsturmführer hatte nach dem Krieg die Identität seines gefallenen Bruders Walter angenommen, übernahm dann als falscher Onkel auch die Vormundschaft für seine eigenen Kinder aus erster Ehe und lebte bis 1961 als Volksschullehrer unbehelligt in Stederdorf bei Peine. Aufschluss über sein Doppelleben gab erst der Koblenzer NS-Prozess, als Wilke 1963 für die Ermordung von 6.600 Menschen während der NS-Belagerung im weißrussischen Minsk unter Anklage gestellt und verurteilt wurde.

Auf dem Klassenfoto mit seinem ersten Lehrer ist auch Jürgen Gückel abgebildet, der nicht nur die Vergangenheit eines Massenmörders anhand der Prozessakten rekonstruieren wollte. In seinem Buch beschreibt er auch die Situation in den Tötungslagern selbst, die sich dann für ihn auch in ihren unfassbaren Dimensionen darstellte. Wie erbarmungslos die Schließbefehle an der Grube erfolgten und wie Wilke selbst den Opfern die Pistole an den Nacken legte und abdrückte und sich in den Einsatzkommandos bestärkt fühlte, die Weißrussland judenfrei machen würden. Gückel hat diese Szenen fiktionalisiert und die Gedankengänge der Täter imaginiert. Zeugenaussagen belegen die Ereignisse, die sich auch für ihn manchmal der Beschreibung entziehen. In vielen Passagen klingt die Frage an, wie sich die Fakten aus der historischen Distanz überhaupt darstellen lassen auf welchem Wege eine Annäherung möglich ist und welche Erkenntnisse, sich auch für die Nachkriegsgesellschaft ableiten lassen, die davon nichts oder nichts mehr wissen wollte.

Immer wieder pendelt der Zeitchronist zwischen den Jahren und Jahrzehnten und beschreibt das Erinnerungsprofil seines Heimatdorfes. Die Verbrechen Wilkes waren weder während des Prozesses noch später ein Thema, als sich der Massenmörder nach 10 Jahren Haft wieder in Stederdorf niederließ. Gückel hat mit früheren Klassenkameraden Nachbarn und Freunden gesprochen, ob und wie sie diesen Artur Wilke erlebt haben und ob seine Entlarvung in ihnen etwas ausgelöst hat. Auch diese Begegnungen reflektiert Gückel im Gespräch mit sich selbst und konfrontiert sich und die Leser mit der Frage, wie authentisch oder verschwommen sich Erinnerungen überhaupt darstellen und wie glaubhaft sie nach Jahrzehnten sind. Fakt ist allerdings, dass sein Buch „Klassenfoto mit Massenmörder“ eine Zeit widerspiegelt, in der Alt-Nazis in Politik und Verwaltung etabliert waren und das große Schweigen über den Holocaust immer noch anhielt.

 

(c) Tina Fibiger (mit freundlicher Genehmigung)

 

Das Interview mit Jürgen Gückel und Tina Fibiger kann man auf der Webseite des Göttinger Kulturbüros nachhören unter: https://www.kulturbuero-goettingen.de/szenenwechsel/997-oeffentlich/szenenwechsel/8804-klassenfoto-mit-massenmoerder

——————————————————————————————————————————————————————

Am 19. November 2019  las Jürgen Gückel  im Holbornschen Haus aus seinem Buch „Klassenfoto mit Massenmörder – Das Doppelleben des Artur Wilke“.

Seine Erinnerung an die Verhaftung seines Lehrers direkt aus dem Unterricht ließ ihn nie los. Erst Jahre später erfuhr er, wer Artur Wilke wirklich war: Ein Bigamist und Massenmörder .

Weitere Infos unter: https://www.ns-familien-geschichte.de/veranstaltungen/2019/goettingen-11-2019

Auszüge aus der Lesung wurden im StadtRadio Göttingen und Rundfunk Meissner in Eschwege gesendet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  2 comments for “Klassenfoto mit Massenmörder – Das Doppelleben des Artur Wilke

  1. 25. Dezember 2019 at 06:39

    Vor wenigen Jahren erfuhr ich, dass mein Vater bei der SS war und unter anderem zur Mannschaft des KZ-Neuengamme gehörte. Ich erfuhr auch, dass er während des Krieges und danach mehrfach seine Identität wechselte und öfters verheiratet war. Zeitweise mit mindestens zwei Frauen gleichzeitig. Er hat über 10 Kinder hinterlassen, für die aber hauptsächlich die Frauen sorgen mussten. Viel mehr weis ich über meinen Vater nicht. Vielleicht hatte er auch gute Seiten. Doch wenn ich daran denke, dass er wie die SS behauptete, nach dem Motto: „Meine Ehre ist Treue“ zu leben, kann ich ihn nur als großen Lügner und Heuchler in Erinnerung behalten.

    • 25. Dezember 2019 at 11:05

      Das ist bestimmt ein Schock, wenn man solch ein Wahrheit über seinen Vater erfährt. Glücklicherweise ist man für die Fehler seines Vaters nicht verantwortlich und trägt ja auch das Erbgut der liebevollen Mutter in sich. Es gibt bestimmt mehr ehemalige SS-Verbrecher als wir glauben, die unter einer falschen Identität leben oder gelebt haben. Man weiß auch nicht, was in ihnen tatsächlich vor sich geht und ob sich der „Deckel des Vergessens“ in späteren Jahren doch noch hebt und sie von den Erinnerungen gequält werden. Als ich einmal einem Herrn sagte, dass man auch den Kriegsdienst hätte verweigern können, reagierte er sehr heftig. Im Laufe des Gesprächs kam heraus, dass er nicht gut schläft und ihn die Erinnerung immer wieder einholt.

Schreibe einen Kommentar zu Ingeborg Lüdtke Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.