KZ-Lager Lenne bei Eschershausen

Interview mit Dr. Hilko Linnemann von der VHS Holzminden über das KZ-Lager Lenne bei Eschershausen

Ausgestrahlt am 17.11.2010 im StadtRadio Göttingen


Ingeborg Lüdtke:

Herr Dr. Linnemann Sie haben die diesjährige Veranstaltung der Reihe „Gedenken und Erinnern in Südniedersachsen“ für die Kreisvolkshochschule Holzminden organisiert.

Im Anschluss führten Sie die Teilnehmer zu der Erinnerungsstätte des Lenner Lagers.

Was versteht man unter dem Lenner Lager?


Dr. Hilko Linnemann:

Das Lenner Lager war das größte Zwangsarbeiterlager in der Region und Teil eines im Aufbau befindlichen Rüstungskomplexes im Raum Eschershausen im Landkreis Holzminden in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Zu diesem Rüstungskomplex gehörten noch ein Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald, ein Außenlager des Zuchthauses Hameln-Celle, sowie mehrere weitere Lager für Zwangsarbeiter aus ganz Europa. Insgesamt sollten in diesem Rüstungskomplex bis zu 10.000 Häftlinge eingesetzt werden. Für das Lenner Lager waren davon zwischen 3.500 und 5.000 Häftlinge vorgesehen.


Ingeborg Lüdtke:

Wo genau lag das Lager Lenne?


Dr. Hilko Linnemann:

Das Lager Lenner liegt in einem Waldgebiet, dem so genannten Schwarzen Land, am Rande der Gemeinde Lenne, im Landkreis Holzminden, direkt an der Bundesstraße 64 zwischen Eschershausen und Vorwohle.


Ingeborg Lüdtke:

Von wann bis wann hat es bestanden?


Dr. Hilko Linnemann:

Das Lager befand sich noch im Aufbau und wurde im Sommer 1944 begonnen und hat bis zur Befreiung der Lager am 07. April 1945 bestanden. Nach dem Ende des Krieges diente es zunächst der Unterbringung für die ehemaligen Gefangenen der Lager im Hils, die als so genannte „displaced Persons“ nicht in ihre Heimatländer zurückkehren konnten. Ab Ende 1945 wurden die Baracken dann zum Teil auf Abbruch in der Region verkauft. Einige dieser Baracken stehen noch heute an verschiedenen Orten in der Region.


Ingeborg Lüdtke:

Welche Opfergruppen und Nationalitäten waren hier inhaftiert?


Dr. Hilko Linnemann:

Die Opfer kamen aus vielen Ländern Europas. Größere Gruppen von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern kamen aus Osteuropa, wie beispielsweise der Sowjetunion oder aus Polen aber auch West- und Südeuropäer, wie Franzosen oder Italiener waren als große Gruppe vertreten. Die zahlenmäßig größte Gruppe bildeten jedoch Deutsche, die in ihrer Familie Verwandte jüdischen Glaubens hatten. Diese Opfergruppe wurde seit Ende 1943, verstärkt seit Sommer 1944 in Zwangsarbeiterlager eingewiesen und mussten für die Organisation Todt Zwangsarbeit leisten. Die Organisation Todt war als Bauorganisation geschaffen worden, die u.a. seit 1943 für den Ausbau der Untertageverlagerung von Rüstungsprojekten verantwortlich war und somit kriegswichtige Bauvorhaben wie zum Beispiel die Untertageverlagerung von Rüstungsproduktion im Hils bei Eschershausen durchführte.


Ingeborg Lüdtke:

Gab es auch bekannte Opfer?


Dr. Hilko Linnemann:

Ja, einige. Im Lenner Lager war beispielsweise der Atomphysiker Klaus Traube, der nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst Karriere in der Atomindustrie machte, sich aber seit Ende der 1970er Jahre in der Antiatomkraftbewegung und im Umweltschutz engagierte.

Ein weiterer bekannter ehemaliger Häftling war Klaus-Peter Bruns der seit Mitte der 60er Jahre zunächst Abgeordneter der SPD im Niedersächsischen Landtag und von 1970 bis 1976 Landwirtschaftsminister in Niedersachsen war.

Ebenfalls bekannt ist der FDP Politiker und spätere Finanz-Senator von Bremen, Wilhelm Nolting-Hauffoder der ehemalige Landtagsabgeordnete der SPD und Vorsitzender des Rechtsausschusses des Niedersächsischen Landtages Lothar Urbanczyk.

Einige ehemalige Häftlinge wurden Bürgermeister ihrer Heimatstädte. Darüber hinaus waren später erfolgreiche Geschäftsleute, Wissenschaftler und Beamte unter den ehemaligen Häftlingen.


Ingeborg Lüdtke:

Welche Arbeiten mussten verrichtet werden?


Dr. Hilko Linnemann:

Zunächst hauptsächlich Bauarbeiten, sowohl zum Aufbau des Lagers, aber auch beim Aufbau einer so genannten „Waldfabrik“, also einer Fabrikationsstätte mit großen Baracken, die zur Tarnung vor Luftangriffen in einem großen Waldgebiet aufgebaut wurde. Das Baumaterial musste zum Teil in das Waldgebiet getragen werden, so dass es sich um schwere körperliche Arbeit handelte, die die Häftlinge verrichten mussten. Darüber hinaus wurden die Häftlinge bei der Schaffung der Infrastruktur des Rüstungskomplexes, z.B. bei der Verlegung von Bahngleisen, aber auch für den Ausbau der unterirdischen Stollenanlagen eingesetzt. Ein Teil der Häftlinge arbeitete auch in der Produktion von Rüstungsgütern.


Ingeborg Lüdtke:

Und wer waren die Auftraggeber?


Dr. Hilko Linnemann:

Die Frage ist nicht einfach zu beantworten, da es sich um einen damals im Aufbau befindlichen Rüstungskomplex handelte, der sich durch eine Vielzahl von verschiedenen Lagern und die Beteiligung einer Vielzahl verschiedener Firmen und Institutionen auszeichnete, die in den Akten zudem noch mit Tarnbezeichnungen belegt sind. Ich versuche das mal möglichst einfach zu erklären.

Der Ausbau der Lager und der Stollen standen unter der Oberaufsicht der Organisation Todt, also unter staatlicher Aufsicht. Die Organisation Todt hatte die Einzelnen Bauprojekte jedoch an regionale und überregionale Baufirmen vergeben, für die die Häftlinge dann arbeiten mussten.

Neben den Ausbaumaßnahmen, sowohl der Grubenanlagen, als auch der verschiedenen Lager, lief aber auch bereits der Aufbau einer Produktion von Rüstungsgütern.

Zunächst wurden ab Ende 1943 in den Grubenanlagen des Asphaltbergwerks nur Material und Maschinen eingelagert. Daran waren z.B. das Marinearsenal Kiel oder auch die Continentale Gummi-Werke AG aus Hannover beteiligt. In weiteren Grubenbereichen wurden bis Mitte 1944 durch die Deutschen Edelstahl-Werke Hannover, Kurbelwellen, durch die C. Lorenz AG Berlin, Funkmessgeräte und durch die Härterei Reinhardt aus Leipzig, Zahnräder, hergestellt.

Ab August 1944 verlagert dann das Volkswagenwerk unter der Leitung von Ferdinand Porsche einen Teil seiner Rüstungsproduktion in die Stollenanlagen. Eins der Ziele war es Eschershausen im Rahmen des Jägerprogramms zum Zentrum seiner Flugzeugproduktion auszubauen.


Ingeborg Lüdtke:

Unter welchen Lebensumständen mussten die Inhaftierten arbeiten?


Dr. Hilko Linnemann:

Die Baracken bestanden aus 4 Räumen bei einer jeweiligen Größe von 5×12 Metern. In jedem dieser Räume waren mehr als 30 Personen untergebracht. Die Verhältnisse waren sehr beengt. Hinzu kam, dass es Herbst bzw. Winter war, die Baracken nicht isoliert waren, es wenig Heizmaterial gab und das Waldgebiet sehr feucht war. Augenzeugen berichten, dass morgens das Kondenswasser von der Decke tropfte. In der Regel mussten die Häftlinge 12 bis 14 Stunden arbeiten, wenn z.B. Baumaterial angeliefert wurde, musste auch manchmal noch darüber hinaus gearbeitet werden. In den Stollenanlagen kam erschwerend noch die konstante Temperatur von 7 Grad verbunden mit der Luftfeuchtigkeit und zum Teil Sauerstoffmangel erschwerend hinzu.

Die Ernährungssituation war schlecht, es gab im wesentlichen dünne Suppen, etwas Gemüse, wenig Brot, selten Fleisch. Die Nahrung reichte in der Regel nicht, um bei derLenner Lager körperlich schweren Arbeit bei Kräften zu bleiben. Hinzu kamen noch unzureichende hygienische Bedingungen. Als Folge der Mangelernährung und der schlechten hygienischen Verhältnisse kam es in den Lagern im Hils dann auch regelmäßig zu Krankheiten und Todesfällen.


Ingeborg Lüdtke:

Was sieht man noch vor Ort?


Dr. Hilko Linnemann:

Man sieht in dem Waldstück noch die Fundamente der ehemaligen Baracken und die damit zusammenhängende Struktur des Lagers, wie beispielsweise den Appellplatz.


Ingeborg Lüdtke:

Ist es in der Umgebung bekannt, dass es dies Lager gab?


Dr. Hilko Linnemann:

Ja. Durch die inzwischen jahrzehntelange Arbeit verschiedener Schulen der Region, des Heimat- und Geschichtsvereins Holzminden oder der Kreisvolkshochschule Holzminden und weiterer engagierter Institutionen und Einzelpersonen ist der Lagerkomplex mittlerweile bekannt.


Ingeborg Lüdtke:

Was tut die Kreisvolksschule im Zusammenhang mit den Heimatpflegern für diesen Gedenkort?


Dr. Hilko Linnemann:

Die Kreisvolkshochschule Holzminden hat in Zusammenarbeit mit Detlef Creydt, der sich seit Jahrzehnten mit der Erforschung der Lager im Hils beschäftigt hat und mit Dr. Manfred Grieger von der Historischen Kommunikation der Volkswagen Aktiengesellschaft im Rahmen mehrerer Qualifizierungsmaßnahmen für arbeitslose Jugendliche in den letzten 6 Jahren zunächst einen Geschichtspfad mit erklärenden Tafeln auf dem Gelände des Lenner Lagers angelegt. Zu diesen Projekten gehörte auch der Aufbau einer Baracke auf einem der Originalfundamente, in der seit einem Jahr die Dauerausstellung „Zwangsarbeit für die Rüstung im Nationalsozialismus“ gezeigt wird. Unterstützt werden die Projekte durch eine Vielzahl von Partnern, wie der Europäischen Union, dem Landkreis Holzminden, die Arbeitsgemeinschaft zur Arbeitsvermittlung Holzminden, der Kulturstiftung des Landkreises, von Kommunen, der Kreisvolkshochschule Holzminden, der Historische Kommunikation der Volkswagen Aktiengesellschaft, der Bildungsvereinigung Arbeit und Leben, dem Forstamt Grünenplan oder dem Heimat- und Geschichtsverein Holzminden.

Die Kreisvolkshochschule Holzminden hat das Gelände von den Niedersächsischen Landesforsten gepachtet und betreibt es nun als Gedenkstätte, in dem Ausstellungen gezeigt, Vorträge gehalten und Gruppen durch das Gelände geführt werden.

(c) Ingeborg Lüdtke

Text- und Data-Mining: Ich behalte mir eine Nutzung aller Inhalte dieser Webseite für kommerzielles Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Kontakt:

Dr. Hilko Linnemann

http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/erinnerungsorte/74848/erinnerungsorte-detailseite?id=467

Detlef Creydt

http://www.detlefcreydt.de/kontakt__impressum.html

Veröffentlicht unter KZ Lenner Lager, NS-Geschichte, Topografie der Erinnerung - Südniedersachsen | Verschlagwortet mit , , , | 13 Kommentare

Jonathan Stark im Jugend-KZ Moringen (von Martin Guse)

Ausschnitt aus der Lesung vom 15. November 1999 im Alten Rathaus in Göttingen mit dem Sozialpädagogen Martin Guse und dem Historiker Dr. Hans Hesse im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Gedenken an die Opfer des NS 27. Januar”:

Jonathan Stark wurde im Jugend-KZ Moringen die Haftnummer 1140 zugeteilt.

ehemaliges KZ Moringen

ehemaliges KZ Moringen

Der 17-jährige stammte aus Ulm und hatte die dortige Kunstmalerschule absolviert. Aufgrund seines Glaubens hatte er den Arbeitsplatz als Lithograph verloren. Am 01.10.1943 zum „Reichsarbeitsdienst“ einberufen, verweigerte er den Eid „auf Führer und Staat“. Nach ersten Vernehmungen durch die Gestapo wurde er am 23.11.1943 endgültig verhaftet und in das Polizeigefängnis Stuttgart überstellt. Dort traf er auf den Häftling Walter Schumann, der sich später an die heimlichen Gespräche mit dem Jungen erinnerte: „Keineswegs betrübt über seine Gefangenschaft erzählte er freimütig, er gehöre zur Organisation der Bibelforscher und habe aus innerer Überzeugung den Eid auf Adolf Hitler verweigert. Er hieß Stark und stammte aus Ulm. Was ihm bevorstand, wußte er gut: Welzheim, Konzentrationslager. So mancher seiner Glaubensgenossen saß bereits dort. Wie er sagte, standen seine Angehörigen in geheimer Verbindung mit ihnen. Bis in alle Einzelheiten war er über die Behandlung dort unterrichtet. Beim Reichsarbeitsdienst hatte man ihn zunächst eingesperrt und durch andere Maßnahmen immer wieder zum Eid pressen wollen. Da er jedoch standhaft blieb, hat man ihn endlich der Gestapo zur weiteren Behandlung übergeben. (…) ‘Aber’, so fuhr Stark in seinem Bericht fort, ‘es kam dann bei meiner Vernehmung noch ein anderer Beamter hinzu, ein dicker, unsympathischer Mensch’, der habe ihn angeschrieen, er sei ein großer Vaterlandslump und das beste wäre, man würde ihn ohne langes Federlesen erschießen. Auch der Vater von Stark, dessen inzwischen erfolgte Verhaftung man dem jungen Menschen mitteilte, gehöre hingerichtet; überhaupt alle Bibelforscher. Aber auch damit ließ sich der junge Stark nicht einschüchtern. Man merkte ihm an: er war bereit, sich zum Märtyrer machen zu lassen und, wenn es sein mußte, für seinen Glauben in den Tod zu gehen.“ [1]

Galgen KZ SachsenhausenAus dem Polizeigefängnis Stuttgart überstellte man Jonathan Stark nicht nach Welzheim, sondern Anfang 1944 in das Jugend-KZ Moringen, wo die SS ihn der Gruppe der politischen Häftlinge, den sog. „Stapo-Häftlingen“ und dem entsprechenden Häftlingsblock, zuordnete. Im Herbst 1944 in das KZ Sachsenhausen verschleppt, als Todeskandidat gekennzeichnet und in Block 14 untergebracht, wurde Jonathan Stark dort am 01.11.1944 im Alter von 18 Jahren durch den Strang hingerichtet. [2]

[1] Schumann, Walter, Nur vierzehn Tage. Ein Tatsachenbericht. Stuttgart o.J., S. 107/108

[2] Vgl. Auswertung des Lagerbuches durch Dr. H. Muth beim Internationalen Suchdienst des Roten Kreuzes in Arolsen; in: Institut für Zeitgeschichte München, Deponat Muth; dazu: Aussage des Vaters von Jonathan Stark vom 21.11.1945 im Archiv der Wachtturmgesellschaft, Selters; weitere Quellen: Leber, Annedore, Das Gewissen steht auf. Lebensbilder aus dem deutschen Widerstand von 1933 – 1945, Berlin 1954, S. 20 sowie Lechner, Silvester, Das KZ Oberer Kuhberg und die NS-Zeit in der Region Ulm/Neu-Ulm, Ulm 1988, S. 89

(c) Martin Guse, mit freundlicher Genehmigung

Beitragsausschnitt aus Martin Guse “Der Kleine, der hat sehr leiden müssen …” Zeugen Jehovas im Jugend-KZ Moringen aus dem Sammelband „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas“ – Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus, (Hrsg.) Hans Hesse, Bremen 1998, Edition Temmen

Ausschnitt aus der Radiosendung vom 1. Oktober 2008 über die Heeresmunitionsfabrik Volpriehausen und das Jugend-KZ Moringen

Veröffentlicht unter Allgemein, KZ Moringen, Volpriehausen | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Hörbuch “ … aber Dora war die Vollstreckung“

" ... aber Dora war die Vollstreckung"

“ … aber Dora war die Vollstreckung“

Hörbuch von Ingeborg Lüdtke

„Das KZ-Mittelbau Dora hatte im April 1945 über 40 Außenlager … von August 1943 bis April 1945 hatte das KZ Mittelbau-Dora … 60 000 Häftlinge. Von diesen 60 000 Häftlingen kamen schätzungsweise 20 000 ums Leben.
… Die Häftlinge … mussten Zwangsarbeit im Stollenvortrieb leisten für Untertageverlagerungs-vorhaben, nicht nur (in) der Raketenrüstung, sondern … später auch (in) der Luftrüstung.“
Dr. Regine Heubaum, ehemalig stellvertretende Gedenkstättenleiterin KZ Mittelbau-Dora

Die Göttinger Journalistin Ingeborg Lüdtke führte Interviews mit den ehemaligen Inhaftierten Dick de Zeeuw, Noah Klieger, Georg Leitner und Henryk Dornik. Sie erhielt zusätzliches Tonmaterial von der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora und dem Alternativen Jugendzentrum in Dessau von Noah Klieger, Georg Leitner und Albert van Dyk.
Christian Baumann berichtet, wie er als Kind die Zwangsarbeiter des KZ-Außenlagers Osterhagen bei Bad Sachsa beim Bau der Helmetalbahn beobachtet hat.
Der Göttinger Historiker Georg Wamhof spricht über den Dora-Prozess in Essen und die Strafen für die Täter.
Ingeborg Lüdtke hat für das Feature bewusst die Form eines Gedenkstättenbesuches gewählt. Im Kopf des Hörers entstehen durch wenige akustische Klänge Bilder, die das Leiden der ehemaligen Zwangsarbeiter, ihre Ängste und die Zustände im Stollen lebendig werden lassen. Dr. Jens-Christian Wagner, der ehemalige KZ-Gedenkstättenleiter von Mittelbau Dora [seit Oktober 2020 Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora ] und seine ehemalige Stellvertreterin Dr. Regine Heubaum erläutern ausführlich den historischen Hintergrund.

Das Feature eignet sich besonders gut für den Geschichtsunterricht in Schulen.

KZ-Mittelbau-Dora (MP3-Format)

Teil 1 (44:08 Min)
Track 1 Einführung; Befreiung des KZ; allgemeine Informationen zur Geschichte (12:00)
Track 2 Verwaltung; Opfergruppen (11:00)
Track 3 Ankunft und Behandlung der Häftlinge in Dora (8:34)
Track 4 Tagesablauf; Essen; Schlafstätte; Kleidung; medizinische Versorgung (12:35)

Teil 2 (53:38 Min)
Track 1 Besuch im Stollen; Arbeit; Zustände im Stollen (15:21)
Track 2 Hilfeleistung durch einen Inhaftierten; Erhängungen (6:31)
Track 3 Zustände in der 2. Lagerphase; Widerstand; Arbeitsverweigerung (7:04)
Track 4 Wissen der Bevölkerung; Hilfeleistungen; Frauen, Bombardierung (15:04)
Track 5 Evakuierung; Befreiung; Gesundheit nach der Befreiung; Gardelegen (9:38)

Teil 3 (44:20 Min)
Track 1 Außenlager Osterhagen; Erinnerung eines Dorfbewohners (15:33)
Track 2 Essener Dora Prozess; Strafen (20:79)
Track 3 Verarbeitung der KZ-Haft; Hassgefühle; Rückkehr an Ort des Leidens (7:08)

erschienen bei:

Rhein Mosel TV, C. D. Jentzsch, St. Bernhard Str. 14, 56070 Koblenz, Tel. 0261/82316

Preisinformation: € 12,90

Auch als Download direkt über Kontaktaufnahme mit dem SDK Media Musik- und Hörbuchverlag erhältlich.

Kommentar: Auf die Nennung der verschiedenen Opfergruppen, denen die Interviewten angehören, wurde bewusst verzichtet, da die Kategorien der Opfergruppen von den Nationalsozialisten vorgenommen wurde.

So kann sich der Hörer gut auf die Inhalte der Aussagen konzentrieren.


Inzwischen sind Dick de Zeeuw, Noah Klieger, Albert van Dijk und Henryk Dornik verstorben.

Veröffentlicht unter Frauen, Hörbuch, KZ Mittelbau-Dora | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Stimmen zum Hörbuch „… aber Dora war die Vollstreckung“

Hörbuch "... aber Dora war de Vollstreckung"

Hörbuch „… aber Dora war die Vollstreckung“

Prof. Dr. Stefan Berger, Direktor des Instituts für soziale Bewegungen Ruhr-Universität Bochum:

„Ich muss sagen, dass mir die Sendungen wirklich sehr gefallen haben. Ich finde die Informationen und besonders natürlich die Aussagen der Zeitzeugen ausgesprochen ergreifend. Sie geben auch tiefe Einblicke in die Lagerwirklichkeit und insgesamt scheint mir das Material gerade für den Einsatz im Unterricht ausgesprochen geeignet.“

—————————————————————————————————————————————————
Albert van Dijk (ehemaliger Inhaftierter in Mittelbau-Dora):

” … und ich bin der Meinung … , dass Sie die unterschiedlichen Aspekte des KZ, besonders zu Dora,.. noch einmal mündlich mittels Fragen an die letzten Zeitzeugen und Menschen, die die Geschichte des 3. Reiches studiert haben, noch einmal für die Nachwelt festgelegt haben. Das ist sehr wichtig. ”

—————————————————————————————————————————————————

Stefan Wimmer:

“Ich habe mir mehrfach dieses neue und bemerkenswerte Hörbuch angehört und bin immer noch in einer Art fasziniert, die einem sehr direkt wahrmacht, was damals passiert ist und dies nun kein Einzelfall war, sondern an vielen Orten geschehen konnte und warum sich alles so entwickelt hat.
Sehr interessant ist vor allem der Aufbau der Sendungen, die einen wie in einer Führung direkt durch alle Bereiche begleitet und durch die Einblicke der Zeitzeugen eine Wirklichkeit offenbart, der wir uns niemals verschließen dürfen.
Gerade auch für den Unterricht und natürlich alle Interessierten ist dieses “zeitgeschichtliche Hörwerk” ein Muss!”

—————————————————————————————————————————————————

Michael Gnessner (EPOCHE NAPOLEON):

“Die Sendung hat mir sehr gut gefallen. Insbesondere, dass nicht nur die Verantwortlichen der Gedenkstätte, die ja ebenfalls nachgeborene Personen sind und die Zeit des KZ MIttelbau Dora nur aus Akten und aus Augenzeugenberichten erhalten haben, sondern auch Zeitzeugen und ehemalige Insassen des Terrorlagers zu Wort kamen, macht Ihren Beitrag nach meiner Ansicht sehr wertvoll.”

—————————————————————————————————————————————————

Und die Kollegen vom StadtRadio sagen:

…wollte nur mal kurz Feedback weiterleiten: Uli S. (GT-Redakteur) hat mich am Freitag nach der Ratssitzung extra auf deine Sendungen zu Mittelbau-Dora angesprochen. Er konnte nur zwei und die auch nur teilweise hören, weil er im Auto unterwegs war, fand sie aber ausgesprochen gut! Ich selbst habe sie auch nur teilweise nebenbei hören können, schließe mich aber seinem Urteil an. So etwas bräuchten wir häufiger … ”

_________________________________________________

” … aber … Dora war die Vollstreckung” – Überlebende des KZ Mittelbau-Dora berichten, 2009 erschienen bei Rhein Mosel TV, C. D. Jentzsch, St. Bernhard Str. 14, 56070 Koblenz, Tel. 0261/82316

 

Veröffentlicht unter Geschichte, Hörbuch, KZ Mittelbau-Dora, NS-Geschichte | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

„Übrigens, … wir sind die Letzten“ – Ein Hörbuch entsteht

Buchmesse HörbuchDas HÖRBUCH “Übrigens … wir sind die Letzten” – Überlebende des Frauen-KZ Ravensbrück berichten entsteht:

Die Entstehung der Radiosendung über das Frauen-KZ Ravensbrück ist eine kleine Geschichte für sich. Das erste Mal besuchte ich im November 1994 die KZ-Gedenkstätte Ravensbrück mit einer Gruppe. Von Kindheit an kannte ich Berichte von ehemaligen KZ-Insassen, aber tatsächlich auf dem Boden des Geschehens zu stehen, war sehr beklemmend. Wir standen nach der Führung schweigend im Nebel an dem mit Flutlichtern beleuchteten See und hörten die Wellen klatschen und dachten an die Asche der verbrannten Opfer, die anfangs dort auf den See gestreut wurde. In der Gruppe befand sich auch Annaliese Gerber, die als Kind in der näheren Umgebung von Ravensbrück aufgewachsen ist.

Erst ab 1998 beschäftigte ich mich dann intensiver mit dem Thema Konzentrationslager. Am 7. Januar 1998 besuchte ich im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus 27. Januar“ eine Veranstaltung des gleichnamigen Bündnisses. Die beiden Historiker Dr. Hans Hesse und Jürgen Harder referierten

Dr. Hans Hesse Hörsaal Uni Göttingen

Dr. Hans Hesse Hörsaal Uni Göttingen

über das KZ Moringen. Im gleichen Jahr habe ich in einem Hörsaal der Universität Göttingen im Anschluss an die Filmvorführung „Fürchtet Euch nicht“ von Fritz

Charlotte Tetzner Hörsaal Uni Göttingen

Charlotte Tetzner Hörsaal Uni Göttingen

Poppenberg ein Zeitzeugengespräch mit Charlotte Tetzner geführt, die in dem Film auch zu Wort kommt. Dieses Gespräch wurde mitgeschnitten und war das erste Material zur Radiosendung.

Im Mai 1999 wurde ich dann auch aktiv in dem Bündnis „Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus 27. Januar“ tätig. Da unter anderem die KZ Gedenkstätte Moringen Mitglied des Bündnisses ist, produzierte ich eine 2-teilige Radiosendung über das Frauen KZ Moringen. Die beiden Historiker Dr. Hesse und Jürgen Harder unterstützten mich hierbei. Sie arbeiteten gerade an ihrem Buch „Und wenn ich lebenslang in einem KZ bleiben müsste…“, das eine Verbindung zwischen den drei Frauen-KZ´s Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück aufzeigt (2001 veröffentlicht im Klartext Verlag Essen). Sie hatten Änne

Änne Dickmann, Ausstellung Ravensbrück

Änne Dickmann, Ausstellung Ravensbrück

Dickmann über ihre Inhaftierung in den KZ´s Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück interviewt. Das Interview wurde auf Video aufgezeichnet. Dieses Tonmaterial durfte ich für die Radiosendung über das Frauen KZ Ravensbrück verwenden. Einen Teil des Buchtextes trug Dr. Hesse bereits am 7. Oktober 1999 auf einer Tagung im Kunsthaus Zürich vor. Das Referat wurde einige Male durch eine Gedichtlesung der Verse von der Zeitzeugin Klara Schwedler unterbrochen. Martina Müller las die meisten der Verse. Auch dieses Tonmaterial durfte ich verwenden.

Ein weiteres Interview führte ich an einem Sonntag im August 2000 frühmorgens um 8 Uhr am Telefon mit Gertrud Pötzinger. Anlässlich einer Gedenkveranstaltung Anfang  September 2000 machte mich Arno Schelle von der KZ-Gedenkstätte  Moringen auf

Gertud Pötzinger, Ausstellung Ravensbrück

Gertud Pötzinger, Ausstellung Ravensbrück

die anwesende Zeitzeugin Gertrud Müller aufmerksam. Gertrud Müller und ich vereinbarten, dass ich mich bei ihr zwecks Interviews melden solle.

Anfang 2001 war dann endlich die Radiosendung über das Frauen-KZ Moringen fertiggestellt, und ich verabredete mich dann mit Gertrud Müller im April 2001 für ein Treffen anlässlich der Gedenkveranstaltung in Ravensbrück auf dem ehemaligen Gelände des KZ´s. Einen Tag vor dem Treffen, sah ich mir Material in der Bibliothek der Gedenkstätte Ravenbrück an. Als weitere Gesprächsvorbereitung las ich das Buch „Frauen in Konzentrationslagern – Bergen-Belsen-Ravensbrück)“ (hrsg. von Füllberg. Stolberg, u.a., Bremen 1994). Der ehemalige österreichische Gedenkdiener Günther Heilmeyer besorgte mir bei Ilse König in Lychen eine Unterkunft und zeigte mir auf dem Gelände das Gebäude, in dem ich mich mit Gertrud Müller traf und eine Stunde unterhielt. Das Gespräch wurde auch aufgezeichnet.

Im Rahmen der Gedenkveranstaltung vermittelte Cordula Hoffman [Anm.: jetzt Hundertmark] von der Gedenkstätte Ravensbrück mir den Kontakt zu den polnischen

 Gedenkfeier Ravensbrück


Gedenkfeier Ravensbrück

Zeitzeuginnen Hanna Walczuk (geb. Dickhof) und Wanda Rosiewicz, die von Gisela Multhaupt betreut wurden. Außerdem konnte ich die Zeitzeugin Ilse Heinrich interviewen.

Im Mai 2001 erhielt ich von Dr. Hesse den Tipp, mich zwecks genauerer Zahlen an den Historiker Dr. Bernhard Strebel zu wenden, der gerade seine Dissertation über das KZ Ravensbrück schrieb. Dr. Strebel las die von mir inzwischen aufgeschrieben Zeitzeugengespräche gegen und gab mir noch hilfreiche Erklärungen dazu. Außerdem hatte er noch einige wichtige Buchtipps für mich. Auch ihn konnte ich telefonisch interviewen.

Im September 2001 war ich anlässlich der Buchpräsentation von „Und wenn ich lebenslang in einem KZ bleiben müsste…“ erneut in Ravensbrück. Günther Heilmeyer und Ilse König stellten für mich den verlorenen Kontakt zu Annaliese Gerber wieder her. Diese konnte mir

Annaliese Gerber u. Anneliese Neukirch

Annaliese Gerber u. Anneliese Neukirch

dann ein Interview mit Anneliese Neukirch vermitteln. Am Morgen der Buchpräsentation begleitete mich Annaliese Gerber zu Anneliese Neukirch.

Ende 2001 begann ich, den Text der Radiosendung zu schreiben. Ich hatte bis dahin ganz gut den Abstand zu dem Gehörten und Gelesenen halten können, aber beim Schreiben des Textes hatte ich Phasen, in denen ich nachts von den Schilderungen meiner Interviewpartnerinnen träumte. Besonders der Teil über die Kinder viel mir schwer zu schreiben.

Nach Fertigstellung des Textes las mir netterweise Martin Guse den Text gegen und half mir durch seine konstruktiven Anmerkungen den Text zu verbessern. Er selbst hat über das Jugend-KZ Uckermarck in der Nähe von Ravensbrück geforscht.

Am 24. Januar 2002 wurde der erste Teil der Sendung im StadtRadio Göttingen ausgestrahlt.

Seitdem wurde die Sendung in sechs nichtkommerziellen Radiosendern mehrfach ausgestrahlt. Ein besonderes Interesse kam von Hörern aus Braunschweig. Dort wurde sogar eine Kopie der Sendung für die Mitnahme nach Israel erbeten.

Durch Zufall bekam ich telefonischen Kontakt zu Elisabeth Prégardier, die zahlreiche Artikel und Publikationen zu den politischen christlichen Frauen in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus veröffentlich hat. Sie bat mich, ihr den Text meiner Radiosendung zu kommen zu lassen. Nach Erhalt des Textes ermunterte sie mich, ihn mit Fotos der Zeitzeuginnen und Fußnoten zu versehen und einbinden zu lassen, da sie gerne den Text der von ihr konzipierten Frauenausstellung „Christliche Frauen im Widerstehen gegen den Nationalsozialismus“ beilegen wollte. Die KZ Gedenkstätte Ravensbrück und das Geschichtsarchiv der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Selters unterstützten mich mit Fotos. Karlo Vegelahn erstellte dann das Layout. Für die Druckfassung wurden die Interviews der besseren Lesbarkeit wegen leicht überarbeitet.

Den Text tatsächlich mit der CD durch einen Verlag zu veröffentlichen, war für mich recht lange Utopie, aber bedingt durch den Tod von drei Zeitzeuginnen (Gertrud Pötzinger, Änne Dickmann und Anneliese Neukirch) aus der Sendung änderte sich meine Sichtweise.

Ich wollte, dass das Andenken an die Leiden dieser Frauen und die Stimmen der Zeitzeuginnen für spätere Generationen bewahrt werde.

Ich bedanke mich besonders bei den Zeitzeuginnen dafür, dass sie mir so bereitwillig über ihre Erlebnisse berichtet haben. Bedanken möchte ich mich auch bei den Historikern für Ton-und Textmaterial sowie hilfreichen Anmerkungen. Für ihre Hilfe bedanke ich mich auch bei der KZ Gedenkstätte Ravensbrück, besonders bei Cordula Hoffmann [Anm.:jetzt Hundermark], Britta Pawelke und Dr. Horst Seferens sowie dem Geschichtsarchiv der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas, insbesondere Johannes Wrobel, und allen, die mir in irgendeiner Weise bei der Erstellung der Radiosendung geholfen haben. Ohne sie alle wäre diese Sendung sicherlich nicht zustande gekommen. Mein Dank gilt auch denjenigen, die mich moralisch unterstützten und immer ein offenes Ohr für dieses Projekt hatten, ich denke da besonders an Gisela Multhaupt und an meine Kollegen Peter Schelwis und Markus Eidt.

Göttingen im Februar 2005 Ingeborg Lüdtke

(C) Ingeborg Lüdtke

Text- und Data-Mining: Ich behalte mir eine Nutzung aller Inhalte dieser Webseite für kommerzielles Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Anmerkung: Inzwischen sind Änne Dickmann, Gertrud Pötzinger, Gertrud Müller, Annaliese Gerber, Anneliese Neukirch und Charlotte Tetzner verstorben.

Kommentar: Die von mir interviewten Zeitzeuginnen kamen aus verschiedenen Gründen in das KZ: Als Kommunistinnen, als Tochter eines Kommunisten (im KZ konventiert zu den Zeugen Jehovas), als asozial abgestempelt, als Zeuginnen Jehovas, und als Polinnnen nach dem Warschauer Aufstand (u.a. der polnischen Intelligenz zugehörig).

Annaliese Gerber berichtet aus der Sicht des Kindes, was sie in Lychen beobachtet hat und Anneliese Neukirch hat als Zivilistin außerhalb der Mauern von Ravensbrück in einer Holzpantinen-Fabrik mit den Inhaftierten zusammengearbeitet.

“Übrigens … wir sind die Letzten” – Überlebende des Frauen-KZ Ravensbrück berichten (Hörbuch) Download noch möglich (wenige Restexemplare noch bei mir vorhanden).

Veröffentlicht unter Allgemein, Frauen, Geschichte, Hörbuch, KZ Ravensbrück, NS-Geschichte | Verschlagwortet mit , , , , , , | Kommentar hinterlassen

„Küssen oder so …“ Göttinger Gänsellieselfest 2007

Elena Ahlborn ist das neue Gänseliesel

Gänselieselfest 001Neugierig gereckte Hälse, hochgehaltene Handy´s zum Schnappschuss bereit, so stehen Tausende dichtgedrängt vor der Bühne am Alten Rathaus. Jung und Alt möchte Maite Itoiz und John Kelly von der Kelly-Family sehen und hören. Ihre Life-Musik kommt an. Maite singt und tanzt beschwingt und feenhaft, während John voll Hingabe singt. Zuletzt singen sie das Volkslied „Sah ein Knab´ ein Röslein stehn.“ Aber die Rose von Göttingen – das Gänseliesel – muss noch gewählt werden.

Die Göttinger Innenstadtorganisation “Pro City” und das Magazin “Blick” veranstalten zum 12. Mal das “Gänselieselfest“. Die Jury hat die schwierige Aufgabe unter acht Kandidatinnen das Gänseliesel aus zu wählen. Die Gewinnerin wird 2008 die Stadt Göttingen bei Veranstaltungen repräsentieren. 3000 „Blick“-Leser trafen aus den 49 Bewerbungen eine Vorentscheidung. Nun ist es endlich soweit. Paarweise betreten die jungen Frauen den Laufsteg. Durch die lockere Moderation von Christoph Dannowski („Neue Presse“) verlieren die Bewerberinnen schnell ihr Lampenfieber. Sie werden gefragt, warum sie Gänseliesel werden möchten oder wofür sie alles stehen und liegen lassen würden. Die Antworten lassen die Zuschauer schmunzeln. Eine der jungen Damen findet es schön, dass das Gänseliesel so „oft geküsst“ wird, eine andere lässt für „Haxe mit Sauerkraut“ alles liegen. Die Entscheidung ist gefallen. Die angehende Sozialassistentin Elena Ahlborn (19) hat sich gegenüber ihren sieben Mitbewerberinnen durchgesetzt. Constanze Kolb und Laura Weiß belegen die Plätze zwei und drei. Nun darf auch endlich geküsst werden. Oberbürgermeister Wolfgang Meyer küsst als Erster.

Gänselieselfest 004Das neue Gänseliesel erhält den traditionellen Korb mit der Gans. Als Hauptgewinn wird ihr der Schlüssel eines BMW Z4 überreicht. Ein Vierteljahr lang darf sie damit kostenfrei fahren.

Als Mini-Gänseliesel wurde die blonde Sophia Siel im Dirndl gewählt. Ihre kleinen Stellvertreterinnen sind Kira Häcker und Klara Louise Giro.

Obwohl mitten im Gewühl stehend, wird das Mädchen sehr wenig beachtet. Es steht bescheiden mit gesengtem Kopf unter dem gusseisernen Baldachin. Still lächelt es vor sich hin. In dem linken Arm hält es liebevoll eine Gans, während es mit der rechten Hand die Gans fest an den Flügeln packt. Eine dritte Gans lugt neugierig aus dem Korb. Aus den Schnäbeln der Gänse sprudelt Wasser hervor. Auf ihrem Brunnenrand sitzen Zuschauer, die vom langen Stehen müde sind. Sie haben nur Blicke für das lebende Gänseliesel auf der Bühne. Das Gänseliesel war zu Lebzeiten gewohnt, nicht beachtet zu werden. So sagt es die Legende. Die uneheliche Tochter einer berühmten Göttinger Persönlichkeit soll dem Bildhauer Paul Nisse für das Gänseliesel Modell gestanden haben. Verachtet und verarmt habe sie als Gänsehüterin leben müssen. Ihr politisch einflussreicher Vater habe angeblich versucht, das Aufstellen des Gänseliesels zu verhindern.

Besucher lieben das Mädchen. Kopien der Figur stehen sogar in Japan und in Wien. Das heutige Gänseliesel auf dem Brunnen ist auch nur eine Kopie. Trotz Kussverbot von 1926 wurde die Originalfigur immer wieder geküsst und erklettert. Das ging nicht spurlos an ihr vorüber. Ihren wohlverdienten Ruhestand verbringt sie nun im Städtischen Museum. Da sich sowieso niemand an das Kussverbot gehalten hat, darf die Kopie des Gänseliesel nun wieder offiziell geküsst werden. Am kusswütigsten sind die Göttinger Doktoranten. Nach bestandenem Examen muss das Gänseliesel geküsst werden , ob man will oder nicht.

So will es der Brauch. Es ist deshalb nichts Ungewöhnliches, dass eine lärmende Menge mit einem bunt geschmückten Handwagen vor dem Gänselieselbrunnen steht, während ein Mann oder eine Frau im Talar kletternd versucht, dem Gänseliesel einen Kuss geben.

Nur das Gänseliesel weiß, wie oft es geküsst wurde. Es genießt und lächelt bescheiden vor sich hin. Ganz anders reagiert das neugewählte Gänseliesel. Elena Ahlborn ruft laut vor Freude: „Jetzt bin ich´s“.

(c) Ingeborg Lüdtke

Text- und Data-Mining: Ich behalte mir eine Nutzung aller Inhalte dieser Webseite für kommerzielles Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG   ausdrücklich vor.

Veröffentlicht unter Allgemein, Frauen, Göttingen - Duderstadt | Verschlagwortet mit , | 2 Kommentare

„Gedenk-und Erinnerungskultur … ist mehr … als Kranzabwürfe von Politikern“

BündnisFlyerDas Göttinger Aktionsbündnisses „Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus 27. Januar“ besteht seit 15 Jahren. Die Sendung wurde damals zum 4-jährigen Bestehen des Bündnisses am 10. Dezember 1999 im StadtRadio Göttingen ausgestrahlt.

Roman Herzog hat den 27. Januar zu einem Gedenktag erklärt.
Der 27. Januar ist nun offiziell ein „Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus“.

Was ist das überhaupt für ein Datum?
Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager in Auschwitz befreit.

Vielleicht haben Sie sich auch gerade gedacht:
Schon wieder ein neuer Gedenktag?
Haben wir denn nicht schon genug Gedenktage?
Bürger verschiedener Städte begrüßten diesen neuen Gedenktag.
Sie schlossen sich in Bündnisse zusammen. Sie möchten diesen Gedenktag angemessen begehen.
Auch in Göttingen gibt es ein solches Bündnis.

Es ist das Aktionsbündnis „Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus 27. Januar“.

Ich hatte Gelegenheit mit Marc Czichy von der Göttinger Geschichtswerkstatt [Anm.:heute Historiker, nicht mehr im Bündnis, Leiter der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen] darüber zu sprechen.

Meine erste Frage an ihn war:

Wer hat dieses Aktionsbündnis „Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus 27.Januar“ ins Leben gerufen und seit wann gibt es dieses Bündnis?

Marc Czichy:

Das Bündnis „Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus 27. Januar“ hier in Göttingen geht auf eine Initiative der Geschichtswerkstatt Göttingen vom Januar 1996 zurück. Am 27. Januar 1996 wurde der von Ihnen bereits angesprochene Gedenktag zum 1. Mal begangen. Seinerzeit hat die Geschichtswerkstatt mit Absprache mit der Göttinger Gesellschaft für christliche jüdische Zusammenarbeit mehrere Göttinger Gruppen und Initiativen eingeladen, um sich über Sinn und Zweck des ja sozusagen damals neuen Gedenktages auszutauschen. Es ging dabei vor allem um die Frage wie mit einem Gedenktag umzugehen ist, der zunächst einmal von oben gesetzt worden ist und eine breite gesellschaftliche Diskussion. Letztendlich entschieden sich die damals Anwesenden, sich zu einem Aktionsbündnis zusammen zu schliessen und dem verordneten Gedenken von oben eine Veranstaltungsreihe entgegen zu setzten, die sich in ihrer Konzeption und Inhalten eben kritisch mit Gedenken und Erinnern im Nachkriegsdeutschland bis heute auseinandersetzt, aber eben auch die Schwierigkeiten des 27.Januars als Gedenktag thematisiert. Inzwischen findet die Veranstaltungsreihe zum 4. Mal [Anm.:2011 zum 15. Mal] statt und es bleibt außerdem festzuhalten, dass die Initiative der Göttinger Gruppen zum 27.Januar in Niedersachsen bisher unseres Wissens einzigartig ist.

Ingeborg Lüdtke:

Welche Gruppen oder Personen gehören dem Bündnis an?

Marc Czichy:

Dem Bündnis gehören zunächst Gruppen und Initiativen an, die als Vertreter von Opfergruppen im Bündnis sind oder von Opfergruppen, die unter deutschen Faschismus verfolgt und ermordet wurden. Hier ist zunächst die jüdische Gemeinde Göttingen zu nennen, die Zeugen Jehovas [Anm.:seit 2007 nicht mehr] und der DGB [Anm.: Dt. Gewerkschaftsbund] für die Verfolgten aus der Arbeiterschaft. Anfangs gehörten auch die Beratungsstelle für Sinti und Roma [Anm.: nicht mehr] und das Göttinger Schwulenzentrum [Anm: nicht mehr] zum Bündnis. Außerdem sind die beiden nahen KZ-Gedenkstätten Mittelbau Dora und Moringen im Bündnis vertreten, darüber hinaus die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen, das Göttinger Friedensbündnis [Anm.: nicht mehr], der ASTA, der Göttinger Universität, die Hochschulliste OLAFA, das ist eine Abkürzung für Offene linke Liste ASTA für alle, die Göttinger Zeitschrift Pampa [Anm.: nicht mehr] sowie die Geschichtswerkstatt und mehrere Einzelpersonen.

Ingeborg Lüdtke:

Welches Ziel hat das Bündnis?

Marc Czichy:

Zunächst haben wir ein Anliegen, das schon durch die Konzeption der Veranstaltungsreihe vorgegeben ist, den 27. Januar als den Tag der Befreiung von Auschwitz in einen historischen politischen Kontext zu stellen, deshalb findet die Veranstaltungsreihe zwischen dem 9. November, dem Jahrestag des Pogroms von 1938 und dem 30. Januar, dem Jahrestag der Machtübertragung an Hitler statt. Dabei geht es uns auch darum, unsere Schwierigkeiten mit dem Gedenktag zu artikulieren. Inwiefern ist es möglich, dass die Bundesdeutsche Gesellschaft, die hauptsächlich aus Täterinnen und Mitläuferinnen und deren Nachkommen besteht sich eines Tages erinnern kann, der zunächst den Überlebenden und den Nachkommen der Ermordeten gehört. Außerdem stellt sich die Frage, wie sich Gedenken und Erinnern nur auf einen Tag fokussieren kann und es eben gerade dieses sehr schnell zu einem rituellen Gedenken führen kann, das dann vielleicht sehr schnell zu einem Relativieren und Vergessen werden kann und dagegen wehren wir uns und wir möchten versuchen dazu beizutragen eine regionale Gedenk- und Erinnerungskultur zu schaffen die eben politisch ist und mehr als ist Kranzabwürfe von Politikerne, d.h. für uns als Bündnis auch politisch zu agieren und sich zu Wort zumelden, wenn z.B. sehr stark z.B. die gegenwärtige Bundesregierung und andere gesellschaftliche Gruppen versuchen einen Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit dem NS zu setzten. Aus diesem Grund findet z. B. im Rahmen des Bündnisses in diesem Jahr eine Veranstaltung statt, die sich kritisch mit der Rede von Martin Walser im letzten Jahr beschäftigt und mit den Folgen, die aus dieser Rede ja sich ablesen lassen, da geht es vor allem um die Frage, wie es weiter ein Gedenken und Erinnern des NS in diesem neuen vereinten Deutschland bestellt ist und auch darum wie sich das Verhältnis zwischen Jüdinnen und Juden und Nicht-Jüdinnen und Nicht-Juden in diesem Land verändert hat durch die Rede.

(Musikakzent)

Sprecherin:

Für mich war es auch interessant mit einigen Gruppen aus dem Bündnis zu sprechen.

Stellvertretend für das Bündnis habe ich mit Vertretern von 3 Gruppen gesprochen.

Meine erste Gesprächspartnerin war Eva Tichauer Moritz [verstorben].

Sie ist Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Göttingen [Anm.: später Vorsitzende der Jüdische Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen e.V.].

Meine Frage an sie lautete:

Warum ist es für Sie wichtig, dass der 27. Januar nicht zu einem rituellen Gedenktag wird?

Eva Tichauer Moritz:

Dieser Gedenktag ist weit davon entfernt zu einem ritualisierten Gedenktag zu werden. Zuerst muss es in dem Bewusstsein der Leute kommen. Am 27. Januar ist die Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz gewesen und viele Menschen, die dort befreit worden sind, haben es trotzdem nicht mehr überleben können, weil sie zu entkräftet waren, weil sie zu krank waren. Menschen mussten noch nach diesem Lager in den Wäldern um ihr Leben kämpfen. Sie mussten sich verstecken, Frauen wurden vergewaltig, obwohl sie in diesem Zustand waren. Sie mussten lange noch, um ihr Überleben kämpfen. Auch später z.B. in Polen sind viele Juden noch ermordet worden, nur weil sie Juden waren.

(Musikakzent)

(Daniel Kempin/Dimitry Reznik)

Eine weitere religiöse Gruppe in dem Bündnis sind die Zeugen Jehovas.

Wilfried Voigtländer ist für die Öffentlichkeitsarbeit [regionaler Beauftragter für Nachrichten] der Zeugen Jehovas in Göttingen zuständig.

Meine Frage an ihn war:

Warum beteiligen sich Zeugen Jehovas an diesem Bündnis?

Wilfried Voigtländer:

Jehovas Zeugen gehören wie die Juden und auch andere, ebenfalls zu einer verfolgten Opfergruppe der NS-Zeit. Aus diesem Grunde ist es richtig die Vergangenheit aufzuarbeiten und das tun wir gerne in dieser Bündnisarbeit. Ein Satz wäre in diesem Fall noch interessant, was das Erinnern betrifft: „Wenn man sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist man verurteilt, sie zu wiederholen“.

In unserer Veranstaltung am 15. Nov. haben wir auf diese Dinge hingewiesen. Im Mittelpunkt standen dann besonders die Menschenrechte und sie wurden aufgearbeitet mit der NS-Zeit. 400 Zuhörer haben dieser Veranstaltung beigewohnt.

(Musikakzent)

Mein dritter und letzter Gesprächspartner war Sebastian Wertmüller.

Er ist Kreisvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes für den Kreis Göttingen-Northeim [Anm.:heute Bezirksgeschäftsführer Ver.di Braunschweig].

Meine Frage lautete:

Warum beteiligt sich der Deutsche Gewerkschaftsbund an dem Aktionsbündnis?

Sebastian Wertmüller:

Es gibt zwei sehr einfache sehr leicht nach vollziehbare Gründe, warum der DGB sich an diesem Aktionsbündnis beteiligt. Grund Nr. 1 ist: Gewerkschaften haben ja eine Geschichte, die auch mit dem Nationalsozialismus zusammenhängt. Sie waren von 1933 bis 1945 verboten und ihre Häuser wurden aufgelöst, bzw. beschlagnahmt, ihr Vermögen beschlagnahmt. Viele Mitglieder sind in KZ´s gelandet, also es gibt einen guten Grund sich auch der gewerkschaftlichen Geschichte im Faschismus zu erinnern und der andere Grund ist ein ebenso einfacher: Gewerkschaften haben so wie andere Organisationen auch ein gesellschaftliche Verpflichtung und die heißt zu erinnern an die Zeit 1933 bis 1945 an die Vernichtung der Juden, an die Vernichtung und Ermordung der Sinti und Roma und andere Bevölkerungsgruppen und deswegen beteiligen wir uns an diesem Bündnis.

(Musikakzent)

Gedenktage sind auch Tage der Erinnerung.

Der Philosoph Ludwig Joseph Johann Wittgenstein wurde gebeten das Erinnern oder Gedenken zu definieren.

Er antwortete:

„Erinnern: Ein Sehen in die Vergangenheit.“

Der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar ist ein Sehen in die Vergangenheit.

(Musik von Daniel Kempin/Dimitry Reznik)

© Ingeborg Lüdtke

Text- und Data-Mining: Ich behalte mir eine Nutzung aller Inhalte dieser Webseite für kommerzielles Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Anmerkung:

Einige der früher teilnehmenden Gruppen oder Institutionen sind aus verschiedenen Gründen nicht mehr im Bündnis aktiv. Einige der offiziellen Vertreter der konstanten Gruppen und Institutionen haben inzwischen gewechselt. Neue Gruppen kamen hinzu.

Wilfried Voigtländer ist am 13.10.2023 verstorben.

Der Text über die Zielsetzung des Bündnisses hat sich inzwischen leicht geändert: http://www.gedenken-an-die-opfer-des-nationalsozialismus.de/

Veröffentlicht unter Geschichte, KZ Mittelbau-Dora, KZ Moringen, NS-Geschichte | Verschlagwortet mit , , , | Kommentar hinterlassen

Sybille Biermann-Rau, An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen

Sybylle Biermann-Rau hat im Calwer Verlag das Buch An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen veröffentlicht.

Sie untersucht u.a. Luthers “scharfe” Worte gegen die Juden aus seiner späteren Zeit, das Aufgreifen dieser Wort von der SS, die Haltung der “Bekennenden Kirche” in den einzelnen Phasen gegen über dem NS-Staat, den Juden und den getauften Juden.

Sie spricht auch über das Ausstellen der sogenannten “Ariernachweise“, die die evangelischen und katholischen Pfarrämter zur Klassifizierung von Juden und Ariern ausgestellt haben.

Ebenso weist sie auf das Institut zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben mit Sitz in der Bornstraße 11 in Eisennach hin, das das Volkstestament “Die Botschaft Gottes” und den Katechismus “Deutsche mit Gott” erarbeitet.

An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen
Eine Anfrage
Sibylle Biermann-Rau
Calwer Paperback
Herausgegeben von der Calwer Verlag-Stiftung
352 Seiten mit 18 sw-Abbildungen
1. Auflage 2012
broschiert
Format: 12,2 x 20,5 cm
ISBN 978-3-7668-4204-6

Veröffentlicht unter Allgemein, NS-Geschichte, Religion | Verschlagwortet mit , , , , , | Kommentar hinterlassen

„Ich bin nicht als Heldin geboren“


Die Sendung wurde am 16. November 1998 im StadtRadio Göttingen ausgestrahlt

Zeitzeugengespräch mit  Hermine und Horst Schmidt nach der Filmvorführung „Standhaft trotz Verfolgung“ am 21.10.1998 im Hörsaal101 der Universität Göttingen. Ein Rahmenpropramm zur gleichnamigen Ausstellung in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen.

Hermine und Horst Schmidt kommen in dem „Standhaft“- Video zu Wort. Beide wurden als Bibelforscher, wie die Zeugen Jehovas damals genannt wurden, inhaftiert. Hermine Schmidt war in Danzig in Gestapohaft und wurde in das KZ Stutthof verlegt. Durch eine Zwangsevakuierung über die Ostsee gelangte sie auf die dänische Insel Mön und wurde dort am 5. Mai 1945 befreit.

Hermine und Horst Schmidt

Hermine und Horst Schmidt

Horst Schmidt wurde wegen der verbotenen Verbreitung der Literatur der Bibelforscher und der Kriegsdienstverweigerung zum Tode verurteilt. Er wartete im Zuchthaus Brandenburg-Görden auf seine Hinrichtung und wurde 27. April 1945 von den Russen befreit.
Beide haben diese schlimme Zeit überlebt. Wilfried Voigtländer hat sie befragt:

Wilfried Voigtländer:

Frau Schmidt, sollte man die Erinnerung an die Vergangenheit wach halten?

Hermine Schmidt:

Ja, sollte man das? 50 Jahre haben wir ja geschwiegen und vielleicht kann ich sogar sagen: Es war ein „lärmendes Schweigen“. Da gibt es das Opfersyndrom: Die Täter schlafen nachts gut, die Opfer haben Ihre Schwierigkeiten. Ich mache auf alle einen freudigen Eindruck und ich bin ein glücklicher Mensch durch meinen Glauben. Aber glauben Sie nicht, dass mir die Dinge, die wir eben im Film gesehen haben nicht „in die Kleider gegangen sind“ [Redewendung]. Ich war viele Jahre (vom 17. -21. Lebensjahr) von meiner Familie getrennt. Das sind so markante Jahre. Ich war jung und ich kann Ihnen sagen: Die Gestapo hat nichts, aber auch gar nichts unversucht lassen, im Guten und im Bösen, um mich zu brechen. [Noch heute kommen mir die Erinnerungen], wenn ich die Bilder von diesem bis an die Zähne bewaffneten Regime sehe. Stellen Sie sich vor: Ich dummes Ding sage: „Nein, das mache ich nicht mit.“ Es ist mir noch heute unverständlich, [wie ich dies durchstehen konnte]. Ich bin nicht als Held[in] geboren [worden]. Ich war ein ganz normales Mädchen, interessiert an den schönen Dingen des Lebens: Kunst, Musik, Natur und Sport.
Aber es ging um meine Treue zu meiner Überzeugung, nach meinem Gewissen zu handeln. Da gab es für mich keinen Zweifel. Ich glaube, dass es für junge Leute – egal, wie sie uns[erer Religion gegenüber stehen] – gar nicht so uninteressant ist auf die Frage „Sollte man es erzählen?“ zu sagen: [ …] in einer glaubenslosen Welt christliche Moral zu praktizieren, ist eine Herausforderung. Aber da kann ich tröstend sagen: Damals ging es um Leben und Tod! Heute ist es auch schwer, aber vielleicht kann man daraus eine Schlussfolgerung ziehen und unter Umständen auch Kraft schöpfen und sagen: Wir können weit über uns hinauswachsen, wenn es nötig ist. Ich könnte jetzt ganz viel erzählen, aber ich glaube, es sprengt den [zeitlichen Rahmen].

Wilfried Voigtländer:

Herr Schmidt, sollte man die Erinnerung an die Vergangenheit wach halten?

Horst Schmidt:

Das könnte ich in einem Satz abhandeln: Damit es sich nicht wiederholt und ich glaube, dass wir ziemlich nahe daran sind. Aber ich meine, dass wir heute genug von Not und Tod gesprochen haben. Sie haben es ja auch [in dem Film] gesehen. Wenn wir beide nun heute hier her gekommen sind, dann könnte ich das in einem Satz begründen und ich könnte sagen: „Das können wir bezeugen!“
Wenn Sie uns fragen würden, was uns eigentlich geholfen hat, dass man so etwas überhaupt durchsteht, dann kann ich eins sagen: Es ist unser Glaube gewesen, nach den Geboten Gottes zu leben. Nun sind 50 Jahre und mehr vergangen und es ist leider so, das [der] Glaube eine Sache ist, die heute nicht mehr gefragt ist. Gott ist unwichtig geworden. Im Allgemeinen sagt der Begriff Gott nichts mehr. Und wenn der Begriff Gott nichts mehr sagt, dann ist auch die Bibel unwichtig geworden. Ich habe einmal mit einer Journalistin gesprochen. Wir waren uns beide darüber einig, dass wir in einer Zeit der geistigen Werteumstellung leben und das der Mensch heute das Maß aller Dinge geworden ist. Also nicht mehr Gott und nicht mehr sein Wort, sondern die Humanität, die Menschlichkeit. Das ist das, was heute überhaupt noch zählt.
Aber denken Sie bitte einmal darüber nach: Ist diese Humanität, die Menschlichkeit nicht schon längst in den Gaskammern von Auschwitz und anderen Konzentrationslagern zugrunde gegangen? Zugrunde gegangen mit menschenunwertigem Leben, mit Homosexuellen, mit politischen Häftlingen, mit Sinti und Roma, mit 6 Millionen Juden und Zeugen Jehovas? Ich möchte keinen Vortrag halten, aber Sie werden jetzt fragen: „Wo ist denn Ihr Gott? Wo ist denn Ihr Gott damals gewesen, als Sie dies erlebt haben?“ Ich kann Ihnen antworten: „Gott war da!“ Er war mit denen gewesen, die versuchten nach ihrem Glauben zu leben. Sie haben vorhin in dem Film von unserem Glaubensbruder Josef Niklasch gehört, [wie er sagte], dass ein Beamter in Brandenburg-Gördenburg gesagt hätte, die Zeugen Jehovas seien anders als die anderen Häftlinge in den Tod gegangen. Sie seien mit Würde hineingegangen. Der Leiter der Gedenkstätte Brandenburg, Herr Görlitz sagte über Wolfgang Kusserow: Er sei in der vollen Überzeugung in den Tod gegangen, in diesem Leben richtig gehandelt zu haben. Circa 200 Zeugen Jehovas sind hingerichtet worden, circa 2000 sind im KZ ermordet worden. Warum? Weil sie den Geboten Gottes gehorsam sein wollten und (sie weil christliche Werte aufrecht) erhalten haben.
[Wir beide sind hier], weil wir dieses Inferno überstanden haben. Aber wenn man [dann nach Jahrzehnten wieder] 30 Schritte vor der Guillotine steht [Anm.: gemeint ist sein Besuch in der Gedenkstätte Brandenburg], fragt man sich: „Warum musstest Du diesen Weg nicht gehen?“ Man wird nachdenklich. Nun vielleicht aus dem einfachen Grund, um Ihnen zu sagen: „Das darf sich nicht wiederholen!“

Wilfried Voigtländer:

Frau Schmidt, wie haben Sie das Erlebte verarbeitet?

Hermine Schmidt:

Es ist tatsächlich ein Brandmal, ein Feuermal. Man versteckt, was keiner sehen braucht Hermi Schmidtund soll, aber es ist immer da. Es ist nicht ganz leicht damit fertig zu werden, weil man uns ja wirklich gedemütigt und aufs Tiefste verletzt hat. Ich war ein Jahr in den Händen der Gestapo. Durch dieses Tor [gemeint ist das KZ Stutthoff bei Danzig] gingen 110.000 Menschen. Ich habe heute einen Brief bekommen, in dem steht, dass nur 10.000 [Häftlinge] überlebt haben. Ich habe immer an mehr geglaubt und auch mehr gelesen. [Laut Wikipedia sind circa 65. 000 gestorben.]
Wenn man das überstanden hat, hinterlässt dies natürlich Wunden, da man die ganze Zeit nicht darüber gesprochen hat. Es wollte ja keiner hören, so sind die Narben in die Tiefe gegangen. Nur ganz wenige, die sensibel waren, wollten es hören. Sie zogen Ihre Schlüsse, weil ich ein glücklicher Mensch bin. Sie sagten: „Wenn Du das überstanden hast, dann kann ich es auch.“ Da ist ein Sinn drin.
Ich schaue heute nicht im Zorn zurück, sondern in sehr großer Dankbarkeit dafür, dass ich die Kraft gehabt habe, treu zu sein. Heute gibt es auch viele Prüfungen in Bezug auf Treue. Wir sehen wie Familien auseinanderdriften und so weiter. Bei jeder Kleinigkeit wird es hingeworfen. Vielleicht können wir mit dem, was hier aufgezeigt wird, zeigen was Treue bedeutet. Wenn man nach dem Gewissen handelt, [wird man belohnt], weil man Frieden hat: Frieden mit sich selbst und Frieden mit seinem Gott. [ …] Auch ist der Glauben an meinen Schöpfer verinnerlicht und vertieft worden durch dieses Leid und darum möchte ich nichts von diesen Erfahrungen missen. Ich kann sagen: Es ist ein lebendiger Gott, dem wir dienen dürfen.

Wilfried Voigtländer:

Sind Jehovas Zeugen besondere Übermenschen, wenn Sie dem Druck unter Verfolgung damals aushielten?

Horst Schmidt:

Ich weiß gar nicht, was ein Übermensch ist. Darüber habe ich mir noch Gedanken drüber gemacht. Wir haben Schwächen gehabt. Wir haben Fehler gemacht. Wir werden wieder Fehler machen. Wir sind einfach unvollkommene Menschen. Nein, das gibt es nicht.
Wir sind hier in einer Universität, wie ich selbst mittlerweise auch bemerkt habe. Horst Schmidt[Anspielung auf die wenigen Zuhörer] Aber Humanismus ist eigentlich sinnlos ohne christliche Werte. Humanismus und Menschlichkeit gibt es nicht ohne christliche Werte. Und darum möchte ich Ihnen sagen: „Wenn das so ist – und es ist so – dann kehren Sie doch bitte wieder zurück [zu Gott] und sagen: ‚ Es gibt einen Gott’. Und wo gibt es größere Gebote in ganz einfacher Form? Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben und deinen Nächsten, wie dich selbst. Du sollst nicht töten. Wenn wir uns daran halten, wenn wir das wieder schaffen, dann haben wir viel geschafft. Glauben Sie mir eines: Der Glaube ist etwas, was uns Sicherheit gibt. Glaube vermittelt uns bestimmt auch Ruhe und Glaube gibt uns auch eine Hoffnung. Sehen Sie, weil das so ist, deshalb sind wir damals durchgekommen. Nicht weil wir Übermenschen waren.

Wilfried Voigtländer:

Eine Frage an Sie beide: Was können Sie uns aufgrund Ihrer Erfahrung den Zuhörern mit auf den Weg geben?

Hermine Schmidt:

Vorhin auf dem Weg [hierher] wurde mir klar, dass meine Eltern vor 80 Jahren begannen diesen Weg zu gehen. Darum kann ich nur sagen: Es ist ein schwerer Weg. Es ist kein leichter Weg. Das wird ja auch in Gottes Wort so gezeigt. Aber es ist der schönte, der beste Weg, von dem man auch nicht um einen Preis ein Stück abgehen sollte. Man muss an einem auch arbeiten: [An der] Freude. Mein Mann sprach vom Glauben. Klar, die Liebe, die sollten wir praktizieren und auch an der Freude arbeiten. Die Freude in unserem Gott, das sollte unsere Stärke sein.

Horst Schmidt:

Sie wollen heute viel von mir. Ich weiß nicht, ob ich es zusammen bekomme: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass“. Das hat einmal Elie Wiesel gesagt. Er ist ein rumänischer Schriftsteller, ein Jude, der maßgeblich am dem Zustandekommen des Holocaust-Museum [Anm.:United States Holocaust Memorial Museum, Washington] beteiligt war. „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass [1]. Das Gegenteil von Hoffnung in nicht Verzweiflung. Das Gegenteil von gesundem Menschenverstand ist nicht Dummheit. Das Vierte ist [mir entfallen]. Das Gegenteil, das ist die Quintessenz von allen Dingen, das ist die Gleichgültigkeit. Und um Ihnen da zu sagen, sind wir heute hier gewesen.

[1][Originalzitat von Elie Wiesel: “Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass und
Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung und
Das Gegenteil von gesundem Menschenverstand ist nicht Wahnsinn und
Das Gegenteil von Erinnern ist nicht Vergessen.
Das Gegenteil aller diese Dinge ist die Gleichgültigkeit.”]

© Ingeborg Lüdtke

Text- und Data-Mining: Ich behalte mir eine Nutzung aller Inhalte dieser Webseite für kommerzielles Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Anmerkung: Horst Schmidt ist inzwischen verstorben. Hermine Schmidt verstarb am 31.3.2024. https://alst.org/aktuelles/letzte-deutsche-kz-ueberlebende-der-ns-opfergruppe-jehovas-zeugen-gestorben

Wilfried Voigtländer war für die Pressearbeit der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Göttingen zu ständig. Er verstarb am 13.10.23.

Literaturhinweis:

Hermine Schmidt, Die gerettete Freude. Eines jungen Menschen Zeit 1925-1945. Autobiographie. © d M b agentur verlag, Potsdam-Babelsberg, 2001

Hermine Schmidt, Unfetteres Joy. A Survivor Memoir, Gramma Books, Kopenhagen, 2005 (Englisch)

Horst Schmidt, Der Tod kam immer montags. Verfolgt als Kriegsdienstverweigerer im Nationalsozialismus. Hrsg. Hans Hesse. Klartext Verlag, Essen 2003

Detlef Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium, Die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich“. (Studien zur Zeitgeschichte, Bd.42), 3., überarb. Und um ein Nachw. Erg. Auflage, Oldenbourg, 1997, S. 341, 349

Filme:

Fritz Poppenberg, Das Mädchen mit dem Lila Winkel , Drei Linden Film, Berlin 2006
Das Mädchen mit dem Lila Winkel – Uraufführung des Filmes in der Urania Berlin am 6.9.2003, Rhein- Mosel –TV, Koblenz 2003

Der Tod kam immer montags – Autorenlesung mit Horst Schmidt und Hans Hesse (Höhepunkte aus dem gleichnamigen Buch), Rhein – Mosel – TV, Koblenz, 2004

Bilder: aus Privatbesitz mit freundlicher Genehmigung von Hermine Schmidt

Mike Albien


Kommentar: Heute bin ich traurig darüber, dass Hermine am 31.03.2024 verstorben ist. Aber ich bin auch glücklich, dass ich sowohl Hermine und Horst Schmidt persönlich kennen lernen konnte. Ihr Beispiel, wie auch das vieler anderer, stellvertretend, hat eine große Strahlkraft. „Nie wieder!“ ist jetzt!
Lux, Eva
Kommentar (2018): Ich hatte das Vorrecht diese so liebenswerten Menschen persoenlich kennen lernen zu duerfen. Es ist in dieser Zeit der Entwertung christlicher Prinzipien bemerkenswert, dass es Vorbilder gab und gibt , die die beiden Hauptpunkte der Lehren Jesu Christi, naemlich das Koenigreich zu verkuendigen und Juenger, also Nachfolger
Jesu Christi zu schulen seine Gebote zu halten und einander Liebe zu erweisen, unter Einsatz ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit und ihres Lebens vorgelebt haben. Sie sind ein Beweis dafuer, dass sich jeder auf die Seite Gottes stellen kann, seinen heiligen Namen JEHOVA verteidigen und Jesus gehorchen kann. Der Lohn, ewiges Leben
auf einer paradiesischen Erde, sollte es wert sein, die Vergebung unserer Suenden und die Befreiung von Tod
und allem Schlechtem dankbar anzunehmen. Horst und Hermine Schmidt sei dafuer aus tiefstem Herzen Dank.
Veröffentlicht unter Frauen, KZ Stutthoff, NS-Geschichte | Verschlagwortet mit , , , , , | 3 Kommentare

Achtjähriger verweigert „Hitlergruß“

Die Sendung wurde am 17. Februar 2003 im StadtRadio Göttingen ausgestrahlt.

Georg Christoh Lichtenberg GesamtschuleAm 14. Januar 2003 sahen 300 Schüler der Georg-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen das Video „Lila Winkel“ über die Verfolgungsgeschichte der Familie Kusserow aus Bad Lippspringe. Das Video wurde in der britischen Fernsehsendung „The Human Factor“ ausgestrahlt. Alle Familienglieder der Familie Kusserow sind Zeugen Jehovas, wie die Bibelforscher seit 1931 genannt werden. Die Familie Kusserow hatte insgesamt 11 Kinder, davon starb ein Kind während eines Badeunfalles. Während der NS-Zeit waren alle noch lebenden Familienmitglieder

Karl und Wilhelm Kusserow

Karl und Wilhelm Kusserow

entweder inhaftiert oder im Erziehungsheim. Gemeinsam war die Familie 48 Jahre inhaftiert. Wilhelm und Wolfgang Kusserow verweigerten den Kriegsdienst. Wilhelm wurde erschossen und Wolfgangwurde enthauptet. Karl-Heinz Kusserow war wegen seiner Kriegsdienstverweigerung in den KZ´s Sachsenhausen und Dachau inhaftiert.

Paul-Gerhard Kusserow, das jüngste Kind der Familie Kusserow (1931 geboren) war als Zeitzeuge während des Films anwesend und wurde nach der Filmvorführung von den Schülern befragt. Der Fachbereichsbereichsleiter für Geschichte der Georg-Lichtenberg-Gesamtschule Dr. Thomas Berger-von zur Heide bat ihn zuerst etwas über seine Zeit als Jugendlicher und die Verfolgung im Nationalsozialismus zu sagen.

Paul-Gerhard Kusserow erzählte, dass er 1931 geboren wurde und 1937 in die Schule gekommen ist. Er erinnerte sich gerne daran, wie sie als Familie gemeinsam Gartenarbeit durchgeführt, gemeinsam musiziert und Sport getrieben haben.

Seine Erinnerungen an die Schule sind sehr negativ. Er und seine Geschwister verweigerten den Hitlergruß und wurden deshalb von den Schülern und Lehrern verspottet. Zum Beispiel sagte man ihnen: „Geht nach Moskau, geht zu den Kommunisten.“ Sein Vater, der zwischenzeitlich aus der Haft entlassen wurde, beschwerte sich bei der Schulleitung. Der Lehrer Wellpott schrieb im zurück, dass seine Kinder zwar eine gute Erziehung genossen hätten, aber religiös falsch erzogen worden seien.

Elisabeth, Hans-Werner und Paul-Gerhard Kusserow wurden dann aus der Schule herausgeholt und in ein Erziehungsheim nach Dorsten geschleppt. Dort blieben sie einige Monate. Die Zustände waren ähnlich wie in einem Gefängnis. 10 Jungen waren in einem Raum untergebracht. Einmal am Tag durften sie eine halbe Stunde rausgehen. Wenn Paul-Gerhard Kusserow auf die Toilette ging, wurde diese sofort verschlossen und er konnte nicht wieder sofort herausgehen. In dem Erziehungsheim wurde aber weniger Wert darauf gelegt „Heil Hitler“ zu sagen.

Er berichtet, dass die allgemeine Behandlung negativ war, zum Beispiel haben sie schlechtes Essen bekommen. Von Seiten der Schüler gab es keine Schikane.

Nach wenigen Monaten kamen sie in das Erziehungsheim Nettelstedt. Sie wurden auch hier schikaniert. Es gab keine dicken Zudecken, um sich nachts gegen die Kälte zu schützen. Die Schulleitung versuchte die 3 Geschwister zu überreden „Heil Hitler“ zu sagen. Sein Bruder Hans-Werner wurde wegen seiner Weigerung geschlagen und musste sich bei Kälte hinlegen, wieder aufstehen, hinlegen, aufstehen etc.

Man hat ihnen aus dem Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler vorgelesen. Weil dies alles nichts half und sie sich weiterhin weigerten den Hitlergruß zu leisten, mussten sie nach der Schule auf einem Bauernhof schwere Arbeiten leisten.

Seine Mutter und seine Geschwister besuchten sie ab und zu heimlich. Einmal wurde dem Vater offiziell gestattet, kurz seine Kinder zu sehen. Später waren auch heimliche Besuche nicht mehr möglich, da seit 1940 alle Familienmitglieder inhaftiert waren.

Während der heimlichen Besuche erfuhr Paul-Gerhard Kusserow auch, dass seine Brüder Wilhelm und Wolfgang umgebracht worden waren, weil sie den Kriegsdienst verweigerten. Er war zwar traurig über den Tod seiner Brüder, aber seine Eltern hatten ihn und seine Geschwister schon auf Verfolgung vorbereitet. Dies und die Gewissheit, dass seine Brüder ihrem Glauben treu geblieben waren, ließ ihn die Situation ertragen.

Er und seine Geschwister haben zwar unter der Trennung von der Familie gelitten, aber durch ihren Glauben waren sie stark genug, dies zu ertragen.

Aus eigener Überzeugung lehnte er den Hitlergruß ab, weil er wusste, dass das Heil nur durch Jehova Gott durch seinen Sohn Jesus Christus kommt.

Seine Familie und er waren keine Fanatiker, sagte er. Sie hätten viel Sport betrieben und seine Brüder wären auch Fußball begeistert gewesen. Der Begriff Schalke 04 wurde oft erwähnt.

Er hätte nie daran gedacht aufzugeben. Er ließ sich sogar 1944 in einer Badewanne in Soest taufen.

Ihm wurde verweigert auf das Gymnasium in Büren zu gehen. Nach Kriegsende besuchte er die Handelsschule und erhielt eine Ausbildung für eine Bürotätigkeit.

Die Familie Kusserow erhielt eine kleine finanzielle Entschädigung als Opfer des NS-Regimes.

Hassgefühle gegenüber den Tätern unter dem Nationalsozialismus hatten seine Familie und er nie.

Am Ende der Veranstaltung brachten die Schüler durch andauernden Applaus ihren Respekt für seine standhafte Haltung zum Ausdruck.

© Ingeborg Lüdtke

Text- und Data-Mining: Ich behalte mir eine Nutzung aller Inhalte dieser Webseite für kommerzielles Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Paul-Gerhard Kusserow verstarb am 21.10.2022 in Grünberg im Alter von 91 Jahren.

 

Weiterführende Links:

Münster: Friedensinitiativen gedachten Nazi-Opfer Wilhelm Kusserow

http://www.karlo-vegelahn.de/der_lila_winkel.html

http://books.google.de/books?id=Y8SggYCYoIAC&pg=PA546&lpg=PA546&dq=The+Human+Factor+Purple+Triangles&source=bl&ots=64fwaCAf4w&sig=HLVIzsG0aovBNKJr3tTbmfqz5lk&hl=de&ei=ILscTqazM4b4sgaonK31Bg&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=7&sqi=2&ved=0CF0Q6AEwBg#v=onepage&q=The%20Human%20Factor%20Purple%20Triangles&f=false

http://www.muenster.org/spurenfinden/02_gedenkbuch/22_gedenkblaetter/gedenkblatt_wilhelm_kusserow.pdf

http://www.carookee.com/forum/Staatsterror/22/16004241

Wilhelm Kusserow, Zeuge Jehovas – 1940 in Münster von Nazis hingerichtet

Veröffentlicht unter Allgemein, KZ Sachsenhausen, NS-Geschichte | Verschlagwortet mit , , , , , | 1 Kommentar