Leopold Engleitner verstarb am 21.4.2013 im Alter von 107 Jahren

EngleitnerLeopold Engleitner verstarb am 21.4.2013 im Alter von 107 Jahren. Im Juli wäre er 108 Jahre alt geworden. Auf persönlichen Wunsch wurde er in aller Stille beigesetzt.

Er war der älteste Überlebende des KZ Buchenwald.

Als er 100 Jahre alt wurde, erschien der Film “Ungebrochener Wille” von Bernhard Rammerstorfer.
Einen ausführlichen Bericht findet man unter https://www.radio-uebrigens.de/?p=138

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„Weil ich nicht ‚Heil Hitler‘ sagte“

Die Sendung wurde am 15. November 2004 in dem Magazine „MixUp“ ausgestrahlt

Interview Dr. Hans Hesse mit Erna Ludolph in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück

Sprecherin:

Im September 2002 sprach Erna Ludolph in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück mit dem Historiker Dr. HansLudolph Hesse Hesse über ihre Erlebnisse.

Dr. Hans Hesse:

Frau Ludolph Sie sind mittlerweise in einem Alter, wo ich Sie ruhig fragen darf, wie alt Sie sind oder?

Erna Ludolph:

94, demnächst 95.


Dr. Hans Hesse:

94, demnächst 95. Frau Ludolph, warum sind Sie verhaftet worden?


Erna Ludolph:

Weil ich nicht „Heil Hitler“ sagte und denunziert wurde. Diese Denunziantin war eine Kommunistin. Sie hatte es nötig, sich wieder eine neue Basis zu schaffen und hat dann einen Beweis bringen müssen, dass sie sich wirklich umgestellt hatte und hat mich als Opfer genommen.

Sprecherin:

Erna Ludolph kommt daraufhin 3 Monate in das Zuchthaus Lübeck-Lauerhoff. Fast ein Jahr nach ihrer Freilassung verteilt sie einen „Offenen Brief“, der auf die Verfolgung und Mißhandlungen der Zeugen Jehovas aufmerksam macht. Sie wird denunziert und kommt erst in das Gefängnis Bützow-Dreibergen und wird nach ihrer Entlassung in das Frauen-KZ Moringen überstellt. In ihrem Lebensbericht schreibt sie: „Alles war sehr eng. Man hatte Mühe einen Sitz- und Schlafplatz zu finden.“ Sie findet nur deshalb ein freies Bett, weil in der Decke ein Loch war und es dort manchmal hereinschneit. Später kommt sie in das KZ-Lichtenburg. Dies war aber nicht die letzte Station.

Dr. Hans Hesse:
Sie kamen ja dann nach Ravensbrück.

Erna Ludolph:
Ja.

Dr. Hans Hesse:

Wann?

Erna Ludolph:

1939.

Dr. Hans Hesse:

Das heißt also, Sie gehörten zu den ersten Bibelforscher- Häftlingen (Zeugen Jehovas) hier in Ravensbrück?

Erna Ludolph:
Ja.

Dr. Hans Hesse:

Haben Sie auch diese Situation vom 19. Dezember 1939 mit dem Nähen der Pistolentaschen für die Wehrmacht miterlebt?

Erna Ludolph:

Das ist das Thema! Ich kam in den Nähsaal. Dann eines Tages kommt die Aufseherin und sagt: „Alle heraustreten.“ Es war ein harter Winter. „Ihr braucht Euch keinen Mantel, keine Jacke anziehen. Ihr kommt gleich wieder rein.“ Und habe ich gesagt: „Zieht Eure Jacken an.“ Und dann standen wir vor der Baracke und dann war der Kommandant Kögel da. Er hatte da eine kleine Nähtasche in der Hand. „Wer diese Nähtaschen für unsere Soldaten nicht nähen will, der trete auf die andere Seite.“ Der Mann hatte noch nicht ausgesprochen, da war ich schon gleich die Erste [auf der anderen Seite] und alle anderen kamen nach. Plötzlich war die Seite leer. Der ist schneeweiß geworden. Eine solche Reaktion hatte der nicht erwartet. „Ab hinter den Zellenbau und ZellenbauKrematoriumverreckt.“ Dann sind wir hinter den Zellenbau gekommen. Du dann sind wir dahin und haben als erstes Kommando Strafe stehen müssen bei uns so und soviel Grad Kälte. Es war da der Stalingrad-Winter, Dann kamen die Kolonnen, die im Außendienst waren nach und nach herein und wurden dann bei der Pforte gleich gefragt, ob sie diese Taschen für die Soldaten nähen wollten. Die waren alle stur, bis wir alle bei einander waren.. Dann haben die zum Schluss sogar noch die aus dem Revier [Anm.:Krankenstation] geholt und die standen auch da. Dann haben wir den ganzen Tag ohne Essen und ohne alles stehen müssen und das drei Tage lang, raus und rein und so weiter. Bis wir dann in diesen Baracken mit 7-9 Personen in der Zelle waren.

Dr. Hans Hesse:

9 Personen.

Erna Ludolph:

Und da war nur ein Bett an die Wand geschnallt. Und da hatten wir [auf dem] Fußboden weder Stroh noch eine Decke, auch nichts unter dem Kopf. Da mussten wir auf dem Fußboden bei 32 ° Kälte [in der ungeheizten Zelle schlafen]. Es hat Wochen gedauert bis wir hinaus mussten. Das war dann aber das Ende.

Sprecherin:

Die Haftbedingungen ändern sich für sie. Später arbeitet sie erst in der Gärtnerei und dann in einem Privathaushalt. Kurz vor Kriegsende wird sie entlassen. Sie verstarb am Sonntag den 26. September 2004 im Alter von 96 Jahren.

© Ingeborg Lüdtke

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Glosse: Was so alles in der Zeitung steht

Magazin “Mix Up” im Stadt Radio Göttigen ausgestrahlt am 2. Februar 2004

Was so alles in der Zeitung steht…

Mal Hand auf Herz, glauben Sie alles was in der Zeitung steht?Zeitung
Ich hatte da so seit geraumer Zeit so meine Zweifel, aber seit letztem Sonntag zweifele ich entweder an mir oder an der Zeitung.

(Musik: Geigen)

Da las ich doch unter der Überschrift:
LIVE: André Rieu in Göttingen. Ein Geigen-Paradies
„Die Lokhalle hing voller Geigen.“

Hm, eigentlich hingen da 50 Kronleuchter an der Decke. Schließlich habe ich sie alle einzeln nachgezählt.
Oder waren das verzauberte Geigen die da hingen??

(Musik)

Dass André Rieu uns in eine andere Welt entführte, stimmte ja und die Show und die Musik waren auch perfekt.
Alles wahr.
Aber..

Ja aber was sollte das denn hier schon wieder:
„Drei Stunden lang dauerte ein Rieu-Konzert.“
Wieso eigentlich 3 Stunden?
Von 20 Uhr bis 22 Uhr sind doch nur 2 Stunden und dann als Zugabe noch 35-40 Minuten.
Also nee, 3 Stunden waren das nicht.
Oder sollte es etwa am Freitag beim ersten Konzert länger gedauert haben??
Frechheit…

(Musik)

Also weiter im Text:
„Dazwischen plauderte Rieu mit seinen Fans.“
Also mit mir hat er nicht geplaudert. Na ja, er erzählte einige nette Geschichtchen zwischendurch, aber persönlich mit den Fans geplaudert, ist was anderes.

Na und dann dies hier erst mal:
„So wiegte sich die ganze Lokhalle in Dreivierteltakt.“
Das stimmt ja schon ganz und gar nicht.
In unserer Reihe hat sich nichts gewiegt.
Der mir bekannte Herr zu meiner Rechten hatte schon im Vorfeld angekündigt, er wolle auf keinen Fall schunkeln und der unbekannte Herr links von mir machte ebenfalls keine Anstalten sich einzuhaken.
Unter meinen Füßen wiegte sich auch nichts.

(Musik)

Und zu guter letzt steht hier noch: “Die Zuschauer tanzten mehr nach Hause, als dass sie gingen.”
Das stimmt auch nicht, es tanzte keiner nach Hause. Die Massen bewegten sich zur Garderobe und der uns begleitende Herr hatte schon im Vorfeld betont, wenn wir 2 Frauen tanzen wollten, dann mussten wir uns überlegen, wer führt…
Irgendwie war das letzte Lied auch mehr ein Schlaflied weniger eine Aufforderung zum Tanz.
Erst dachte ja er spielt „Leise rieselt der Schnee..“

Also wenn ich diesen Artikel so lese, dann frage ich mich, ob ich den Sekt in der Pause nicht doch zu schnell getrunken habe. Habe ich deshalb Gedächtnislücken??

Oder was mich noch viel mehr beschäftigt: Hat André Rieu etwas am Freitag etwas anderes gespielt.
Hätten wir doch Freitag gehen sollen?
Oder stimmt das eher etwas Jimmy Durante einmal sagte:
„Kritiker sind Leute, die einem sagen, ob man ein Konzert genossen hat oder nicht…“

© Ingeborg Lüdtke


Die Glosse bezieht sich auf ein Konzert im Januar 2004 und auf einen Artikel im “Extra Tip” vom 25.01.2004

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Über den Tod …

gesendet im StadtRadio Göttingen amt 29. September 2005

Ein guter Bekannter von mir verstarb vor wenigen Wochen ganz plötzlich und unerwartet.Friedhof
Niemand dachte an diesem Abend an den Tod.
Vielleicht haben Sie ja in Ihrer Familie oder im Freundeskreis Ähnliches erlebt.

Was geschieht eigentlich nach dem Tod?
Das ist eine oft gestellte Frage.

Nun wenn man Kardinal Meissners Äußerung auf dem Weltjugendtag in Köln glauben darf, dann ist zumindest Papst Johannes Paul II im Himmel. Er war ein guter Mensch.
Wenn gute Menschen in den Himmel kommen, was passiert dann aber mit den schlechten Menschen?

Kommen sie wirklich alle in die Hölle? Ist es in der Hölle wirklich heiß?
Gibt es tatsächlich die Zigarettenpause in der Hölle, die in Witzen erwähnt wird?

Martin Luther hat das hebräische Wort Scheol mit Hölle übersetzt und dies steht für das menschliche Grab. In Prediger 9:5, 10 (Luther, 1905) heißt es auszugsweise: „Die Toten aber wissen nichts, … denn in der Hölle, da du hinfährest, ist weder Werk, Kunst, Vernunft, noch Weisheit“.

Von einem Ort der Qual ist hier also nicht die Rede.

Was versteht man aber unter dem Begriff Fegefeuer? Es ist der Ort oder Zustand der Seelen, die geläutert werden von ihren Sünden. Nachdem sie geläutert worden sind, kommen sie gemäß der katholischen Lehre in den Himmel.

Anfang des 16 Jahrhunderts musste man Ablässe bezahlen, um einen nahestehenden Menschen aus dem Fegefeuer zu befreien, damit seine Seele in den Himmel kommt.
Der Dominikaner Tetzel reiste umher und prägte den Satz: „ … denn sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer springt.“
Von diesen Geldern wurde allerdings u.a. der Bau von Klöstern, Krankenhäusern, einer Elbbrücke und sogar die Peterskirche in Rom finanziert.
Martin Luther prangerte dieses Verhalten der katholischen Kirche an. Für ihn hatte das Bezahlen des Ablasses keinen Wert.

Gibt es die unsterbliche Seele aber wirklich?
Was ist die unsterbliche Seele?
Ist es wirklich ein Teil von einem Menschen, der beim Tod in den Himmel geht?
Öffnen nicht deshalb einige das Fenster nach dem Tod, damit die Seele entweichen kann?
Allerdings sagte schon der Pathologe Prof. Rudolf Virchow, er habe schon viele Leichen seziert, aber er habe nie eine Seele entdeckt.

Der Glaube an eine unsterbliche Seele ist nicht neu.

Die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele war schon in Babylon bekannt. Babylon wird als der Geburtsort der Lehre bezeichnet.

Auch die Ägypter glaubten an ein Weiterleben nach dem Tod. Sie gaben ihren Königen nicht nur Essen, sondern auch lebende Sklaven mit in das Grab. Die Sklaven wurden eingemauert, damit sie dem Toten dienen könnten.

Auf ägyptischen Holzsärgen wurden sogar Landkarten und Augen gemalt, um Verstorbene zu leiten.
Werkzeuge und persönliche Wertgegenstände wie Schmuck wurden dem Toten mitgegeben.
Man nahm an, die Toten würden sich in einem künftigen Leben darüber freuen.
Leider haben sich nicht nur die Archäologen, sondern auch die Grabräuber über diese Wertgegenstände gefreut.

Auch in der alten chinesischen Mythologie kannte man den Glauben an ein Weiterleben nach dem Tod.
Man stellte sich die Ahnen als mächtige Geister vor, die sehr am Wohl ihrer lebenden Nachkommen interessiert waren. Sie konnten äußerst zornig werden, wenn ihnen etwas missfiel.
Man wollte den Toten alles so angenehm wie möglich machen. Einige Könige der Shang-Dynastie bekamen deshalb 100 bis 300 Personen als Diener mit ins Grab. Diese Diener wurden zuvor geopfert und mit begraben.

Der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele führte also auch noch zu Menschenopfern.

Von früherer Zeit an lehrte man im Hinduismus ebenfalls, dass beim Tod die Seele überlebt.
Auch hier findet man den Brauch, den Toten Lebensmittel mit ins Grab zu legen. Später kam noch der Glaube an die Seelenwanderung dazu.
Je nach dem, ob man gute oder schlechte Taten in einem Leben vollbrachte, wurde man im nächsten Leben bestraft oder belohnt.
Später kam noch eine neue Variante dazu. Das höchste Ziel eines Hindus war die Befreiung vom Kreislauf der Seelenwanderung, um mit dem sog. Allgeist eins zu werden.
Dieses erreicht man durch das Streben nach gesellschaftlich akzeptiertem Verhalten und besonderem hinduistischen Wissen.

Die Lehren des Buddhismus sind in vieler Hinsicht dem Hinduismus ähnlich.
Auch hier findet man den Gedanken wieder, dass die Stellung des Einzelnen von den Taten in seinem früheren Leben abhängig ist.
Im Buddhismus gibt es keine persönliche Seele, die beim Tod überlebt. Es wird vielmehr ein Zustand oder eine Kraft aus einem Leben in das nächste Leben weitergegeben.
Das Endziel ist das Erreichen des Nirwanas. Es ist verkürzt gesagt, die Befreiung vom Kreislauf der Wiedergeburten und ein Zustand der Nichtexistenz.
Es gibt aber im Buddhismus auch noch diverse Unterschiede in der Lehre.

Im Islam gibt es die Lehre, dass es nach dem Tod einen Gerichtstag geben wird, an dem der Tote vor Allah kommt. Allah bewertet das Leben und entscheidet, ob der Betreffende in das Paradies oder in die Feuerhölle kommt.

Heute wird die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele und der Wiedergeburt selbst von den verschiedenen Gruppen des Judentums weitestgehend anerkannt. Diese Lehren gelangten erst in nachbiblischer Zeit durch den Einfluss von griechisch-philosophischem Gedankengut in das Judentum.

Im Judentum kannte man ursprünglich nicht die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele. Es gab keine Trennung zwischen Körper und Seele. Die Person wurde als Ganzes betrachtet. Man glaubte an die Auferstehung der Toten als ganze Person.

Die Lehre von der Auferstehung der Toten auf der Erde findet man auch heute noch in der Bibel.

Über den Zustand der Toten heißt es wie bereits vorhin erwähnt in Prediger 9:5,10 (Luther, 1905): „Die Toten aber wissen nichts, … denn in der Hölle, da du hinfährest, ist weder Werk, Kunst, Vernunft, noch Weisheit“.

Ich hoffe diese vielen Gedanken – zugegeben keine einfachen Gedanken – helfen Ihnen beim Nachdenken über das Leben nach dem Tod und spenden Ihnen ein wenig Hoffnung und Trost.

© Ingeborg Lüdtke

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Die Unterdrückung der Frau von Gott gewollt?

– Ein Brief an eine Freundin –

Liebe Dina,

es war richtig schön wieder mal mit Dir so ausführlich reden zu können. Wir sehen uns ja so selten.
Leider musstest Du am Mittwoch so schnell weg. Ich hätte mich gerne noch weiter mit Dir über die Unterdrückung der Frau unterhalten.
Auch war die Frage, ob Gott die Unterdrückung der Frau wollte, höchst interessant.
Die Frage ließ mir keine Ruhe und so habe ich einige Nachforschungen angestellt.
Da ich annehme, dass Dich dieses Thema auch interessiert, dachte ich mir, ich könnte Dir meine Erkenntnisse in Briefform zukommen lassen.

Beginnen möchte ich mit dem oft zitierten Bibeltext aus 1. Mose 3:16.
Ach, Du hast momentan keine Bibel in der Nähe, weil Du gerade gemütlich auf dem Sofa liegst und keine Lust hast aufzustehen?
Kein Problem. Ich lese Dir die Stelle einfach mal aus der Scofield-Bibel vor.

Im 2. Teil der Bibelstelle heißt es: „Nach Deinem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich HERRSCHEN.“
Die Interlinear-Übersetzung von Steurer sagt: “Er wird herrschen über Dich“.
Die Lutherbibel sagt „und er soll Dein HERR sein“.
Zu dieser Übersetzung erhielt ich vor 11 Jahren mal einen Brief eines Doktors der Mathematik. Ich lese Dir die Passage aus seinem Brief am besten vor:

Er schreibt: „Übrigens, im ersten Buch Mose, Kapitel 3,16 am Schluss steht ein berühmter Satz, der die Frau eines Buchdruckers im Mittelalter so wurmte, dass sie heimlich an den Setzkasten schlich und aus dem Satz den oft wahreren machte:“ Er soll dein Narr sein“. Niemand merkte das rechtzeitig, der Texte wurde gedruckt, und nun zählt die „Narrenbibel“ zu den bibliophilen Seltenheiten.“

Bisher habe ich noch keine Bestätigung aus Fachkreisen erhalten, dass es tatsächlich eine Narrenbibel gab.
Wie dem auch sei, die Reaktion der Frau des Buchdruckers ist durchaus verständlich.

“Er wird über dich herrschen“. Ist dieser Satz wirklich ein Befehl Gottes über die Frauen zu herrschen?
Bestimmt NICHT.
Vielmehr wird zum Ausdruck gebracht, dass Gott voraussah, wie Männer Frauen später behandeln würden.
Es war niemals der Vorsatz Gottes, dass Männer über Frauen herrschen sollten.

Aus 1. Mose 2:18 erfahren wir, dass Gott Eva Adam als Gehilfin und Gegenstück gab. Andere Übersetzungen sprechen auch von einer Hilfe, die ihm entspricht.
Ein Gegenstück ist gleichwertig, auch muss es nicht unbedingt dieselbe Form haben.
Hm, das Wort Gehilfin bereitet Dir Probleme? So abwertend, wie Du dies verstehst, kann es gar nicht sein.
Das hebräische Wort, das hier mit „Gehilfin“ übersetzt wird, kann auch mit „Helfer“ übersetzt werden.
Oft bezieht sich dieser Begriff auch auf Gott. (Hosea 13:9)

Interessant ist die Stellung der Frau im Alten Israel:

Ach, nun klingelt das Telefon, ich werde nachher weiterschreiben..

(Unterbrechung durch Musik TRACK 11:2:45 Min)

Nun bin ich wieder da:

Also noch einmal:

Interessant ist die Stellung der Frau im Alten Israel:

In dem “Theologischen Begriffslexikon zum Neuen Testament“ heißt es u.a.: “Die Frau …ist, im Unterschied zu ihrer Einstufung in der übrigen orientalischen (Religions)-Welt als Person und als Partnerin des Mannes anerkannt.“

Das hört sich doch wohl schon einmal gut an oder?

Die Art der Stellung der Frau kommt im letzten Buch der Hebräischen Schriften zum Ausdruck, wo der Prophet Maleachi in Kapitel 2: 14 die Frau eines Mannes als „Gefährtin“ oder als seine „Mitgenossin“ bezeichnet.
Na liebe Dina, nun bleibt Dein Auge sicher bei dem Wort „Mitgenossin“ hängen .Jetzt denkst du sicher: “Genossin?Das klingt eher politisch.“
Laut dem „Herkunftswörterbuch“ vom Duden wurde das Wort „Genosse“ bis zum Ausgang des 19.Jhdts. im wesentlichen im Sinne von „Gefährte oder Gleichgestellter“ verwendet. Später wurde dieser Begriff nur noch rein politisch verwandt.

Auch durch das mosaische Gesetz blieb die Würde der Frauen gewahrt und sie hatten viele Rechte und Vorrechte.
Vielleicht kennst Du Sprüche Kapitel 31, da wird nämlich ein Loblied auf die Frauen gesungen,
Der Wert einer Frau wurde weit mehr über den Wert von kostbaren Korallen (also Schmuckstücke) geschätzt.
Aus diesem Kapitel der Bibel erfahren wir auch, das die Israelitin im alten Israel bei weitem „kein Heimchen am Herd“ war. Zur ihrem Aufgabenbereich zählte nicht nur der Haushalt und die Kinderziehung.
Sie konnte auch Grundstücke kaufen und verkaufen, ein Feld bewirtschaften und ein kleines Geschäft führen.
Sie war auch für Worte der Weisheit bekannt.

Wenn man das mit heute vergleicht, war sie doch recht emanzipiert. Sie verdiente dieses Loblied mit Sicherheit!!

Gemäß dem Gesetz mussten Frauen geachtet werden. In den 10-Geboten heißt: “Du sollst Vater und Mutter ehren“(2.Mose 20:12).
Selbst König Salomo ehrte seine Mutter Batheseba.
Von ihm wird in der Bibel berichtet, dass er sich vor ihr erhob und sich vor ihr nieder beugte. Ferner ließ er einen 2. Thron holen, damit sie sich zu seiner Rechten setzen konnte (1.Könige 2:19).

Jetzt fragst Du Dich vielleicht, wie es sich aber verhielt, wenn die Frau einen Vorschlag machte oder einen Rat gab?

Nun klingelt es an der Tür. Heute bin ich anscheinend sehr gefragt!

(Unterbrechung mit Musik Track12 Dauer 2:42 Min.)

So, auf ein Neues: Wie verhielt es sich, wenn die Frau einen Vorschlag machte oder einen Rat gab?

Nun der Rat von gottgefälligen Frauen wurde sicherlich geschätzt und sogar befolgt.
Neben wir zum Beispiel Abraham, der wollte allerdings den Rat seiner Frau, nicht befolgen. Gott ließ ihn aber wissen: „Höre auf ihre Stimme.“(1.Mose 21:10-12)
David wurde sogar durch Abigail dringende Bitte davon abgehalten Blutschuld auf sich zu bringen.
Erhörte auf sie, obwohl er (designierter) König war.
Interessant ist in diesem Zusammenhang auch, dass Abigail in Eigeninitiative handelte, weil sie nicht mit dem schlechten Benehmen ihres Mannes einverstanden war.

Ein weiteres Beispiel war der König Josia. Er ließ Gott durch eine Frau befragen, nämlich die Prophetin Hulda. (2. Könige 22:11-15)

Ja, und dann gab es noch die Prophetin Debora, die einen Teil eines israelitischen Siegesliedes schrieb. Dies kannst Du in Richter Kapitel 5 nachlesen.

Du siehst liebe Dina, es gibt so viele Anhaltspunkte in der Bibel. dass Gott nicht wollte, dass Männer Frauen unterdrücken.

Ich habe mich heute nur mit dem Alten Testament befasst. Sicher ist es auch noch interessant zu erfahren, wie Jesus Christus, die Frauen behandelte.

Falls Dich dieses Thema interessiert, kann ich mich ja weiter als Bücherwurm betätigen.

Ich hoffe Du meldest Dich bald bei mir.

Tschüß Inge

(c) Ingeborg Lüdtke

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Das Verhalten Jesus Christi gegenüber Frauen gemäß dem Neuen Testament

– Ein Brief an eine Freundin –

Liebe Dina,

schön, dass Dir mein letzter Brief gefallen hat.
Du schreibst: „Es war bestimmt viel Mühe damit verbunden, diesen Brief zu schreiben.“
Wem sagst Du das!
Nun bist Du also ganz gespannt, was ich als Bücherwurm zu dem Thema „Jesus Christus und die Frauen“ herausgefunden habe.
Ich muss zugeben: Ich war auch gespannt!
Du fragst, ob ich auch etwas über die These schreiben werde, dass Jesus Christus verheiratet war und auch Kinder hatte?

Weißt Du liebe Dina, es steht jedem frei zu glauben, dass Jesus Christus verheiratet war und Kinder hatte, aber ich persönlich halte von dieser These nichts, weil ich gläubig bin.
Natürlich habe ich mich damals als ca. 1993 der Wirbel um die Schriftrollen von Qumran begann, mit dem Thema auseinander gesetzt und wohl auch das bekannteste Buch darüber gelesen.
Mir hat der Schreibstil nicht gefallen. Es wurden Behauptungen aufgestellt, aber nicht begründet. Frei nach dem Motto: „So ist es nicht; es ist so.“
Leider hatte ich mir das Buch nur ausgeliehen. Ich hätte mich sonst bestimmt mit Randbemerkungen und Fragezeichen ausgetobt.
Der Ausgewogenheit wegen, habe ich dann noch ein Buch von einem evangelischen und eins von einem katholischen Theologen gelesen. Beide brachten gut fundierte Gegenargumente.
Die meisten Theologen lehnen die These ab, dass Jesus verheiratet war und Kinder hatte.

So weit zu dieser Frage.

Bevor ich mich aber nun dem Verhalten Jesu gegenüber Frauen gemäß dem Neuen Testament widme, möchte ich noch schnell meine Teemaschine anschalten.

(Unterbrechung durch Musik)

So da bin ich wieder.

Ja, was war denn nun das Besondere an dem Verhalten Jesu gegenüber den Frauen?

Die Einstellung der Juden zu den Frauen hatte sich in der Zeit zwischen der Niederschrift des Alten Testaments und dem Auftreten Jesu völlig verändert.
Es hatte sich eine jüdische Religion entwickelt, die mehr auf mündlichen Überlieferungen beruhte, als auf dem geschriebenen Gesetz Gottes.
Vom 4. Jahrhundert vor unserer Zeit an übernahmen die Juden vieles aus der griechischen Philosophie.
Die griechische Philosophie schenkte den Rechten der Frau nur wenig Beachtung und das Ansehen der Frau sank unter den Juden.
Im 3. Jahrhundert vor unserer Zeit trennte man die Frauen in der Synagoge von den Männern.
Dadurch wurde Frauen eine aktive Teilnahme am Gottesdienst verwehrt.
Dies führte dann dazu, dass nur wenige Frauen gebildet waren.

Joachim Jeremias schreibt auszugsweise in seinem Buch „Jerusalem zur Zeit Jesu“.
„Im ganzen wird die religionsgesetzliche Stellung der Frau am Treffendsten ausgedrückt durch die immer wieder begegnende Formel: ,Frauen, (heidnische) Sklaven und (minderjährige) Kinder´… Nimmt man zu alledem hinzu, dass es an missachtenden Urteilen und Stimmungen gegenüber der Frau nicht fehlt, … so hat man den Eindruck, dass auch im Judentum der Zeit Jesu sich die geringe Wertung der Frau auswirkte.“
Er schreibt auch, dass Unterhaltungen mit einer Frau das Missfallen erregte und es als Schimpf für einen Gelehrtenschüler galt, wenn er auf der Straße mit einer Frau sprach.

Wie anders verhielt sich da doch Jesus!

Einen kleinen Moment, ich hole mir nur meinen Tee.

(Unterbrechung mit Musik)

So, da bin ich wieder.

Jesus verhielt sich gegenüber Frauen ganz anders. Er unterhielt sich auch öffentlich mit Frauen, auch wenn dies das Missfallen erregte.
Im Johannesevangelium im Kapitel 4 wird berichtet, dass er sich mit der Samariterin am Brunnen unterhielt. Selbst seine Jünger fanden dies ungewöhnlich. Sie wunderten sich über sein Verhalten. (Johannes 4:27)
Jesu Verhalten gegenüber Frauen muss zu seiner Zeit wirklich revolutionär gewesen sein!!!

Jesus unterhielt sich nicht nur mit Frauen, sondern er lehrte sie auch hochgeistige Dinge. (Johannes 4:7,25,26)
Die Samariterin war zum Beispiel die erste Person, die von ihm erfuhr, dass er der Messias war.
Er sagte dies nicht einem Mann, sondern einer Frau. Dies zeigt, dass er Respekt vor Frauen hatte.
Für ihn war es auch vollkommen in Ordnung, dass eine Frau sich religiös weiterbilden wollte und dabei ihren Herd verließ.

Als er seine Freunde Lazarus, Maria und Martha besuchte, beschwerte sich Martha beim ihm, weil Maria ihr nicht im Haushalt half und ihm lieber zuhörte.
Er sagte Martha aber, Maria habe das „gute Teil erwählt“. (Lukas 10:38-42)
Ein anderes Mal führte er mit Martha ein hochgeistiges Gespräch über die Auferstehung. (Johannes 11:20-27)

Bevor ich nun über Jesu Mitgefühl mit Frauen schreibe, hole ich mir noch eine Tasse Tee.

(Unterbrechung mit Musik).

Der Tee war lecker, die Kekse auch!

Jesu hatte Mitgefühl mit Frauen. Ich denke da an die Frau, die 12 Jahre an einem Blutfluss litt. Sie war deshalb rituell unrein. Trotzdem hielt sie sich in der Menge um Jesus auf und berührte unerlaubt sein Gewand. Für sie war es die letzte Möglichkeit gesund zu werden.
Beschimpfte Jesus sie aber, als er merkte, dass sie ihn als „Unreine“ berührte und auch unerlaubt in der Menge war?
Nein, sondern er sagte mitfühlend und freundlich: „Tochter, dein Glaube hat dich gesund gemacht.“
Das ist übrigens das einzige Mal, dass er eine Frau direkt als Tochter anredete. (Matthäus 9:18-22)
Jesus zeigte bei dieser Gelegenheit bestimmt Mitgefühl und Barmherzigkeit mit Frauen.

Zum Abschluss möchte ich noch auf einen interessanten Gedanken hinweisen.

Gemäß rabbinischer Tradition konnten Frauen nicht als Zeugen vor Gericht aussagen.
Doch wer waren die ersten Zeugen der Auferstehung? Es waren Frauen!!!!

Jesus forderte die Frauen auf seinen Jüngern von der Auferstehung zu berichten.
Wie reagierten die Jünger aber darauf?
Lukas 24:11 berichtet: “Ihnen erschienen diese Reden wie Unsinn und sie wollten den Frauen nicht glauben.“
Vermutlich waren die Jünger auch von der jüdischen Tradition beeinflusst und wollten das Zeugnis der Frauen deshalb nicht glauben.

Jesus dagegen wies die rabbinische Tradition zurück, die den Frauen die Würde nahm.
Er behandelte die Frauen mit Ehre Respekt und Mitgefühl.

So liebe Dina, dies war heute nur ein kleiner Einblick in das Verhalten Jesu gegenüber Frauen.

Mir war früher nie so bewusst gewesen, dass sein Verhalten doch sehr von der Tradition abwich. Ich hatte noch so die emanzipierte Stellung der Frau aus dem Alten Testament im Sinn, als ich begann mich mit dem Neuen Testament zu beschäftigen.

Ich freue mich schon auf Deinen Besuch nächste Woche!

Bis bald.

Tschüß Inge

(c) Ingeborg Lüdtke

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“Marktplatz” im “Bürgerfunk Göttingen” gesandet im StadtRadio Göttingen am 16. Oktober 1998

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Kirchentag der anderen Art in Braunschweig (2003)

10.000 Christen beim Kongress von Zeugen Jehovas (2003) in Braunschweig erwartet.

Was die evangelische Kirche erst vor 54 Jahren geschafft hat, veranstalten Zeugen Jehovas seit 1889: Kongresse, vergleichbar mit dem Evangelischen Kirchentag. Der erste deutsche Kongress fand 1922 in Leipzig statt.

Auch in diesem Jahr (2003) veranstalten Jehovas Zeugen Kongresse in 22 verschiedenen Städten unter dem Motto „Verherrlicht Gott.“ Circa 10.000 Gläubige werden in Braunschweig vom 11. bis 13. Juli 2003 im Stadion an der Hamburger Straße erwartet. Jeweils zu Programmbeginn und Programmende singen die Gläubigen ein Lied und sprechen ein Gebet. Das Programm umfasst Vorträge und Erfahrungsberichte von Gläubigen. Im Mittelpunkt steht die Bibel und die Anwendung der Lehren im täglichen Leben.

Taufe
Besondere Highlights sind die Taufe am Samstagmorgen und das biblische Drama Sonntag früh. Es gibt Taufekeine Kleinkindtaufen mit wenigen Tropfen Wasser, sondern die Täuflinge werden ganz untergetaucht, doch zuvor gibt es noch eine Taufansprache. Das biblische Drama oder Theaterstück spielt meist in alter Zeit und entsprechend sind auch die Kostüme. Dazu bringt „Radio Okerwelle“ eine Sendung. Sie beinhaltet weniger die religiösen Lehren, sondern zeigt die Veränderungen der Kongressorganisation. Früher waren Tausende Helfer für die Verköstigung der Gläubigen in der Cafeteria in Zelten zuständig. Heute bringt sich jeder sein Essen mit. Auch sind die Anfahrtswege zu den Kongressen nicht mehr so weit und die Transportmittel haben sich doch sehr geändert. Früher reisten die Zeugen mit Sonderzügen nach Hamburg oder München, heute fahren sie mehr per Auto oder Bus nach Braunschweig.

Die meisten Gläubigen übernachten heute zu Hause im eigenen Bett, in Hotels oder der Jugendherberge, nur wenige zelten oder campen. In den 60er Jahren war es üblich auf Stroh in Zelten, Tanzsälen oder Schulen zu schlafen, später kam die Ära der Luftmatratzen in Messehallen. Die Kongresse dauerten früher oft eine Woche, heute nur drei Tage.

Das Programm ist kürzer und kompakter geworden, was viele bedauern, ist der Kongress doch dazu da, Freunde zu treffen. Dafür bleibt jetzt weniger Zeit.

In der Sendung erzählen einige Zeitzeugen über ihre Erlebnisse auf Stroh und Luftmatratzen zu schlafen oder welche freiwilligen Tätigkeiten sie so für ihre Glaubensgeschwister ausführten.

Zwei Gläubige berichten über den Besuch von internationalen Kongressen in den USA und Ghana.

Alles in allem ist es für die Gläubigen immer wieder ein Anlass zur Freude, diese Kongresse zu besuchen

© Ingeborg Lüdtke

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Die Sendung wurde am 6. Juli 2003 bei Radio Okerwelle ausgestrahlt

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Leopold Engleitner: „100 Jahre ungebrochener Wille“ (Kurzform)

“Mix Up”- Magazin im StadtRadio Göttingen ausgestrahlt am 11. April 2006

Sprecherin:

EngleitnerKönnen Sie sich vorstellen 100 Jahre alt zu werden?

Und angenommen Sie wären jetzt 100 Jahre alt, auf welchen Lebenslauf könnten Sie jetzt zurückblicken?

Der Österreicher Leopold Engleitner wurde am 23. Juli 2005 hundert Jahre alt.

Er stammt aus St. Wolfgang im Salzkammergut.

Der 100 Jährige stellte am 21. Januar 2006 an der Universität Innsbruck den Film und das Buch “100 Jahre ungebrochener Wille” von Bernhard Rammerstorfer vor.

Der Film „100 Jahre ungebrochener Wille“ zeigt einige Stationen des Lebens von Leopold Engleitner.

Leopold Engleitner ist Kaiser Franz Joseph I. als Kind mehrfach begegnet. Er berichtet:

(O-Ton aus dem Film „100 Jahre ungebrochener Wille“ von Bernhard Rammerstorfer):

„Anlässlich eines Sommerbesuches wollte der Kaiser noch einmal alle Schulkinder von Bad Ischl sehen. Wir mussten daher Spalierstehen vom Bahnhof bis zur Kaiservilla.“ (O-Ton Leopold Engleitner)

Sprecherin:

Im Sommer 1930 nahm der arbeitslose Leopold Engleitner eine Statistenrolle an:

Filmsprecher:

„Im Sommer 1930 war Sankt Wolfgang Schauplatz von Dreharbeiten für den Film ‚Liebling der Götter’. Der Kammersänger, Albert Winkelmann dargestellt von Emil Jannings, kehrte nach einer Südamerika Tournee in seine Heimat zurück. Leopold Engleitner musste ihn als Statist in der jubelnden Menge einen feierlichen Empfang bereiten. Dabei brillierte Hans Moser als Komödiant, während Engleitner in den hinteren Reihen seine Statisten Rolle erfüllte.“ (Film-O-Ton)

Sprecherin:

Aufgrund seiner religiösen Überzeugung als Zeuge Jehovas verweigerte er während des

Nazi-Regimes den Dienst in der deutschen Wehrmacht.

Er kam deshalb in die Konzentrationslager Buchenwald, Niederhagen und Ravensbrück.

Über die erste Zeit im KZ-Buchenwald berichtet er:

„In dem Wachzimmer hat mir das Aufsichtsorgan Fragen gestellt, die unmöglich zu seiner Zufriedenheit beantworten hätte können. Also musste ich mich jetzt über eine Bank hinüber beugen. Dann hat er mich mit einem spanischen Stock kräftig auf den Rücken und Hintern geschlagen. Dabei nahm

er das dünne Ende des Stockes in die Hand und mit dem dicken Ende drosch er auf mich ein. Und weil ihm das auch nicht ausreichte, hat er gesagt: “Ich muss dich erschießen.” Aber er erlaubte mir, noch eine Abschiedskarte nach Hause zu schreiben. Jetzt hat er mir eine Karte hergelegt und wie ich schreiben wollte, hat er mich am Ellbogen immer wieder gestoßen, sodass die Karte voller Gekritzle war. Dann schrie er: „Schau dir diesen Trottel an, nicht einmal schreiben kann er, aber Bibellesen kann er.“ Dann zog er die Pistole ganz umständlich heraus, dass ich Zeit zum fürchten hätte und schließlich setzte er sie mir an die Stirn an und fragte mich: „Jetzt ziehe ich ab, bist du gefasst.“ „Jawohl, ich bin gefasst“, habe ich gesagt. „Nein”, hat er gesagt “Du bist zum Erschießen auch zu blöde.“ (O-Ton Leopold Engleitner)

Sprecherin:

Auch im KZ-Niederhagen in Wewelsburg wurde er schlecht behandelt:

Wewelsburg NordturmFilmsprecher:„Am Bahnhof Wewelsburg, wo er in einem Außenkommando Werkzeug verpacken musste, bekam er die Brutalität der SS wieder am eigenen Leib zu spüren. Am Heimweg musste er sich einem anderen Kommando anschließen. Da er nicht Schritt halten konnte, entstand zwischen ihm und dem Vordermann ein kleiner Abstand. Ein Posten bemerkte das, wurde deshalb wütend und trat ihm von hinten mit dem Stiefel brutal in den Unterleib. Engleitner brach zusammen, krümmte sich vor Schmerzen und konnte sich nicht mehr bewegen.“ (Film-O-Ton)

„Ich konnte nicht mehr gehen. Die anderen Häftlinge mussten mich direkt ins hinein tragen. Beim Appell wurde ich daneben hingelegt. Erst später stellte sich heraus, dass mir dieser Wachtposten den Hoden zertreten hatte.“ (O-Ton Leopold Engleitner)

Sprecherin:

Das KZ- Niederhagen wurde im April 1943 aufgelöst.

Leopold Engleitner kam in das KZ- Ravensbrück.

Ravensbrück Kommandantur„Die Lagerverhältnisse waren in Ravensbrück ganz schlecht. Der Wäschewechsel war sehr selten, sodass wir am ganzen Körper voller Läuse und ganz zerfressen waren und die anderen Häftlinge waren gegen uns Bibelforscher so gehässig, schlimmer wie die SS.“ (O-Ton Leopold Engleitner)

Sprecherin:

Aufgrund der Fürsprache des Bürgermeisters in seiner Heimat wurde er am 15. Juli 1943 aus dem Konzentrationslager Ravensbrück entlassen.

Allerdings musste er sich zur „lebenslangen Zwangsarbeit in der Landwirtschaft“ verpflichten.

Kurz vor Kriegsende – am 17. April 1945 – bekam er noch den Einberufungsbefehl in die Deutsche Wehrmacht.

Leopold Engleitner floh in das Gebirge des Salzkammerguts und versteckte sich in einer Almhütte und in einer Höhle. Wochenlang wurde er von den Nazis gejagt, aber nicht gefunden.

Am 5. Mai 1945 konnte Leopold Engleitner nach Hause zurückkehren

Filmsprecher:

„Diese abenteuerliche Flucht bewahrte ihn vor dem sicheren Tod, denn am Stützpunkt Krummau, wohin er einberufen war, gab es nach einem Angriff der Tschechen keine Überlebenden. Es hatte sich für Leopold Engleitner bezahlt gemacht, dass er selbst unter Todesgefahr nicht von gerechten Grundsätzen abgewichen war. ER ging einen andeeren Weg und konnte so sein Gewissen bewahren. Engleitner stellte mit seinem Leben unter Beweis, dass es möglich war, sich als einfacher Mensch Hitlers Terrorregime zu verweigern. Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wäre in der Tat anderes geschriben worden, hätten mehr Menschen genauso couragiert gehandelt wie Leopold Engleitner. (Film-O-Ton )

© Ingeborg Lüdtke

Der Abdruck der Texte aus dem Film „100 Jahre ungebrochener Wille“ wurde freundlicherweise von Bernhard Rammerstorfer genehmigt.

Text- und Data-Mining: Ich behalte mir eine Nutzung aller Inhalte dieser Webseite für kommerzielles Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Leopold Engleitner verstarb am 21. April 2013.

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Frauen-KZ Moringen, Teil 1

Die Sendung wurde am 26.Januar 2001 im StadtRadio Göttingen ausgestrahlt.

„Moringen. Dieses kleine Städtchen liegt einige Kilometer nördlich von der Universitätsstadt Göttingen in Norddeutschland entfernt.“ (Hans Hesse)

(Anfangsgeräusche)

Sprecherin:

Moringen. Auf den ersten Blick eine ganz normale Kleinstadt.

Bei näherem Hinsehen stellt man fest: Moringen hat eine ungewöhnliche Geschichte. Diese Geschichte wird von vielen Bürgern immer noch verdrängt. Nur wenige mögen sich daran erinnern, dass es in Moringen ein KZ gegeben hat. Einmal im Jahr treffen sich ehemalige Inhaftierte in der KZ-Gedenkstätte in Moringen.
So auch wieder im September letzten Jahres (2000).

Die Kommunistin Hilde Faul, eine ehemalige Inhaftierte, sagte über das Erinnern:

„Ja, eigentlich große Erinnerungen an Moringen hat man freilich. Obwohl Sie müssen sich einmal vorstellen wie viele Jahre dazwischen sind und man ist alt, 85 Jahre, da funktioniert die Erinnerung nicht mehr so. Und wenn es funktioniert, dann braucht man lange Zeit bis sich die Erinnerung wieder entwickelt. Nein so schnell geht das nicht mehr.“

Sprecherin:

„Andererseits ist es auch ein Schutz für einen selber, das man viele schlechte Dinge vergessen kann.“

Hilde Faul:

„Ja, das ist ganz automatisch. Aber das was einem wirklich sehr kaputt gemacht hätte, das schaltet man aus, ohne sich das bewusst zu machen. Das schaltet das Gehirn scheinbar sowieso aus.“

Sprecherin:

Der 27.Januar wurde von Roman Herzog zu einem Gedenktag erklärt. Der 27. Januar ist ein „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Ich möchte Sie deshalb einladen, sich gemeinsam mit mir an das Frauen-KZ Moringen zu erinnern. Erinnern möchte ich durch Gespräche mit Zeitzeuginnen, Historikern und Dokumenten.

(Musik: Eleni Karaindrou „Eternity and a Day“)

Sprecherin:

Werkhaus MoringenIn dem Werkhaus Moringen, mitten in der Stadt gab es seit dem 11.April 1933 ein frühes Konzentrationslager. Eigentlich waren es drei aufeinander folgende Konzentrationslager:

Der Historiker Jürgen Harder bemerkt in seiner Magisterarbeit dazu:

„Die Konzentrationslager in Moringen sind nicht alleine zu betrachten. Sie wurden im Provinzialwerkhaus in Moringen gegründet. Dieses war ein Werkhaus welches bereits lange Jahre zuvor bestand, so dass im April 1933 ein sogenanntes frühes KZ eingerichtet werden konnte. Dieses KZ bestand bis November 1933. Bereits im Sommer desselben Jahres wurden die ersten weiblichen Ravensbrück 039sogenannten Schutzhäftlinge in ein eigens für sie eingerichtete Frauenschutzhaftabteilung inhaftiert. Von Ende 1933 bis Anfang 1938 wurden im den Gebäuden des Werkhauses ein Frauen-KZ unterhalten. Es folgte von 1940 bis zum Ende des sogenannten Dritten Reiches ein Jugend-KZ für männliche Jugendliche. Ein Pendant sozusagen für weibliche Jugendliche bestand in Uckermark bei Ravensbrück.“

Sprecherin:

Wie bereits erwähnt, möchte ich Ihnen speziell über das Frauen-KZ Moringen berichten.

Der Historiker Hans Hesse erklärte zum Frauen-KZ folgendes:

„Dieses erste Frauen-KZ unterschied sich noch ganz erheblich von späteren wie z.B. Ravensbrück oder auch Auschwitz. So gab es in Moringen beispielsweise noch keine Häftlingskleidung und noch keine Winkel…. Und die SS bewachte dieses KZ auch noch nicht. In dieses erste Frauen-KZ kamen aber bereits Frauen, die wir bereits von den späteren Häftlingskategorien kennen. Insgesamt ca. 1350 Frauen in 5 Jahren von 1933 bis 1938.“

(Musik:Lied 171 Siegeslied)

Sprecherin:

Mit Jürgen Harder sprach ich über Gründe, die zur Verhaftung führten.

Sprecherin:

Und warum ist man jetzt als Frau in ein KZ gekommen?

Jürgen Harder:

Dafür gab es vielerlei Gründe. Es waren vielfach Übertretungen gegenüber den nationalsozialistischen Gesetzen und Verordnungen. Aber es konnte auch viel subtiler geschehen. Es reichte bereits in Gegenwart von anderen Personen gegen das Herrschaftssystem dem Führer oder Angehörigen ihres Machtapparates sich negativ zu äußern. Weitere Gründe waren die Verweigerung der Kriegsdienstes bzw. die Unterstützung des Mannes in seiner Intension. Weitere für die Inhaftierung in ein Schutzhaftlager war die politische Betätigung als Kommunistin z.B. oder Sozialdemokratin, grundsätzliche Verweigerungshaltung gegenüber den Machtansprüchen des Staates z.B. den Bibelforscherinnen, die Verweigerung des Luftschutzdienstes. Es gab sogenannte Luftschutzbeauftragte, in jedem Block, der zudem noch durch Blockwarte kontrolliert wurde. Wohnblock ist hiermit gemeint. Da sind verschiedene Arbeiten mit verbunden, die sind rein organisatorischer Art. Das z.B. Wassereimer bereitgestellt werden mussten. Es mussten Übungen abgehalten werden. Als Vorbereitung auf den kommenden Krieg und das bereits viele Jahre bevor der Krieg offiziell wurde. Weitere Gründe für eine Inhaftierung waren Weigerungen zu spenden. Offiziell waren das freiwillige Spenden, aber inoffiziell war es eine Zwangsmassnahme, z.B. für das Winterhilfswerk zu arbeiten und zu spenden, für die verschiedenen Massenorganisationen und der finanziellen Nöte so zu sagen einzutreten. Viele Gründe für die Inhaftierungen leiten sich auch aus den sogenannten Häftlingsgruppen ab.

(Musik: Daniel Kempin, Jüdische Musik)

Sprecherin:

Welche Häftlingsgruppen gab es im Frauen-KZ Moringen?

Jürgen Harder:

„Also in Moringen speziell gab es Kommunistinnen, Sozialdemokratinnen, sogenannte Remigrantinnen, dass waren Jüdinnen und in männlichen Lagern auch Juden, die erst emigriert waren und nach einer gewissen Zeit dachten, die Verhältnisse in Deutschland hätten sich beruhigt und sie könnten zurück in ihre alte Heimat. Die wurden in Haft genommen und in Schutzhaftlager, sprich KZ eingewiesen bis sie entweder wieder abgeschoben bzw. die Abschiebung erkaufen konnten oder halt später in andere Lager mitunter auch in Vernichtungslager abgeschoben wurden. Weitere sind Rassenschänderinnen.“

Sprecherin:

Rassenschänderinnen waren Frauen, die mit Juden verheiratet waren oder eine außerehelichen Beziehung mit ihnen eingingen.

Jürgen Harder:

„Des weiteren kamen Prostituierte dazu, sogenannte Berufsverbrecherinnen, das waren Frauen, die mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt gerieten, die nationalsozialistische Gesetze waren, sprich mehrfache kleinere Übertretungen konnten zu einer Stigmatisierung und Kriminalisierung als Berufsverbrecherinnen führen. Des weiteren eine sehr defuse Gruppe, die sogenannten Staatsfeindlichen, sprich die sich difitistisch oder staatsfeindlich geäußert hatten, und von Bekannten oder auch persönlichen Feinden denunziert worden waren. Die sogenannten Staatsfeindlichen waren eine erhebliche Gruppe. Dabei muss man auch sagen, dass es oft nicht klar zu trennen ist. Kategorisierungen wurden vielfach von den Nationalsozialisten vorgenommen und somit muss man sie mit äußerster Vorsicht betrachten. Besonders bei den sogenannten Asozialen. In Moringen waren mehrere minderjährige Frauen inhaftiert, die nicht in die Fürsorge sollten, weil sie als sogenannte Asoziale von denen abgelehnt wurden. Einige von ihnen wurden später sterilisiert. Zwangssterilisiert wohl bemerkt. Weiterhin waren in Moringen Lesbierinnen. Wobei sie aber nicht offiziell als Lesbierinnen inhaftiert waren, sondern unter einem anderen Vorwand verhaftet oder inhaftiert wurden. Bei der einen Frau war es so, dass sie kommunistischer Umtriebe sozusagen beschuldigt wurde. Eine andere war zusätzlich noch eine Halbjüdin und damit doppelt und dreifach unter Verfolgungsdruck.“

Sprecherin :

Laut Dr. Hans Hesse gab noch eine weitgrößere Häftlingsgruppe:

„Die größte Gruppe stellten die Zeuginnen Jehovas. Die Zahlen schwanken allerdings ganz erheblich, so sind für die Jahre 1933 und 1934 noch keine Einlieferungen bekannt. doch im Dezember 1937 stellten die Zeugen Jehovas plötzlich mit nahezu 90% aller Häftlinge, die weitaus größte Zahl.“

(Musik: George Bizet, Carmen, Suite 1 Les Toreadors)

Sprecherin:

Vier Zeitzeuginnen berichten nun über Ihre persönlichen Haftgründe.

Die Kommunistin Hilde Faul berichtet:

„Verhaftet bin ich worden am 15.8.33. Also ich war noch nicht ganz 18 Jahre. Bin ich verhaftet worden und zwar weil ich im kommunistischen Jugendverband war. Wir haben Plakate … geklebt gegen die Faschisten und alles weitere auch noch. Wir haben eine kleine Demonstration gemacht …Dann war ich bis 1934 in Schutzhaft, dann war ein großer Prozess gegen Jugendliche, alles Mitglieder des kommunistischen Jugendverbands. Der Prozess war 1934 und da bin ich zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt worden, wegen Vorbereitung zum Hochverrat und die 8 Monate hab ich dann in der Strafanstalt Eichach verbüßt und nach der Strafverbüßung bin ich wieder in Schutzhaft gekommen und zwar war ich da im Landgerichtsgefängnis Landshut und von dort aus bin ich dann ins KZ-Moringen gekommen. Also das war Ende 1935/Anfang 1936 so genau weiß ich dass nicht mehr. Bis zu meiner Entlassung am 2. Mai 1937, war ich im KZ Moringen.“

Sprecherin:

Die Kommunistin Anni Pröll war 1936/37 in Moringen inhaftiert:

„ Ich hatte schon eine Haftstrafe von 21 Monaten hinter mir, wegen Vorbereitung zum Hochverrat und es war damals schon so üblich, dass die Gestapo die Häftlinge von den Haftanstalten abholten und dann nach Moringen brachten.“

Sprecherin:
Gedenktafel Änne Dickmann
Die Zeugin Jehovas Änne Dickmann kam im Herbst 1937 nach Moringen. Hören wir mal in das Gespräch mit Hans Hesse rein:

Hans Hesse:

„Wie ist es denn zu ihrer Verhaftung gekommen?“

Änne Dickmann:

„Ich habe meinen Mann Wäsche gebracht und dabei haben sie mich festgehalten.“

Hans Hesse:

„Warum?“

Änne Dickmann:

„Ja, wir hatten doch vorher 1936 den Offenen Brief verteilt und im Juni 1937 auch einen Brief an die Öffentlichkeit und die wurden bei uns Zuhause zurecht gemacht und aus den verschiedenen Versammlungen wurden sie bei uns abgeholt.Aber wir kannten uns nicht so ganz genau gegenseitig und ich hab wohl ein bisschen Kaffee eingeschenkt und dergleichen und der neben mir gesessen hat, der hat uns nachher verraten. Aber dann wurde er mir gegenüber gestellt und da meinte er: ‚Ich weiß nicht, ob sie das ist. Ich meine sie wäre größer und dicker gewesen.’ Und ich habe so getan, ob ich ihn nicht kenne. Ich habe ihn wohl angekuckt und habe mich nicht mehr dran gestört, was er gesagt hat und daraufhin hatten sie keinen Grund mich jetzt vor Gericht zu bringen. Nein, weil sie nicht beweisen konnten, dass ich jetzt wirklich dabei gewesen bin oder dass sie bei uns gewesen waren und da kam ich sofort ins KZ.!

Sprecherin:

In dem Film „Fürchtet Euch nicht“ von Fritz Poppenberg wird über die Verhaftung der Zeugin Jehovas Erna Ludolph berichtet:

„Eine der Zeuginnen Jehovas, die im Sommer 1937 unter großer Gefahr diese Flugblätter verteilte, war die Hausangestellte Erna Ludolph: ‚Und dann sehe ich mit einem Mal auf der Srraße 2 Männer stehen. Mit Rädern und da schoss mir durch:´ Die stehen für Dich da. Was machst Du?`Da war ich nicht mehr in der Lage noch ein Haus aufzusuchen und hab erst gedacht: `Fährst Du entgegengesetzt? Nein. Nicht fliehen, dass ist eine unnötige Jagerei. Die sind Dir überlegen. Du fährst geradeaus. Du wirst sehen, entweder stehen sie für Dich da und lässt es an Dich herankommen.’ Entweichen konnte ich nicht und hab den Tatsachen ins Angesicht geschaut. Hieß es von Rad absteigen und hat ich ja noch einige bei mir und jetzt, war ja jetzt in Sichtweite. Und dann wurde ich gefragt, ob ich da oben gewesen wäre. Ja, der Pastor hat Meldung gemacht. Somit wusste ich dann, dass es der Pastor war, der mich da möglicherweise gesehen hat.“

(Musik-instrumental „Lied 29 Vorwärts Ihr Zeugen“ im KZ von Willi Frost komponiert)

Sprecherin:

Die Zeugin Jehovas Änne Dickmann erinnerte sich im Gespräch mit Hans Hesse an den Sammeltransport nach Moringen und an ihren ersten Eindruck vom Frauen-KZ.

Hans Hesse:

„Wann sind Sie denn nach Moringen gekommen?“

Änne Dickmann:

„Im Oktober 1937 über Kassel per Sammeltransport. Zuerst im Gefangenenwagen. Dann habe ich übernachtet in Kassel, wo es sehr sehr schmutzig war. Unglaublich schmutzig.“

Hans Hesse:

„Sie waren nicht alleine?“

Änne Dickmann:

„Nein, es waren mehrere und als wir abends ankamen in Kassel, da waren hohe Betten übereinander. Da lagen welche am Boden im Stroh und da bin ich reingekommen und habe geguckt. … was das hier wohl werden soll. Ich habe mich auch nicht hingelegt und so eine Weile später fragte jemand, wer ich wäre, warum ich da wäre. Da hab ich gesagt: ‚Ich bin ein Zeuge Jehovas.’ ‚Ich auch.’ ‚ Ich auch’. ‚Ich auch.’ Da waren etliche. Und dann kamen wir zusammen nach Moringen.“

Hans Hesse:

„Was war so ganz spontan Ihr erster Eindruck?“

Änne Dickmann:

„Ja, was soll ich da sagen. Man kommt einfach in einen großen Raum, wo schon viele sind, viele Zeugen Jehovas, nich? Alles war eng zusammengepfercht und auf Stühlen oder Kisten lagen Bretter.“

(Musik: Filmmusik aus „Comedian Harmonists“)

Sprecherin:

Wie sah nun der „normale“ Alltag der Frauen aus? Was gab es zum Beispiel zu essen?

Jürgen Harder schreibt:

„Das Essen war dürftig. Geprägt von Eintopf und Mangelwirtschaft.“

Sprecherin:

Dies wird auch durch eine Aussage von Anni Pröll bestätigt:

„Ich war dann mit 17 verhaftet, hatte dann wenig zu essen, da braucht man ja auch etwas zum Aufbau und das hatte ich nicht..“

Sprecherin:

Änne Dickmann erzählte, das Essen:

„…war kalt und schmeckte nach Soda.“

Hans Hesse:

„Konnten Sie sich was zu den Lebensmitteln dazukaufen?“

Änne Dickmann:

„Damals ja, wer Geld hatte konnte sich etwas kaufen.“

(Musik-Akzent)

Sprecherin:

Jürgen Harder berichtet weiter über die Haftbedingungen:

„Die Haftbedingungen im KZ Moringen waren noch nicht so schlimm wie in den späteren Vernichtungslagern der späteren Phase. Die Unterbringung der Frauen erfolgte in überfüllten Räumen, die aufgrund der Enge teils klaustrophobische Anfälle bei den Frauen hervorrief. Bedeutete dass die Frauen sehr unter der Enge, unter der steten Präsenz von anderen Menschen litten. Psychisch war es eine sehr schwere Situation für sie. Zu dem kam im Winter erhebliche Kälte. Sie wurden unterm Dach des Gebäudes untergebracht. teilweise konnten sie die Sterne sehen, es schneite herein, die Decken waren nicht ausreichend. In den Zimmern standen Latrinenkübel, die nur einmal ausgeleert wurden am Tag. Im Tagesraum, wo sie den ganzen Tag über sitzen mussten, hatten sie einen festen Platz, den sie nicht verlassen durften. Daraus leitet sich auch der Begriff der sogenannten Lehne ab. Die Stühle der Frauen hatten keine Rückenlehnen, (sondern) sie mussten jeweils Rücken an Rücken sitzen. Die hinter ihr sitzende Frau war die sogenannte Lehne.“

Sprecherin:

Dieses wurde auch von Anni Pröll bestätigt:

„… das war eine sehr starke Beengung. Wir saßen eng nebeneinander, das Lager wurde ja dann zu klein für die vielen Einlieferungen.“

Sprecherin:

Änne Dickmann erinnerte sich gegenüber Hans Hesse::

Hans Hesse:

„Zu wievielt waren Sie da in dem Raum?“

Änne Dickmann:

„70, 80 denke ich.“

Hans Hesse:

„Was waren das für Frauen, mit denen Sie zusammen waren?“

Änne Dickmann:

„Alles, Alte und Junge.“

Hans Hesse:

„Waren das überwiegend ältere Frauen?“

Änne Dickmann:

„Ja, so Mittelalter: 50, 60 waren viele. Es waren auch viele Junge.“

(Musik: Filmmusik aus „Comedian Harmonists“)


Sprecherin:

Fast alles spielte sich im Tagesraum ab: essen, frisieren, handarbeiten, ausziehen und anziehen.

Die Frauen trugen noch ihre Privatkleidung.

Jürgen Harder:

„In Moringen wurde noch keine Häftlingskleidung getragen. Die Frauen konnten ihre Privatkleidung tragen. Die Häftlingskleidung kam erst in späteren Lagern.“

Sprecherin:

Werkhaus MoringenWie gesagt: Fast alles spielte sich in den Tagesräumen ab. Doch es gab für die meisten Häftlinge auch einen täglichen Rundgang auf dem Hof.

Jürgen Harder berichtet:

„Zweimal am Tag wurden sie für eine halbe Stunde zum Rundgang auf den Hof geführt.“

Sprecherin:

Änne Dickmann erinnerte sich:

„Ich weiß nur, dass wir immer im Kreis gelaufen sind und ziemlich schnell, damit wir ein bisschen Bewegung hatten.“

Sprecherin:

Nicht jeder durfte an diesem Rundgang teilnehmen:

Jürgen Harder:

„Von Gertrud Keen habe ich hier ein Zitat über ihre Haftzeit in Moringen, worin klar wird, dass ihr selbst der kurze Hofgang verwehrt wird: ‚Und ich bin in der ganzen Zeit, in der ich da war nur einmal rausgekommen. Also ich hab von Moringern gehört, dass sie täglich eine halbe Stunde einen Spaziergang auf dem Hof hatten. Das habe ich nie erlebt. Wir sind nie auf den Hof gekommen. Ich habe diese beiden Räume, nämlich einen Schlafsaal und einen Esssaal -und Aufenthaltssaal habe ich nur gesehen. Ich hab da nichts gesehen, wir haben immer nur zum Fenster rausgekuckt.’“

(Musik:Comedian Harmonists“Ein neuer Frühling wird in die Heimat kommen“)

Sprecherin:

Natürlich gab es auch in Moringen Zwangsarbeit. Allerdings unterschied sie sich in diesem KZ von den späteren Frauen-KZ´s.

Jürgen Harder:

„Der Alltag war besonders geprägt von Monotonie. In der Anfangszeit des KZ Moringen waren kaum Arbeiten vorhanden, da in der Region kaum Betriebe waren, wo größere Mengen von Häftlingen untergebracht werden konnten. Dennoch mussten sie arbeiten und zwar für das Winterhilfswerk Kleidung ausbessern und teilweise Arbeitseinsätze auf den Feldern rundherum in der Landwirtschaft. Diese Arbeiten wurden sogar teilweise als Befreiung empfunden, zumindest 1 oder 2 Std. am Tag aus diesen Räumlichkeiten herauszukommen.“

Von solchen Arbeitseinsätzen auf dem Feld berichtet Hilde Faul:

„Für die Bibelforscher (Zeuginnen Jehovas) hat es überhaupt nichts gegeben, überhaupt gar nichts. Sie haben ja noch nicht einmal lesen dürfen. Sie haben ja keine Zeitung gekriegt und nichts. Und für die übrigen Häftlinge nun ja erstens einmal im Sommer waren wir draußen. Wir haben auf dem Feld mitgearbeitet. Ich weis gar nicht mehr was da für Schonungen waren. Maulbeerbäume glaube ich waren das. Die mussten gepflegt werden und so weiter. Es gab da Seidenraupenanlagen. So genau weiß ich das auch nicht heute. Es hat viele bei gehabt, die die nicht mehr weiterarbeiten konnten. Und so weiter und unter denen war nämlich auch ich und die halt nicht draußen mitarbeiten konnten, die mussten sich halt drinnen selber beschäftigen. Nein und das naben wir ja auch weidlich gemacht. Wir haben Handarbeiten gemacht und was anders konnten wir ja nicht mehr. Wir haben viel gelesen … die Winterhilfsklamotten, die haben sie dann im Spätherbst gebracht und wir haben schon dran arbeiten müssen.“

Sprecherin:

Später mussten sich die Häftlinge selbst beschäftigen:

Anni Pröll und Änne Dickmann berichteten:

Anni Pröll:

„Wir konnten noch zusammen sprechen, wir hatten das Leidliche, das wir zu meiner Zeit sehr wenig beschäftigt wurden. Und es waren noch Frauen auf dem Feld draußen zur Feldarbeit eingeteilt, die dann aber auch eingestellt wurde und meine Vorgängerinnen, die hatten noch fürs Winterhilfswerk mit den Kleidern zu tun, aber das wurde dann auch eingestellt. Also für uns Häftlinge gab es dann keine Arbeit. Wir mussten uns oder konnten uns noch mit eigenen Handarbeiten versorgen.“

Änne Dickmann:

„..alles eng zusammengepfercht und auf Stühlen oder Kisten lagen Bretter und saßen wir wie die Hühner auf der Stange den ganzen Tag auf dem Brett und dann wir sind zwischendurch mal in Hof mal um den Baum herum gelaufen. Wir durften Handarbeiten machen. Wir konnten uns Material von zu Hause schicken lassen und durften sie auch wieder zurückschicken.“

Änne Dickmann berichtete aber auch:

„Wir haben auch auswendig dann Bibelsprüche gelernt, ganze Psalmen auswendig gelernt.“

(Musik: Filmmusik „aus Comedian Harmonists“)

Sprecherin:

Tagsüber wurden die Frauen bewacht.

Anni Pröll bemerkte dazu:

„Wir hatten keine SS. Wir hatten nur diese Frauen, die uns bewachten von der NS-Frauenschaft. Wir hatten ziemlich intelligente Frauen auch da und diese Bewachungen, die haben uns eigentlich nichts anhaben können.

Sprecherin:

Abends wurden sich die Frauen selbst überlassen. Dieses nutzten die Frauen auch einmal, um sich zu vergnügen. Hilde Faul erzählte:

„Fasching haben wir uns mit die Winterhilfsklamotten einmal alle maskiert, aber erst abends im Schlafsaal, als keine Aufseherin mehr da war, sonst nicht.“

(Musik: Comedian Harmonist: Ein bißchen Leichtsinn kann nicht schaden)

Sprecherin:

Der gemeinsame Schlafsaal befand sich in der oberen Etage. Änne Dickmann und Hilde Faul äußerten sich dazu wie folgt:

Änne Dickmann:

„Zum Schlafen waren wir oben.“

Sprecherin:

„Kommunisten, ZJ und SPD waren alle im gleichen Schlafraum?“

Hilde Faul:

„Ja, aber tagsüber die Aufenthaltsräume, die waren getrennt. Da waren die politisch Verfolgten, denn es waren nicht bloß Kommunisten. Wir haben ja auch SPD-Frauen gehabt und später ist ja alles möglich noch dazugekommen: Asoziale und sowas, das hat man ja systematisch dann gemacht, das war später dann. Aber am Anfang waren wir bloß wirklich die SPD-Genossinnen und wir Kommunisten. Das war anfangs und dann später hat sich das irgendwie gemischt und für die Bibelforscher war extra ein Raum da. Und für die jüdischen Häftlinge war auch ein Extra-Raum. Das dürfte es gewesen sein. Und dann war da in Moringen noch ein Raum. Ein Haftraum so als Strafraum.“

Sprecherin:

Über die Zustände in dem Schlafraum schrieb Hanna Elling:

(Zitat Hanna Elling): „ Die Nächte waren schwer zu ertragen, wir schliefen in je zwei übereinander gestellten Betten unter dem Dach. Der Raum war nicht heizbar und in der Mitte stand ein großer Kübel.“

(Musik: Mozart, Kleine Nachtmusik)

Sprecherin:

Wie war das Verhältnis der Häftlinge untereinander?

Die Kommunistin Hilde Faul berichtete folgendes:

Sprecherin:

„Und wie war so das Verhältnis untereinander. War das ein freundschaftliches Verhältnis?“

Hilde Faul:

„Sie müssen die Zusammensetzung sehen, damals als ich nach Moringen gekommen bin, da waren wir alles fast nur politische Häftlinge. Und da haben wir 3 Genossinnen von der SPD gehabt und die anderen waren alles Kommunisten. Und bei uns war der Kontakt kameradschaftlich. Da hat es überhaupt bei uns kein Diskussion gegeben und wir konnten ja auch von unsern Angehörigen wir Geld geschickt kriegen nach Moringen und ein Pakete kriegen und das war so selbstverständlich, dass das alles aufgeteilt wurde.

Es waren ja viel Frauen dabei, deren Männer waren in Dachau, die hatten natürlich nie ein Paket oder etwas gekriegt, auch keinen Pfennig Geld, also das ist gut organisiert worden, dass jeder etwas hatte.“

Sprecherin:

„Und das find ich also sehr schön, dass man auch geteilt hat.“

Hilde Faul:

„Ich zum Beispiel alle paar Wochen 3 Mark gekriegt, das war damals ein Haufen Geld für meine Leute. Und habe alle 14 Tage ein Paket gekriegt.“

Sprecherin:

„Aber das war damals ja noch möglich.“

Hilde Faul:

„Ja, das war erst später nicht mehr drin. In diesem Fall unterscheidet sich ja Moringen grundsätzlich von den nachfolgenden Lagern. Und da hatten wir eine Kameradschaft, wirklich kameradschaftliche Verhältnisse hatten wir da.”


Sprecherin:

Auch die Zeugin Jehovas Änne Dickmann bestätigte dies:

„Ja die nächste Gemeinschaft hat dann immer was abgekriegt“.

(Musik: Filmmusik aus „Comedian Harmonists“)

Sprecherin:

Unter den Häftlingen gab es eine starke Gruppenidentität und Solidarität.

Jürgen Harder:

„Ja, die Gruppe der Zeugen Jehovas zeichnete sich durch eine starke Gruppenidentität aus, die für das Leben in den Lagern unabdingbar war. Ähnliche Verhaltensweisen oder eine ähnliche Gruppenidentität lässt sich bei den politischen Häftlingen zum Beispiel finden.

Sprecherin:

Dies bestätigt die Kommunistin Anni Pröll:

„Im Bayernsaal hatten wir ein gutes solidarisches Verhältnis untereinander. Eine hat der anderen geholfen und auch wenn jemand traurig war, dort konnte man sich aussprechen, untereinander, das hat vielen in Moringen geholfen.“

Sprecherin:

Anni Pröll erinnerte sich weiter:

„Ich saß ja im Bayernsaal, dort waren auch Frauen, die Mündnerinnen, Sie waren wegen ihren Männern drin, die auch sich politisch eingesetzt hatten, die teilweise in Dachau oder anderswo waren. Und es war so bei der Frau Maria Götz von München, deren Mann war in Dachau schon getötet worden. Also es waren für uns Zustände, dass wir uns gegenseitig getröstet haben, das wir einen ganz starken Zusammenhalt hatten. Und ich war damals eine der Jüngsten. Ich glaube als ich eingeliefert wurde, sogar die Jüngste und wurde von den Frauen sehr betreut.“

Sprecherin:

Einige Frauen kamen mit der gesamten Situation nicht zurecht.

Über sie sagt Jürgen Harder:

„Aber die physische Situation der Frauen war anscheinend sehr bedrückend. So gab es mehrere Selbstmordversuche, wo wir allerdings nicht genau wissen wie viele davon erfolgreich waren.“

(Musik-Akzent:Comedian Harmonists aus „Am Brunnen vor dem Tore..“:“ich möcht´s am liebsten sterben, da wär´s auf einmal still…“)


Sprecherin:

Wie war aber die Situation der Familien zu Hause?
Wie kam die Familie ohne die Mutter und Ehefrau aus?
Welche Entlassungsgründe gab es ?
Welche Strafen gab es im Frauen-KZ Moringen?
Dies uns vieles mehr erfahren Sie in dem 2. Teil der Sendung in einer Woche

(Filmmusik aus „Commedian Harmonists“)

© Ingeborg Lüdtke

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Frauen-KZ Moringen, Teil 2

Die Sendung wurde am 2. Februar 2001 im StadtRadio Göttingen ausgestrahlt.

„Moringen. Dieses kleine Städtchen liegt einige Kilometer nördlich von der Universitätsstadt Göttingen in Norddeutschland entfernt.“ (Hans Hesse)
(Stimmen und Verkehr)

Sprecherin:

Ich möchte Sie auch heute wieder einladen sich mit mir an die Opfer des Nationalsozialismus in dem Frauen-KZ Moringen zu erinnern.
Auch für die Frauen im KZ-Moringen wurde der 27.Januar zu einem „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ erklärt.

Heute nun wie angekündigt der zweite Teil der Sendung.
Der erste Teil der Sendung ließ noch viele Fragen offen, z. B.:

Wie war die Situation der Familien zu Hause?
Welche Entlassungsgründe gab es?
Werkhaus MoringenWelche Strafen gab es im Frauen-KZ Moringen?
Gab es unterschiedliche Strafen für die einzelnen Häftlingsgruppen?
Wer verhängte die Strafen?
Und wer war der Lagerdirektor?

(Musikakzent: Comedian-Harmonists aus „Am Brunnen vor dem Tore“: „ … mein Liebchen ist verschwunden, das dort gewohnet hat…“ )

Sprecherin:

Die inhaftierten Frauen litten unter der Trennung von den Familien.

Wie kamen aber die Familien ohne die Mütter aus?
Wer kümmerte sich zum Beispiel um die Kinder?

Katharina Thoenes war 1936/1937 in Moringen.
Sie war eine Zeugin Jehovas oder Bibelforscherin, wie man die Zeugen Jehovas damals nannte. Katharina Thoenes war Mutter von einem Sohn.

Hans Thoenes antwortete mir auf die Frage, wer sich um ihn gekümmert hat:

Hans Thoenes:

„Ich erinnere mich, dass viele leibliche Schwestern meiner Mutter, sich um uns
kümmerten. Aber da Vater ja auch schon von Krupp entlassen war, weil er ein Zeuge
Jehovas war und keinen Beitrag zur deutschen Arbeitsfront leisten wollte, war es uns ja möglich, unsere eigenen Angelegenheiten, in Ordnung zu bringen. Sooft habe ich wohl kaum Sozialarbeiter des damaligen Systems bei uns gesehen, die nachforschen wollten, ob ich gut behandelt würde, ob ich mein eigenes Zimmer habe und ob ich regelmäßig mein Essen bekäme.“

Sprecherin:

Hat er sich als Kind von seiner Mutter vernachlässigt gefühlt, weil sie nicht bei ihm war?

Hans Thoenes:

„Solange ja mein Vater zu Hause war, haben wir wohl sehr viel darüber gesprochen, was wohl mit Mutter sein würde, aber mein Vater war ebenfalls ein treuer Zeuge Jehovas, der ja auch zuletzt in Buchenwald im KZ war. Er hat schon immer wieder darauf hingewiesen, dass wir mit Aggression zu rechnen haben und das wir einfach versuchen müssen, mit diesen Problemen fertig zu werden. Was die Vernachlässigung betrifft, natürlich als 9 oder 10 Jähriger vermisst man die Mutter. Aber das war ja nicht Schuld der Mutter, sondern der Behörden.“

(Musikakzent)

Sprecherin:

Die Zeuginnen Jehovas verweigerten Arbeiten für das Winterhilfswerk auszuführen. Hugo Krack, der Lagerdirektor verhängte deshalb eine Post- und Paketsperre für die Zeuginnen Jehovas.

Der Historiker Jürgen Harder berichtete über die Strafen im KZ-Moringen:

In Moringen wurden noch keine Körperstrafen im Sinne der späteren Konzentrationslager angewandt, jedoch waren die Strafen sehr wirksam. Es wurde Isolationshaft angewendet sprich einzelne oder auch Gruppen von Frauen wurden von ihren Zusammenhängen getrennt und meist verbunden mit Essensentzug, Post- und Paketsperre, sowie Kontaktsperre und Geldsperre, in Einzelzellen im Keller untergebracht. Die Geldsperre hatte in sofern noch eine Bedeutung, da man im Lager in der Anfangszeit noch etwas dazu kaufen konnte und damit die karge Kost aufbessern konnte. Die Post- und Paketsperre, sowie die Kontaktsperre wurden als eine der härtesten Strafen empfunden. Teils über Monate wurde diese Strafe aufrecht erhalten, d.h. die Angehörigen, als auch die Frauen selbst erfuhren nichts von Schicksal des anderen. So kamen Briefe von Angehörigen ins Lager, in dem sich die Person über den Verbleib Ihrer Mütter und Geschwister erkundigten. Der Lager Direktor Hugo Krack meinte darauf in der Regel nur, den Frauen ginge es gut. Sie hätten sich der Lagerordnung widersetzt und würden deswegen in Isolationshaft gehalten.

(Musik-Akzent:Ingeborg Hallstein:“Ich bin die Christl von der Post“:“…..Nur nicht gleich und auf der Stelle, denn bei der Post gehts nicht so schnell…“)

Sprecherin:

Die Kommunistin Hilde Faul erinnerte sich an eine Postsperre für die Zeuginnen Jehovas.

„Eines Tags sind sie ja gekommen und haben uns ja Winterhilfsklamotten gebracht. Das heißt, das was gesammelt worden ist von der Bevölkerung , die alten Kleider und Sachen und die mussten umgeändert werden oder mussten ausgebessert werden. … Ob sie gewaschen werden mussten … dass weiß ich nicht mehr, kann mich nicht mehr so erinnern. Aber auf jeden Fall war es dann so, dass die Bibelforscherinnen das abgelehnt haben und zwar, weil das mit eine militärische Handlung sein kann, irgendwie haben sie es damit begründet. … So wie ich es in Erinnerung habe, hätten auch die Bibelforscherinnen Strümpfe bzw. Herrensocken stricken sollen. Und ist dann die Frage kommen: Für wen sind die Herrensocken? Für das Militär. Und das haben sie abgelehnt. Für das Militär machen sie nichts und daraufhin hat man sie dann isoliert. Man hat sie in etwa schon bestraft, sie haben mit uns kein Hofgang mehr gehabt, sondern getrennt von uns und haben, ich glaube sogar, sie haben keine Pakete mehr kriegen dürfen. Mit dem Geld wird es genauso gewesen sein, aber das kann ich nicht genau behaupten. Dadurch war ja auch praktisch der Kontakt zu den Bibelforschern unterbrochen.

(Musik: Eleni Karaindrou „Eternity and a Day“)

Sprecherin:

Auch für Katharina Thoenes galt die Post- und Paketsperre. Hans Thoenes und sein Vater waren über das Schweigen der Mutter beunruhigt und wandten sich an den Lagerdirektor Hugo Krack.

Mit Hans Thoenes sprach ich über die Postsperre:

Sprecherin:

Ich habe (aber) in dem Buch von Hans Hesse „Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas …“ gelesen, dass Sie versucht haben mit Ihrer Mutter in Kontakt zu kommen und Sie auch einen Brief an den Lagerleiter Herrn Krack in Moringen geschrieben haben. Was können Sie uns darüber berichten?

Hans Thoenes:

„Ja, das stimmt. Denn einige Wochen vorher hatte mein Vater schon versucht über die Lagerleitung zu erfahren, was wohl mit meiner Mutter geschehen sei und aufgrund dessen, dass wir keine Nachricht bekamen, habe ich nochmal in ähnlicher Weise einen Brief an die Lagerleitung geschrieben, der wie Sie ja sagten in dem Buch von Herrn Hesse veröffentlicht worden ist. In etwa antwortete mir der Herr Krack, dass den Zeugen Jehovas  eine Postsperre auferlegt worden sei, sodass sie keinen Kontakt mit ihrem Angehörigen zu Hause pflegen konnten. Denn bis dahin war es ja noch möglich, den Gefangenen Pakete oder Geld zuzuschicken.“

Sprecherin:

Ich habe jetzt auch in dem Buch von Hans Hesse gelesen, dass er Sie als Kind gesiezt hat. Wie haben denn Sie auf diesem Brief reagiert?

Hans Thoenes:

„Also, wenn ich das heute noch wüsste, also in direkt haben wir uns nur an geschaut, mein Vater und ich, weil wir jetzt erst einmal wussten, dass die Mutter noch lebte. Eine Reaktion? Es war einfach schockierend für uns, dass er nicht persönlich auf diesen Brief eingegangen ist, sondern nur einfach mitteilte, was ich Ihnen eben schon sagte.“

(Musik: Eleni Karaindrou „Eternity and a Day“)

Sprecherin:

Katharina Thoenes hatte rötliches Haar. Es ist daher anzunehmen das Hilde Faul von ihr sprach, als sie berichtete:

“Aber da war eine Frau dabei, die muss aus Nordrheinwestfalen gewesen sein. Eine stattliche Frau. Sie hatte rötliches Haar und die hat uns immer Mordsvorträg gehalten. Na ja gut, dass war ihre Sache.. Über ihre Religion usw., aber darum hat es keine Diskussionen gegeben. „

Der Historiker Matthias Kuse berichtet über das Verhältnis des Lagerdirektors Hugo Krack zu Katharina Thoenes:

„Mit Katharina Thoenes hat er einen regelrechten Kampf ausgefochten. Über sie schrieb Krack ausgesprochen negative Führungsberichte, und er hat überdies noch ihren Mann bei der Gestapo angezeigt.“

Sprecherin:

Katharina Thoenes kam im Februar 1937 aus dem KZ-Moringen nach Moers zur Gerichtsverhandlung.
Nach der Verhandlung kam sie zurück nach Moringen.
Sie unterschrieb am 19.6.1937 eine der vielen Varianten der Verpflichtungserklärungen.
Nun wurde sie aus dem KZ-Moringen entlassen.
Anschließend musste sie ihre 10-monatige Haftstrafe im Zuchthaus absitzen.

Sie kam erst im Mai 1938 wieder nach Hause.
Ihr Sohn Hans wurde bereits im Februar 1938 aus der Schule verschleppt und in eine Erziehungsanstalt gebracht.
Katharina Thoenes hatte sich von ihrem Glauben nicht abgewandt, trotz Unterschrift einer Verpflichtungserklärung.
SiemenslagerSie wurde noch einige Male verhaftet und kam später in das KZ-Ravensbrück.
Sie überlebte.

Katharina Thoenes und ihr Sohn Hans waren erst im Frühjahr 1945 wieder vereint.

(Musik:Nabucco-Chor der Gefangenen „Flieg Gedanke“ in ital. Sprache)

Sprecherin:

Katharina Thoenes hatte eine Verpflichtungserklärung unterschrieben.
Was hatte es mit diesen Verpflichtungserklärungen auf sich?

Jürgen Harder erklärt:

„Bei den besagten Verpflichtungserklärungen handelte es sich in der Anfangszeit der Konzentrationslager zunächst lediglich um ein Formblatt, welches von jedem Schutzhäftling unerheblich welcher Kategorie bei der Entlassung aus dem Lager unterschrieben werden musste. In der Regel unterschrieben auch die Zeugen Jehovas zu dieser Zeit noch die ihnen vorgelegten Erklärungen, da sie im Text des Formblattes keinen Widerspruch zu ihrem Glauben sahen. Der Text der … Verpflichtungserklärung lautete anfangs folgendermaßen:

‚Ich verpflichte mich nach meiner Entlassung aus der Schutzhaft mich jeder umstürzlerischen staatsgefährdenden Tätigkeit zu enthalten. Ich bin darüber belehrt, dass ich keine Ersatzansprüche gegenüber dem Staat aufgrund der erfolgten Inschutzhaftnahme habe.’ In gerade zynischerweise fährt dieses Formular fort: ‚Falls meine Sicherheit bedroht erscheint, kann kann ich mich freiwillig in politische Haft begeben.’ Hierauf erfolgt die Ortsangabe des jeweiligen KZ sowie Datum und Unterschrift des Häftlings. Ab Ende 1937 wurde dieser allgemeinen Floskel bei der anstehenden Entlassung von Zeugen und Zeuginnen Jehovas eine weitere Erklärung beigefügt, in welcher eine völlige Abkehrung von ihrer Glaubensgemeinschaft gefordert und auf die zu erwartenden Konsequenzen eingegangen wurde, falls sie weiterhin ihre religiöse Überzeugung leben wollten. Aus einer formalen Erklärung, die bis auf wenige Ausnahmen anfangs viele Häftlinge bei seiner Entlassung aus dem KZ ohne schwerwiegende Bedenken unterschrieben, wurde eine Loyalitätserklärung gegenüber dem Staat und seinen Forderungen. Mit diesen Änderungen von Inhalt und Zweck des Verpflichtungsscheins veränderte sich hierzu auch die Einstellung der Zeugen und Zeuginnen Jehovas, so dass sie künftig in der Regel die Unterschrift verweigerten.“

Sprecherin:

Die Zeugin Jehovas Änne Dickmann sagte im Gespräch mit dem Historiker Hans Hesse:

Hans Hesse:

„Als sie verhaftet wurden, hat man Ihnen da eine Verpflichtungserklärung vorgelegt?“

Änne Dickmann:

„Ja, eben was ich vorher schon sagte. Da habe ich gesagt: „Kommt nicht in Frage.
Wenn man gesagt hat: ‚Ich bin und bleibe ZJ.’ Dann war die Sache erledigt.“

(Musik: Sergio Avila „Frozen“ – instrumental)

Sprecherin:

Welche Entlassungsgründe gab es?

Matthias Kuse schrieb seine Magisterarbeit über die Entlassungen in Moringen. Er erklärte:

„So etwas wie einen schriftlich fixierten Katalog von Gründen, wann ein Häftling wieder entlassen werden konnte, gab es für die Konzentrationslager nicht. Die Schutzhaft sollte die Leute ja gerade durch ihre Unbestimmtheit verunsichern und in Schach halten.

Das übliche Procedere der Schutzhaft war, dass nach der Festnahme nur noch eine Bestätigung durch die Gestapo nötig war, um den Festgenommenen erst einmal für drei Monate im Lager verschwinden zu lassen. Diese drei Monate konnten dann jeweils um nochmals drei Monate verlängert werden und immer so weiter. Die Verlängerung oder Aufhebung der Schutzhaft hing von dem Haftprüfungstermin ab, zu dem der Lagerkommandant einen Führungsbericht an die einweisende Gestapostelle und an das Gestapoamt in Berlin anzufertigen hatte. In Berlin wurde dann letztlich entschieden ob und wer entlassen werden sollte. Oder bei wem die KZ-Haft verlängert werden sollte.

Bei den Entlassungen einiger des Gefangenen spielte auch die Unterschrift unter einen Verpflichtungsschein eine Rolle, mit der er versichern sollte, dass er sich nicht mehr staatsfeindlich betätigen würde oder dass er sich von seiner Glaubengemeinschaft distanziere.“

Sprecherin:

Es gab zum Beispiel Entlassungen aufgrund eines Himmler-Besuches.
Die Kommunistin Anni Pröll erzählte:

„Ich bin im Juni 1937 entlassen worden. Und zwar war da der Himmler da und der hat ein bisschen gefilzt. Der Direktor Krack hat mich (aus)geschimpft, weil ich eine freche Antwort gegeben hab(e) und hat er gemeint, ich sollte Himmler, um meine Entlassung bitten. Aber er ist mit anderen Frauen, die vor mir befragt worden sind, so schrecklich umgegangen. In mir hat sich alles verschlossen und ich war dann natürlich etwas widerspenstig. Aber trotzdem hat meine Entlassung dann draufgestanden.“

Sprecherin:

Einige jüdische Frauen wurden entlassen, wenn sie sich verpflichteten auszuwandern:

Hierzu Matthias Kuse:

„Die jüdischen Frauen, die im Lager waren, waren überwiegend sogenannte Remigrantinnen, die Deutschland schon einmal verlassen hatten. Sie waren meist aus persönlich-familären Gründen oder auch, weil sie auf Dauer kein Exil im Ausland fanden, nach Deutschland zurückgekehrt. Diese Häftlingsgruppe stand gewissermaßen unter dem Generalverdacht sich im Ausland deutschfeindlich zu betätigen. Ab Januar 1935 wurden solche Personen verhaftet und als sogenannte „Schulungshäftlinge“ ins Lager eingewiesen. Die Situation für diese Frauen verschärfte sich noch einmal ab 1937, als die Auswanderung aus Deutschland zur Bedingung für die Entlassung gemacht wurde.“
(Musik: Daniel Kempin/Dimitry Reznik)

Sprecherin:

Grundlage für alle Entlassungen waren die Beurteilungsschreiben des Lagerdirektors Hugo Krack.
Über die Beurteilungsschreiben oder Führungsberichte sagte Jürgen Harder:

„Die erwachsenen Frauen wurden in Anlehnung an die Einteilung der Jugendlichenfürsorgezöglinge in den Besserungsanstalten und Heimen vom Direktor in verschiedene Kategorien eingeordnet. Hierbei unterschied er zwischen Bibelforscherinnern von denen er keine Erfolgsaussicht für eine Schulung sah und anderen bei denen durch seine Bemühungen ein Gesinnungswechsel erwartet werden konnte. So plädierte er beispielsweise für die Verlängerung einer Bibelforscherin in seinem Lager, da sie trotz guter Führung noch fanatisch an ihren religiösen Überzeugungen festhielt und sich bisher noch keine Besserung bei der Frau gezeigt hatte. Ich zitiere: „Die hier untergebrachte Schutzhaftgefangene Hermina K. – ich habe hier anonymisiert – hat sich bisher im Lager gut geführt. Sie hängt aber noch fanatisch den Ideen der IBV an. Ich kann daher ihre Entlassung noch nicht befürworten.“ Wie auch den meisten anderen Beamten der verschiedenen Verfolgungsinstanzen blieb dem Leiter des Frauen-KZ in Moringen die religiöse Motivation der Verweigerung der Zeuginnen und Zeugen Jehovas völlig unverständlich, da sie nicht in die Kategorie der politischen Ideologie des Nationalsozialismus einzuordnen waren. So sah der Lagerleiter Hugo Krack in der Beharrlichkeit mit der viele Bibelforscherinnen an ihrem Glauben festhielten Anzeichen einer Geisteskrankheit, die in seiner Institution nicht behandelt werden konnte. Von daher hielt er es in besonders hartnäckigen Fällen, die Unterbringung von Frauen in Nervenheilanstalten für sinnvoller.
So auch im Fall von Frau K. Ihre Entlassung aus dem KZ, da er sie, ich zitiere ‚für religiös, geistig verwirrt’ hielt.“

Sprecherin:

Nicht immer waren die Führungsberichte so negativ.
Es gab auch einige Zeuginnen Jehovas, die sich von ihrem Glauben lossagten. Über eine solche Zeugin Jehovas schrieb Hugo Krack (zitiert von Matthias Kuse):

„Sie hat sich von den Ideen der IBV (Bibelforscher, heute Zeugen Jehovas) vollkommen losgesagt, sie verspricht sich in Zukunft völlig auf den Boden des nationalsozialistischen Staates zu stellen. Sie will den deutschen Gruß anwenden und an Luftschutzübungen teilnehmen, sowie ihre sonstigen vaterländischen Pflichten erfüllen.“

(Musik: Lied 29 Willy Frost „Vorwärts Ihr Zeugen“)

Sprecherin:

Wer war Hugo Krack?

Matthias Kuse berichtete:

„Hugo Krack war ursprünglich Lehrer, vor seinem Wechsel nach Moringen bekleidete er in Clausthal-Zellerfeld eine Rektorenstelle und er verfügte über sozialpsychologische Kenntnisse. Das scheint auch einer der Gründe dafür gewesen zu sein, dass er im Jahr 1930 zum Direktor des Provinzial-Werkhauses Moringen ernannt wurde, das man landläufig als „Arbeitshaus“ bezeichnet.

Seit 1919 gehörte er der Deutschen Demokratischen Partei an, für die er sich auch als Wahlkämpfer engagiert hat.
Dann wurde 1933 auf Veranlassung der hannoverschen und Hildesheimer Innenbehörden in einem Teil des Arbeitshauses ein Konzentrationslager eingerichtet. Zunächst nur für männliche Gefangene, und hier stand Krack zwar das Hausrecht zu, er hatte jedoch keinerlei „Befehlsgewalt“ über die Gefangenen. Das änderte sich erst, nachdem das ‚Männer-KZ’ wieder aufgelöst worden war und zum Ende des Jahres 1933 – ebenfalls in einem separaten Teil des Arbeitshauses – ein ‚Frauenkonzentrationslager’ eingerichtet wurde, dessen Leitung ausschließlich ihm unterstand.“

Sprecherin:

Jürgen Harder bemerkt:

„Hugo Krack war ein aus der wilhelminischen Tradition stammender Beamter, der die rigiden Erziehungsmaßnahmen der Nationalsozialisten durchaus befürwortete … Er sah sein Lager als eine Art Erziehungslager. Mit den Strafen sollte ein Erziehungserfolg erzielt werden, d.h. die Frauen sollten sich von ihrer jeweiligen Ideologie sprich politisch oder auch religiös lösen, um sie dann in die sogenannte Volksgemeinschaft wieder eingliedern zu können. Ob und in wie weit diese Erfolge haltbar oder nachweisbar waren, steht auf einem ganz andern Blatt. Viele der Frauen, die entlassen worden sind, beteiligten sich später wieder an Widerstandaktionen unter den Bedingungen der Illegalität und kamen mit unter auch wieder in Haft. Nicht wenige von ihnen kamen in dieser Zeit ums Leben.“

Sprecherin:

Matthias Kuse bemerkt auch:

„Hugo Krack hat sich eigentlich immer als Zivilist verstanden, und unterschied sich damit deutlich von dem einschlägigen Bild eines „typischen“ KZ-Kommandanten. „Zivil“ ist er auch im KZ-Lager Moringen aufgetreten. Krack war kein Nationalsozialist. Er ist „erst“ im Mai 1933 der NSDAP beigetreten, das war verhältnismäßig spät. Darüber hinaus war er Mitglied in der eher unbedeutenden Reiter-SA. Salopp formuliert: Er hat sich nicht „überschlagen“, was sein Engagement in der NS-Bewegung betraf.

Es wäre falsch, wollte man aus ihm einen Mann des Widerstands machen. Das war er ganz sicher nicht. Allerdings hat er sich für eine Reihe von Gefangenen, vor allem des Frauen-KZ, eingesetzt, indem er versucht hat, ihnen bei der Entlassung aus dem Lager behilflich zu sein.

Er war sehr sozial beeinflusst von den Ideen Friedrich Naumanns.“

(Musik: Eternity and a Day)

Sprecherin:

Die Kommunistin Hilde Faul sagte über Hugo Krack:

„Er hat sich uns gegenüber jedenfalls tolerant verhalten, wenigstens soweit wie ich das einschätze. Es gibt natürlich andere, die sagen: „Uns gegenüber war er nicht so tolerant.“ Das glaube ich ohne weiteres. Aber ich kann da nichts dagegen … nichts darüber sagen. Und die Bibelforscher, die werden nicht so begeistert gewesen sein, dass sie dann abgeschirmt worden sind von den anderen und nicht mehr einkaufen konnten und halt so eine Behinderung gehabt haben. Sie haben keine Post mehr kriegen dürfen und haben eine Zeit lang keine Post mehr rausgeben dürfen. … Für uns war auch mal eine Postsperre. Ich glaube, dass war sogar in dem Zusammenhang, dass weiß ich aber nicht.“

Sprecherin:

Hilde Faul sagte auch:

„Er war ja Direktor. Er ist zu uns gekommen und hat uns seine Befehle erteilt, … Er hat mit uns gesprochen, was grade im Moment angefallen ist. Und ich kann mich noch erinnern, dass er mal gekommen ist und hat gesagt: „ Wie ist dies? Ich hab einen Anschnauzer von der Gestapo Berlin bekommen und ein Häftling hat gesagt: Was wollen Sie denn mit Moringen, der Direktor, der macht doch sowieso alles, was die Gefangenen wollen.“ So ähnlich sinngemäß. Und da er sich dann bei uns beschwert, ob er da schon irgendwie uns schon zunahe getreten ist. Aber das war ja nicht der Fall. Sie müssen das anders sehen, der Krack, der war ein alter Beamter und die alten Beamten, die waren nicht so, wie die Faschisten. Der Krack, der war mehr so deutsch-national, so etwas war der mehr, ich weiss es nicht, aber ich nehme es an, so aus seinem ganzen Ding und so hat er auch gehandelt, also wenig willkürliche Akte. So wie in den übrigen KZ das war das nicht der Fall. Nein, sondern er hat wirklich seine Vorschriften (gehabt ? undeutlich).“

Sprecherin:

Matthias Kuse bemerkt auch:

„Für das Frauen-KZ sind mindestens zwei Fälle belegt, in denen er die Sterilisierung von Frauen vorgeschlagen hat. Auch in seiner Eigenschaft als Direktor des Arbeitshauses hat er mehrere Anträge auf die Sterilisation von Anstaltsinsassen gestellt, was offenbar zur Praxis solcher Einrichtungen gehört hat. Auch Krack scheint dieser Praxis nicht grundsätzlich abgeneigt gewesen zu sein.“

Sprecherin:

Der Historiker Dr. Hans Hesse schreibt in seinen Forschungsergebnissen über das KZ-Moringen über Hugo Krack:

„Bei allem darf jedoch nicht vergessen werden, dass Hugo Krack, der zwar nicht als überzeugter Nazi gelten kann und sicherlich nicht in einer Reihe mit den KZ-Kommandanten gesehen werden darf, sich mit dem NS-System zu arrangieren versuchte, wie viele seiner Zeitgenossen damals. Er tat dies an verantwortlicher Stelle. Darin besteht seine Mitschuld.“
Sprecherin:
Es bleiben noch einige Fragen offen.
Doch die Antworten hat Hugo Krack mit ins Grab genommen.

(Musik: Lied 102 Lazaruslied – instrumental)

Hans Hesse:
Im Dezember 1937 begann dann die Lagerleitung das Frauen-KZ Moringen aufzulösen.Werkhaus Moringen
Die Frauen kamen in ein größeres KZ: die Lichtenburg in Thüringen.

Sprecherin:

Das Leiden hatte für die Frauen dadurch kein Ende. Im Gegenteil.

Hierzu Matthias Kuse:

„1938 wurde das Frauenkonzentrationslager Moringen geschlossen und die gefangenen Frauen kamen in das KZ Lichtenburg, das für etwa ein Jahr bis zur Inbetriebnahme des KZ Ravensbrück das zentrale Frauen-KZ war. Unter den Frauen, die dorthin verlegt wurden, befand sich auch eine Reihe von Zeuginnen Jehovas. Die Lebensbedingungen im KZ Lichtenburg waren sehr viel schlechter als in Moringen – nicht zuletzt, weil die Bewachung dort von der SS übernommen wurde. Verschiedene Zeuginnen Jehovas sind noch vor der Verlegung entlassen worden, viele befanden sich aber noch im Moringer Lager und wurden dann mit den übrigen Frauen ins KZ Lichtenburg geschickt. Ein Grund dafür, dass relativ viele Zeuginnen Jehovas in das KZ Lichtenburg überstellt wurden war, dass sich die Verfolgungspolitik während dieser Zeit explizit gegen die Zeugen Jehovas richtete.“

Sprecherin:

Hilde Faul erinnerte sich an eine Zeugin Jehovas:

„Die Esther ist mir bis heute ein Begriff, weil die von Fürtau (?) war. Die Esther war bis so an die Dreißig damals und wie man mir dann später erzählte, haben sie die umgebracht, aber ich weiß nicht genau, ob das in Ravensbrück war. … Ich weiß bloß, dass die Gestapo sie richtig als Beispiel gebraucht hat.“

Sprecherin:

Moringen kann als Grundlage für spätere KZ´s betrachtet werden.
Jürgen Harder bemerkt dazu:

„Moringen wird vielfach in der historischen Forschung nicht weiter betrachtet, aber es wird dabei vergessen, dass für sehr viele Frauen besonders in früheren Lagern, den Anfangspunkt einer langjährigen Verfolgung darstellt. In Moringen wurden Grundlagen gelegt, die später in anderen Lagern wie Lichtenburg und Ravensbrück weiter verschärft und weiter differenziert wurden. So etwa das Spitzelsystem, das Haftsystem und das Beurteilungssystem.“

(Stimmen und Verkehr)

Sprecherin:

Moringen. Auf den ersten Blick eine ganz normale Kleinstadt.
Bei näherem Hinsehen stellt man fest:
Moringen hat eine ungewöhnliche Geschichte.
Diese Geschichte wird von vielen Bürgern immer noch verdrängt.
Nur wenige mögen sich daran erinnern, dass es in Moringen ein KZ gegeben hat.

Es würde mich freuen, wenn sich nach diesen beiden Sendungen mehr Menschen an das Leid der Frauen im KZ-Moringen erinnern würden.

(Musik: Endless Journey-James Last -Instrumental)

© Ingeborg Lüdtke

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