Tagung: Widerstand, Verweigerung und Selbstbehauptung 1933-1945: Samstag, den 21.6.14

Die Tagung „Widerstand, Verweigerung und Selbstbehauptung 1933-1945 – Geschichte und Vermittlung“ fand am 19.-21. Juni 2014 in Göttingen statt.

Programm:

9:00 h: Dr. Dietmar Seladczek „Das Thema Widerstand in der Bildungsarbeit der KZ- Gedenkstätte Moringen“

10:00 h: Arnulf Heinemann „Anpassung und Widerstand in der Bildungsarbeit am Beispiel Jehovas Zeugen“

Samstag, den 21. Juni 2014

Das Thema Widerstand in der Bildungsarbeit der KZ- Gedenkstätte Moringen

(Zusammenfassung des Referats von Dr. Dietmar Seladczek)

 

Bei den Schülern hat  das Thema Widerstand keine Priorität. Das Thema Widerstand wird deshalb in verschiedene Projekte verpackt. Verschiedene Formen sind die Widerstand in der BildungsarbeitVorstellung von  Biografien, Comic-Werkstätten, Ausstellungen, Theaterstücke und ein Jugendaustauschprogramm.

Biografie und Ausstellung

Die Widerstandskämpferin und Friedensaktivistin Hedwig Regnart (1908-2002) stellte ihre Zeichnungen in der Stadthalle Moringen aus. Die Bilder waren ursprünglich nicht für eine Ausstellung gedacht. Sie wollte damit  ihre Erfahrungen im Gefängnis und im Konzentrationslager verarbeiten. Mit 15 begann sie, Esperanto zu lernen. Sie hoffte, diese internationale Sprache könne helfen, Kriege zu vermeiden. 1930 trat sie der KPD bei. Bei einer Untersuchung wurde bei ihr faschistisches Liedgut gefunden. Daraufhin wurde sie für 10 Tage in das Fürther Gefängnis eingeliefert. Sie wurde noch weitere Male verhaftet und wieder freigelassen. Sie besuchte mehrfach Kurse der KPD, die sie auf politische Arbeit in der Illegalität vorbereiteten. So lernte sie auch das Klopfalphabet.

1933 kommt sie in „Schutzhaft“. Vom Fürther Gefängnis wurde sie einige Wochen später in das Frauengefängnis Aichach überstellt. Da sie die Aussage verweigerte, drohte ihr die SA mit Peitsche und Auslieferung. Tatsächlich kam sie von Juni bis Dezember in Isolierhaft. 1935 erhält sie erneut Isolierhaft im Landshuter Gefängnis. Als Haftfolge erkrankte sie an Tuberkulose. Sie gelangte nach wechselhafter Unterbringung in Gefängnissen  im Frauen-KZ Moringen. Sie wurde im „Bayernsaal“ untergebracht. Im Januar 1937 wurde sie unter strengen Meldeauflagen entlassen. Anfangs bekam sie keine Arbeit. Freunde vermittelten ihr eine Stelle im Kleinwalsertal in Österreich.

Am 19.10.1939 heiratete sie Karl Regnart. Bis zum Verbot der KPD 1956 blieb Hedwig Regnart Parteimitglied. Später trat sie dem VVN und der DKP bei. Sie engagierte sich aktiv gegen Krieg. In Schulen berichtete sie über ihre Erfahrungen unter dem Nationalsozialismus. Sie arbeitete  mit der Frauengruppe ‚Courage’ zusammen. Am 17. Januar 2001 verstarb sie im Alter von 92 Jahren.

http://www.gedenkstaette-moringen.de/thema/Hedwig_Regnart/hedwig_regnart.html

Theaterstück

In Zusammenarbeit mit der KZ-Gedenkstätte Moringen wurde ein Theaterprojekt von „teatro regio e.V.“  unter Leitung von Sylvia Hathazy entwickelt. Das Theaterstück „Swing Heil“ (Uraufführung 2006) beschäftigt sich mit der Swing-Musik im Nationalsozialismus .13 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren beteiligten sich an diesem Projekt. Im Vordergrund steht die Frage, was die Geschichte des NS und das Beispiel der Swings in der Gegenwart für sie bedeutet. Das Stück soll zeigen, was es bedeutete im nationalsozialistischen Deutschland jung gewesen zu sein.

Da Swing eine Stilrichtung des Jazz ist, wurde er als „artfremde“ Musik verboten. Einer der Gründe für das Verbot war das Argument, Swing wäre ein „Kampfmittel der anglo-jüdischen Weltverschwörung“ und solle die deutsche „Volksgemeinschaft“ zersetzen.

In Hamburg 1940 kam  es zu einer Verhaftungswelle, dabei wurden 63 Swings inhaftiert und brutal verhört. Trotz aller Strafen und Einschränkungen wuchs die Swing-Bewegung weiter an. Ein  Hamburger Psychologe bezeichnete diese Jugendlichen als „haltlose willensschwache Psychopaten mit erheblichen Defekten auf ethisch-moralischen Gebiet.“ Heinrich Himmler veranlasste am 26. Januar 1942, dass „mit den schärfsten Mitteln“ gegen die als Rädelsführer bekannten Swings vorgegangen werden solle. Diese sollten mit einer KZ-Strafe von 2 bis 3 Jahren bestraft werden.

Günther Discher wurde aufgrund seiner Liebe zum Swing im Jugend-KZ Moringen inhaftiert. Er leistete dort von 1943 bis 1945 in der Heeresmunitionsfabrik Vollpriehausen Zwangsarbeit. Nach seiner Befreiung litt er lange Zeit unter der Folgeerscheinung zahlloser Schikanen und Entbehrungen, die er im Jugend-KZ Moringen ertragen musste. Seiner Liebe zum Swing tat dies keinen Abbruch. Noch im hohen Alter von 87 Jahren legte er Swing-Platten auf. Er wurde als der „älteste DJ Deutschlands“ bezeichnet. Am 9. September 2012 verstarb Günther Discher.

http://www.gedenkstaette-moringen.de/thema/Swing/swing.html

Jugendaustauschprogramm

Die KZ-Gedenkstätte Moringen veranstaltete 2007 einen Jugendaustausch. Das Projekt stand steht unter der Schirmherrschaft des damaligen Niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff. Das Projekt wurde von der Jugendstiftung des Landkreises Northeim und aus Mitteln des Fonds „Jugend in Aktion“ der Europäischen Union gefördert. Kooperationspartner auf der österreichischen Seite war die Gedenkstätte Peršmanhof.

Jeweils 17 Jugendliche aus Moringen und der slowenischen Minderheit in Kärnten trafen sich. Beteiligt waren ebenfalls zwei Schulen: Die KGS-Moringen und die zweisprachige Handelsakademie in Klagenfurt.

Der historische Hintergrund dieser Begegnung war die Inhaftierung zahlreicher Jugendlicher aus dem slowenisch-österreichischen Grenzgebiet im Jugend-KZ Moringen. Ihnen wurde vorgeworfen, dass sie oder Angehörige ihrer Familien die Partisanen unterstützten, um gegen die deutsche Wehrmacht zu kämpfen.

Zahlreiche Häftlinge aus Kärtnen kamen in das Jugend-KZ Moringen. Untern den vier Häftlingen aus der Gegend um Bad Eisenkappel im südlichen Kärnten befand sich  auch der bereits verstorbene Johann Kogoj.

Johann Kogoj erfuhr bei seiner Rückkehr in die Heimat, dass zwei seiner jüngeren Geschwister noch am Ende des Krieges  von Angehörigen eines SS- und Polizeiregimentes auf dem Nachbarhof, dem Persmanhof, ermordet wurden. Heute gibt es auf dem Peršmanhof eine Gedenkstätte.

Geplant war, dass die Jugendlichen bei gemeinsamen Aktivitäten  den Alltag der jeweils anderen Gruppe kennenlernen sollten. Auf diese Weise sollten sie viel über die eigene und fremde Kultur und Geschichte erfahren. Bevor es dazu kommen konnte, gab es an dem Ort, wo die Jugendlichen in der Jugendherberge untergebracht wurden einen Eklat. Der Bürgermeister  von St. Kanzian am Klopeiner See, Thomas Krainz (SPÖ), lehnte es zunächst ab, die Gruppe offiziell zu begrüßen. Später lenkte er ein und erschien unangemeldet zu einem Besuch. SPÖ-Klubobmann Dr. Peter Kaiser versuchte die Wogen zu glätten und fand in seiner Begrüßung in der Jugendherberge lobende Worte für das Projekt. Die Landeshauptmannstellvertreterin, Frau Dr. Gabriele Schaunig-Kandut (SPÖ) versuchte ebenfalls den Schaden zu begrenzen und  lud die Jugendbegegnung zu einem Mittagessen ein. Nach der Rückkehr nach Deutschland sorgte der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider (BZÖ) für einen weiteren Eklat. Er bezeichnete den Jugendaustausch als „Partisanenseminar“.

Trotz der negativen Begleitumstände war es eine lehrreiche Zeit für die Jugendlichen. Die Kärntner Jugendlichen hatten Referate und zahlreiche historische Erkundungen  sowie viele Gespräche mit Zeitzeugen vorbereitet. Der Schwerpunkt lag auf Themen wie die  Geschichte der slowenischen Minderheit Kärntens in der Zeit des Nationalsozialismus. Außerdem  beschäftigten sie sich  mit Zwangsaussiedlung und KZ-Haft. Besonders berührt waren  die Jugendlichen von den Begegnungen mit den Zeitzeugen.

Zum Abschluss der Reise nahmen die Jugendlichen an der Gedenkfeier auf dem Peršmanhof teil. Sie findet alljährlich am letzten Wochenende im Juni statt. Ungefähr dreihundert Menschen aus Österreich und Slowenien trafen sich, um der Opfer des Faschismus zu gedenken und um einzutreten für eine kritische Auseinandersetzung mit dieser Zeit.

http://www.gedenkstaette-moringen.de/thema/Jugendaustausch/jugendaustausch.html

Weiterführende Literatur:

Peršman

Herausgegeben von Lisa Rettl, Gudrun Blohberger, mit dem Verband der Kärntner Partisanen und dem Verein Peršman

Wallstein Verlag, 2014

http://www.wallstein-verlag.de/9783835315884-perman.html

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Anpassung und Widerstand in der Bildungsarbeit am Beispiel Jehovas Zeugen

(Zusammenfassung Referat Arnulf Heinemann – JVA Wolfenbüttel)

Geschichte der Hinrichtungsstätte Justizvollzugsanstalt Wolfenbüttel

Die Schlosserei des Strafgefängnisses Wolfenbüttel wurde  1937 zur Hinrichtungsstätte umgebaut.

Hinrichtungsbuch

Hinrichtungsbuch

Von November 1937 bis Ende 1947 wurden dort Hinrichtungen durchgeführt. Ungefähr 550 Menschen wurden bis 1945 durch die NS-Justiz durch die Guillotine, Erhängen oder  Erschießungen hingerichtet. Nach 1945 gab es noch 67 Hinrichtungen. Sie wurden durch die britische Militärverwaltung gegen Deutsche und Ausländer wegen Kriegsverbrechen oder Verstößen gegen die Anordnungen der alliierten Militärregierung vollstreckt.

In den Räumen der ehemaligen Hinrichtungsstätte wurde 1990 eine Dauerausstellung „NS-Justiz und Todesstrafe“ eingerichtet. Die  Dauerausstellung „Justiz und Strafvollzug im Nationalsozialismus“ wurde 1999 in ehemaligen Hafträumen der JVA eröffnet. Schwerpunkt dieser Ausstellungen sind das Verschwinden der Freiheitsrechte, rassisches Denken und die Ungleichheit der Menschen vor Gericht, die Sondergerichte und die die Nürnberger Prozesse nach 1945.

Im Frühjahr 2013 kam die Wanderausstellung „1933 und das Recht: Der Beitrag der Justiz zur „Machtergreifung'“ hinzu.

Die Ausstellung dokumentiert anhand zahlreicher Beispiele, welche Rolle die Justiz in dieser Phase spielte. Thematisiert wird die Ausschaltung der politischen Gegner, die Ausschließung republikanischer und jüdischer Juristen sowie der Ausgrenzung durch das Erbgesundheitsgesetz.

Bildungsarbeit

Das Niedersächsische Kultusministerium sieht für das Kerncurriculum für das Gymnasium vor, dass verschiedene Formen des Widerstandes verglichen werden. Ziele, Lebenswirklichkeiten und Handlungsspielräume in der NS-Zeit zwischen Unterstützung und Anpassung, sowie Verfolgung und Widerstand sollen beleuchtet werden.

Ein Beispiel  des Widerstandes ist der Katholik und Schweizer Maurice Bavaud. Er wollte Hitler beim Gedenkmarsch am 9. November 1938 zur Münchner Feldherrnhalle erschießen. Es gelang ihm nicht dicht genug an Hitler herangekommen und er fuhr ohne Geld und Fahrkarte nach Paris. Er wurde bei einer Kontrolle gefasst und im  Amtsgericht in Augsburg am 6. Dezember 1938 wegen Fahrkartenbetrugs und unbefugten Waffentragens zu zwei Monaten und einer Woche Gefängnis verurteilt. Da er eine Pistole und auffällige Dokumente bei sich trug, wurde er der Gestapo übergeben. Unter Folter gab er zu, dass er Hitler habe töten wollen. Während des Prozesses sagte er, Hitler wäre „eine Gefahr für die Menschheit, für die Unabhängigkeit der Schweiz und für den Katholizismus in Deutschland“. Maurice Bavaud wurde zum Tode verurteilt und am 14. Mai 1941 im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee enthauptet. Sein Vater strengte seine Rehabilitation an. In den Fünfziger Jahren wurde das Urteil postum reduziert.

Die  Verurteilung wegen versuchten Mordes zu fünf Jahren Zuchthaus und zu fünf Jahren Verlust der bürgerlichen Ehre blieb bestehen. In der Urteilsbegründung hieß es: „Das Leben Hitlers ist […] in gleicher Weise als geschütztes Rechtsgut anzuerkennen, wie das Leben eines jeden anderen Menschen. Ein Rechtfertigungsgrund im Sinne einer etwa erlaubten Diktatorentötung ist dem Strafrecht fremd.“

Eine weniger bekannte Opfergruppe sind die Bibelforscher, die heute als Zeugen Jehovas bekannt sind. In der Bildungsarbeit wird eine Unterrichtseinheit zum Thema Berthold Mehm (ein Hildesheimer Baumeister) beleuchtet. Die Unterrichtseinheit wurde von Wilfried Knauer und Arnulf Heinemann verfasst.

Das Urteil zu Berthold Mehm wird ebenfalls mit Schülergruppen behandelt.

Biografie Berthold Mehm: Er wurde am 17.3.1874 in Langenbach, Kreis Schleusingen in Thüringen als Sohn eines Böttchermeisters geboren. Ungefähr 1895 zog er nach Hildesheim und absolvierte dort die Baugewerbeschule. Die Meisterprüfung legte er in Holzminden ab. Er machte sich als Baumeister selbstständig. Er engagierte sich im „Evangelisch-Lutherischen-Kirchenbauverein“. 1914 wurde er zum Kriegsdienst eingezogen. Nach dem 1. Weltkrieg  verkleinerte er sein Unternehmen und spezialisierte sich auf Anbauten, Umbauten und Reparaturen. Er engagierte sich nun bei den Bibelforschern. Ende 1931 trat er aus der evangelischen Kirche aus. Sein Baugeschäft wurde ab 1934 boykottiert.Im Dezember 1936 organisierte Berthold Mehm die Verteilung einer Resolution der Bibelforscher, die auf die Verfolgung der Zeugen Jehovas in Deutschland aufmerksam machte. Berthold Mehm wurde am 17. Dezember inhaftiert. KZ Sachsenhausen WachtturmZuerst kam er ins Gerichtsgefängnis nach Hannover. Er wurde im Februar 1937 von einem Sondergericht zu einen Jahr Haft verurteilt. Am 5. Februar wurde er ins Strafgefängnis Wolfenbüttel überstellt. Am 22. Oktober 1937 lieferte man ihn ins Konzentrationslager Sachsenhausen ein. Dort starb Berthold Mehm am 28. März 1939. Offiziell wurde als Todesursache Magenkrebs bescheinigt. Augenzeugen berichteten jedoch, dass er erschossen wurde, weil er den „Deutschen Gruß“ verweigert habe.

Arbeit vor Ort in der JVA Wolfenbüttel

Da es weder lebende Zeitzeugen noch Bilder der Hinrichtungen gibt, können sich die Schüler nur mit den Urteilen und anderen Quellen, z.B. Abschiedsbriefe der Todeskandidaten beschäftigen. Sie erhalten Einsicht in das Hinrichtungsbuch, das sich als eine Großkopie an einer Wand in der ehemaligen Hinrichtungsstätte befindet.

Die Arbeit mit den Schülern findet in einer Großzelle in der JVA Wolfenbüttel statt. Die Schüler erleben hautnah wie es ist, weggesperrt zu werden. Hinter ihnen wir die Tür abgeschlossen. Zuvor müssen sie ihre Handys abgeben. Ein Besuch der Hinrichtungsstätte ist ebenfalls vorgesehen. Die Schüler erhalten Notfallgeräte für den Fall, dass es ihnen nicht gut geht.

http://wolfenbuettel.stiftung-ng.de/

http://www.forumjustizgeschichte.de/Gedenkstaette-W.156.0.html

http://vernetztes-erinnern-hildesheim.de/pages/home/hildesheim/personen/opfer/berthold-mehm.php

(c) Ingeborg Lüdtke

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Tagung: Widerstand, Verweigerung und Selbstbehauptung 1933-1945: Freitag, den 20.6.2014

Die Tagung „Widerstand, Verweigerung und Selbstbehauptung 1933-1945 – Geschichte und Vermittlung“ fand am 19.-21. Juni 2014 in Göttingen statt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAProgramm:

9:00 h Silke Petry „Im Kampf gegen den Faschismus“ – Organisierter Widerstand sowjetischer Kriegsgefangener in Norddeutschland

10:00 h: Marcus Herrberger „Kriegsdienstverweigerer aus religiösen Motiven – Opfer der NS-Miltärjustiz (bezogen auf Niedersachsen)“

11:30 h: Dr. Hans-Peter Klausch „Heinz Taxweiler – ein niedersächsischer Deserteur,Moorsoldat und Widerstandskämpfer“

13:30 h Heide Janicki, Paul Pockrandt „Drei Widerstandkämpferinnen aus dem sozialdemokratisch/kommunistischen Milieu, Braunschweig

16:00 h: Dr. Rainer Driver Das Forschungsprojekt „Widerstand in Göttingen“

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 Freitag, den 20.Juni 2014

„Im Kampf gegen den Faschismus“ – Organisierter Widerstand sowjetischer Kriegsgefangener in Norddeutschland

Zusammenfassung des Referates von Silke Petry (Celle)

 

Ein aktiver und organisierter Widerstand sowjetischer Kriegsgefangener entwickelte sich erst ab 1943.

Die sowjetischen, französischen, belgischen und serbischen Kriegsgefangenen organisierten sich in Norddeutschland in jeweils selbstständigen Gruppen.

 

Organisierter Widerstand sowjetischer, französischer, belgischer und serbischer Kriegsgefangener

Im Stalag (Stammlager) X B Sandbostel bemühten sich  kleinere Gruppen französischer Gefangenen (fast ausschließlich Kommunisten) Einfluss auf ihre Kameraden in den industriellen Kommandos Hamburgs zu bekommen.  Im Lager Sandbostel selbst ging es hauptsächlich „um die ideologische und organisatorische Festigung des Zusammenhaltes und um die Weitergabe von Informationen.“

Im Stalag XI B Fallingbostel  organisierten vor allem  die französischen und die sowjetischen Kriegsgefangenen den kollektiven und konspirativen Widerstand; in Bergen–Belsen waren es die sowjetischen Kriegsgefangenen.

 

Quellenmaterial und Erlebnisgerichte der sowjetischen Kriegsgefangenen

Die in Deutschland bekannteste und durch Quellenmaterial am besten belegteste Widerstandsgruppe ist die „Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen“ (BSW) .Sie ist „eine kommunistische Organisation sowjetischer Kriegsgefangener, die 1943 von Offizieren in Süddeutschland gegründet und 1944 von der Gestapo aufgedeckt wurde“.

„Bei der Forschung und Recherche“ über den organisierten Widerstand sowjetischer Kriegsgefangener „ist man zum größten Teil auf die Erinnerungen einzelner Mitglieder verschiedener Gruppen angewiesen“.  Zum Teil  wurden diese Berichte bereits unmittelbar nach Kriegsende verfasst, aber erst nach Stalins Tod veröffentlicht. Da „in diesen Berichten der Wille zum Widerstand und die Handlungen der Gefangenen in den Lagern sehr stark betont“ werden, ist anzunehmen, dass dadurch dem „generellen Verdacht der Kollaboration mit dem Feind“ entgegengewirkt werden sollte. Gefangenschaft wurde von Stalin als „Verrat“ gesehen. Möglicherweise hoffte man dieses Stigma tilgen zu können, in dem man bekannt gab, dass  sowjetische Gefangenen den Kampf für „das Vaterland“ auch in der Gefangenschaft weiter führten.

Die Erinnerungen und Erlebnisberichte und „darin geschilderte Ereignisse müssen anhand von Hinweisen in zeitgenössischen Dokumenten oder anhand anderer Hinweise überprüft werden, um die Zuverlässigkeit der Aussagen zu belegen“.

Unterlagen der Verfolgungsbehörden z. B vom Reichssicherheitshauptamt (RSHA)  und „Stapostellen wurden bei Kriegsende planmäßig vernichtet“. Zu den einzelnen Gruppen sind nur wenige zeitgenössische Dokumente und Aufzeichnungen vorhanden.

Auch  „Sabotage“ aufgrund von Widerstandstätigkeiten lässt sich schwer nachweisen. Da erfolgreiche Sabotage in den meisten Fällen nicht erkennbar war,  wurden sie als „Störungen möglicherweise unter Ausschuss oder Betriebsstörung verbucht“.

 

Die Widerstandstätigkeit der sowjetischen Gefangenen lässt sich in drei Phasen einteilen:

1941/42 Gründungsphase: Im Winter 1942/42 sind erste Zusammenschlüsse nachweisbar. Ihre Tätigkeit bestand hauptsächlich im“ Aufbau von Kontakten und die Anwerbung von Gefangenen für einen organisierten Widerstand. Man stärkte sich gegenseitig „seelisch“.

Da die sowjetischen Gefangenen ums Überleben kämpften, gab es noch keinen Widerstand außer „gegen die schlechte Versorgung“.

1942/1943  Festigung: Fluchten und die Durchführung von Sabotage wurden in den Rüstungsbetrieben organisiert. „Außerdem sollte durch Aufklärungsarbeit verhindert werden, dass Kameraden mit der Wehrmacht kollaborierten“.

1944 – Intensive Arbeit: 1944 nahm „die Bereitschaft zur aktiven Beteiligung an Widerstandsaktionen“ zu. In den Lazaretten der Kriegsgefangenenlager entstanden häufig Widerstandsgruppen: Die dort eingesetzten Kriegsgefangenen Ärzte und Sanitäter verfügten über eine relativ große Bewegungsfreiheit. Sie stellten mit Hilfe der genesenen Gefangenen den Kontakt zu den Arbeitskommandos her und bauten ein konspiratives Netzwerk auf.

Die  Stammlager waren in der Regel die Zentren des Widerstandes. In der Verwaltung und den Lazaretts arbeiteten Kriegsgefangene eigenverantwortlich. Da es nur wenige deutsche Kräfte dort gab, war „in den Stammlagern die Steuerung und Manipulation möglich:

„Zum Beispiel Arbeitseinsatzplanung oder auch ‚Untertauchen‘ im Lazarett bzw. Identitätswechsel (Namen eines Toten übernehmen)“ , sowie „die Steuerung und Verbreitung von Informationen“.

Hinweise auf organisierten Widerstand findet man vorwiegend im Industriesektor.

 

Abwehrbemühungen

Dem Amt Ausland/Abwehr blieb nicht verborgen, dass sich in Lazaretten Nachrichten-Zentralen gebildet hatten, die  Verbindungen zu den Arbeitskommandos geknüpft hatten. Durch „V-Männer“, die als Spitzel eingeschleust wurden, konnten zahlreiche Widerstandsgruppen verschiedener Nationalitäten (Serben, Franzosen, SU) aufgedeckt und deren Mitglieder verhaftet werden.

 

Stalag Fallingbostel „Komitee zum Kampf gegen den Faschismus“ –  Stalag Bergen-Belsen „Hannoveraner Komitee“

 

Das „Komitee zum Kampf gegen den Faschismus“ agierte vom  Stalag XI B Fallingbostel aus, aber „seine Tätigkeit war aber auf zahlreiche Arbeitskommandos im gesamten westlichen Bereich des Wehrkreises XI (geografisch im heutigen Südniedersachsen: Hannover, Salzgitter, Wolfsburg und Braunschweig) ausgedehnt“. Das Komitee wurde Ende 1942 von dem Arzt Arkadij Alalykin initiert.  Im Dezember bestand der  Führungszirkel bereits aus etwa 10 Personen. „Bei der Gründung des Komitees erhielt die Gruppe Hilfestellung und Unterstützung durch die kommunistisch orientierten Untergrundorganisationen der belgischen und französischen sowie der jugoslawischen Kriegsgefangenen im Lager Fallingbostel.“

Besonders die französischen und sowjetischen Kriegsgefangenen arbeiteten eng zusammen.

Henri Cornil (Tarnnamen „Piet“), der Leiter der belgisch-französischen Organisation, unterstützte das Komitee mit deutschen Landkarten, Kompasse und Lebensmittel für Gefangene, die ihre Flucht vorbereiteten.

Als im Herbst 1943 eine Gruppe aus Lazarett in Bergen-Belsen nach Fallingbostel kam, schlossen sie sich dem „Komitee zum Kampf gegen den Faschismus“ an. „Dazu gehörte Wassilij Morosow, der im Herbst 1943 Max Minz als Leiter ablöste.“

Der Führungszirkel des Fallingbostelers Komitees (fast ausschließlich Offiziere) war auf ca. 18 Mitglieder angewachsen. „Zu ihren Aufgaben zählten unter anderem die Werbung und die Auswahl von Mitgliedern sowie die gezielte Delegierung von zuverlässigen Personen für Sabotagetätigkeiten in den Arbeitskommandos“.

Jedes Mitglied im Führungszirkel hatte seinen eigenen Bereich für den er  verantwortlich war: Zum Beispiel als Verantwortlicher für Propaganda und Agitation oder als  Verbindungsmann zu der französischen Widerstandsgruppe im Lager.

 

Efim Pcelkin berichtet in seinen Erinnerungen von („nach 1956“) wie bei der Auswahl und Werbung weiterer Mitglieder vorgegangen wurde (Zusammenfassung des Zitats):

In den Personaldokumenten der Wehrmacht befanden sich  genaue Angaben über jeden Gefangenen, die zum Stalag gehörten. Kriegsgefangene, die in der Schreibstube arbeiteten, trafen zunächst eine Auswahl über evtl. Kandidaten, die man als Mitglieder werben wollte. Durch Gespräche über die Vergangenheit, konnte man die persönlichen Qualitäten herausfinden. Entsprach der „Neuling“ den Anforderungen führte das Kommiteemitglied für propagandistische Tätigkeit ein vertrauliches Gespräch mit ihm.

Als Mitglied galt nur der Kriegsgefangene, der sich auch persönlich einschaltete.  Wurde er in ein Arbeitskommando geschickt, in dem schon eine Untergrundzelle bestand, musste er bei seinem Eintreffen unverzüglich die Verbindung herstellen. Gab es noch keine Untergrundtätigkeit, war er verpflichtet eine Untergrundzelle zu schaffen und zu führen.

So entstand ein „konspiratives Netz von Widerstandszellen weit über das Stammlager Fallingbostel hinaus“, in dem Kriegsgefangene und sowjetische zivile Zwangsarbeiter zusammenarbeiteten.

Ende 1941 hatte sich im Lazarett Bergen-Belsen die Widerstandgruppe „Hannoveraner Komitee“ gebildet. Ab 1943 stand sie im engen Kontakt zum Fallingbosteler „Komitee zum Kampf gegen den Faschismus“. Eine intensive Zusammenarbeit kam durch die Auflösung des Stalags Bergen-Belsen  und die Übernahme des Lazaretts durch das Stalag XI B Fallingbostel als „Zweiglager Bergen-Belsen zustande.

1948 wurden Informationen über das  „Hannoveraner Komitee“ durch  das von Georgij Ovtschinnikov und Vladimir Jakimov verfasste Manuskript „Die Arbeitsmethoden des Hannoverschen Komitees“ bekannt. Die Autoren waren „Pfleger“ im Lazarett des Stalag Bergen-Belsen.

Anfangs bestanden die Tätigkeiten des „Hannoveraner Komitees“ aus der „Beschaffung von Informationen über den Kriegsverlauf und deren Verbreitung sowie auf gegenseitige Hilfe vor allem bei der Organisation zusätzlicher Nahrungsmittel“. Außerdem versuchte man die Gruppe durch die Anwerbung von Kameraden zu vergrößern.

Nach dem Sieg der Roten Armee bei Stalingrad verteilte das  „Hannoveraner Komitee“ ein Flugblatt an alle sowjetischen Kriegsgefangenen. Das sogenannte „Hannoveraner Programm“ legte die Pflichten und Aufgaben eines jeden sowjetischen Kriegsgefangenen dar. Anfangs wurde das Flugblatt per Hand abgeschrieben und später  durch eine heimlich eingerichtete provisorische Druckerei vervielfältigt und verbreitet.

Genesene Gefangene aus dem Lazarett in Bergen-Belsen wurden häufig über Fallingbostel zurück in den Arbeitseinsatz geschickt wurden – es entwickelte sich ein regelrechter „Pendelverkehr“.

Beispiele für solch einen „Pendelverkehr“ kann man an Hand der Personalakten der Kriegsgefangenen Andrijanow und Wladimir Jakimov ausmachen.

„Außer einem ausgeprägten Pendelverkehr zwischen Uslar-Bergen-Belsen-Fallingbostel (auch auf anderen Personalkarten nachweisbar) gibt es aber keine Belege oder sonstige Hinweise für die Existenz einer Untergruppe des Bergen-Belsener Komitees in Uslar.“

 

Spitzel

Trotz sorgfältiger Auswahl der Mitglieder und Vorsichtsmaßnahmen „wurde eine ganze Reihe von sowjetischen Organisationen aufgedeckt, darunter auch das Fallingbosteler ‚Komitee zum Kampf gegen den Faschismus‘. Das ‚Hannoveraner Komitee‘ in Bergen-Belsen blieb unentdeckt“.

Ein sogenannter Provokateur konnte in  eine Untergruppe des Komitees im Arbeitskommando 3133 Salzgitter-Drütte Organisation eindringen. So konnte die Gestapo die gesamte Organisation (bis auf Bergen-Belsen) zurückverfolgen. Die Drütter Gruppe galt als eine der aktivsten Untergrundgruppen. „Sie verübten Sabotageakte, zum Beispiel wurde Werkzeug beschädigt oder Ausschuss produziert. Außerdem organisierten sie mehrere Fluchtunternehmen“. Leiter dieser Gruppe war Fjodor Simonenko. Er wurde am 13. April 1944 von der Gestapo Braunschweig festgenommen und noch am gleichen Tag in das Strafgefängnis Wolfenbüttel eingeliefert. Fünf Tage später beging er in seiner Zelle Selbstmord. Nach dem Tod Simonenkos wurden 21 Personen an vier Orten verhaftet.

Am 9. Juni 1944 vermeldete das Reichssicherheitshauptamt einen Fahndungserfolg.

 

Zweite Verhaftungswelle Ende Juni 1944

Es begann eine intensive Fahndung nach führenden Mitgliedern des „Komitees zum Kampf gegen den Faschismus“.  Man vermutete ähnliche Organisatoren auch in anderen Lagern und betrachtete Fallingbostel als die führende Zentrale.

„Die Folge war eine zweite Verhaftungswelle Ende Juni 1944. Die Gefangenen aus Drütte und Fallingbostel wurden von Wolfenbüttel aus im August 1944 in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Buchenwald und Mauthausen überstellt. Mit der Überstellung wurden sie aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und galten nun als KZ-Häftling“.

Nur von vier sowjetischen Kriegsgefangenen ist bekannt, dass sie überlebt haben.

 

Schluss

Es bleiben noch viele Fragen offen, zum Beispiel die Frage nach der Zusammenarbeit der einzelnen Gruppen, die für dasselbe Gebiet bzw. dieselben Arbeitskommandos zuständig waren.

„Die Existenz des ‚Komitees zum Kampf gegen den Faschismus‘ mit Zentrale in Fallingbostel und die Vernetzung und Etablierung von Untergruppen in den Arbeitskommandos in der Region steht jedenfalls außer Zweifel“. Überlieferungen über die Verhaftungsaktionen der Gestapo Braunschweig im Frühsommer 1944 bestätigen die sowjetischen Berichte zum Teil.

„Für das Arbeitskommando in Salzgitter-Drütte kann die Verbindung ebenfalls ausreichend dokumentiert werden – für viele andere Untergruppen und deren Tätigkeiten fehlen aber die ergänzenden Nachweise“

Überlieferte Meldungen über das Hannoveraner Komitee im Lazarett Bergen-Belsen gibt es nicht.

„Warum fehlen sichtbare Beweise ihres Engagements?

Genau das ist das Dilemma der erfolgreichen Widerstandskämpfer:

Sie werden nicht entdeckt – ihre Urheberschaft z.B. bei Sabotageakten nicht erkannt. Ihr Name taucht in den Akten der Feinde daher nicht auf.“

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Kriegsdienstverweigerer aus religiösen Motiven – Opfer der NS-Miltärjustiz (bezogen auf Niedersachsen)

Referat Markus Herrberger (Zusammenfassung)

 

Einleitung – Überblick über Wehrdienstverweigerer in Deutschland

Angehörige der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas bilden den Hauptteil der Opfergruppe der religiös motivierten Kriegsdienstverweigerer.

Hanns Lilje, der ehemalige Landesbischof von Hannover, traf 1944 im Gefängnis mit Zeugen Jehovas zusammen.  In seinem Buch „Im finstern Tal“, S. 58f schreibt er, dass sich keine christliche Gemeinschaft mit der Zahl ihrer Blutzeugen auch nur von ferne mit  den Bibelforscher (jetzt Zeugen Jehovas genannt) messen könne. Sie könnten für sich in Anspruch nehmen, die einzigen Kriegsdienstverweigerer großen Stils zu sein, die es im Dritten Reich gegeben hat, und zwar offen und um des Gewissens willen.

Urteile und Briefe der Familienväter oder Jugendlichen, die hingerichtet wurden, bestätigen den Gewissenskampf. Auch in der Region Niedersachsen findet man  einige dieser „Blutzeugen“.

„In der Zeit des NS zeigt sich die Verweigerung als Akt religiöser Selbstbehauptung“.

Neben den meisten Zeugen Jehovas lehnten auch  Adventisten der Reformgemeinde, einzelne Katholiken und Protestanten sowie Angehörige kleinerer religiöser Gruppen den sogenannten „Ehrendienst in der Wehrmacht“ demonstrativ ab.  „Ebenso wenig konnten und wollten sie Adolf Hitler den „unbedingten Gehorsam“ schwören“. Durch Ablehnung des Absolutheitsanspruch der Nationalsozialisten gerieten besonders die Zeugen Jehovas, aber auch die Splittergruppe der Reformadventisten mit dem Staat in Konflikt. 1935 wurde die allgemeine Wehrpflicht eingesetzt. Regimegegner, die sich noch im Gefängnis oder in Konzentrationslagern befanden, erhielten nun ihre Einberufung.

73 Verurteilungen (5 aus Niedersachsen) von Kriegsdienstverweigerern sind bekannt.

Im August 1939 trat  die „Kriegssonderstrafrechtsverordnung“ (KSSVO) in Kraft, die besagte, dass jede Tat und Äußerung „die den Wehrwillen des deutschen Volkes zersetzen würde“ mit dem Tod bestraft werden soll.

 „Dazu zählte jede Art „Entziehung vom Wehrdienst“ und auch „Äußerungen“ gegen den Krieg oder das NS-System.“

 

Wehrdienstverweigerung im Zweiten Weltkrieg – Verfolgung durch die Wehrmachtsjustiz

Zahlen

Laut den Akten des Reichskriegsgerichtes (RKG) im Militärarchiv Prag , Urteilen und Vollstreckungslisten gab es in Niedersachsen 27 Verurteilte (85 % Zeugen Jehovas), 17 Todesurteile, 14 wurden davon vollstreckt

Nach Niedersachsen einberufen wurden 8 Verurteilte, 3 Todesurteile wurden vollstreckt.

 

Verweigerer in Niedersachsen

„Der erste deutsche zum Tode verurteilte Wehrdienstverweigerer stammte aus Delmenhorst. Adolf

Bultmeyer wurde am 9.9.1939 in Berlin angeklagt und bereits am 13.9. zum Tode verurteilt.

Vier Wochen später im Gefängnis Berlin-Plötzensee enthauptet.“

Heinrich Warnke aus Klein-Bramstedt bei Bassum wurde bereits am 4.10.1939 hingerichtet. Er war  erste Hingerichtete und kam ebenfalls aus Niedersachsen.

 

Die Rolle örtlicher Wehrmachtgerichte

Es ist bekannt, dass gegen drei Personen in Hannover Verfahren eingeleitet wurden:

Gegen „Josef Kischka aus Bottrop (1942 nach Goslar einberufen, hatte bereits in Wolfenbüttel eine Gefängnisstrafe wegen Eidesverweigerung verbüßt), wurde das Verfahren vor dem Gericht der Division 171 in Hannover eingeleitet. Es gab später mehrere Verfahren gegen ihn. Er überlebte den Krieg.“

Alfred Lumma aus Hannover wurde in die Wehrmachthaftanstalt „Am Waterlooplatz“ gebracht; hier gab er an, dass er „als Zeuge Jehovas weder den Eid leisten, noch gegen irgendeinen Menschen die Waffe führen könne. Gott habe verboten, irgendeinen Menschen zu töten.“

Bei Recherchen für eine Stolpersteinverlegung in Baden-Württemberg wurde bekannt, dass der ein Kriegsdienstverweigerer nach Hannover einberufen wurde. Er beging „1942 Selbstmord durch Erhängen in der Standortarrestanstalt Hannover.“

 

In den örtlichen Wehrmachtsgerichten gab es nur in wenigen Fällen eine Verurteilung, da ab 1936 das Reichskriegsgericht in Berlin als oberster Gerichtshof schwerwiegende Delikte aburteilte. „Wehrkraftzersetzung“ war ein schwerwiegendes Delikt.

 

Reichskriegsgericht (RKG)

 

Das Reichskriegsgericht (RKG) war Ende 1939 ausschließlichen zuständig bei Wehrdienstverweigerung als Form der Wehrkraftzersetzung, welche „zu einem

Kapitalverbrechen im Krieg stilisiert“ wurde.

Das RKG sprach insgesamt ca. 1100 Todesurteile mit Vollstreckung aus. Darunter befanden sich 264 Wehrdienstverweigerer.

In einer Handreichung für andere Kriegsgerichte wurde der Grund für die Todesstrafe bei Wehrdienstverweigerung der Zeugen Jehovas (Bibelforscher) genannt: „Gegen den hartnäckigen Überzeugungstäter – Bibelforscher – wird wegen der propagandistischen Wirkung in der Regel die Todesstrafe angezeigt sein.“

Obwohl die Atmosphäre am RKD sehr einschüchternd wirkte, ließ sich nicht jeder Angeklagte davon beeindrucken. Von dem Zeugen Jehovas Gustav Henke wird berichtet, er habe in seinem Schlusswort den Senat gefragt, ob er „in der Lage sei, die Verhängung der Todesstrafe vor Gott zu verantworten.“

„Die Richter hat dies wohl eher nicht beeindruckt. Der Vorsitzende Generalrichter

Werner Lüben, beging allerdings 1944 Selbstmord. Von ihm sind mindestens 20 Todesurteile

gegen Zeugen Jehovas bekannt“. Seltsamerweise findet man seinen Namen im  „Lexikon der Evangelischen Märtyrer des 20. Jh.“ So wird der Täter zum Opfer gemacht.

 

Admiral Max Bastian aus Wilhelmshaven fungierte als Präsident des Reichskriegsgerichts. Er  „ließ ca. 200

Todesurteile gegen Zeugen Jehovas und Adventisten vollstrecken. Nach dem Krieg beteuerte

er in seinen Erinnerungen, dass er alles versucht habe, dem Problem „menschlich Herr“ zu

werden. Die Tatsachen zeigen anderes. Admiral Bastian wurde für sein Wirken nicht zur

Rechenschaft gezogen. 1958 setzte man ihn mit militärischen Ehren der Bundesmarine bei.“

Formen der Kriegsdienstverweigerung

 

Die Formen der Kriegsdienstverweigerung waren unterschiedlich:

  1. Nichterscheinen zur Musterung
  2. Verweigerung der Unterschrift des Wehrpasses
  3. Zurücksenden des Einberufungsbefehls
  4. Fahren zur Einheit, Einkleidung mit Uniform, aber Verweigerung der Ausbildung mit der Waffe
  5. Verweigerung der Vereidigung
  6. Andere gingen bis an die Front und verweigerten nach Wochen oder Monaten den Dienst an der Waffe

 

Motive und Gewissenskonflikt

 

Adolf Bultmeyer schrieb an seine Frau, dass er für den Herrn sterben würde. Er wolle lieber wie ein Christ sterben als wie ein Heuchler.

Bruno Grundmann (20 Jahre) war zwar bereit seinem Volk im friedlichen Sinne zu dienen, war aber nicht bereit gegen die 10 Gebote zu handeln, die u. a. lauten: Du sollst nicht töten. Er liebte Gott und wollte dessen Gebote unter allen Umständen befolgen.

Peter Wrieden (54-Jähriger Witwer und Vater von 4 Kindern) sagte am Schluss seiner Verhandlung, dass er unglücklich werden würde, wenn er anders handeln würde. „Sein Inneres befehle ihm, Gott mehr zu gehorchen als den Menschen.“

 

Einzelbiografien

 

Otto Kolkhorst

Otto Kolkhorst (26, ledig) war ein Landwirtschaftshelfer aus Diepholz. Als Zeuge Jehovas

verweigerte bereits 1935 beim Reichsarbeitsdienst (RAD)  den Eid. Im November 1937 erhielt er  die

Einberufung zur Wehrmacht. Da er den Eid verweigerte verurteilte ihn das Kriegsgericht in Wandsbek zu 4 Jahren Gefängnis. Nach seiner Entlassung wurde er einen Monat später wieder einberufen. Er fuhr zwar nach Delmenhorst, weigerte sich aber die Uniform anzuziehen und den Eid abzulegen anziehen. Im März 1942 fand  in Berlin die Verhandlung statt. Er wurde „wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode verurteilt“. Wer in dieser Weise im Kriege die Treuepflicht gegenüber seinem Vaterland verletze, könne keine Milde beanspruchen.

Das Urteil wurde am 28.2.1942 im Zuchthaus Brandenburg mit dem Fallbeil vollstreckt.

 

Gustav Schnitger

„Beide Eltern kamen 1939 in ein Konzentrationslager: Der Vater Wilhelm kam in KZ Sachsenhausen, seine  Mutter Helene kam erst in KZ  Ravensbrück, später nach Bergen-Belsen. Bruder Heino wurde 1941 vom RKG zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und kam 1945 frei“.

Weil der 18-Jährige Gustav Schnitger den Wehrdienst verweigerte, wurde er im Zuchthaus Brandenburg enthauptet.

Der Vorsitzende Richter Walther Biron beging 1946 im Gefangenenlager Neu-Ulm Selbstmord. Er hatte mindestens 21 Todesurteile  gegen Zeugen Jehovas ausgesprochen.

 

Emslandlager – Übersicht

„Zur Geschichte der Verfolgung von Kriegsdienstverweigerern gehören für den Raum Niedersachsen auch die Emslandlager“. Verurteilte Kriegsdienstverweigerer waren zwar im Emslandlager inhaftiert, aber die eigentliche Strafe wurde nicht sofort vollzogen. Auf den erhalten gebliebenen Karteikarten steht: „Die Strafe wird nach Beendigung des Krieges vollstreckt.“

Es war nur eine Art der „Verwahrung während der Kriegszeit“, die unter „strengeren Voraussetzungen als üblich“ stattfand. Die bedeutete für die Inhaftierten „schmale Kost, schwere und gefährliche Arbeit“.

Bisher ist bekannt, dass 22 Kriegsdienstverweigerer im Emslandlager „verwahrt wurden“. Die  meisten von ihnen wurden vom Reichskriegsgericht zu Zuchthausstrafen verurteilt. Luftwaffengerichte hatten drei der Kriegsdienstverweigerer zum Tode verurteilt. Obwohl sie nie ihren Standpunkt geändert haben, wurden sie aber erstaunlicherweise von Hermann Göring begnadigt. Sie überlebten den Krieg.

Zwei Kriegsdienstverweigerer „verstarben in Esterwegen. Die Hälfte der 22 Personen überlebte den Krieg mit schweren körperlichen Schäden“.

 

Heinz Hentschel

Der Drogist Heinz Hentschel aus Schlesien erhielt vom Reichskriegsgericht ein  mildes Urteil. Er wurde  nur zu  5 Jahren Zuchthaus verurteilt. Er kam in das Emslandlager Aschendorfer Moor. Nach zwei Jahren im Lager wird er bedingt durch Unterernährung als  nicht lagerfähig für das Moor eingestuft und kam in ein schlesisches Zuchthaus. In seiner Haftakte, die sich in Leipzig befindet, ist ein Brief an Mutter aufbewahrt. Der Brief gelangte nicht durch die Zensur. Er berichtet darin von „Hunger, Kälte, Auspeitschung und übermenschlich schwerer Arbeit“ und, dass er „ nur noch 98 Pfund wog.“ Ebenfalls in der Akte befindet sich eine „Abschrift aus dem Meldebuch des Lagers Aschendorfer Moor“. Es heißt dort, dass 30 Strafgefangene sehr faul gewesen wären und die Arbeit trotz mehrmaliger Aufforderung nicht ausgeführt hätten. Der Halbzugführer habe deshalb den Gummiknüppel gebrauchen müssen.

Heinz Hentschel überlebte den Krieg nicht, sondern verstarb 1944 entkräftet im Zuchthaus Waldheim

 

Keine Entschädigung  für Herbert Steinadler

„Herbert Steinadler war zwei Mal in den Emslandlagern gefangen. Sein Name steht für einen beschämenden Teil Justizgeschichte der Bundesrepublik“.

Fast 20 Jahre war er auf Grund seines Glaubens inhaftiert und zwar im Emsland Lager von 1936-38 und ein 2. Mal 1939-45 als Kriegsdienstverweigerer, sowie 1950-1960 in DDR-Zuchhäusern. Seit 1961 lebte er in der Bundesrepublik in Hamburg und beantragte “Entschädigung und klagte“ sich „durch mehrere Instanzen“. Nach seinem Tod  „sprach sich der Bundesgerichtshof im Wesentlichen gegen Wiedergutmachungsansprüche wegen seiner Kriegsdienstverweigerung aus.

Herbert Steinadler hatte ohne Belege für die Zeit 1936-38 im Emslandlager eine Entschädigung bekommen, aber die nachweisbare Haft in den Jahren 1939-45, aufgrund eines kriegsgerichtlichen Urteils, hielt man nicht für entschädigungswürdig.

„Die Bundesrichter urteilten, dass man nicht sagen könne, dass die Verurteilung wegen Wehrkraftzersetzung Unrecht gewesen sei. Denn so würde man den Richtern von damals unterstellen, dass sie kein Recht, sondern Unrecht gesprochen hätten. (am BGH waren damals mehr als 10 ehem. Kriegsrichter tätig.) Außerdem: da der Kriegsdienst in der Wehrmacht kein Verbrechen gewesen sei, könne im Umkehrschluss eine Verweigerung auch kein ‚Widerstand‘ gewesen sein. Es habe sich auch nicht um Verfolgung aus religiösen Gründen gehandelt. Rein militärische Notwendigkeiten hätten die Verurteilung begründet.“

Dies war nicht das einzige negative Wiedergutmachungsurteil in der BRD, dass durch ehemalige Kriegsrichter in der NS-Zeit gefällt wurde.

Da die Opfer nur mangelnde Wiedergutmachung und Anerkennung des erlittenen Unrechts erhielten, gingen viele der Opfer selbst nicht an die Öffentlichkeit. Das führte dazu, dass die „Opfergruppe der Kriegsdienstverweigerer“ als Gesamtheit in Vergessenheit geriet.

In den 1990er Jahren stand die  juristische Rehabilitierung von Kriegsdienstverweigerern im Fokus. Doch erst 2002 wurde per Bundesgesetz die Aufhebung der Urteile wegen Wehrkraftzersetzung beschlossen.

Inzwischen hat auch im öffentlichen Gedenken in Niedersachsen die Kriegsdienstverweigerung ihren Platz gefunden. Dies geschieht u.a. durch die Aufnahme von Biografien in die Dauerausstellungen von Gedenkstätten oder deren Bildungsarbeit, Straßenbenennungen und Stolpersteine.

 

Literaturhinweis:

Marcus Herrberger (Hrsg.): Denn es steht geschrieben: „Du sollst nicht töten!“ Die Verfolgung religiöser Kriegsdienstverweigerer unter dem NS-Regime mit besonderer Berücksichtigung der Zeugen Jehovas (1939–1945). Verlag Österreich, Wien 2005, ISBN 3-7046-4671-7, S. 159, 406 (Schriftenreihe Colloquium, Bd. 12

Ausstellung:

Die Sonderausstellung „Was damals Recht war – Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht“ wurde vom Beirat der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ initiiert.

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Heinz Taxweiler – ein niedersächsischer Deserteur,

Moorsoldat und Widerstandskämpfer (Zusammenfassung  des Referats von Hans-Peter K l a u s c h)

 

Heinz Taxweiler wurde am 14. September 1920 in Celle als Sohn eines Schuhmachers geboren.

Am 21. Oktober 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Im Pionierbataillon der „niedersächsischen“ 1 1 1 . Infanterie-Division Fallingbostel erhielt er eine Ausbildung am Karabiner 98 und am Minensuchgerät. Am 15. April 1941 wurde er mit seiner Einheit in das besetzte Polen verlegt. Er bekam mit, dass die jüdische Bevölkerung in den Städten in separaten Vierteln hinter Drahtverhauen zusammen gepfercht lebte. Posten bewachten die Ghettos.

Heinz Taxweiler war von Anfang an beim Überfall auf die Sowjetunion dabei. Fein säuberlich eingetragen in seinem Wehrstammbuch sind die Kämpfe von Mai 1941 bis September 1941, an denen er teilnahm. Nachweislich war er im Oktober 1941 in Lubny stationiert. Dort entfernte er sich im Laufe des Monats von der Truppe. Die Gründe seiner Desertation können nur vermutet werden. Allerdings gibt es ein Dossier der Roten Armee,  in das Ergebnisse verschiedener Verhöre eingeflossen sind. Gründe für seine Desertion könnten die „unaufhörlichen Verlegungen, das schlechte Essen und die Barbarei seiner Kameraden“  sein.

Laut Befehl sollten keine Russen gefangen genommen, sondern auf der Stelle erschossen werden. Es gab aber auch Durchgangslager für Kriegsgefangene. Ein Überlebender Rotarmist berichtet später, dass die Gefangenen ohne Vorwarnung wegen kleinster Verfehlungen erschossen wurden. Jüdische Kriegsgefangene wurden sofort erschossen. Täglich wurde die Prügelstrafe vollzogen. Gefangene verhungerten.

Tätigkeitsberichte des Divisionsgerichts für die disziplinare Ahndung enthalten Berichte für den Juli 1941 über die Wegnahme von Zucht- und Zugpferden und das wahllose Abschlachten von Kühen,  Zuchtschweinen und Geflügel. Plünderungsfälle mehrten sich. Es gibt einen Bericht darüber, dass vier Kameraden von Heinz Taxweiler am 25. September 1941 einer Ukrainerin Lebensmitteln, ein paar Frauenstiefel, eine gesteppte Frauenjacke, eine Armbanduhr und eine Waschschüssel geraubt haben. „Auf die Bitte der Frau ihr wenigstens eine Bescheinigung auszustellen, wurde sie mit Fäusten tätlich angegriffen und mit einer Axt bedroht“.

Laut Aussage eines Soldaten wurden Mitte Oktober 1941 jüdische Männer, Frauen und Kinder aus der näheren Umgebung von Lubny gesammelt und  in Lubny selbst niedergeschossen. Die übrige Bevölkerung und die Soldaten hätten sich auf das Eigentum der Erschossenen gestürzt.

Es lässt sich anhand von Dokumenten nicht feststellen, ob Heinz Taxweiler zu diesem Zeitpunkt schon zuvor desertiert war.

Aufgrund von brieflichen Berichten von überlebenden Sowjetbürgern kann nachvollzogen werden, wo er zeitweise Unterschlupf gefunden hatte. Längere Zeit hielt er sich im dem  unbesetzten ukrainischen Dorf Besljudowka auf. Man nannte ihn dort Mikola. Als eine deutsche Streife auftauchte und die Bevölkerung zur Arbeit trieb, deckten ihn die Dorfbewohner und sagten er wäre taubstumm und zu nichts zu gebrauchen.

Am 9. März 1942 kamen  vier deutschen Gendarmen ins Dorf. Diesmal hatte er weniger Glück. Er wurde als Deserteur enttarnt und verhaftet.

Er kam vor ein Kriegsgericht. Das gegen Heinz Taxweiler gefällte Urteil ist nicht erhalten geblieben. Laut eigener Aussage sei er zum Tode verurteilt worden. Er durchlief verschiedenen Gefängnisse in den besetzen Gebieten. Danach wurde er in das  Strafgefangenenlager VII in Esterwegen eingeliefert. Durch die schwere Arbeit wurde Heinz Taxweiler im April 1943 völlig erschöpft und ausgezehrt, in ein Lazarett eingeliefert. Er kämpfte fünf Monate mit dem Tod und wurde im Zuchthaus Werl einigermaßen wiederhergestellt. Anschließend wurde er in das Wehrmachtgefängnis Torgau-Fort Zinna überführt. Da er durch seine Desertion „wehrunwürdig“ war, erhielt er die Möglichkeit sich der „Bewährungstruppe 500“ anzuschließen. Hierfür durchlief er eine Prüfung der körperlichen und mentalen Eignung für sogenannte „Mutproben“ bei Sport- und Nahkampfübungen. Bei Bewährung stand ihm Strafmilderung und Straferlass in Aussicht. Allerdings wurde die Truppe zu Einsätzen an Brennpunkten des Kampfes berufen. Sein Bataillon  hatte anfangs die Stärke von 1.300 Mann.  Am 27. Januar1944 zählte die Einheit noch ganze 24 Kämpfer. Heinz Taxweiler befand sich zu dieser Zeit schon seit mehr als fünf Wochen auf der anderen Seite der Front.

Strittig ist die Frage, ob er freiwillig zur Roten Armee wechselte oder ob er sich nur gerne von sowjetischen Aufklärern gefangen nehmen ließ. Die sowjetischen Stellen stuften ihn auf Grund seiner Erzählungen von der Desertion im Jahre 1941 als Gegner des Hitlerregimes ein. Nach einem kurzen Aufenthalt in einem Kriegsgefangenenlager lässt er sich von dem Nationalkomitee  „Freies Deutschland“ (NKFD) anwerben. Die Frontorganisation des NKFD versuchte u.a. durch Flugblätter und Lautsprecher-Ansprachen, aber auch in persönlichen Gesprächen mit deutschen Soldaten für die Ziele des Nationalkomitees zu werben. Das Ziel war die Beendigung des Krieges und der Sturz Hitlers. Bewaffnete Einsätze waren innerhalb des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ höchst umstritten. Heinz Taxweiler gehörte zu den Befürwortern der bewaffneten Einsätze. Am 12. Mai schlug eine Granate einen halben Meter neben ihm ein. Er wurde von vier Splittern getroffen.  Trotz Notoperation verstarb er am 13.5.1944.

Heinz Taxweilers Angehörige erfuhren nichts von seinem Tod. In der der Vermisstenbildliste des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes stand der Vermerk „Ort und Zeit der letzten Nachricht: Wolchow I2.43″.

Obwohl er ein Deserteur und „Kriegsverräter“ war, steht sein Name auf einer Bronzetafel  im „Ehrensaal“ des Hannoveraner Wehrbereichskommandos II der Bundeswehr in Celle zu Ehren seiner I I I . Infanteriedivision.

Wären die Todesumstände von Heinz Taxweiler in seiner Heimatstadt bekannt gewesen, wäre ihm eine öffentliche Anerkennung kaum zuteil geworden.

Literaturhinweis: SONDERDRUCK aus OSNABRÜCKER MITTEILUNGEN, Mitteilungen des Vereins für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück (Historischer Verein) Band 118, 2013, Selbstverlag des Vereins

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Drei WiderstandskämpferInnen aus dem sozialdemokratisch/ kommunistischen Milieu, Braunschweig  (Referenten Heidi Janicki/ Paul Pockrandt)

Minna Faßhauer

Ich darf Ihnen Minna Faßhauer vorstellen. Sie gehörte zu den politisch aktiven Menschen der Braunschweiger Arbeiterklasse Anfang des letzten Jahrhunderts. Ihre Verfolgung  beginnt lange vor 1933 und ist im politischen Raum bis heute nicht beendet.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAMinna Nicolai kam aus Bleckenstedt im Bördekreis Wanzleben, heute Egeln, nach Braunschweig. Ihre Kindheit erlebte sie in großer Armut. Als sie 3 Jahre alt ist, stirbt ihr Vater. Sie erinnert sich später:

„Meine Mutter erhielt keine Unterstützung, und so mussten wir Kinder sehr früh mithelfen, unser Brot zu verdienen. Knapp aus der Schule entlassen, musste ich in Dienst bei fremden Leuten.“

Mit 24 Jahren heiratet sie 1899 den Schmied Georg Faßhauer. Die Söhne Walter und Otto werden geboren.

Hermann Wallbaum, mit dem sie 1918 in der Novemberrevolution kämpfen wird, wusste noch, daß sie von Haus zu Haus den Leuten die Wäsche wusch. Sie sei eine ehrliche und aktive Frau gewesen, die für die Bewegung alles hergab. Sie habe sich aus dem niedrigsten Milieu „raufgearbeitet durch Lesen und so weiter“. Verschiedene Schnitzer, die da beim Schreiben vorkamen, die habe die Bourgeoisie ausgeschlachtet und sie als dummes Weib hingestellt.

Das „Raufarbeiten“ war im rückständigen Herzogtum Braunschweig  so eine Sache. Es war den Frauen zwar gestattet, sich karitativ für andere einzusetzen, aber ihnen war bei Strafe verboten, für die eigene Sache politisch tätig zu werden. Gerade das war für die Arbeiterinnen aber dringend notwendig, wenn sie ihre Lage verbessern wollten. Erst das neue Vereins- und Versammlungsgesetz von 1908 schaffte die Voraussetzungen dazu.

Artur Krull, auch ein Zeitgenosse, sagt später bei ihrer Beerdigung: „Auf regionaler Ebene hatte sie erheblichen Anteil daran, daß 1908 das Verbot für die politische Betätigung der Frauen aufgehoben werden muss (…).“ Bis dahin traf sie sich mit der Arbeiterjugend im  sozialdemokratischen Bildungsverein, ihre politischen Diskussionen waren illegal. In diesem Bildungsverein lernten die jungen Menschen ihre  Lage zu erkennen und ihre Erkenntnisse in politisches Handeln umzusetzen.

Minna Faßhauer dazu:

„Schon als junges Mädchen hatte ich Gelegenheit, sozialistische Schriften zu lesen. (…) Wir Frauen durften damals noch nicht am öffentlichen politischen Leben teilnehmen. Wir kamen dennoch heimlich zusammen. Der von uns Frauen geführte Kampf, voll unterstützt durch die Männer, führte 1908 zum Siege und damit zu unserer Gleichberechtigung im Versammlungsleben. Von da ab stand ich ständig in den Reihen der kämpfenden Arbeiterschaft, habe auch meine Söhne in diesem Sinne erzogen.“

Jetzt konnten auch die Frauen für das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht kämpfen.

1908 wird Minna von der Partei zur Nürnberger Frauenkonferenz delegiert, die unter der Leitung von Clara Zetkin und Luise Zietz stand. Beschlossen wurden dort u.a. die Bildung von Kinderschutzkommissionen, die Schaffung von Kindergärten in den  Kommunen  und die Organisierung von Kinderfreizeiten. Im Herzogtum war das auch nötig:

Minna Faßhauers Sorge galt den Wohn- und Lebensbedingungen der Arbeiterkinder. Im Volksfreund steht sie neben anderen als Organisatorin der Kinderfreizeiten.

Bis in die Kriegsjahre unternimmt sie mit den Kindern Sonntagswanderungen, organisiert Feste und Spiele im Wald. Es gibt die Erinnerung eines Teilnehmers an eine Wanderung in den Elm Himmelfahrt 1917, an der Hunderte Kinder und Jugendliche teilnahmen.

Die Bildung einer Kinderschutzkommission folgt, in die sie gewählt wird.

1914 berichtet der Volksfreund auch über ihre Gewerkschaftsarbeit.

Eine organisierte Arbeitsvermittlung oder -verwaltung gab es noch nicht, ein zentraler Arbeitsnachweis wird aber von der Reichsregierung für das Herzogtum Braunschweig gefordert.

Dazu trafen sich Vertreter der Landwirtschafts-, Handels- und Handwerkskammer, der Innungsausschuß, die bürgerlichen Frauenvereine – auch die Gewerkschaften. Von diesen werden drei Kollegen und Minna Faßhauer gewählt, was vor 100 Jahren von dem großen Vertrauen zeugt, das die Arbeiterschaft in sie setzte.

1920 berichtet die Niedersächsische Arbeiter-Zeitung, daß Minna Faßhauer auf einer Arbeitslosen-Versammlung gesprochen hat, die von der KAPD einberufen worden war, einer linken Abspaltung der 1919 gegründeten KPD. Sie prangert die überlangen Arbeitstage an, denen millionenfache Arbeitslosigkeit und große Not gegenüber stehen.

1914. Im Krieg, mit dem Wilhelm II. die Welt überzog, verändert sich auch die politische Frauenarbeit.  Um den Frauen zu helfen, deren Männer sich im Krieg befinden, nahm Minna Faßhauer an einem Treffen des Braunschweiger Verbandes der bürgerlichen Frauenvereine teil. Der Volksfreund dazu:

„Übereinstimmung bestand, (sich für) diese Aufgaben ohne Unterschied der Partei, des Vereins und der Person zu einer Vereinigung unter dem Namen „Nationaler

Frauendienst“ zusammen zu schließen.“ 18 Verantwortlichen, unter ihnen Minna Faßhauer,  wird der Bereich Familienfürsorge übertragen.

Als der Reichstag die Kriegskredite bewilligt, stellt sie sich angesichts der drohenden Kriegsgefahr mit der Mehrheit der Braunschweiger Arbeiterschaft auf die Seite Karl Liebknechts. Und stand auch dazu, als Liebknecht sich 1916 wieder gegen Kriegsanleihen zu Lasten des Volkes wendet und dafür als Vaterlandsverräter beschimpft wurde.

Das hat Folgen. In einer Stadtverordnetensitzung 1916 berichtet der Ortsvorstand der SPD, Genzen, von einem Brief der Vorsitzenden der nationalen Frauenverbände, Frau Götze, an Minna Faßhauer, daß sie nicht mehr mit dieser zusammenarbeiten könne, weil sie nicht auf nationalem Boden stehe.

In einem späteren Schreiben heißt es zum Schluss: „Wir stehen nur auf einem nationalen Boden, und da Frau Faßhauer sich durch ihre öffentlichen Auslassungen von diesem entfernt hat, haben wir ihre fernere Mitarbeit im Interesse der Sache abgelehnt.“

Genzen schreibt daraufhin im Namen des SPD-Ortsvorstandes:

„Sie hat rechtzeitig die Gefahren des Weltkrieges erkannt, hat sich durch ihre Mitarbeit mit den bürgerlichen Damen von ihrer politischen Überzeugung, … nicht abbringen lassen.“

Diese kompromisslose Haltung von Minna Faßhauer gegen nationalistisches Denken markiert und begründet den Beginn ihrer späteren Verfolgung.

Während des Krieges versucht sie, Verpflegung für die Menschen zu organisieren. Vom Rat der Stadt fordert sie mit weiteren Frauen, daß eine „Deputation zu den Ministern geschickt“ und ihnen gesagt wird, daß die Bevölkerung am Ende ist und nicht mehr hungern wolle.

Aus dieser Notlage erwächst nach zwei vorhergegangenen großen Streiks der Generalstreik 1916, der aber schon ausgeprägt politische Züge trägt. Immer häufiger wird die Forderung erhoben, den Krieg sofort zu beenden. Die Losung war Friede!   Freiheit!   Brot!

5.000 Arbeiter aus Braunschweiger Großbetrieben wählen eine Verhandlungskommission und beauftragen sie, dem Ministerium  ihre Forderungen vorzutragen. Eins der fünf Kommissionsmitglieder ist Minna Faßhauer.

Die Forderungen sind u.a.: Einsetzung eines Ernährungsausschusses, gerechte Verteilung der Lebensmittel, gleiches Wahlrecht und die Einführung des 8-Stunden-Arbeitstages. Die Forderungen wurden nicht erfüllt.

Im Bericht der Polizeidirektion an das Herzogliche Staatsministerium heißt es, zu der geplanten Versammlung sei unter anderem „die als Hetzerin bekannte Fasshauer erschienen.“

Nach diesen und den Erfahrungen mit der Hungersnot  im  „Kohlrübenwinter“ 1916/1917„

organisiert sich im Frühjahr 1917 die Mehrheit der Braunschweiger Arbeiterschaft mit Minna Faßhauer  in der USPD.  Nicht mehr bereit, für den Krieg Opfer zu bringen und den nächsten Hungerwinter vor Augen sehen sie nur den Ausweg, mit den Verhältnissen zu brechen. Am 8. November 1918 zwingt der Arbeiter- und Soldatenrat den Herzog zum Rücktritt und übernimmt die Regierung.

Durch die Novemberrevolution 1918 wird  der Erste Weltkrieg beendet. Minna Faßhauer wird vom Arbeiter- und Soldatenrat zur Volkskommissarin für  Volksbildung gewählt. Damit ist sie in Deutschland die erste Frau in einem Ministeramt.

Minna Faßhauer hatte sich im „Bildungsverein jugendlicher Arbeiterinnen und Arbeiter“ schon vor 1908 Verdienste um die Frauen und Jugendlichen erworben. Ihr wird das Amt anvertraut.

Als die Wolfenbütteler Arbeiterschaft einen Redner vom Arbeiter- und Soldatenrat anfordert, wird Minna Faßhauer delegiert. Auf ihren Vorschlag wählt dort am 9. November 1918  eine Volksversammlung von 10.000 Menschen einen Arbeiter- und Soldatenrat.

Die Ziele, für die Minna Faßhauer mit Partei und Gewerkschaft Jahrzehnte gestritten hat, wurden durch die Novemberrevolution erreicht: u.a. die Beseitigung der Gesindeordnung, Wahlrecht auch für Frauen, der Acht-Stunden-Arbeitstag, alle Schutzgesetze die heute noch gelten, das Tarifvertragsrecht, die Koalitions- und Versammlungsfreiheit und die Abschaffung der Zensur.

In der ersten Sitzung des A- und Soldatenrates sagt sie laut Braunschweigische Landeszeitung am 9. November 1918: „dass, wenn die Unabhängigen nicht das Szepter in die Hand genommen hätten, noch viele Menschenleben an der Front und auf der See dem alten Regime zum Opfer gefallen wären.“

Mitte Januar 1919 wird sie von der USPD in den Landtag delegiert.

Der Krieg wurde zwar beendet, aber das alte System nicht überwunden. Kaisertreue Offiziere sowie andere Gegner der November-Revolution formieren sich.

Maercker marschiert auf Befehl Eberts und Noskes in Braunschweig ein, zerschlägt die Novemberrevolution und verfolgt die Arbeiter- und Soldatenräte. Die  politischen Auseinandersetzungen über den weiteren Weg der Revolution verschärfen sich.

Die Arbeiterschaft war keineswegs homogen in ihren politischen Ansichten, auch in Braunschweig wird über die zukünftige Verfassung des deutschen Reiches gestritten.

Der linke Flügel des Arbeiter- und Soldatenrates, wie Minna Faßhauer in der USPD, sieht mehr und direkte Demokratie durch die Räterepublik gewährleistet. Die Mehrheitssozialdemokratie will die parlamentarische Verfassung.  Als klar wird, daß diese sich durchsetzen wird, zieht sie die Konsequenzen und legt ihr Landtagsmandat nieder.

Von den Auseinandersetzungen profitierten jene Kräfte, die 1920 mit dem Kapp- Lüttwitz-Ludendorff-Putsch versuchten, die junge Republik zu stürzen mit dem Ziel, die Monarchie wieder herzustellen. Gewerkschaften  und Arbeiterparteien gelingt es, mit einem bis heute einmaligen Generalstreik den Putsch niederzuschlagen. Mehr als 10.000 Menschen versammelten sich auf dem Leonhardplatz. Die Losung ist „Gegen die Militärdiktatur! Gegen den weißen Schrecken! Gegen die Wiederherstellung der Monarchie!“

Laut „Braunschweiger Allgemeine Anzeiger“ im Juni 1921 hatten sich bereits jetzt militärisch eingerichtete Verbände mit Namen wie „Selbstschutz“, „Stahlhelm“ und „Braver Heyderich“ etabliert, die aber trotz ihres kriminellen Treibens nicht juristisch belangt werden. Das reicht von verbalen Ausfällen bis hin zu Morddrohungen und offenem Terror gegen die Arbeiterschaft, die sich immer öfter gegen Übergriffe und konstruierte Anklagen wehren muß.

Auch Minna Faßhauer bleibt nicht verschont. Die Niedersächsische Arbeiter-Zeitung berichtet, „…dass die Wohnung der Genossin Faßhauer stark bespitzelt wird.“ Sie selbst erklärt, man habe bei ihr gehaussucht. Für Minna Faßhauer war der Kampf um die Erfolge der November-Revolution noch lange nicht beendet! Es folgen Verhaftung und Anklage wegen „Vergehens gegen das Entwaffnungsgesetz“. Ihre Strafe von vier Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 300 Mark wird durch Amnestie erlassen.

1921 werden in Braunschweig Sprengstoffanschläge verübt, die der Arbeiterschaft zur Last gelegt werden. Faßhauer wird wegen „kommunistischer Terrorakte“ gegen Kirchen und bürgerliche Institutionen und „Dynamitvergehen“ ohne Beweise zu neun Monaten Haft verurteilt.

Diese Verurteilungen wegen angeblichem Dynamitvergehen waren in der Weimarer Republik das übliche Mittel, um gegen missliebige Personen vorzugehen, in der Regel Teilnehmer an der Novemberrevolution, die dann mit der Niederschlagung des Kapp-Putsches geholfen haben, die Republik zu retten.

Wann genau die nächste Verhaftung erfolgt, konnte ich bisher nicht herausfinden, aber am 5. Dezember 1922 veröffentlicht die Niedersächsische Arbeiterzeitung einen Brief an Bauleute und Spinnereiarbeiter „sowie die der andern Betriebe, welche an uns denken!“ Darin heißt es u.a.:

„Liebe Arbeitsbrüder und –schwestern! Liebe Genossen!

Mit unendlicher Freude haben wir gehört, dass Ihr uns als Klassengenossen mit Eurer Solidarität zur Seite steht, dass Ihr damit unser Schicksal zu dem Eurigen macht, und dass Ihr mit uns zu fühlen wißt. (…)“

Sie schreiben, daß eine blutige Lüge durchs Land ziehe, um die Vergangenheit mit all den vielen Arbeitermorden vergessen zu machen. Wo Mörder und Kappisten immer noch frei herumlaufen, da müsse das Proletariat Mut und Kraft für die kommenden Kämpfe sammeln.

Unterschrieben u.a. von Minna Faßhauer und Rudolf Claus, von dem wir noch berichten werden.

Im März 1922 wird sie angeklagt wegen angeblicher Sprengstoff-Attentate.  Trotzdem ist Minna Faßhauer den Zeitungen zufolge aber „vor einigen Monaten aus der Untersuchungshaft auf ihre Bemühungen entlassen“ worden. Die Mitverhafteten sagen Widersprüchliches zu ihren Lasten aus. Das wird benutzt und behauptet, dass Minna Faßhauer aktiv an der Beschaffung von Sprengstoff beteiligt gewesen sei. Der Beweis steht bis heute aus.

Schwere Beschuldigungen werden von der „Freiheit“, der Zeitung der USPD, gegen den Untersuchungsrichter erhoben.

Sie zitiert den Verteidiger Justizrat Fränkel aus Berlin der empört feststellt, daß er seit 20 Jahren die Anwaltspraxis ausübe, aber noch niemals ähnliches erfahren habe wie in Braunschweig. Den Untersuchungsgefangenen sei das Gespräch mit der Verteidigung untersagt worden, der Untersuchungsrichter habe Spitzel in die Zellen der Angeklagten geschickt, die sich das Vertrauen der Inhaftierten erschleichen und diese unter emotionalem Druck zu Aussagen veranlassen sollten.

Die Staatsanwaltschaft konstruiert eine Anklage in der die Beweise fehlen, und wo es heißen müsste „Im Zweifel für die Angeklagte“ wird sie aufgrund von Vermutungen verurteilt.

Den „Neuesten Nachrichten“ vom 26. März 1922 zufolge werden die Haftbefehle gegen Minna aufgehoben, das Urteil: Frau Faßhauer 9 Monate Gefängnis. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden den Angeklagten nicht aberkannt. Die Untersuchungshaft ist allen Angeklagten in vollem Umfang angerechnet worden. Nach 1933 war diese U-Haft  Anlass für die Faschisten, sie als vorbestraft einzustufen.

Willkürliche Verhaftungen sind auch in den Folgejahren an der Tagesordnung. Die des Ingenieurs Kurt Seyferth von 1925 ist überliefert und in den „Blättern zur Geschichte“ der DKP 1980 festgehalten worden. Ihm  schreibt seine Frau ins Gefängnis u.a.:

„Hast meinen Brief gefunden, wo ich‘s Dir mitteilte, dass Noske während meiner

Abwesenheit Hausdurchsuchung gemacht haben, (…), die schriftlichen Sachen haben sie auch durchgesehen, da sind doch keine Handgranaten drinn. (…)“ In einer Versammlung habe auch die Genossin Fassauer gesprochen. Man müsse Stimmung gegen sie gemacht haben, aber sie habe sich fein durchgesetzt, man könne fast sagen eine zweite Rosa Luxemburg was Energie und Tatkraft anbelangt.

Nach der Machtübertragung an die Faschisten wird gegen Minna Faßhauer 1935 erneut  Anklage erhoben. Sie wird angeklagt

„… des hochverräterischen Unternehmens, mit Gewalt die Verfassung des Reiches zu ändern, insbesondere dadurch (…), dass sie zur Vorbereitung des Hochverrats einen organisatorischen Zusammenhalt herstellte (…) und dass sie zur Beeinflussung der Massen seit 1934 die Schriften  „Kampfsignal“, „Der rote Rebell“, „Deutscher Mann was nun?“ herstellte oder verbreitete.“

Der Chef der Braunschweiger Landespolizei und SS-Führer Jeckeln verfolgte vor allem die Angehörigen der Räterepublik. Er holt den Prozess gegen Minna Faßhauer nach Braunschweig, was unüblich war, um mit einem Tribunal gegen führende Köpfe der Arbeiterbewegung ein deutliches Signal zu setzen: Indem er sie als bekannte Persönlichkeit der Arbeiterschaft kriminalisierte, sollte die ganze Bewegung in Misskredit gebracht und der Widerstand gebrochen werden.

Nicht unerwähnt soll bleiben, daß Jeckeln vor 1932 für Sprengstoffanschläge in Braunschweig verantwortlich war, z. B. auf das Haus des damaligen Oberbürgermeisters der Stadt, Ernst Böhme. Das ist erwiesen. Er wurde nie zur Rechenschaft gezogen.

In einem Schreiben an den Leiter der politischen Polizei wehrt sich Minna gegen die Anklagen und bekommt dafür eine „Hausstrafe“, weil sie die Gründe für ihre Schutzhaft „in unerhörter Weise bemängelt“ habe.

Minna Faßhauer wird ins Frauen-KZ Moringen überführt, aus dem sie 1936 im Alter von 60 Jahren mit einem schweren Magenleiden entlassen wird. Artur Krull sagte später bei ihrer Beerdigung, im KZ habe sie über 50 Pfund Körpergewicht verloren.

Nach der Befreiung vom Faschismus tritt Minna Faßhauer 1946 der KPD bei. Sie kandidiert auch zu den Kommunalwahlen, erringt aber keinen Sitz im Stadtparlament. Über ihre Arbeit in der KPD-Landesleitung und ihre politische Frauenarbeit gibt es leider keine schriftlichen Dokumente, aber Genossinnen aus Braunschweig und Hannover, z. B. Hertha Dürrbeck, haben dies in persönlichen Gesprächen weitergegeben.

Minna Faßhauer brachte 1918 als Volkskommissarin für Volksbildung Gesetze auf den Weg, die bis heute Wirkung entfalten: Befreiung der Schulen von der Oberhoheit und Weisungsbefugnis der Kirche, sie schaffte die gesetzliche Grundlage für weltliche Einheitsschulen, an denen die Geschlechtertrennung aufgehoben wurde; aus den Schulbibliotheken und dem Unterricht wurden Kriegs- und Fürstenverherrlichung verbannt.

Am 28. Juli 1949 erleidet sie im Alter von 74 Jahren während einer Frauenversammlung der KPD einen Gehirnschlag. Sie hatte die Frauen und Mütter aufgefordert, mitzuhelfen, dass zukünftige Kriege verhindert würden. Internationale Verständigung unter den Völkern zur Erhaltung eines dauerhaften Friedens für die Menschheit waren ihre letzten Worte.

Sie ist gestorben wie sie gelebt hat – mitten in der politischen Arbeit für die Menschen ihrer Klasse.

(C) mit freundlicher Genehmigung von Heidi Janicki

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Martha Emilie Henriette Grimm verw. Claus, geb. Deneke

Geb. am 26.Februar 1893 in Braunschweig

Die Volksschule besuchte sie von 1899 – 1907, danach erlernte sie das Putzmacher Handwerk.

Rudolf  und Martha heirateten am 19.Juli 1930.

Ab 1931 war sie Mitglied in der KPD Braunschweig.

Nach dem Besuch von Rudolf im Gefängnis wurde sie bei der Familie Fluck in Berlin in Schutzhaft genommen.

Ihre Überführung durch Beamte der Gestapo Berlin nach Braunschweig war am 10.10.35

Danach wurde sie am 24.10.35 ins KZ Moringen gebracht.

Im KZ übermittelte sie an eine andere Gefangene in einem Kassiber die Gründe ihrer Inhaftierung, dies  wurde bemerkt und sie bekam eine Woche Haftverschärfung, danach  musste sie schwere körperliche Arbeit leisten trotz ihrer Magen OP.

Aus dem KZ Moringen wurde sie am 08.10.36 entlassen und stand bis 1940 unter Polizeiaufsicht.

Die zweite Ehe schloss Martha mit Werner Grimm am 26.Juni 1940

1949 erwirkte sie die Aufhebung des Urteils und der Kampf um die materielle Entschädigung für die Ermordung von Rudolf begann.

Ab August 1953 bekam sie eine Berufsunfähigkeitsrente von 140.-DM

Nach einer Krebserkrankung starb Martha am 02.Januar 1962 in Braunschweig

 

Rudolf Franz Paul Claus

Geb. am 29.September 1893 in Gliesmarode, hingerichtet am 17.Dezember 1935 in Plötzensee

Nach der Volksschule erlernte er den Beruf des Drehers.

Mit 17 Jahre trat er in den“ Braunschweiger Bildungsverein Jugendlicher Arbeiter“ bei.

1912 organisierte er sich in der SPD.

1915 wurde er trotz seiner internationalen Erziehung von der nationalen Kriegsbegeisterung erfasst und meldete sich freiwillig zur Front. Wo er nach einer Verwundung  1917 „als nicht mehr verwendungsfähig entlassen wurde“, dafür bekam er das Eiserne Kreuz zweiter Klasse und das Braunschweiger Verdienstkreuz.

Die Ereignisse und die eigenen Erlebnisse des Krieges machten ihn zum Kriegsgegner.

1918 trat er der USPD bei und war mit August Merges und Minna Faßhauer und anderen im Braunschweiger Arbeiter und Soldatenrat .

Nach Gründung der KPD in Braunschweig trat er in die Partei ein, die er nach dem Heidelberger Parteitag  1919 verließ, und zur KAPD  wechselte (eine linke Abspaltung der KPD).

Während des Mitteldeutschen Aufstandes im März 1921 gehörte er zum engen Kreis um Max Hölz.

Ende März wurde er festgenommen und vom außerordentlichen Gericht in Naumburg am 08. April 1921 zu lebenslangen Zuchthaus, unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit verurteilt.

Nach dem Straffreiheitsgesetz vom 21. Juli 1922 wurde Rudolf entlassen und der Strafvermerk aus dem Strafregister getilgt.

Vom Schwurgericht Braunschweig wurde er wegen Raub und Totschlagversuch auf das Lohnbüro der Grube “Treue“ am 03.November 1924 zu 17 Monate Zuchthaus verurteilt.

Nach Aussage des Oberstaatsanwalts „wurde das Geld für den Rechtsbeistand der Kommunisten  beschafft“.

Durch die Amnestie vom 14.Juli 1928 umgewandelt in Gefängnis gleicher Dauer.

Nach der Haft trat er wieder in die KPD ein.

Martha Deneke heiratete er am 19.Juli 1930

Die letzte legale Arbeit war in der Stadtgärtnerei Braunschweig, seine Entlassung vermutlich auf Anordnung vom Ministerpräsidenten des Landes Braunschweig Klagges, der in staatlichen Stellen nur Regimetreue zuließ.

Bei einem Treffen am 05. April 1933 in Holzminden (Rudolf Claus war Instrukteur der Roten Hilfe Hannover, Braunschweig , Halle) wurden er mit anderen verhaftet. Das Amtsgericht Holzminden verurteilte ihn am 18. September 1933 zu über 2 Monate Haft, die er bis zum 05.Oktober 1933 verbüßte.

Nach seiner Entlassung lebte er bei seiner Frau in Braunschweig, dort nahm er Kontakt mit der Roten Hilfe in Hannover und Berlin auf, und lebte illegal bis zu seiner Verhaftung am 14.Juli 1934 in Berlin.

Um an Informationen zu kommen wurde er während seiner Haft in Berlin bei den Verhören misshandelt und gefoltert.

Der Prozess begann am 25 Juli 1935 im Volksgerichtshof Berlin 2. Senat:  Vorsitzender Landgerichtsdirektor Dr. Schaad, Landgerichtsdirektor  Dr. Zieger, Major Stutzer, SS-Gruppenleiter Freiher von Eberstein, Korvettenkapitän Rollmann und der Beamte der Reichsanwaltschaft Staatsanwalt Dr. Kaven.

Mitangeklagt waren Eva Lippold, Ferdinand Steffens, Hans Lippert, Arthur Weißbrot sie bekamen Zuchthausstrafen.

„ Für einen derartigen Verbrecher wie Claus  ist nach der Überzeugung des Senats innerhalb der Volksgemeinschaft des nationalen Staats kein Platz mehr. Gegen ihn ist die Todesstrafe verhängt worden“.

Im Prozess wird das“ Tribunal“ erwähnt, die Zeitung der Roten Hilfe. Für die Gegner des Faschismus war es eine Möglichkeit über die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse im Reich zu berichten und sie zu kommentieren.

Die Richter beim Volksgerichtshof interpretierten den Inhalt so:  „Die Zeitungen und Schriften enthalten fast  ausführlich Hetz-Gräuel und Lügengeschichten der übelsten Art.Dabei wird zu den aktuellen Tagesfragen in gemeinster und hämischen Ausführungen Stellung genommen. Vor keiner Beleidigung des Führers, des Staates und seiner Einrichtungen wird zurückgeschreckt. Die S.A. wird systematisch aufgehetzt , die Wehrkraft verhöhnt.“

Rudolf Claus lehnte es ab, auf anraten seines Verteidigers einen Gnadengesuch, auf Grund seiner Verletzung und Auszeichnungen im 1. Weltkrieg beim „Führer“ zu stellen.

Die Überführung nach Plötzensee erfolgte am 26. Juli 1935.

Es wurde vollstreckt am morgen des 17. Dezember 1935 durch den Scharfrichter, der ihn mit dem Handbeil köpfte.

Proteste und Telegramme gegen das Urteil gab es vom französischen Ministerpräsidenten, vom Bürgermeister von Stockholm, der britischen Indepent Labour Party,Zeitungen „LE Peuple“ „Temps“. Der Gegenangriff, Radio Moskau, Verbandstag der Textilarbeiter Norwegens, Der Lutetia – Kreis ein Komitee von Sozialdemoraten, Kommunisten und bürgerliche Hitlergegner im Pariser Exil verfassten eine gemeinsame Resolution,  Heinrich Mann schrieb ein Essay “Es kommt der Tag“

In seinen letzten Brief vor der Hinrichtung schreibt Rudolf:

„Liebe Eltern, Geschwister und Bekannte!

Mariechen, Deinen letzten Brief habe ich mit großer Freude erhalten, auch Hildes Bildchen.

Es ist gerade, als hätte ich sie erst gesehen. Nun steht die gnadenbringende  Weihachszeit bevor. Aber für euch alle, meine Lieben, ist es keine freudige.

Mariechen, ich richte diesen Brief an Dich, denn Du wirst am stärksten sein, diese schreckliche Botschaft empfangen zu können und sie allen, vor allen Dingen meinen lieben Eltern in ihrem betagten Alter, und auch Mutter Deneke schonend mitzuteilen.

Noch einige Stunden, dann ist mein Leidensweg beendet.

Liebe Eltern und Geschwister ! In Gedanken bin ich bei Euch, um Euch alle zu trösten über das brutale Scheiden von Euch. Meine Lieben, die Vollstreckung des Urteils ist beispiellos in der Weltgeschichte. Aber es kommt weniger die Straftat in Betracht, als meine kommunistische Gesinnung und darum sehe ich tapfer und ruhig der Entscheidung entgegen.

Auch bitte ich Euch nochmals, in Ruhe den Schicksalsschlag zu überwinden“.

(Zusammenfassung mit freundlicher Genehmigung von Paul Pockrandt)

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Das Forschungsprojekt „Widerstand in Göttingen“

(Zusammenfassung  des Referates von Dr. Rainer Driever – zum Teil Direktzitate)

 

Idee zum Projekt „Widerstand in Göttingen“

Das Projekt „Widerstand in Göttingen“ sieht „eine biografisch zentrierte Erfassung und Darstellung des Widerstands gegen den Nationalsozialismus in Göttingen“ vor. Parallel sollen die  Organisationen betrachtet werden, „in die der Widerstand eingebettet“ war“ bzw. durch die er unterstützt wurde.“

Anlass für das Projekt war der Antrag zur „Anbringung einer Gedenktafel am Wohnhaus des Kommunisten Gustav Kuhn in der Petrosilienstraße 8“

Der Antrag wurde im Mai 2012 von der Ratsfraktion „Der Linken“ in Kooperation mit dem Verein zur Förderung antifaschistischer Kultur e.V. im Kulturausschuss gestellt.

Gustav Kuhn war in der Zeit von 1933 bis 1945 mit wenigen Unterbrechungen in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern inhaftiert. 1933 war er auch kurzzeitig im Männerlager des KZ Moringen untergebracht.

Im September 2012 beantragte die SPD-Ratsfraktion in der „Sitzung des Kulturausschusses die Erarbeitung einer zeitgenössischen Erinnerungskultur in Göttingen“.  Die Kulturdezernentin der Stadt Göttingen, Frau Dr. Schlapeit-Beck schlug Thomas Bürgenthal Hausvor, eine Gedenktafel an der Stadtbibliothek (dem Thomas-Buergenthal-Haus ) anzubringen. Diese Gedenktafel soll stellvertretend für alle Widerständler gegen den Nationalsozialismus gewidmet sein. Das Thomas-Burgenthal-Haus wurde deshalb ausgewählt, weil  hier die ehemalige Polizeiwache stationiert war. Die Schutzhäftlinge saßen ab dem Frühjahr 1933 dort ein.

2013 wurde eine  Arbeitsgruppe von Fachwissenschaftler/innen einberufen. Vertreten in ihr sind die Universität, die Stadt, das Stadtarchiv, die Geschichtswerkstätten Duderstadt und Göttingen sowie der Verein zur Förderung antifaschistischer Kultur.

 

Formen des Widerstandes

Den Fachwissenschaftler/innen  wurde schnell klar, dass der Kreis von Widerständlern in der NS-Zeit breitgefächert ist. Für das Projekt „Widerstand in Göttingen“ wird die Arbeitsgruppe den Begriff „Widerstand“ benutzen für:

a) „… Verhaltensformen …, die eine grundsätzliche Ablehnung des Nationalsozialismus annehmen lassen. So bedeutet dann (Zitat Klaus Schönhoven 1994, 3) ‚Widerstand [gegen die NS-Diktatur] eine Provokation, welche die Toleranzschwelle des nationalsozialistischen Regimes unter den jeweils gegebenen Umständen bewusst überschreitet mit einer Handlungsperspektive, die auf eine Schädigung oder Liquidation des Herrschaftssystems abzielt.‘

b) Widerstand soll zudem als eine aktive, nicht notwendigerweise organisierte, Bekämpfung des Systems und seines Führers Adolf Hitler verstanden werden, wie Herrmann Graml es 1997 (309) formulierte. Nach Ian Kershaw 1994 soll er erklärtermaßen auf die Unterminierung des Systems oder auf Vorkehrungen für den Zeitpunkt seines Zusammenbruches zielen.“

Auch die Sichtweise von Friedrich Zipfel findet Berücksichtigung,  der „mit dem Begriff ‚Widerstand‘ im ‚totalitären Staat‘ die Vorstellung, dass diese Handlungen unter bewußter Inkaufnahme der Gefahr von persönlichen Nachteilen, von Maßregeln Inhaftierungen oder gar der Todesstrafe begangen wurden“, verbindet (Zipfel 1965, 3).

Um Gegnerschaft zum Nationalsozialismus zu würdigen, wird auch der Begriff „Opposition“ definiert und unterschieden. Auch Einzelpersonen und Gruppen werden berücksichtigt, die anfangs eine andere Haltung einnahmen. „Ausgeschlossen werden sollen allerdings Aktionen von Nationalsozialisten gegen einzelne Maßnahmen des Regimes.“

„Weltanschauliche Dissens (Meinungsverschiedenheit)“, „die nicht unbedingt in eine Aktion mündet“, sich aber in unterschiedlicher Art „spontan“, kritisch und empört gegen Einzelaspekte des Regimes  äußerte und „gesellschaftliche Verweigerung“ (nach Richard Löwenthal 1984, 14) soll berücksichtigt werden.

Thematisiert soll auch der Widerstand der Göttinger Arbeiterbewegung werden, „von dem auch Impulse für den Widerstand im Reichsgebiet und im Exil ausgingen: von den Göttinger Eisenbahnern im Zusammenspiel mit der Internationalen Transportarbeiter-Föderation, der KPD sowie dem Internationalen Sozialistischen Kampfbund.“ Die Verbindungen nach Northeim, Hann. Münden und den inzwischen eingemeindeten Dörfern wird untersucht werden.

 

Göttingen und der Nationalsozialismus

Bei der Reichstagswahl 1920 gewannen die rechten Parteien DVP und DNVP  viele Stimmen dazu. Im „Dezember 1924 trat die NSDAP erstmals selbständig an und gewann über sechs Prozent“. 1929 war sie „mit zweiundzwanzig Prozent bereits zweitstärksten Partei nach der SPD.“ 1930 (Kommunalwahl)  war sie schon mit über 37 Prozent die stärkste Partei und 1932 hatte sie mit 51 Prozent die absolute Mehrheit inne.

„Das Klima war für die Nationalsozialisten in Göttingen günstig.“ Im „Wahlkampf für die Nationalversammlung kam es zu antisemitischen Angriffen“, die sich meist gegen Professoren und Dozenten der Universität richteten.

Im Februar 1922 fand die Gründung der Göttinger Ortsgruppe der NSDAP statt. Ende Dezember 1922 gab es bereits eine Sturmabteilung (SA).  Acht Jahre später hatte sie ca. 300 Mitglieder. „Im Juli 1929 wurde ein erster Trupp der Schutzstaffel (SS) eingerichtet.“ Der Parteigau Südhannover-Braunschweig wurde 1924 gegründet und Göttingen wurde die erste Gauhauptstadt. Am 21. Juli 1932 hielt Adolf Hitler eine Rede im Göttinger Kaiser-Wilhelm-Park.  Angeblich gab es 30 000 Zuhörer.

Der Machtantritt Adolf Hitlers wurde  am 30. Januar 1933 in Göttingen mit Begeisterung begrüßt. Am Fackelzug nahmen mehrere tausend Menschen teil.

 

Ausschreitungen und Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung

Die jüdische Gemeinde Göttingens bestand aus vier- bis fünfhundert Mitgliedern.

Gewalttätige Ausschreitungen gegen jüdische Einwohner und ihre Geschäfte in der Innenstadt gab es am Abend und in der Nacht des 28. März 1933. „Horden von nationalsozialistischen Schlägern“ zogen  „durch die Straßen, zertrümmerten Schaufenster, plünderten Geschäfte und misshandelten Menschen.“ Niemand protestierte dagegen: Weder die Kirchen, noch die Universität, die Lehrerschaft oder die liberale „Göttinger Zeitung“.

Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums am 7. April 1933  und das Vertretungsverbot für jüdische Rechtsanwälte  hatten weitere Auswirkungen auf die Stadt.

Obwohl der Physiker und Nobelpreisträger James Franck als Kriegsfreiwilliger von einer Ausnahmeregel betroffen war, legte er sein Professorenamt öffentlich nieder. Eine Solidaritätsbekundung gab es nicht, stattdessen betrachteten 42 NSDAP-nahe Professoren die Amtsniederlegung als Sabotageakt und wünschten von der Regierung eine Beschleunigung der „notwendigen Reinigungsmaßnahmen“. Die Universität reagierte umgehend und stieß am 25. April die jüdischen Wissenschaftler aus. Unter ihnen befanden sich der Physiker und Mathematiker Max Born und die Mathematiker Richard Courant und Emmy Noether.

 

SPD

Am 28.02.1933 wurde das sozialdemokratische Volksblatt verboten. Am 7. April wurden fünf von sieben Göttinger SPD-Bürgervorstehern in Haft genommen. SPD-Bürgervorsteher nahmen das letzte Mal am 26. April an einer Ratssitzung teil. An diesem Tag wurde das Volksheim von der SA besetzt und die Einrichtung demoliert. Tags darauf  untersuchte die Kripo unterstützt von der  SA-Hilfspolizei die Räume des Volksblatts. „Am 1. Mai wehte das Hakenkreuz auf dem Mast des Volksheims. Ab dem Juni 1933 war die SPD keine Organisation ernstzunehmender Gegner für die Nationalsozialisten mehr.“

Bisher konnte nur verifiziert werden, dass die KPD und der Internationale Sozialistische Kampfbund systematischen Widerstand leistete.

KPD

„Die Kommunisten hatten in der Stadt einen schweren Stand.“ Die damalige Kommunistin und spätere SPD-Ratsherrin Hannah Vogt erinnerte sich: „In Göttingen war die KP eine Randerscheinung.“  Sie selbst kam aus der Haft heraus im Juni 1933 in das Frauen-KZ Moringen.

Obwohl die KPD-Mitglieder verfolgt wurden, blieben sie nicht untätig. Sie versuchten „mit inzwischen illegaler Propaganda, Klebe- und Flugzetteln den neuen Herren etwas entgegen zu setzen. Zusammen hörten sie Radio Moskau und versuchten, den organisatorischen Zusammenhang zu bewahren.“ 1933 erfolgten dann Verhaftungen, die am Ende der Strafeoft durch andere Strafen verlängert wurden.

 

Der Internationale Sozialistische Kampfbund

Der Göttinger Philosoph Leonard Nelson gegründete 1917 den Internationalen Jugend-Bund (IJB), aus dem der der SDP-nahe  Internationale Sozialistische Kampfbund hervorging. Leonard Nelson betrieb ab 1922 in der Walkemühle bei Melsungen in Nordhessen ein Landerziehungsheim. Nach dem Tod von Leonard Nelsons im Jahr 1927 übernahm Willi Eichler in Göttingen die Führung. „Der ISK verstand Demokratie eher als Schutz des Menschen im Sinne der Einhaltung und Garantie persönlicher Freiheit und Rechte und vertrat einen ethisch begründeter Sozialismus (z.B. strikte Gleichberechtigung).“ Der ISK umfasste nur ca. 300 Mitglieder. „Ab 1926 wurde die Monatsschrift ‚isk‘  herausgegeben.“ Die Parteizentrale wurde von Göttingen nach Berlin verlegt und ab Angang 1932 brachte der ISK die eigene Tageszeitung „Funken“ heraus.

Die SS übernahm im März 1933 das Landerziehungsheim Walkemühle. Willi Eichler emigrierte über Frankreich nach England. Der ISK wurde schon vor 1933 durch den Leiter der Göttinger SS, August Heißmeyer, beobachtet. Die Ortgruppe der Göttinger ISK bereitete sich bereits im Herbst 1932 auf die Illegalität vor: Sie „verbrannten ihre Mitgliedsbücher und lagerten die ISK-Schriften teilweise aus.“

In der Nacht zum 15. März wurden die ISK-Geschäftsräume im Nikolausberger Weg 67 durchsucht. Das Vermögen des ISK und des ISK-eigenen Kindergartens (Verein Kinderheim) wurde im Juli 1933 beschlagnahmt.

Ab August bestand eine enge Zusammenarbeit mit der „Internationalen Transportarbeiter Föderation“ (Gewerkschaftsdachverband). „Gemeinsam wurde die Tarnschrift ‚Willst du gesund bleiben?‘ mit zehn allgemeinen Regeln für die illegale Arbeit verbreitet.“ Im  Oktober 1933 erschien die erste Nummer der „Neuen politischen Briefe“, ab März 1934 erschien dieser Brief monatlich auf Dünndruckpapier und wurde illegal in Deutschland verteilt. Die Briefe wurden bekannt als „Reinhart-Briefe“.

Vierzehn Mitglieder der ISK-Gruppe wurden Mitte Januar 1936 von Göttinger Polizei verhaftet. In der der Verhandlung am Gericht Kassel wurden „drei Angeklagte freigesprochen, vier erhielten 10 Monate Gefängnis, die anderen 2-4 jährige Zuchthaus- und Gefängnisstrafen.“ Bekannt ist, dass Fritz Körber wurde nach Verbüßung der Haft ins KZ Börgermoor überstellt wurde und  Heinrich Oberdieck als Soldat in ein Strafbataillon kam. Er gilt als vermisst.

(c) Ingeborg Lüdtke

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Duderstadt: 6. Konferenz „Gedenken und Erinnern in Südniedersachsen“

Am 17. Mai 2017 fand in der Kreisvolkshochschule  in Duderstadt die 6. Konferenz „Gedenken und Erinnern in Südniedersachsen“ statt. Das diesjährige Konferenzthema lautete „Denkmälererzählen Geschichte(n)“.

Organisiert wurde die Veranstaltung in Kooperation mit der KZ Gedenkstätte Moringen.

Im Vormittagsprogramm ging es um die Frage, wie die nationalsozialistische Zeit in Duderstadt nach 1945 aufgearbeitet wurde und welche Geschichte hinter den heutigen Denkmälern steht. Götz Hütt von der Geschichtswerkstatt Duderstadt informierte die Teilnehmer während des Rundgangs  „Geschichte und Nachgeschichte des Nationalsozialismus – abgebildet in Denkmälern Duderstadts“ ausführlich über deren Entstehung und den Auseinandersetzungen bei ihrer Errichtung.

 

Die Synagogen-Denkmäler

Der Rundgang begann bei dem Denkmal zur Erinnerung an die jüdische Synagoge und endete in der Obertorstraße 59 bei den Stolpersteinen für die Familien Israel und Rosenbusch.

 

Denkmal Synagoge Duderstadt am WallAm 10. November 1938 wurde die jüdische Synagoge in Brand gesteckt. Heute erinnern am Wall nur noch das Denkmal und eine Informationstafel an die Existenz der Synagoge.  Die Tafel enthält Fotos der ehemaligen Synagoge, sowie Informationen zu deren Geschichte, und der Entwicklung der Gedenkformen ab 1952.

Schon vor dem Bau der Synagoge (eingeweiht 1898) gab es gegen den Standort erheblichen Widerstand in der Stadt. Die Bezirksregierung Hildesheim sprach „ein Machtwort“ und erlaubte den Bau auf dem ausgesuchten Baugrundstück. In der Synagoge befanden sich ebenfalls der Klassenraum der kleinen jüdischen Schule und eine Dienstwohnung für den jüdischen Lehrer.

Auch gegen den Standort des heutigen Denkmales gab es Einwände. Ursprünglich beantragten zwei Sozialdemokraten des Ortsrates Duderstadt die Errichtung eines Denkmales vor den ehemaligen Haupteingang in der Christian-Blank-Straße. Der Antrag fand auch die allgemeine Zustimmung und die Ursulinen als Grundstückseigentümerinnen waren damit einverstanden. Letztere zogen ihre Zustimmung wieder zurück, weil ein Ratsherr ihnen geraten haben soll, die Einwilligung zu verweigern. Als Grund habe er angegeben, dass das Grundstück durch das Denkmal eine Wertminderung erleiden würde. Das Denkmal wurde daraufhin 1980 auf dem Wall vor dem Grundstück aufgerichtet. Die Informationstafel wurde erst um das Jahr 2000 aufgestellt.

Inzwischen gibt es ein zweites Synagogen-Denkmal in der Christian-Blank-Straße. Im Januar 2007 bat die Geschichtswerkstatt Duderstadt  die Ursulinen um die Erlaubnis vor dem ehemaligen Eingang der Synagoge Stolpersteine für die Familie Cohn zu errichten. Denkmal jüdische Synagoge DuderstadtDie Familie Cohn lebte zum Zeitpunkt des Pogroms in der Lehrerwohnung. Die Ursulinen sprachen sich gegen Stolpersteine mit der Begründung aus, dass man Namen nicht mit Füßen treten dürfe.

Das Anliegen für eine Erinnerungstafel in der Christian-Blank-Straße wurde diesmal nicht abgelehnt. Es gab lediglich noch unterschiedliche Meinungen über den Text der Tafel. Statt des Vermerks, die Synagoge sei „abgebrannt“, liest man nun, dass die Synagoge durch „Brandstiftung“ zerstört wurde. Auch der Hinweis auf die Familie Cohn wurde aufgenommen.

 

 

Das Ehrenmahl des Gymnasiums

Die Denkanlage vor dem Duderstädter Gymnasium entstand in drei Abschnitten.

 OLYMPUS DIGITAL CAMERAZuerst wurde ein Denkmal zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Lehrer und Schüler des Duderstädter Gymnasiums aufgestellt. Es wurde am 2. September 1923 eingeweiht und der Schule übergeben. Dieses Datum fiel auf den im Kaiserreich gefeierten Sedantag. Er wurde zur Erinnerung an den Sieg in der Schlacht von Sedan über Frankreich im Jahr 1870 begangen.Friedensglobus Duderstadt

 Das Denkmal wurde 1958 durch Bronzetafeln erweitert, auf denen die Namen der Kriegstoten des Gymnasiums im 2. Weltkrieg verzeichnet sind.

Mit Unterstützung des Landkreises Göttingen als Grundstückeigentümerin wurde von der Geschichtswerkstatt Duderstadt  2012 ein Friedensglobus aufgestellt. Die Friedenstauben halten Schilder im Schnabel auf denen das Wort „Frieden“ in verschiedenen Sprachen geschrieben steht (z. B. in Ungarisch, Italienisch und Englisch).

 

Kurze Straße 24 (Ohne Denkmal)

Der Historiker Günther Siedbürger berichtete über das sogenannte „Polenlager“, das bis zum Kriegsende bestand.

ehemaliges Polenlager DuderstadtIm  September 1941 wurde eines der ersten Duderstädter „Gemeinschaftslager“ für polnische Zivilarbeiter vom Horst-Wessel-Ring 62 (heute: Ebertring) in die Kurze Straße 24 verlegt. Die Zivilarbeiter waren in unterschiedlichen Betrieben beschäftigt.

Der Hausbesitzer Alfons Jung vermietet die Parterreräume „zum Zwecke eines Polenlagers“ an die Ortsbauernschaft Duderstadt. Die Kosten für die Einrichtung des Lagers wurden an die einzelnen „Arbeitgeber“ der Zwangsarbeiter weitergereicht. Im Mietvertrag wird die Stadt Duderstadt als Träger erwähnt. Der Mietvertrag wurde für die Dauer des Krieges abgeschlossen. Die monatliche Miete betrug 30 RM.

Die offizielle Bezeichnung lautete ab dem März 1943 „Gemeinschaftslager VI Duderstadt/ Eichsfeld“.

Die hygienischen Verhältnisse in diesem Lager waren sehr schlecht. Die Zwangsarbeiter verrichteten ihre Notdurft in einen Eimer und entleerten ihn in den Gully. Da sich die Anwohner durch die Verunreinigungen der Straße belästigt fühlten,  wurde im Oktober 1941 nachträglich eine „Spülabortanlage“ eingebaut. Nach sechs Monaten war die Spülung wieder kaputt. Die Zwangsarbeiter mussten nun völlig ohne Toilette auskommen. Sie benutzten wieder die Straße oder andere öffentliche Orte. Im September 1942 wurden die hygienischen Zustände im Lager durch die DAF (Deutsche Arbeitsfront) überprüft. Eine neue Spülanlage wurde installiert. Das Lager wurde desinfiziert und das Stroh in den Schlafsäcken ausgetauscht. Eine weitere Desinfizierung wurde im Mai/Juni 1943 wegen einer Flohplage notwendig.

In der Regel waren ca. 30 Personen im Lager untergebracht. Einigen polnischen Arbeitern war es möglich auf den Höfen ihrer Arbeitgeber zu übernachten, deshalb lebten Im Mai 1942 nur noch 23 Polen im Lager.

Die Fenster des Hauses waren vergittert. Ein deutscher Lageraufseher und sein Stellvertreter,  ein Arbeiter der Stadt Duderstadt, bewachten das Lager. Angeblich vertrieben sich die eingesperrten Insassen „bis spät in die Nacht hinein“ die Zeit mit Kartenspielen. Auf Betreiben der DAF wurde der Lichtschalter für die Räumlichkeiten nach außen verlegt, so konnte der Lagerführer den Zwangsarbeitenden nachts von außen das Licht abdrehen.

 

Sammelgrab von 37 Opfern der NS-Zeit in Duderstadt

Sammelgrab NS-Opfer DuderstadtAuf dem St. Paulus-Friedhof befanden sich ursprünglich 67 Gräber von ausländischen Opfern der NS-Gewaltherrschaft. Darunter befanden sich 33 Gräber von Kindern.

Die 67 Gräber wurden eingeebnet. Heute erinnert ein symbolisches Sammelgrab an 37 Opfer der NS-Zeit in Duderstadt.

Die Geschichtswerkstatt Duderstadt möchte auf dem St. Paulus-Friedhof ein Denkmal aus 67 Grauwacke-Steinen errichten lassen. Der Standort wurde bereits zugewiesen.

 

Ehrenmal ObertorDenkmal Opfer DUD

Das Ehrenmal Obertor (mit dem Kriegsorden Eisernes Kreuz) gedenkt der gefallenen Opfer der Gewalt aus dem 1. Und 2. Weltkrieg. Eine Differenzierung der Opfer durch Täter und der Opfer, die zu Tätern wurden, wird nicht vorgenommen.

 

 

 

 

Die GeknechteteDie Geknechtete

Der Duderstädter Steinmetz und Bildhauer Bernd Frerix bot 1984 der Stadt Duderstadt die Skulptur „Die Geknechtete“ als Leihgabe an. Sie soll an die ungarischen Jüdinnen im KZ-Außenlager Duderstadt (Außenlager des KZ Buchenwald) erinnern. Laut Götz Hütt habe die Stadt die Skulptur ohne Einweihungsfeier aufstellen lassen wollen. Da es Protest gegeben habe, sei das Datum der Einweihung auf den 20. Juli (1944: Tag des Attentats auf Hitler) gelegt worden. Allerdings sei die Skulpltur als „Mahnmal zum OLYMPUS DIGITAL CAMERANationalsozialismus“ umbenannt worden. Der Künstler Bernd Frerix hatte bei der Gestaltung eigentlich nur die 755 nach Duderstadt verschleppten ungarischen Jüdinnen des KZ-Außenlager Duderstadt im Sinn.

Der Standort der Skulptur wurde an einen anderen nahen Ort versetzt. Die Bedeutung der „Geknechteten“ wird nun durch eine erklärende Gedenktafel hervorgehoben.

 

 

 

Stolpersteine Obertorstr. 59OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

An der Stelle des abgerissenen Duderstädter Judenhaus  verlegte der Künstler Gunter Demnig Stolpersteine für die jüdischen Familien Israel und Rosenbusch.

 

 

Nachmittagsprogramm der Konferenz

Nachmittags referierte Julia Braun (KZ-Gedenkstätte Moringen) über Denkmäler und Denkmalskultur nach 1945. Es folgte die Möglichkeit zur Diskussion.

Lisa Grow und Günther Siedbürger von der Geschichtswerkstatt Duderstadt berichteten über ihre Erfahrungen mit der Wanderausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeiter – Südniedersachsen 1939-1945“. Anschließend diskutierten die Teilnehmer über die Zukunftsperspektive der Ausstellung.

Die Konferenz „Topographie der Erinnerung  – Gedenken und Erinnern  in Südniedersachsen“ wird im nächsten Jahr fortgesetzt. Die alljährliche Erinnerungskonferenz findet immer in Kooperation mit einem lokalen Partner an unterschiedlichen Orten in Südniedersachsen statt.

Das Motto und der Ort der Veranstaltungsreihe für 2015 stehen noch nicht fest.

(c) Ingeborg Lüdtke

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Noah Klieger – Gesprächssplitter

Noah Klieger 11.4.2014 Mittelbau DoraDie Sendung wurde am  26. April 2014 um 10h und 21 h im StadtRadio Göttingen ausgestrahlt.

Noah Klieger hielt stellvertretend für die jüdischen Häftlinge am 11.April.14 eine bewegende Ansprache in der rekonstruierten Baracke der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Anlässlich des 69. Jahrestages der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora war er zum wiederholten Mal zurückgekommen. Zurückgekommen an den Ort, wo er Unmenschliches sehen und erleiden musste.

Noah Klieger ist kein gebrochener Mann. Er spricht voller Überzeugung. Seine Stimme ist immer noch sehr kraftvoll. Obwohl das Mikrophon vier Mal ausfällt, kann man ihn  hinten in den letzten Reihen der Baracke auch ohne Mikrophon verstehen. Noah Klieger erzählt klar, verständlich und flüssig. Seine Worte sind gut gewählt, hin und wieder blitzt sein Humor hervor.

Trotz seiner 88 Jahre ist er immer noch als Journalist tätig. Obwohl er körperlich inzwischen etwas gebrechlich wirkt, ist sein Verstand hell wach. Das Denken hat Noah Klieger sich nie verbieten lassen.

So lange er lebt, wird er seine Meinung äußern, solange er Worte dafür findet.

Allerdings gibt er zu, dass es keine Worte dafür gibt für das, „was er an Grausamkeiten erlebt hat. Manches könne man nicht mit menschlicher Sprache schildern.“

Selbst wenn man Worte finden würde, würde man sie auch begreifen?

Noah Klieger erklärt: „Erzählen kann man, aber nicht begreifen kann es niemand. Es gibt keinen Menschen, der sich in die Lage versetzen kann. Es gibt keinen Menschen, der so was begreifen kann.“

Noah Klieger erzählt bei Zeitzeugengesprächen vor unterschiedlichen Zuhörergruppen oft über die Umstände, wie er ins KZ kam. Er hat sich mit 15 Jahren einer jüdischen Widerstandgruppe in Frankreich angeschlossen:

Noah Klieger wird 1942 von der Gestapo verhaftet. Er kommt zuerst in das belgische  SS-Sammellager Mechelen und wird später nach Auschwitz gebracht. Als die „Rote Armee“ naht, wird er auf einen der Todesmärsche geschickt und kommt bereits unter den grausamsten Bedingungen in Dora an.

Waggon Mittelbau-DoraZehn Tage dauert die Bahnfahrt von Gleiwitz bis zum KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen. In einem Waggon sind ca. 150 Häftlinge untergebracht.  „Wir konnten noch nicht mal stehen, … die Schwächeren  … sind einfach umgekippt und wir standen auf ihnen“, sagt Noah Klieger. Wenn der Zug stoppte, mussten sie die „Leichen in andere Waggons schleppen“. Die Waggons wurden wieder gefüllt.  „Es gab viel mehr Tote als Lebende und die lagen also in Schichten in den Waggons und wir saßen auf ihnen“.

Noah Klieger wird bei seiner Ankunft im KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen  im Kinosaal untergebracht. Bei der Registrierung gibt er sich als französischer politischer Gefangener aus. Gleich am nächsten Tag werden Feinmechaniker gesucht. Er meldet sich, obwohl er keine Ahnung davon hat. Er muss eine Prüfung anlegen. Besteht er sie nicht, wird er gehängt.

Noah Klieger hat Glück. Er entgeht dem Tod durch Erhängen. Ein französischer Häftling verschafft ihm zweimal die Lösungen für die Prüfung. Er besteht die Prüfung  als Bester und er wird Vorarbeiter.

Noah Klieger ist sich die ganze Zeit bewusst, das sein Leben an einem seidenen Faden hängt.

Er verrät niemandem, dass er Jude ist und entgeht so dem sichern Tod.

Einige Tagen später müssen die jüdischen Häftlinge gesondert antreten und ca. 1500 Juden wurden abtransportiert. Später  erfährt Noah Klieger, dass sie per LKW nach Ellrich gebracht und getötet werden. Die Leichen werden im Krematorium im KZ-Mittelbau-Dora verbrannt.

Noah Klieger berichtet über die Arbeitsbedingungen und die Verpflegung im Stollen des KZ Mittelbau-Dora:

Stollen heute„Die Zustände im Stollen waren etwas besser als, das heißt der Häftlinge in dem Stollen, waren besser als im übrigen Lager. Wir hatten einen sogenannten Stollenzuschuss. Wir bekamen ein Brot am Tag und konnten auch mittendrin in der Arbeit. Wir arbeiteten zwar 2x  Mal 12 Stunden. Konnten uns aber ab uns zu mittendrin ausruhen“.  Die Häftlinge versuchen so wenig wie möglich zu arbeiten.

Noah Klieger arbeitet zwei Monate im Stollen und wird dann am 4. April 1945 wieder auf einen Todesmarsch geschickt. Er marschiert 10 Tage durch den Harz und kommt zum KZ Ravensbrück bei Fürstenberg an Hier wird er am 29. April von der „Roten Armee“ befreit.

Noah Klieger hat in den KZ Auschwitz, Mittelbau-Dora und Ravensbrück viele Grausamkeiten gesehen und erlebt. Auf die Frage „Wie man damit fertig wird?“, antwortet er: „Man wird überhaupt nicht damit fertig“. Er sei nach 2 Jahren im KZ Auschwitz zwar etwa gestählt gewesen,  „aber man kann sich an solche Zustände ja gar nicht gewöhnen“. Wenn er heute über seine Erlebnisse berichtet, kommt es ihm manchmal so vor, „ als ob ich die Geschichte von jemand, von anderen Leuten erzähle, als es nicht meine eigene wäre“. Ihm ist heute noch unvorstellbar, wie es passieren konnte, dass sich „Menschen so erniedrigen, um andere Menschen so zu quälen? …“.

Trotz allem hat Noah Klieger keine Hassgefühle. Er gibt den heutigen Deutschen auch keine Schuld daran. Er kann nur nicht verstehen, dass ihm vor 30-49 Jahren „Deutsche …  erzählen wollten, sie hätten davon nichts gewusst“, da es doch fast in jeder Stadt und jedem Dorf Lager gegeben hätte.

Museumsgebäude Mittelbau-DoraADie Dauerausstellung der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora beschäftigt sich auch mit den Deutschen, die in der Umgebung der Lager gewohnt haben und den Häftlingen nicht halfen.

Dr. Jens-Christian Wagner, der Leiter der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen  zeigt auf, welche Fragen in der Ausstellung gestellt werden:

„Was war die Motivationsstruktur erstens Häftlingen feindselig gegenüber zu treten, zweitens das NS-System tatsächlich bis zum letzten Tag weitgehend zu stützen? Das sind Fragen, die meines Erachtens einen starken Aktualitätsbezug haben, denn es geht ja zum Teil um mentale und auch politische gesellschaftliche Strukturen von heute. Diese können zwar nicht direkt mit dem Nationalsozialismus verglichen werden, aber es gibt gewisse Ähnlichkeiten. Nehmen wir nur den Rassismus, der natürlich ein wesentlicher Beweggrund gewesen ist Häftlingen gegenüber feindselig aufzutreten. Einen latenten, häufig auch einen aggressiven Rassismus erleben wir auch heute noch. Das sind meines Erachtens Fragen, die sehr viel stärker geeignet sind einen Aktualitätsbezug zu heute herzustellen, als sich in KZ-Gedenkstätten mit dem Völkermord in Ruanda auseinander zu setzten. Wir geraten da sehr schnell in die Gefahr ein singuläres Verbrechen zu relativieren.“

Langfristig werden sich die KZ Gedenkstätten mit der Frage beschäftigen müssen, wie man Gedenkarbeit ohne Zeitzeugen gestaltet.

Politikerreden und Kranzniederlegungen machen wenig Sinn, wenn auch die Besucher den Gedenkveranstaltungen fern bleiben. Viele der heutigen Besucher kommen, um diejenigen zu treffen, die wirklich die Grausamkeiten in den KZ´s erlebt haben.

Schon heute verweigern sich einige Schüler aus den umliegenden Orten zu Gedenkveranstaltungen zu kommen, obwohl die Zeitzeugen auch zu persönlichen Gesprächen zur Verfügung stehen.

Wie kann man den künftigen Generationen die weitgreifenden grausamen Auswirkungen des Nationalsozialismus näherbringen, ohne die Geschichte abstrakt werden zu lassen?

Eine einheitliche Methode gibt es nicht. Jeder Mensch wird anders innerlich berührt. Es müssen verschiedene neue Formen der Erinnerung gesucht oder bewährte Formen ausgeweitet werden.

Noch leben viele Zeitzeugen. Nutzen wir die kostbare Zeit, sie zu befragen.

Und deshalb: Danke Noah Klieger! Danke für das Gespräch!

© Ingeborg Lüdtke (Text der Sendung leicht aus rechtlichen Gründen leicht  gekürzt)

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Bilder: Mit freundlicher Genehmigung der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora

Interviewsplitter: Sie entstammen aus 2 Interviews (von mir + der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora), die an einem Tag geführt wurden. Die Auszüge aus dem Interview über die KZ Gedenkstätte Mittelbau wurden mit freundlicher Genehmigung der KZ Gedenkstätte zur Verfügung gestellt.

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Noah Klieger spricht zum 69. Jahrestag der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora

Mittelbau-DoraVor fünf Jahren nahm ich das letzte Mal an der Gedenkfeier zur Befreiung des KZ Mittelbau-Doras bei Nordhausen teil.  Ist das wirklich schon solange her? Anscheinend schon, denn die Autobahn 38 nach Leipzig ist durchgehend befahrbar. Kein zeitaufwändiges Fahren durch die Dörfer. Auch  in Nordhausen hat sich einiges geändert. Der Bahnübergang von Werder auskommend hat eine Unterführung erhalten. Ich habe nun keine Orientierung mehr, wie ich früher zur KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora gefahren bin und folge den Hinweisschildern.  Sie führen mich über einen sehr langen Umweg  an mein Ziel.

 

Gäste

Die Gäste sind mit Großraumtaxen, Busse und Autos angereist. Ein externer Parkplatz Mittelbau-DoraSicherheitsdienst weist die Parkplätze zu. Der gutgelaunte Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes ist wohl der Meinung, ich setze zu schwungvoll zurück.  Er gibt mir eilfertig Zeichen, dass der Abstand in Ordnung sei.

Auch die Polizei ist auf dem Gelände präsent. Heute wird neben der lokalen politischen Prominenz auch Prof. Dr. Thomas Deufel erwartet. Er ist Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur.

rekonstruierte BarackeNun gehe ich die Stufen zur rekonstruierten Baracke hinauf. Ein Fernsehsender ist gerade dabei die Kameras auszurichten. In der Eingangstür steht die stellvertretende Gedenkstättenleiterin Dr. Regine Heubaum. Wir kennen uns von dem Interview für mein Hörbuch über das KZ Mittelbau-Dora. Sie bittet mich in den rechten Teil der Baracke zu gehen.

In dem linken Teil der Baracke ist die Bühne aufgebaut und hier sind die Plätze für die Überlebenden und ihrer Begleitung  sowie für die Prominenz reserviert. Auch im rechten Teil sind die Sitzreihen bereits  besetzt. Dahinter gibt es Stehplätze und einige Tische.  Ich ziehe meinem Mantel aus, stelle meine Rucksacktasche auf den Tisch an der Wand und setze mich auf die Tischkante. Ein jüngerer Feuermann beäugt mich etwas misstrauisch. Der Versuchung ihm den Inhalt meines Rucksackes zu zeigen, gebe ich nicht nach. Stattdessen hole ich einen Stift und ein Notizbuch heraus.

Es wird voll in der Baracke. Meine “innere Heizung“ läuft auf vollen Tour. Ich wundere mich, dass der neben mir stehende Mann (ca. 30 J) noch seinen wadenlangen schwarzen Trenchcoat anbehält. Auch  ein Herr (ca. 50) daneben mit angegrauten Haaren und Pferdeschwanz trägt seine dicke dunkelbraune Lederjacke.

Noah Klieger, einer der Überlebenden kommt in unseren Bereich und spricht mit jemandem und entfernt sich wieder. Er geht leicht gebeugt, nicht mehr so dynamisch wie vor 7 Jahren als ich ihn das erste Mal traf. Er ist inzwischen 88 Jahre alt und immer noch als Journalist tätig.

 

Programm

In dem Stimmengewirr ertönt leise Klezmer Musik, die dann lauter und der erste Bestandteil des Veranstaltungsprogramms wird.

Dr. Jens Christian Wagner, der Leiter der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora [Anm.: bis Herbst 2014], begrüßt die Gäste. Er weist darauf hin, dass der 11. April nur ein symbolischer Jahrestag der Befreiung sei,  da die meisten Häftlinge sich noch am 11. April 1945 in „den Händen ihrer Peiniger befunden hätten und viele auch noch nach dem 11. April ermordet worden seien“.

Anlässlich des 70. Jahrestages der Deportation und  Ermordung der ungarischen Juden sei das diesjährige Leitthema der Gedenkveranstaltung  die  „Geschichte der jüdischen Häftlinge im KZ Mittelbau-Dora“.  Ende Mai 1944 seien ca. 1000 ungarische Juden in Dora und den Lagern Ellrich und Harzungen eingetroffen. Bedingt durch die Räumung der KZ´s Auschwitz und Groß-Rosen sei die Zahl der nach Mittelbau-Dora verschleppten jüdischen Häftlinge auf über 6000 gestiegen.

 

„Vernichtung und Arbeit“

Jens-Christian Wagner stellt die neuveröffentlichte Broschüre der Gedenkstätte mit dem Titel „Vernichtung und Arbeit“  vor.  Er weist daraufhin, dass der Titel auf einen Widerspruch hinweise. Normalerweise sei es nicht üblich die Arbeitskraft, auf die man dringend angewiesen sei, zu vernichten.  In Mittelbau-Dora habe die Arbeit nicht vor der Vernichtung gerettet, sondern getötet.

„Opfer der Zwangsarbeit, des Hungers und der Gewalt“ in Mittelbau-Dora  seien neben den jüdischen Häftlingen auch „politische Häftlinge“ aus ganz Europa, “Sinti und Roma, sowjetische und italienische Kriegsgefangene, Wehrmachts-Deserteure, als ‚kriminell‘ oder  ‚asozial‘ verfolgte Menschen, Homosexuelle und Zeugen Jehovas“.

 

„Das Auschwitz-Album. Geschichte eines Transportes ungarischer Juden“

69. GedenkfeierDer Beitrag von Staatssekretär Prof. Dr. Thomas Deufel  vom Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur befasst sich mit der Ausstellung in der Feuerwache. Die Sonderausstellung wird um 13 Uhr eröffnet.  Sie trägt den Titel „Das Auschwitz-Album. Geschichte eines Transportes ungarischer Juden„.

Thomas Deufel erklärt, dass die ungarische Jüdin Lilly Jacob von ihrer Familie auf der „Rampe“ in Auschwitz brutal getrennt worden sei. Sie habe als einzige aus ihrer Familie überlebt. Lilly Jacob sei kurz vor Kriegsende nach Mittelbau-Dora transportiert worden. Am Tag der Lagerbefreiung habe sie in einer verlassenden SS-Baracke ein Fotoalbum gefunden. Die fast 200 Fotos würden den Ablauf „der Selektion, die Registrierung, die Entlausung, der Abnahme der Habseligkeiten und den Weg zu den Gaskammern in Ausschwitz“  dokumentieren. Lilly Jacob habe Fotos von sich selbst und ihrer Familie bei ihrer Ankunft in Auschwitz Birkenau entdeckt. In der Ausstellung hier am Ort werden 35 Fotos aus dem Album gezeigt.

 

Noah Klieger

Die vergangenen sieben Jahre seit unserem Treffen  sind an Noah Klieger zwar nicht ganz spurlos vorübergegangen, aber  seine Stimme ist immer noch sehr kraftvoll. Dies sagt mir auch der neben mir auf dem Tisch sitzende Herr,  als das Funkmikrophon zumNoah Klieger 11.4.2014 Mittelbau Dora 3. Mal ausfällt. Noah Klieger kann man hier hinten auch ohne Mikrophon verstehen. Er erzählt klar, verständlich und flüssig. Seine Worte sind gut gewählt, hin und wieder blitzt sein Humor hervor.

Es ist keine leichte Kost, die die Zuhörer zu hören bekommen. Wir erfahren, wie er in einem offenen Güterwagen mit ca. 150 Mithäftlingen zusammengepfercht nach Mittelbau-Dora transportiert wurde. Die Häftlinge hätten  10 Tage lang weder Essen noch Trinken erhalten. Viele seien auf dem Transport gestorben. Bei seiner Registrierung in Mittelbau-Dora habe er sich als französischer politischer Häftling ausgegeben. Er sei in Straßburg aufgewachsen und spreche daher perfekt Französisch. Er sei sich bewusst, dass dies ihm einige Male, dass Leben gerettet habe.

Als Feinmechaniker für Arbeiten in der unterirdischen Fabrik gesucht wurden, habe er sich gemeldet. Er habe aber überhaupt keine Ahnung von Feinmechanik gehabt. Die SS habe herausfinden wollen, ob die Häftlinge tatsächliche Feinmechaniker seien. Die Häftlinge hätten eine Prüfung ablegen müssen. Wenn herausgekommen wäre, dass er keine Ahnung habe, wäre er gehängt worden. Ein französischer Häftling habe ihm die Lösungen besorgt. Leider habe er sich bei „seinem Engel“ nie bedanken können. Auch bei der 2. Prüfung habe er Hilfe erhalten und sei zum Vorarbeiter im Stollen ernannt worden. Zwei Monate sei er im Stollen gewesen. „Das, was er an Grausamkeiten erlebt habe, könne man nicht mit menschlicher Sprache schildern. Dafür gäbe es keine Worte.“ Am  4.4.1945 sei er dann auf den Todesmarsch nach Ravensbrück geschickt worden. Selbst in Ravensbrück habe er noch arbeiten müssen. Ravensbrück sei am 26.4.45 geräumt worden, er habe sich aber geweigert das Lager zu verlassen. Dies sie sein Glück gewesen. Das Lager sei am 29.4.1945 von der Roten Armee befreit worden.

 

Glauben und KZ-Haft

Katharina Friedek und Carl-Lukas Pokoj,  junge Freiwillige an der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora, stellen die Frage:  „Wie konnte ein Mensch, dem fast alles genommen worden war, was ihn zum Menschen machte, sich selbst retten vor der Selbstaufgabe, vor dem Tod?“

Drei Möglichkeiten als Antwort auf die Frage sind:  1. Der Glaube an Gott durch Gebet und Einhaltung religiöser Feiertage zum Ausdruck gebracht;  2. Das Vertrauen an das Gute im Menschen; 3. In Gedanken in eine andere bessere Welt zu fliehen.

Sie belegen ihre Antworten mit Zitaten von den Überlebenden Jerzy Jasinski, Jean Mialet, Chayim Perl und Primor Levi.

Die  Besucher strömen  in Richtung Gedenkplatz vor dem ehemaligen Krematorium.

 

Schüler wollen keine Gedenkveranstaltung besuchen

Während ich auf Jens-Christian Wagner warte, belausche ich ein Gespräch.  Der Mann, anscheinend ein Lehrer,  erklärt: „ Ich muss jetzt wieder zurück zum Unterricht.  Ich habe meiner  Klasse eine Arbeit aufgegeben.“ Er bedauert auch, dass keiner seiner Schüler und Schülerinnen  ihn zur Gedenkfeier habe begleiten wollen. Ich finde dies sehr schade, da die Gedenkstätte doch offensichtlich ganz in der Nähe der Schule zu sein scheint. Andererseits hat mich das Thema KZ oder NS-Geschichte als Schülerin auch nicht so sehr interessiert.  Allerdings kamen wir im Geschichtsunterricht nur bis zur Machtergreifung Hitlers und niemand kam auf die Idee mit den Schülern zu einer KZ Gedenkstätte zu fahren. Da besuchte man doch lieber eine Kaserne oder das Stahlwerk Salzgitter. Noah Klieger hatte zum Schluss appelliert: „Dann liegt es an Ihnen und Ihren Kindern, dass nicht vergessen wird, was uns von den Deutschen im 3. Reich angetan wurde.“  Hier sind aber auch Gedenkstätten gefordert.  Wie können sie bei den Schülern am besten das Interesse wecken? Sind es neue Formen der Gedenkarbeit wie Theaterstücke und Comic-Werkstätten?

Jens-Christian Wagner kommt nun aus der Baracke.  Ich freue mich ihn, wenigstens kurz persönlich sprechen zu können. Wir hatten uns geeinigt, dass wir es offenlassen, wann und ob wir ein Interview führen. Das Veranstaltungsprogramm ist ziemlich straff und ich habe heute noch einen Termin in Göttingen.

Ich betrete wieder die Baracke. Noah Klieger kommt mir mit seinen Begleitern entgegen. Ich frage ihn, ob ich ihn kurz ansprechen dürfe. Er antwortet schlagfertig. „Sie sprechen ja schon mit mir.“

Ich sage ihm nur kurz, dass wir schon einmal ein Interview geführt hätten und dass ich auch das Hörbuch über das KZ Mittelbau-Dora herausgebracht habe. Auch sei ich wegen ihm zur Veranstaltung gekommen.  An das Hörbuch erinnert er sich anscheinend und er freut sich mich zu sehen. Ob er sich auch an  mich erinnert, weiß ich nicht, aber ich bin überzeugt, dass er ein sehr gutes Gedächtnis hat.

Wie er so vor mir steht, komme ich mir so riesig vor. Ich überrage  ihn sicherlich um einen halben Kopf. Mir war dies vor 7 Jahren gar nicht aufgefallen, aber wir haben das Interview ja auch im Sitzen durchgeführt. Die wirkliche Größe eines Menschen hat ja bekanntlich nichts mit seiner körperlichen Größe zutun. „Das Denken macht die Größe des Menschen aus“, schreibt der französischer Religionsphilosoph und Naturwissenschaftler Blaise Pascal. Das Denken hat Noah Klieger sich nie verbieten lassen.

Jetzt fordere ich noch die Pressemappe am Info-Stand an und gehe hinunter zum eigentlichen Gedenkstättengebäude. Ich erwerbe die neue Broschüre „Vernichtung und Arbeit“.

Ich wundere mich auch hier über das gute Gedächtnis von Jörg Kulbe an der Anmeldung.

 

Rückfahrt und Alibi

Als ich an dem ehemaligen Zugang des Stollens vorbeifahre, sehe ich eine Originalschienen Stolleneingang AVeränderung. Früher war hier alles zugewachsen. Jetzt ist  ein Teilstück alter Schienen zu sehen. Mein Auto stelle ich auf einem Nebenweg ab und überquere die Straße, um Fotos zu machen. Ein weißes Auto fährt  währenddessen die Straße herunter,  wendet und hält am Straßenrand. Der Fahrer droht mir mit dem Zeigefinger. „Aber hier steht doch gar nicht: Betreten des Rasens verboten?“,  denke ich. Der gutgelaunte Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes von heute früh macht mir klar, dass ich „wild“ parken würde. Stimmt, ich vergaß das Schild am Anfang des Geländes. „Ich parke ja nicht, sondern halte nur.“  Nach einigen Worten über die Neugestaltung des alten Waggon Mittelbau-DoraStolleneinganges gehe ich zum Auto. Dort hat man die ehemalige Bahntrasse mit ehemalige SchienenMittelbau-Dorahellem Schotter aufgefüllt. Ich mache noch schnell ein Foto und fahre weiter. Kurz vor dem Verlassen des Geländes sehe ich rechts den Güterwagon auf den Schienen stehen und frage mich, ob er schon immer hier gestanden hat. Um nicht den Sicherheitsdienst erneut auf mich aufmerksam zu machen, halte ich kurz und mache ein Foto aus dem Auto.

Eins ist mir jedenfalls bei  dieser Sicherheitsüberwachung klar: Falls mich jemand befragen sollte, wo ich mich heute früh zwischen 10:30 Uhr und 13 Uhr aufgehalten habe, hätte ich ein fast lückenloses Alibi aufzuweisen.

Auf dem Rückweg fahre ich über die Straße der Opfer des Faschismus zurück. Dieser Weg ist wesentlich kürzer als der ausgeschilderte Weg. Mein Auto freut sich, dass es endlich wieder einmal auf der Autobahn fahren kann und “fliegt“ nur so dahin. So kann ich noch stressfrei meinen zweiten Termin in Göttingen wahrnehmen.

 

© Ingeborg Lüdtke

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Comics im Geschichtsunterricht und in der Gedenkstättenarbeit?

Zeitzeugen sterben. Immer weniger Zeitzeugen stehen für Interviews zur Verfügung.

Historiker und Gedenkstätten suchen nach neuen Formen, den nachfolgenden Generationen die Geschichte des Nationalsozialismus und seine Verbrechen gegen die Menschlichkeit näher zu bringen. Eine Form der Vermittlung sind Comics.

Himmler in MoringenDer Arbeitskreis „Pädagogik der KZ Gedenkstätte Moringen„ bei Göttingen startete 2008 das Pilotprojekt „Comicwerkstatt“. Der Arbeitskreis wurde von dem Historiker Dr. René Mounajed betreut. Er hat seine Dissertation zum Thema „Comic und Geschichte“ geschrieben.

In einem Interview beantwortete Dr. René Mounajed viele Fragen zu Comics im Geschichtsunterricht und in der Gedenkstättenarbeit:

Was ist der Unterschied zwischen einem Comic, Graphic Novels  und einem Cartoon?

Ein Comic ist eine Erzählung, die aus mindestens 2 Bildern bestehen muss. Die Bilder sind in der Regel gezeichnet und mit einem Text versehen. Mit Comics wird meist etwas Komisches, Lustiges und Drolliges verbunden, weil die ersten amerikanischen Comics in den Zeitungen so ausgerichtet waren. Ein Comic muss nicht immer lustig sein.

Das  Längenformat umfasst 64 Seiten im Album. „Graphic Novels“ hingegen sind abgeschlossene Comicromane, für die es keine Seitenzahlbegrenzung gibt.

Cartoons sind in der Regel immer lustig und sie haben meistens ein aktuelles politisches Ereignis im Hinterkopf. Ein Cartoon ist meistens ein Einzelbild, er kann aber ein Doppelbild, eine Sequenz sein.

Seit wann gibt es Comics?

Die Forscher streiten sich über die Frage, wann der erste Comic entwickelt wurde. Es ist eine ganz große Forschungsfrage.

Einige Forscher sehen in dem „Teppich von Bayeux“  bereits einen Comic. Andere beziehen die ägyptischen Hieroglyphen, antike Malereien und mittelalterliche Spruch-, Heiligen- und biblische Darstellungen mit ein. Vorformen könnten auch bereits mehrdimensionale Geschichtsbilder sein, die eine Sequenz erzählen oder biblische Geschichten im 15. Jahrhundert, sowie Holzstiche oder Flugschriften.

Für den Comic ist nicht die Sprechblase entscheidend, sondern die „enge Bildfolge“. Unter einer engen Bildfolge versteht man eine Folge von Szenen, die innerhalb eines kurzen Zeitraumes spielen.

Wilhelm Busch wird als Urvater der Comics gesehen, obwohl er selbst keine Comics gezeichnet hat. Aber seine Zeichnungen  von „Max und Moritz“ sollen dem US-amerikanischen Verleger Randolph Hearst zur ersten Comic-Strip-Serie „The Katzenjammer Kids“  als Vorlage gedient haben.

Comics mit geschichtlichem Hintergrund sind nicht neu, welche frühen bekannten Comics gibt es?

Der erste Comic, der sich mit Geschichte befasst ist „Prinz Eisenherz“ von Hal Foster aus den 1950er Jahren. Der Comic beschäftigt sich zwar mit dem Mittelalter, aber er nimmt auch viele neuzeitliche und gegenwärtige moralische und Verhaltensvorstellungen mit in den Comic hinein.  In der Comicforschung besteht die These, dass durch „Prinz Eisenherz“ Jugendliche in den 1960/70er Jahren für  Geschichte interessiert worden sind.

Allerdings gibt er nicht unbedingt die Geschichte des Mittelalters wieder. Es gab auch von dem Zeichner Hansrudi Wäscher weitere Rittercomics wie „Sigurd“ und „Falk“.

Es gab auch schon früh sogenannte pädagogische didaktische Produkte z.B. die „Abenteuer der Weltgeschichte“. Hier wurde der Versuch unternommen Geschichte historisch triftig zu erzählen.

Comics über den Nationalsozialismus

Im Moment wählen sehr viele Künstler und Künstlerinnen die Epoche des Nationalsozialismus für ihre Geschichten aus.Teilweise sind das auch eigene Lebensgeschichten oder die der Eltern oder der Großeltern. Aber es wird auch etwas aus dem Nationalsozialismus erzählt. In seinem Comic „Auschwitz“  (2005) versucht der französische Künstler Pascal Croci das Grauen von Ausschwitz in Bilder historisch triftig darzustellen. Der Niederländer Eric Heuvel hat die Comics „Die Entdeckung“ und die „Suche“ gezeichnet. „Die Suche“ zeigt das Schicksal einer jüdischen Familie in der NS-Zeit. Die „Entdeckung“ thematisiert anhand der Familie des niederländischen Jungens Jeroen die NS-Besatzung in den Niederlanden.

„Hitler“ von Dieter Kalenbach (Zeichnung) und  Friedemann Bedürftig (Text) wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Stiftung Lesen gefördert, aber später hatte man Bedenken und nahm den zweibändigen Comic wieder vom Markt.

Kann man mit Comics tatsächlich die Gräuel Nationalsozialismus darstellen?

Es handelt sich um ein Kunstwerk und Kunst muss nicht historisch triftig sein, aber sie kann. Man kann die Künstler nicht verpflichten, sich mit Quellen und historischen Darstellungen und Zeitzeugenberichten auseinander zusetzen. Aber es gibt eine große Gruppe von Künstlern, die versucht haben ein historisches Kunstwerk zu erarbeiten, mit der Intention Geschichte aufarbeiten. Ich sage bewusst aufzubereiten nicht darstellen. Geschichte darstellen kann keiner, auch nicht der beste Comickünstler, auch nicht, wenn er einen Historiker im Hintergrund hat.

Ein Comic zeigt nur die Vorstellung, die ein historisch interessierter Mensch zu einem historischen Sachverhalt entwickelt hat.

In dem Comic „Auschwitz“ erkennt man die Vorstellungen, die sich Pascal Croci von dem Ort Auschwitz gemacht hat. Seine Motivation sich mit dem Thema auseinander zu setzten, ist nicht erkennbar. Er beschäftigt sich aus freien Stücken mit dieser Thematik und man erkennt auch, wie er seine geschichtliche Recherche betrieben hat. Er geht von Zeitzeugen aus. Croci hat viel gelesen. Er ist emotional aufgewühlt. Ihn lässt Auschwitz nicht kalt. Er findet keine Worte des Happy Ends. Für ihn ist das ein wirklich grauenhafter Ort. Die Täter und Täterinnen werden dämonenhaft dargestellt. Sie bleiben zwar Menschen, aber sie entwickeln Fratzen. Sie bleiben auch noch im Rahmen realistischer Darstellungen, aber Croci zeichnet ein düsteres Bild von Ausschwitz und den Tätern.

Allerdings sind die der neueren geschichtlichen Forschungen unberücksichtigt. Auschwitz war für die Täter kein so düsterer Ort, obwohl es für sie ein Arbeitsplatz gewesen ist, wo als „lebensunwert“ bezeichnete Menschen umgebracht wurden. Viele Täter haben dies auf die leichtere Schulter genommen.  Eric Heuvel, dem z.B. Wolf Kaiser vom Haus der Wannseekonferenz kritisch über die Schulter geschaut hat, sieht die Diskrepanz und zeigt in seinem Comic „Die Suche“, wie ein Kindergeburtstag von einem hohen SS-Offizier gefeiert wird. Die Familie wohnt gleich neben Auschwitz. Während des Dienstes treffen die Täter auch Absprachen wie: „Gehen wir heute noch einen Kaffee trinken nach  Feierabend?“ Es ist ein guter Comic und das Grauen wird auch deutlich.

Könnte man nicht diese historischen Comics mit Fußnoten über den historischen Hintergrund versehen?

Ja, so etwas gibt es auch bei einem Comic zur römischen Antike und zwar heißt der Comic „Prisca und Silvanus“.

Außerdem ist ein Anhang enthalten, dort findet man Informationen zu den abgebildeten Orten und Gegenständen.

Gibt es Reaktionen von Comic-Lesern?

Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, da es kaum empirische Werte gibt. Schüler und Schülerinnen von heute kennen Comics kaum, schon gar nicht solche mit historischem Hintergrund jenseits von „Asterix“. In den östlichen Bundesländern kennen die meisten auch noch „Mosaik“, weil das ein populärer Comic zu DDR-Zeiten gewesen ist. Er erscheint noch heute, aber er ist in den westlichen Bundesländern noch nicht so ganz angekommen. „Maus“ von Art Spiegelman ist noch recht bekannt bei den Älteren der Lehrer, aber von den Schülern kennt ihn im Moment kaum jemand. Obwohl es eine Welle der „Graphic Novels“, der Comicromane mit geschichtlichem Hintergrund gibt, sind diese bei Lehrern und Schülern wenig bekannt.

Wenn die Schüler und Schülerinnen aber mit dem Medium Comics arbeiten, macht es ihnen Spaß. Allerdings kommen sie nicht von selbst darauf, dass diese Comics nicht die historische Wirklichkeit zeigen, sondern auch nur die Vorstellung von Künstlerinnen und Künstlern wiedergeben. Man muss ihnen klarmachen, dass selbst der objektivste und sachlichste Historiker immer nur eine subjektive Geschichte erzählt und dass sie auch sehr von seinem eigenen Standpunkt abhängt. Auf jeden Fall ist erkennbar: Geschichte ist ein Konstrukt. Das ist auch die große Chance, die ein Comic leisten  kann.

War dies dann Ihr Grund, weshalb Sie diese Comic-Werkstatt gegründet haben?

Ja, richtig, aber wir sind vor allem von dem Gedanken getrieben worden, dass die Gedenkstättenpädagogik neue Wege finden muss, um junge Menschen für diese Themen zu gewinnen.

Die Gedenkstättenlandschaft befindet sich im Wandel. Das liegt an 2 Punkten: Zum einen sterben immer mehr Zeitzeugen und  zum anderen bekommen wir neue Gedenkstätten: z. B. die Gedenkstätten der DDR-Diktatur.

Schüler finden einen anderen Zugang zum Thema Nationalsozialismus, wenn die Zeitzeugen persönlich im Raum sind und sie sich nicht nur Filme mit Interviews der Zeitzeugen ansehen können.

Gedenkstätten mit lebenden Zeitzeugen sind durchaus als Konkurrenz zu sehen. Die Gedenkstättenpädagogik ändert sich. Das muss man nicht nur negativ sehen, sondern auch begrüßen. Es stellt sich die Frage:  „Was machen wir jetzt daraus?“. Und da ist der einfache Punkt: Wir müssen, wenn wir uns mit dem Nationalsozialismus beschäftigen, den Schülern klar machen, dass auch heute nicht alles gut ist.

Die Geschichte geht weiter und auch in unserer heutigen Zeit besteht durchaus noch immer die Gefahr von rassischen und ausgrenzenden Tendenzen.

Müssten neue Comics geschrieben werden?

Ja, aber man muss sich auch überlegen, wie man die Schüler und Schülerinnen dazu bewegen kann, sich mit solchen Themen zu beschäftigen. Meiner Meinung nach machen solche Formate Sinn, wo die Schüler und Schülerinnen selbst tätig werden müssen. Am besten geschieht dies mit künstlerischen Produkten. Es müssen nicht nur Comics sein, aber es können Comics sein. Denkbar wären auch die Produktion eines Theaterstücks oder eines Films. Hier kann handlungsorientiert gearbeitet werden.

Da die künstlerische Version ein bisschen mehr Freiheit als alle Dokumentationsformate bietet, haben wir uns dafür entschieden das einmal mit der Comic-Werkstatt auszuprobieren.

Wie haben Sie Ihre Idee eine Comic-Werkstatt zu gründen in die Tat umgesetzt?

Wir haben eine solche Comic-Werkstatt für Schüler und Schülerinnen in ganz Niedersachsen ausgeschrieben. Statt dem riesigen Andrang, den wir erwartet haben, haben nur wenige Schüler und Schülerinnen ihre Arbeiten eingesandt.

Es gab für das Einreichen der Arbeit ein doppeltes Profil zu erfüllen:  1. Man sollte gerne zeichnen und 2. Man sollte sich für Geschichte interessieren und insbesondere für die Geschichte des Nationalsozialismus. Wir hatten vier Bewerbungen. Nach dem wir die Finanzierung geklärt hatten, haben wir mit der Arbeit begonnen.

Die Ergebnisse, die vorliegen sind wirklich Klasse. Die Schüler und Schülerinnen haben sich sehr mit der Geschichte auseinander gesetzt. Sie haben aber auch künstlerisch Enormes geleistet. Es sind wirklich Talente gefunden worden. Wir haben ja nicht nur historisch gearbeitet, sondern wir konnten die Comic-Künstlerin Elke Steiner gewinnen, die die künstlerische Seite begleitet hat.

Zwei der Jugendlichen haben auch noch an einem Wettbewerb bei „Zivilcourage vereint“ teilgenommen und eine Studienreise nach Griechenland gewonnen. Wir selbst sind auch begeistert und können uns vorstellen,  diese Comics in geeigneter Weise als Schulmaterial zu veröffentlichen.

Gab es Nachfragen von Lehrern und Lehrerinnen zur Comic-Werkstatt und wie waren die Reaktionen?

Ja, es gab nach Fragen und die Reaktionen waren alle positiv. Offen und skeptisch.

Was kommt dann nach der Geschichtsdarstellung in Form von Comics?

Da gibt es noch weitere Medien, die wir noch nicht untersucht haben. Ganz naheliegend ist das Computerspiel gerade zum Thema Nationalsozialismus. Allerdings muss man bei den Spielen vorsichtig sein, da es auch viele kriegsverherrlichende Spiele gibt.

Die Frage ist: Was können wir selbst tun, damit diese Geschichte sich nicht in anderer Form wiederholt? Wir können nur durch gute Präventionsmaßnahmen weiter kommen. Dazu müssen wir aber auf die Jugendlichen zugehen. Das bedeutet, dass die Gedenkstättenarbeit nicht nur in der Gedenkstätte stattfindet, sondern, dass die Gedenkstätte auch in die Schulen geht z.B. in Form von eines Theaterstücks [Anm.: die KZ-Gedenkstätte Moringen hat gemeinsam mit der Theatergruppe „Stille Hunde“ das Theaterstück „Die Besserung“ https://www.radio-uebrigens.de/?p=179 entwickelt. Dies kann für die Schule gebucht werden.]. Meiner Meinung nach sollte es eine wichtige Aufgabe der Gedenkstätten sein, sich mehr mit dem Aspekt der Menschenrechtserziehung auseinandersetzen. Aus vielen Gesprächen mit Zeitzeugen weiß ich, dass sie sich wünschen, dass in den Gedenkstätten auch auf aktuelle Menschenrechtsverletzungen aufmerksam gemacht wird.

Kommen wir zum Schluss noch einmal zu den Comics oder Graphic Novels. Gibt es auch einen Comic über das KZ Moringen?

Ja, der Comic ist von Gianni Carino und heißt „Oltre la Notte“. Er behandelt das Schicksal von einem jungen Häftling, der aus Italien als Widerstandkämpfer nach Werkhaus MoringenMoringen gelangt ist und überlebt  hat. Der Künstler ist mehrfach in Moringen gewesen und hat sich die Örtlichkeiten angesehen. Er hat nach Quellen gesucht und sich Darstellungswerke angeschaut.

Wir haben für die Gedenkstätte eine Arbeitsübersetzung in Deutsche angefertigt. In dem Comic sind sehr gute Sequenzen drin, wie  z.B. über die Ankunftssituation in Moringen. Er zeigt auch, wie man zum Häftling wird. Gianni Carino hat sich auch sehr schön mit den Örtlichkeiten hier auseinander gesetzt. Aber  von einer Gesamtveröffentlichung dieses Comics haben wir abgesehen, weil dafür die Handlung im KZ Moringen zu wenig Raum innehat. Die Liebesgeschichte steht zu sehr im Vordergrund. Moringen ist nur ein Unterkapitel. Wir wollen aber 1-2 Sequenzen daraus für Schüler veröffentlichen.

© Ingeborg Lüdtke [Zusammenfassung des Interviews]

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 Gesendet am 27.1.2009 im StadtRadio Göttingen

Cartoon: Der Dialog soll so zwischen Heinrich Himmler und Anni Pröll im Frauen-KZ Moringen stattgefunden haben.

Literaturhinweis:

Mounajed, René
Geschichte in Sequenzen
Über den Einsatz von Geschichtscomics im Geschichtsunterricht
Peter Lang Verlag, 2009

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Grenzlandmuseum Teistungen bei Duderstadt

Gesendet am 15.12.2003 MixUp-Magazin im StadtRadio Göttingen

Interview mit Vera Köster, GrenzlandmuseumTeistungen

 

Ingeborg Lüdtke:

Frau Köster seid wann gibt es das Grenzlandmuseum?

Grenzlandmuseum (C) Markus Grabautzki

Grenzlandmuseum (C) Markus Grabautzki

Vera Köster:

Das Grenzlandmuseum gibt es seit dem 11.11.1995.

Ingeborg Lüdtke:

Wer ist der Initiator dieses Grenzlandmuseums?

Vera Köster:  

Initiator des Grenzlandmuseums ist ein Verein. Der hat sich Anfang der 1990er Jahre gebildet und zwar aus den Gemeinden Teistungen in Thüringen und Duderstadt in Niedersachsen.

Ingeborg Lüdtke:

Was kann man sich eigentlich unter diesem Grenzlandmuseum vorstellen? Ist das eine reine Dokumentensammlung?

Vera Köster:

Das Grenzlandmuseum ist, wie der Name schon sagt, ein spezielles Museum. Sicherlich ist es auch eine Dokumentensammlung, aber hauptsächlich die Vermittlung der regionalen Geschichte. Und die war ja sehr bedeutend, weil hier an dieser Stelle früher der  Grenzverkehr ging. Der kleine Grenzverkehr wurde 1973 eröffnet.

Für die Region war dies auch von großer Wichtigkeit, weil hier die deutsch-deutsche Grenze Familien, Freunde und Bekannte  getrennt hat. Dies war für die Eichsfelder Bevölkerung auch mit Sicherheit schrecklich. Zum Beispiel hat eine Mutter die Tochter 40 Jahre lang nicht hat sehen dürfen. Die Eichsfelder sind ja sehr bodenständig und hängen auch aneinander. Die Familie sowie Freundschaft und Bekanntschaft wird noch groß geschrieben. Dadurch war seine solche Trennung von heute auf morgen sehr hart.

Ingeborg Lüdtke:

Grenzlandmuseum (c) Markus Grabautzki

Grenzlandmuseum (c) Markus Grabautzki

Wie ist dieses Grenzlandmuseum von der Bevölkerung aufgenommen worden?

Vera Köster:

Im Osten ist es nicht so gut aufgenommen worden, wie im Westen. Im Westen hat man das Museum natürlich gut geheißen. Viele Menschen sind im alten DDR-System verhaftet [Anm.:Stand 2003]  und behaupten oftmals, wir würden die Geschichte nicht korrekt darstellen. Solche Äußerungen kommen von einigen ehemaligen DDR–Grenzern [Anm.: Grenzsoldaten],  die dem Kommunismus ein wenig nachtrauern. Durch die Öffnung der Grenze haben sie ihre Existenz verloren.

Wir haben also nicht nur Befürworter für das Grenzlandmuseum, aber die Befürworter sind letzten Endes in der Mehrheit.

Ingeborg Lüdtke:

Wie viele Besucher kommen durchschnittlich im Monat?

Vera Köster:

Das ist unterschiedlich. Man kann im Jahr mir 40.000 Besuchern rechnen. Die Besucher kommen von überall her: Sie kommen u.a. aus Korea, den USA, Japan, China, Russland, Spanien, Frankreich und den  Niederlanden.

Es sind viele Touristen dabei. Es ist immer wieder erstaunlich, dass sich gerade ausländische Besucher für unsere Geschichte interessieren.

Ingeborg Lüdtke:

Wie sieht so die Reaktion der Besucher aus?

Vera Köster:

Wir können mit Stolz sagen, dass die Besucher beeindruckt sind. Sie sind nicht nur von unserer Dauerausstellung beeindruckt, sondern auch von den Informationen, die sie erhalten. Sie erfahren Dinge, die ihnen so gar nicht bewusst waren, wie  z. B. die Trennungen der Familien, die fürchterlich gewesen sind.

Ingeborg Lüdtke:

Was gibt es denn in Ihrer Dauerausstellung zu sehen?

Vera Köster:

Grenzlandmuseum (c) Markus Grabautzki

Grenzlandmuseum (c) Markus Grabautzki

Wir zeigen überwiegend die regionale Geschichte der Grenze. Diese Geschichte kann man natürlich nicht einfach darstellen, ohne die DDR in der Gesamtheit zu sehen. Wir geben auch einen Überblick darüber, warum die Grenze kam. Ein Thema ist der 2. Weltkrieg. Es geht auch  um die Zeit der grünen Grenze, als noch kein Zaun stand. Einige gingen heimlich über die Grenze und haben gehamstert [Anm.: z.B. Zigaretten gegen Lebensmittel eintauschen]. Bis zum Mauerbau war es auch noch möglich, Verwandte in der DDR heimlich zu besuchen.

Ein Thema der Ausstellung ist auch die Aufgabe, die die Stasi [Anm.: Staatssicherheitsdienst] übernommen hat:  Wo und wie hat sie geschnüffelt?

Die Ausstellung befasst sich ebenfalls mit der Geschichte der Grenze und mit dem Leben

Grenzlandmuseum (c) Markus Grabautzki

Grenzlandmuseum (c) Markus Grabautzki

im Sperrgebiet,  aber auch mit der Alltagsgeschichte und der Erziehung in der DDR, der vormilitärischen Ausbildung der Pioniere (FDJ), GST bis hin zur Wende.

Ingeborg Lüdtke:

Es gibt ja jetzt nicht nur diese Dauerausstellung.

Vera Köster:

Es gibt natürlich auch spezielle Sonderausstellungen zur politischen Themen in der DDR oder überhaupt zu DDR-Themen. Wir haben auch schon in diesem Jahr (2003) zur Alltagsgeschichte gemacht. Die ist nicht zur verwechseln mit dem Alltags-DDR-Boom. Wir haben auch schon Alltagsgeschichte dargestellt in Form der Dinge, die man dort kaufen konnte z.B. Töpfe und Eierbecher.

Ich denke man muss nicht immer politisch sein. Man muss den Leuten auch einfach mal den Alltag darstellen können. Die andere Seite des Alltags nicht nur die des Kuschens.

Ingeborg Lüdtke:

Es gibt derzeit auch eine Sonderausstellung [Anm.: 3.12.2003 – 25.1.2004] über die DDR-Verfolgungsgeschichte der Zeugen Jehovas

Vera Köster:

Die Zeugen Jehovas sind ja eine Minderheit in der DDR gewesen. Ihre Geschichte ist eigentlich auch nach der Wende untergegangen. Viele Personen, die mitbekamen, dass wie eine Ausstellung über die Zeugen Jehovas in der DDR machen, waren ganz erstaunt und haben gesagt. „Wir haben gar nicht gewusst, dass es da so viele bei uns gab.“ Sie sind eigentlich unterdrückt und beschimpft worden. Sie haben ein ganz übles Schicksal hinter sich und das muss aufgearbeitet werden. Dies macht die Wissenschaft seit einigen Jahren.

©  Ingeborg Lüdtke

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Rundweg Grenzlandstreifen bei DUDAktualisierung der Ausstellung: Die Ausstellung wurde 2010 überarbeitet. Heute kann man auf dem Rundweg außerhalb der Gedenkstätte teilweise entlang des ehemaligen Grenzstreifens wandern. 24 Infotafeln bieten einen Einblick in historisch-politische und ökologische Inhalte.Grenzlandstreifen DUD

Es sind zum Teil Original-Grenzanlagen vorhanden wie der  Beobachtungsbunker und der Wachturm neben Streuobstwiesen.

Anmerkung: Wer an einer Gruppenführung teilnehmen möchte, sollte unbedingt auf die Preise achten. Zusätzlich zum Eintrittpreis (4,- €) kommen noch je Führung folgende Tarife dazu: eine Innenführung  (15,00 €) und eine Außenführung (25,00 €). Bei einer Gruppe von 3 Personen wären dies pro Person 14,- €.

Links:

http://www.grenzlandmuseum.de/

http://de.wikivoyage.org/wiki/Grenzlandmuseum_Eichsfeld

http://de.wikipedia.org/wiki/Teistungen

Literaturhinweis:

Jürgen Ritter/ Peter Joachim Lapp, DEUTSCHLAND-GRENZENLOS (Bildband), Ch. Links Verlag, Berlin, März 2014

Hans-Hermann Dirksen, „Keine Gnade den Feinden unsere Republik“ – Die Verfolgung der Zeugen Jehovas in der SBZ/DDR 1945-1990 (Zeitgeschichtliche Forschungen 10), Duncker & Humblot, Berlin 2001

Gerhard Besier/Clemens Vollnhals (Hrsg.), Repression und Selbstbehauptung – Die Zeugen Jehovas unter der NS- und der SED Diktatur (Zeitgeschichtliche Forschungen 21, Tagungsband), Duncker & Humblot, Berlin 2003

Film:

Fritz Poppenberg, Folget mir nach http://www.dreilindenfilm.de/shop/folget-nach-p-142.html

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Buchmesse 2013

Um 7:15 Uhr ist es noch frisch auf dem Göttinger Bahnsteig. Der Zug ist pünktlich.

CosplayerAn der Haltestelle der Frankfurter S-Bahn stehen drei junge Mädchen mit sonderbaren Perücken. Ein Mädchen kämmt dem anderen Mädchen die überlangen rosafarbenen Haare. Auf meinem Weg zum ARD Forum auf dem Messegelände begegne ich vielen Menschen in bunten Kostümen. Es sind Cosplayer. Comic-Fans verkleiden sich wie ihre Lieblingscharaktere aus Büchern, Filmen und Computerspielen. Am Sonntag wird der Gewinner oder die Gewinnerin der Deutschen Cosplay-Meisterschaft gekürt.

Wolfgang Niedecken

Beim ARD Forum treffe ich frühzeitig ein. Der Moderator ARD Forum Uwe Berndt interviewt Tina und Wolfgang Niedecken eine Stunde für eine Radiosendung. Die Sendung wird später mit Musik aufbereitet und eine Woche später im ARD Radio gesendet.

Wolfgang Niedecken berichtet über die Umstände, die zu seinem Schlaganfall geführt haben und darüber wie seine Frau sofort den Notarzt gerufen hat. Er stellt sein neues Buch „Zugabe. Die Geschichte einer Rückkehr“ vor. Er und seine Frau kommen sehr natürlich und sympathisch rüber.

Um 11 Uhr geht es hier mit einem Interview mit Peter Härtling weiter. Ich begebe mich in Halle 3.1.

Halle 3.1

Es ist sehr voll. Die Menschenmassen schieben sich durch die Gänge. Ich lasse mich mit treiben und gelange zum Deutschland Radio. Auf der Bühne steht eine junge, blonde, schlanke Frau mit Pferdeschwanz und trägt einen Text vor. Ihre Vortragsweise ist sehr monoton. Der Inhalt kommt dadurch bei mir nicht an und ich gehe weiter. Am Ende des GangesSPIEGEL Regal schaue ich in ein mir sehr bekanntes Gesicht. Auch er hat mich sofort erkannt. Es ist mein Bruder mit Frau. Das „Hallo“ ist groß. Wir tauschen unsere Messeeindrücke und Familieninterna vor den Regalen der „SPIEGEL-Bestseller“ aus. Ich schaue nach links und frage mich, woher ich den grauhaarigen schlanken Herrn mit Brille kenne. Es ist der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch, der sich nun ebenfalls den Regalen nähert.

Wir beenden unseren Familienplausch. Unsere Wege trennen sich wieder.

Beim Podium Rheinland-Pfalz liest Sarah Katharina Kayß aus ihrem Gedichtband „Ich mag die Welt so wie sie ist“. Ich kann ihre Gedanken gut nachvollziehen. Besonders gefällt mir das Gedicht über Kunst.

Die Volontäre und der Auszubildende am Stand von Vandenhoeck & Ruprecht freuen sich mich zu sehen. Ich erhalte ein Glas Mineralwasser. Das tut bei der Hitze in der Messehalle gut.

Vandenhoeck BuchmesseDer Stand wurde modernisiert. Er wirkt heller und luftiger. Eine Computerbildanimation hängt an der Wand und zeigt ausgewählte Titel. An dem großen Tisch mit Touchscreen-Funktion kann man jeweils neben dem Titel auch ein Foto der Autoren und Herausgeber und deren Vita sehen.

Halle 4.1 und Halle 1 4.2

Jetzt wird es Zeit in den Hallen 4.1 und 4.2 vorbei zu schauen. Auch hier sind die Gänge voller Besucher, aber es ist nicht so erdrückend wie in Halle 3.1.

Die Autoren, die am Stand von 3SAT interviewt werden oder etwas aus ihren Werken lesen, kenne ich nicht. Nichts hält mich hier.

In einem Gang sehe ich den Blogger Sascha Lobo. Ein anderes Mal höre ich, wie hinter mir ein junges Mädchen fragt: „Darf ich ein Bild mit Ihnen machen?“ Der angesprochene Herr ist einverstanden. Sie wird mehrfach fotografiert. Der Herr schreitet davon, gefolgt von einem Mann, der Mikrophon und Kamera trägt. Die Mädchen kreischen, als sie sich das Bild auf dem Smartphone ansehen. Ein älterer Herr fragt die Mädchen, wer das gewesen sei. Er schaut genauso ratlos wie ich. Wir können mit dem Namen nichts anfangen. Wahrscheinlich sind wir nicht seine Zielgruppe.

Soldaten

Bevor ich mich auf den Rückweg zum Bahnhof mache, suche ich die Toiletten. Auf dem Boden sitzen zwei als Soldaten verkleidete Menschen mit Helmen und Strumpfmasken. In der Tür zur Vorhalle kommt mir ein Soldat mit Gasmaske entgegen. Im Vorraum der Damen-Toilette steht ein junger Mann mit Irokesenschnitt, der in seiner Tasche nach Schminkutensilien sucht und schimpft. Seine Freundin hilft ihm die kahl geschorene Kopfhaut mit großen roten Flecken zu bemalen. Diese erhalten einen schwarzen Rand. Der Hahnenkamm ist lila, blau und grün.

Erst später stelle ich mir die Frage: „Was macht der Mann eigentlich im Vorraum der Damen-Toilette?“

Viel zu früh komme ich am Bahnhof an und gehe in die Buchhandlung. Ich genieße die Ruhe und die Möglichkeit ohne Gedränge in die Bücher zu schauen.

Als blutjunge Buchhändlerin habe ich während des ersten Buchmessebesuches noch eine ehrfürchtige Hochachtung vor der schreibenden Zunft empfunden. Nach all den Jahren in der Branche ist eine Entzauberung eingetreten, die mich von Jahr zu Jahr nüchterner auf diesen Medienrummel sehen lässt.

Mein Zug kommt sehr zeitig an, so muss ich nicht länger in der Kälte warten. Ein Lob an die Deutsche Bahn.

© Ingeborg Lüdtke

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Der Pfarrer hat sie bei der Stasi angezeigt

Reneate Bekheet erhielt vom Bundespräsidenten Joachim Gauck eine Einladung zum Sommerfest 2013.

Gesendet am 4.1.2012 im Stadt Radio Göttingen

Kennen Sie das auch? Sie kennen einen Menschen viele Jahre lang vom Sehen. Möglicherweise sprechen sie sogar an der Bushaltestelle miteinander. Jahrzehnte später erfahren Sie, dass dieser Mensch eine interessante Lebensgeschichte hat. Sie möchten mehr darüber wissen und fragen nach.

So ging es mir mit Renate Bekheet aus Witzenhausen.
Sie wuchs unter der Nazi- und der DDR-Diktatur auf. Renate Bekheet war in der DDR im Frauenzuchthaus Hoheneck wegen „verbrecherischer Spionagetätigkeit, Boykotthetze und Mordhetze gegendemokratische Politiker“ inhaftiert.

Um zu erfahren, warum sie tatsächlich inhaftiert war, habe ich sie in Ihrer Wohnung in Witzenhausen besucht.

(Motorengeräusch)

Die wuscheligen blonden Haare sind hoch gesteckt, die Wangen sind rot geschminkt, die Augenbrauen nachgezogen.
Unter dem dunkelblauen Pullover schaut ein weißer Spitzenkragen hervor. Sie trägt eine lange dunkle Hose. Die wachen Augen sind freundlich auf mich gerichtet, als sie mich an der Wohnungstür begrüßt.
Man sieht ihr nicht an, dass sie 80 Jahre alt ist. Mir scheint sie in den letzten 30 Jahren kaum gealtert zu sein. Lediglich ein paar Kilo mehr zeigt die Waage an. Aber die Jahre sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Sie musste im DDR-Gefängnis Hoheneck schwere Kanalarbeiten durchführen und wurde als 55-Jährige an der Hüfte operiert. Heute geht sie an zwei Stöcken.

(Musikakzent)

Um zu verstehen, warum sie wegen angeblicher Spionagetätigkeit verhaftet wurde, muss man auch die Vorgeschichte und ihre Kindheit kennen.

Renate Bekheet hatte keine leichte Kindheit. Als sie noch klein ist, wenden sich ihre Eltern den Lehren der Bibelforscher zu. Die Zeugen Jehovas wurden damals auch Bibelforscher genannt.

„ … meine Eltern hatten Nachbarn, die waren Zeugen Jehovas und die haben meinem Vater von der Wahrheit erzählt. Und er war begeistert und er hat dann sämtliche Bücher von Bruder (John F.) Rutherford bestellt, hat die alle gelesen. Aber meine Mutter wollte nichts wissen. Sie hatte ganz schlechte Erfahrungen in ihrer Kindheit mit der Kirche gemacht.“

Nachdem ihre Mutter fast bei ihrer Geburt gestorben ist, beschließt sie Gott und die Bibel kennenzulernen:

„Sie hat dann auch die Bibel kennengelernt und sie war dann nachher im Predigtdienst noch eifriger wie mein Vater.“

Ihre Eltern erzählen ihr auch etwas über ihre neue Religion.

Leischnig_otto-martel-renate_Picknick„Und natürlich haben die Eltern mir erzählt.… ich war ein Kind furchtbar mitteilsam.
Was man mir erzählt hat, bin ich zu den Nachbarn gegangen und hab´das gleich weitererzählt und da hab ich immer gesagt: ‚Bald wird ein großer König regieren, aber nicht den Nazis sagen.’ Und für mich waren nur die Nazis, die da immer in Uniform durchs Dorf liefen. Aber in Brünlos, wie der kleine Ort hieß, gab es sehr viele Nazis und das waren auch Nazis und die haben dann meinen Eltern Vorhaltungen gemacht, was die mir für`n Quatsch erzählen würden. Und da merkten meine Eltern, dass das sehr gefährlich war, wenn ich zuviel wusste.“

Renate Bekheets Eltern erzählen danach ihrer Tochter nur noch indirekt etwas über Ihren Glauben. Da die Zeugen Jehovas verboten werden, treffen sich nur noch heimlich mit anderen Glaubensgeschwistern.
1934 wird ihr Vater Otto Leischnig das erste Mal verhaftet und kommt nach einigen Monaten wieder frei.
Buchenwald1936 wird ihr Vater wegen Kriegsdienstverweigerung erneut für 15 Monate verhaftet. Nachdem er die Strafe verbüßt hat, wird er in das KZ-Buchenwald eingeliefert.
Renate Bekheet sieht ihren Vater aber erst 9 Jahre später wieder.

(Musik)

Otto Leischnig, der Vater von Renate Bekheet, war Schneider von Beruf.
Im KZ-Buchenwald wird er in der SS-Schneiderei eingesetzt. Als ungetaufter Zeuge Jehovas näht er keine Wehrmachtskleidung, aber er näht verschiedentlich Zivilkleidung für SS-Angehörige.
Eine Zeitlang geht es ihm besser als anderen Häftlingen im KZ-Buchenwald.
Dies ändert sich im Februar 1939, als der zivile Schneidermeister bei der SS in Ungnade fällt. Es fliegt auf, dass der Schneidermeister sich ein Buch über Schneiderei aus dem Privatbesitz von Otto Leischnig zusenden ließ.
Wegen dieses angeblichen Vergehens erhält das gesamte Häftlingskommando die Prügelstrafe von je 25 Stockhieben. Auch am nächsten Tag erhalten alle erneut 25 Stockhiebe.
Anschließend kommen sie in den „Schwarzen Bunker“.
Der „Schwarze Bunker“ ist völlig abgedunkelt, abgedichtet und nicht beheizt. Es gibt nur wenig zu essen.
Die Häftlinge schlafen auf Dielen. Die Mützen dienen als Kopfkissen und die Jacken als Zudecken. Der Gestank der Fäkalien ist unerträglich. Waschen können sie sich nur alle 2-3 Tage. Einige Inhaftierte sterben.
Nach über 2 Monaten wird Otto Leischnig aus dem „Schwarzen Bunker“ entlassen. Er ist am Ende seiner Kräfte.
Allerdings wird er erst 6 Jahre später aus dem KZ von den Amerikanern befreit.
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„Und wie mein Vater dann 1945 entlassen wurde, da haben die Amerikaner … er wurde ja von den Amerikanern befreit.
Und dann haben die Amerikaner gesagt: „Ihr habt hier so lange ausgehalten. Auf den Straßen ist Chaos. Flüchtende Soldaten, Flüchtlinge und Kriminelle. Es ist katastrophal auf den Straßen. Wir haben alle hier Papiere. Wir stellen Euch Papiere aus, warum ihr hier wart. Es gab ja auch Kriminelle. Und wenn es sich beruhigt hat, … hat er gesagt: ‚Euch fahren wir bis an die russische Zone und übergeben Euch den Russen. Das die Euch dann bis nach Hause bringen, aber wir fahren Euch …’, und die anderen die vom Westen waren, haben die dann alle transportiert. Das haben die Amerikaner gemacht, die haben es organisiert.“

(Musik)

Während Renate Bekheets Vater in Haft ist, versucht ihre Mutter Marthel Leischnig für den Lebensunterhalt aufzukommen:

„ … meine Mutter hatte es dann sehr schwer. Sie hat ja kein Pfennig Geld vom Staat bekommen, die hat dann versucht Heimarbeit und alles Mögliche zu machen, dass wir über die Runden… Miete zahlen und Essen zahlen konnten. Aber im Dorf gab es auch nette Leute und wie ich in die Schule kam, ich habe Geschenke gekriegt (lacht) und hatte sogar 2 Zuckertüten.“

Renate Bekhet kommt im Frühjahr 1937 in die Schule. Die Sommerferien verbringt sie bei den Großeltern auf dem Bauernhof.

„Und wie die großen Ferien vorbei waren, da sagt meine Oma: „Willst Du bei uns bleiben?“ Und da sage ich: „Und meine Mutti? Erlaubt die denn das?“ „Ja, Deine Mutter ist im Krankenhaus.“ „Ja.“ „Ja, dann holen wir Deine Schulsachen, dann holen wir alles.“ Und ich war begeistert, dass ich dableiben konnte.“

Renate Bekheet erfährt erst später, dass ihre Mutter Marthel Leischnig verhaftet wurde.

„ … in Chemnitz, hat sie diese Traktate gegen Hitler verbreitet. Dass er es lassen soll die Zeugen zu verfolgen, sonst würde eben Gottes Strafe über ihn kommen. Und das haben die nachts um 4 Uhr überall unter die Hausmatten gelegt und die haben nicht geklingelt, nur überall, dass alle Leute das kriegten und die waren aber verraten worden von jemandem.“

Sie ist zuerst 2 ½ Jahr in Leipzig und Cottbus inhaftiert. Anschließend wird sie ohne Prozess ins Frauen-KZ Ravensbrück gebracht.

KZ Ravensbrück
In Ravenbrück muss sie schwere Arbeiten verrichten.

„Die mussten im KZ immer Sandberge verschaufeln und Steine schleppen und dann musste sie auch in der Landwirtschaft arbeiten. Aber eben ganz wenig Essen.“

Obwohl Marthel Leischnig keine getaufte Zeugin Jehovas ist, verweigert sie mit vielen anderen Zeuginnen Jehovas Munitionstaschen oder andere Dinge für den Gebrauch der Soldaten herzustellen. Dafür erhalten sie die Prügelstrafe.

„ … im KZ war sie auch bei denen dabei, die 25 Schläge auf den nackten Hintern gekriegt haben, wo die SS dabei gestanden hat, mit Marschmusik, die wurde so über den Bock geschnallt. Du dann haben die Marschmusik gemacht. 2 kriminelle Häftlinge wurden gut gefüttert, dass sie Kraft hatten und da hat jede Schwester 25 Schläge mit Knüppel auf  Ravensbrück 063den Hintern gekriegt. Die Hautfetzen sind nur so weggeflogen, Fleisch hatten die schon gar nicht mehr. Und der Himmler hat grinsend dabei gestanden.“
„Und nachts mussten sie im Bunker im Keller auf Steine liegen, da gab es 3 Tage gar kein Essen und am 3. Tag mal ein Kanten Brot, dass sie wenigsten überlebt haben … “

Marthel Leischnig ist gesundheitlich sehr angegriffen. Als ihre Freundin ermordet wird, verliert sie den inneren Halt. 1942 entschließt sie sich eine Verpflichtungserklärung zu unterschreiben und wird aus dem KZ entlassen. Welche der verschiedenen Texte der Verpflichtungserklärung sie unterschrieben hat, ist unklar. Anfangs unterschreibt man nur, dass man sich nicht mehr staatsfeindlich betätigen will. Später erklärt man durch die Unterschrift, dass man erkannt hat, dass die Lehre der Bibelforscher falsch ist und das man sich davon lossagt.
Obwohl sie die Verpflichtungserklärung unterschrieben hat, gibt sie ihren Glauben nicht auf. Sie lässt sich 1947 sogar als Zeugin Jehovas taufen und ist auch in der DDR noch aktiv verdeckt tätig.

(Musik)

Während die Eltern von Renate Bekheet im Gefängnis sind, verlebt sie ein glückliches Jahr bei ihren Großeltern und hat in der Schule nichts auszuhalten.
Ihre Tante ist der Meinung, sie müsse strenger erzogen werden und nimmt sie zu sich nach Chemnitz. Hier wird sie zum Schlüsselkind.

„… meine Tante war den ganzen Tag im Büro und mein Onkel war vom Militärdienst befreit, der war Werkmeister in einer großen Firma und unabkömmlich. Aber der war nur in der Firma, wie die anderen beim Militär. Der kam nur mal zum Schlafen nach Hause.“

Da ihre Tante ganztägig arbeitet und sehr vergnügungssüchtig ist, benutzt sie Renate Bekheet nur als Putzfrau und Hausangestellte.

„Und da hatte ich das Gefühl, die hat ein Dienstmädchen gebraucht und ich bin zu ihr mit 7 Jahren.“

Nach der Schule ist Renate Bekheet den ganzen Tag allein und liest sehr viel. Sie kann deshalb sehr gute Aufsätze schreiben, aber sie erhält nur schlechte Noten und wird ständig geschlagen. Sie schreibt für ihre Freundin die Aufsätze. Ihre Freundin bekommt die Einsen.
Ihre Lehrerin Frau Oswald ist nationalsozialistisch eingestellt. Sie lässt eines Tages alle Mappen in der Pause auf dem Schreibtisch liegen.

„Und wie ich Tafeldienst hatte, hat sie die ganzen Schülermappen liegen lassen auf dem Pult und ich sofort mal bei mir reingeguckt. Und da war so eine Pappmappe und da war so quer auf die erste Seite so rübergeklebt ‚Eltern im KZ, Bibelforscher’.“

Während des Krieges wird die Hälfte ihrer Schule als Lazarett genutzt und so kommt sie in eine andere Schule. Hier werden ihre Leistungen wieder gerecht bewertet.

(Musikakzent)

Einmal in der Woche muss Renate Bekheet zur NS-Umerziehung ins Jugendamt gehen.

„Und ich bin da gerne hingegangen. Die war sehr nett. Die hat vieles spielerisch mit mir gemacht, aber ihre Nazi-Sachen, die haben mich nicht interessiert, denn ich hatte einen festen Glauben an die Bibel.“

Sie kennt sich in der Bibel aus:

„Mein Großvater war ja sehr kirchlich, aber jeden Abend, vor allem im Winter, wenn es früh dunkel wurde, wurde Dämmerstunde gehalten und dann mussten auch die andern Enkel von oben mit runter kommen. Das waren 3 und ich war dann die 4. Und dann hat er jeden Abend so 3-4 Kapitel aus der Bibel vorgelesen, aber ohne jede Erklärung.“

Ihr Großvater schenkt ihr Bücher, in dem die Mädchen immer brav zuhause Strümpfe stopfen und dafür in den Himmel kommen.

„Und da waren dann Bilder, wo die Teufelchen das Feuer schmorten und die Leute mit schreckverzehrten Gesichtern in den Flammen standen.“:

Sie fragt einen Pfarrer:

„Zeigen Sie mir doch mal, wo das in der Bibel steht, dass der Teufel das Feuer so schürt und die Leute so schmort. Ich kann es in der Bibel nicht finden. Ich suche es schon immer.“ Und da hat er gesagt: „Du hast nicht zu fragen, Du hast zu glauben.“. Da habe ich gedacht: „Na der ist vielleicht doof. Wozu habe ich einen Verstand?“ Da war es für mich gegessen. Den habe ich nie wieder gefragt.“

Renate Bekheet macht sich auch weiterhin Gedanken, über das, was in der Kirche gesagt wird.
„ …Als ich immer in den Ferien bei meinen Großeltern war, hat mich mein Oma mit in die Kirche genommen und es war ja schon mitten im Krieg. Und jeden Sonntag hingen mehr Kränze in der Kirche von den Gefallenen. Der Pfarrer hat dann immer den Tod dieser gefallen Soldaten bekannt gegeben. Und das war ein Geschluchze in der Kirche. Es war furchtbar. Und am Ende seiner Predigt hat er für den Sieg der deutschen Soldaten gebetet. Ich bin mit meiner Oma nach Hause. Meine Oma hatte 6 Kinder und da habe ich gesagt: „Oma, wenn Deine Kinder sich streiten, welchem Kind hilfst Du?“ „Meine Kinder streiten sich nicht.“ Und dieses Wortgeplänkel ging hin und her, bis sie dann sagte: „Was soll Deine blöde Frage?“ Da habe ich gesagt: „Hast Du es nicht gehört? Der Pfarrer hat für den Sieg der deutschen Soldaten gebetet. Guckt mal, es sind doch alles Gottes Kinder: Russen, Franzosen, Polen, Engländer und die beten jetzt doch alle für den Sieg ihrer Soldaten. Wem soll denn Gott jetzt helfen?“ „Ach“, hat sie gesagt, „lass mich in Ruhe“.

Ihre Mutter schreibt ihr einen Brief aus dem Gefängnis und erzählt ihr über ihre Religion, aber sie erhält den Brief nicht. Ihre Tante versteckt ihn. Sie findet ihn später und hat viele Fragen dazu.
Als Renate Bekheet bei ihren Großeltern wieder zu Besuch ist, findet sie auf der Toilette Auszüge aus dem Bibelbuch Daniel. Sie ist nun überzeugt, dass ihre Eltern die richtige Religion haben.

(Musik)

Renate Bekheet ist 11 Jahre als ihre Mutter aus dem KZ Ravenbrück zurückkehrt. Marthel Leischnig ist nur noch Haut und Knochen. Sie hat ständig Hunger. Sie lebt nun wieder bei ihren Eltern und traut sich nicht, sich bei ihnen satt zu essen. Heimlich isst sie die Kartoffeln der Hühner und ranziges Hafermehl.
Es dauert einige Zeit bis es ihr gesundheitlich besser geht.

Durch einen SS-Mann bekamen Renate Bekheet und ihre Mutter wieder Kontakt zu ihrem Vater.
„Und dann haben wir eines Tages Briefe von einem SS-Mann bekommen. Der hieß Gassmann und der hatte Freundschaft im KZ mit meinem Vater geschlossen und jetzt konnten wir über diesen SS-Mann Brief an meinen Vater schicken und Pakete.“

Renate Bekheet hatte inzwischen Steno gelernt und schreibt Wachtturm-Artikel in Steno ab.
Diese überbrachte der SS-Mann unwissentlich ihrem Vater ins KZ-Buchenwald.

(Musikakzent)

Inzwischen hat Marthel Leischnig ihrer Tochter einiges über ihre Erlebnisse erzählt.

„Wie meine Mutter da war, hat die mir alles erzählt. Und ich war bei den Jungmädchen und hatte eine Uniform. Da hat meine Mutter gesagt: ‚Renate, erspar mir diesen Anblick. Wenn du da hingehst, zieh Dich nicht um, damit ich Dich nicht sehe’. Und da habe ich das ganze Zeug in den Waschkeller gebracht. Habe mich unten umgezogen und dann habe ich gedacht: Die Nazis waren so schlimm … Da gehst du jetzt nicht mehr hin.’ Und in der Schule habe ich nicht mehr ‚Heil Hitler’ gesagt.“

Sie wird von dem Schulleiter oft bestraft.

„Und deswegen wollten die mich in ein Erziehungsheim bringen, weil ich in der Schule das alles nicht mehr mitgemacht habe. Aber die kamen nicht mehr dazu. Die Russen waren schneller. Das war das Gute.“

(Musik)

Sechs Wochen nach Kriegende kommt auch Renate Bekheets Vater aus dem KZ zurück.
Da er nachweisen kann, dass er im KZ gewesen ist, müssen die Großeltern ihr Haus nicht den Russen überlassen. Auch wird die russische Kommandantur nicht in Bockau eingerichtet.

Leischnig_otto-martel-renate_PicknickNun ist die Familie wieder vereint. Marthel Leischnig lässt sich 2 Jahre später als Zeugin Jehovas taufen.
Die Deutsche Demokratische Republik wird 1949 gegründet. Anfangs werden auch Zeugen Jehovas als Opfer des Faschismus anerkannt. Im Sommer 1950 werden die Zeugen Jehovas verboten. Die Anerkennungen werden wieder aberkannt.
Die Stasi sah mit Besorgnis das Wachstum dieser Religionsgemeinschaft. Für sie vertraten die Zeugen Jehovas eine „rivalisierende Ideologie“.

(Musikakzent)

Renate Bekheet absolviert eine Ausbildung in der Landwirtschaft und zieht zu ihrem Onkel auf den Bauernhof. Sie soll später den Hof übernehmen.
Renate Bekheet nimmt die Lehren der Zeugen Jehovas an und verweigert die Teilnahme an der Wahl.

„Und dann war Bauernversammlung an dem Tag wo Wahl war. Ich war natürlich nicht dort. Und dann hat einer von den Kommunisten gesprochen und dann hat er gesagt: „Ja, hier Dorf hat eine nicht gewählt. Das sind Helfershelfer für die amerikanischen Imperialisten, das sind Kriegshetzer, Boykotthetzer und hat geschimpft. Und hat meinen Namen genannt.“

Sie lässt sich 1950 auf einem Kongress in Berlin taufen. Die Stasi versucht vergeblich ihre Reise nach Berlin zu verhindern.
Als Renate Bekheet zurückkehrt wird sie verhaftet. Der Hof ihres Onkels wird durchsucht und ihre Notizen beschlagnahmt.

„Und dann sollte ich ihm die Notizen erklären, was das heißt, weil ich bei 1.Kor. 15 und so hat ich da alles, haben die gedacht, das wären alles so Geheimcodes. … . Da habe ich gedacht: ‚Die Bibelstellen kann ich denen ja nennen, …’ Und dann hat er mir die Notizen in die Hand gegeben, dass ich sie ihm erklären sollte und habe ich ritsch ratsch in tausend Fetzen zerrissen und hingeschmissen.“

Das Verhör dauert mehrere Tage.

„Und dann hat er, am dritten Tag hat er gesagt: ‚Haben Sie Hunger?’ ‚Ich habe 3 Tage nichts zu essen, nichts zu trinken gekriegt und nicht geschlafen.’ ‚Sie waren doch auf den Kongress. Soviel geistige Speise.’ Das hat er direkt so gesagt. ‚Ach so’, habe ich gesagt, ‚wenn Sie auf einer politischen Schulung waren, essen Sie wohl auch 8 Tage nichts.’ Haben die alle gelacht da drinne. Halbe Stunde später hatte ich einen Pott schwarzen Kaffee, aber keine Bohnenkaffee, mit einem Stück Brot. Das hat gewirkt.“

Ein höherer Stasi-Offizier aus Dresden verhört sie danach.

„Und dann hat er gesagt: ‚Wieso haben Sie die Notizen zerrissen vor den Augen der Polizei?’ Habe ich gesagt: ‚Weil ich die für mich gemacht habe und nicht für die Polizei.’ Das lachten die anderen wieder. Und dann hat er noch so ein paar Fragen gestellt. Und das hat (denen) imponiert, wenn Du schlagfertig bist. Und dann hat er gesagt: ‚Sie Rotzgöre, Sie Grünschnabel. Hauen Sie ab, verschwinden Sie.“ Und da bin ich rückwärts gegangen, die wollen mich jetzt erschießen von hinten. Aber ich will von vorne erschossen werden. Bin ich rückwärts. Haben die gesagt: „Die traut uns nicht. Die geht rückwärts zur Tür. Die traut uns nicht.“

Renate Bekheet missioniert weiter und trifft sich mit anderen Zeugen Jehovas. Ein behinderter und sehr kranker Glaubensbruder verrät die Gruppe.
Renate Bekheet wird mit den anderen erneut verhaftet. Alle kommen nach 2 Wochen wieder frei.
(Musik)

Renate Bekheet zieht nach Zeuthen Kreis Königs Wusterhausen bei Berlin und missioniert nach der Arbeit.

Sie versorgt die russischen Soldaten mit verbotener Literatur der Zeugen Jehovas. Die Russen rufen sie „Fräulein Wachtturm“.

„Und dann war ja noch die eine Geschichte, wo wir im Regen standen und die Russen auf uns zukamen … Und … wir haben uns mit denen unterhalten. Weil es so geregnet hat und die waren sehr, vertrauenswürdig sahen die aus. Die haben gesagt: ‚Wir setzen uns hier in den LKW.’ Die waren da mit dem LKW. Dann werden wir nicht so nass und die Unterhaltung würde sie interessieren. Und dann hat dieser eine Offizier gesagt, ja er wäre im kommunistischen Kinderheim groß geworden. Die Deutschen hätten seine Eltern umgebracht und er hätte noch nie eine Bibel gesehen. Wer ist Jesaja? Wer ist Mose? Und wir hatten wirklich eine tolle Unterhaltung, weil die andere Pionierin konnte auch ganz gut Russisch. Noch besser wie ich. Und dann habe ich denen auch Literatur gegeben. Und dann hat der, der andere war Mongole, das war sein Bursche. (Das) wussten wir aber nicht. Da habe ich dann gesagt: „Die Literatur ist verboten“. Das habe ich den Russen immer gesagt, damit sie die ein bisschen versteckten. … ich habe gesagt: ‚Ihr dürft das nicht große Offiziere zeigen.’ Und dann hat der Mongole gesagt: ‚Was ist denn großer Offizier?’ Und da habe ich gesagt: ‚Wer hier so viele Sterne hat.’ Da hat der gelacht. Der wurde nicht wieder. Hat er gesagt: ‚Weißt Du, wer das ist? Das ist zweithöchste Mann von der Regierung in Karlshorst.’ In Karlshorst saß die russische Regierung.“

Renate Bekheet wird gesagt, dass die Stasi die Person sucht, die die Literatur den Russen übergibt.

(Musikakzent)

Als sich die Gelegenheit ergibt, geht nach Lohm, Kreis Kyritz.

Ihre Missionsversuche werden vom Pastor beobachtet. Der Pastor schwärzt sie beim Bürgermeister an.

„Und da hat der Bürgermeister gesagt, der war Kommunist: ‚Ich war im KZ und da war ich mit Zeugen Jehovas zusammen und wenn die SS Maßnahmen gegen diese Menschen ergriffen hat, ist denen immer die Strafe auf den Fuß gefolgt. …. Ich unternehme gegen das Mädchen nichts. Die ist so fleißig.’“
„ …die waren sehr beeindruckt die Bauern, weil ich habe jede Arbeit gemacht. … Aber ich habe alle Maschinen bedient und bin mit die Pferde gefahren. Ich bin raus in die Koppel, ich habe 12 Kühe gemolken und manchmal noch mehr. Und dann bin ich zur Molkerei gefahren. Und da haben die Bauern schon immer gewartet und Fragen gehabt, haben mich gefragt. Und der Pfarrer hat schräg rüber gewohnt von der Molkerei und das hat er beobachtet. Und der, in der DDR gab es ja Karten bis in die 70er Jahre. Und das war ja Anfang 1950 und da war er nicht auf seine Karten angewiesen, Lebensmittelkarten, denn die Bauern haben ihm Butter, Speck, alles gegeben. Und der hatte jetzt Angst, die ganzen Bauern würden Zeugen und er würde nichts mehr kriegen. Und weil der Bürgermeister mich nicht angezeigt hat, ist er nach Potsdam und hat mich beim Stasi angezeigt.“ [Anm.: lt. Renate Bekheet haben die Bauern nicht mehr die Kirche besucht und der Pfarrer wurde versetzt.]

Renate wird wegen „verbrecherischer Spionagetätigkeit, Boykotthetze und Mordhetze gegendemokratische Politiker“ zu 10 Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Ihr Arbeitgeber erhält 8 Jahre.
Renate Beekhett kommt zuerst 3 Jahre nach Cottbus ins Gefängnis. Sie arbeitet dort als Hauptköchin.

„ … da wurde ich Hauptköchin für 5000 Leute, nich, da waren 3000, da waren drei 1000 l-Kessel. Da habe ich … auf dem Podest gestanden und die Rührlöffel waren wie vom Ruderboot solche Dinger. So habe ich die Suppe gerührt.
Und der Anstaltsleiter, der kam immer in die Küche. Der kannte meinen Vater vom KZ her. Und der wollte mir helfen, dass ich frei komme. Beim Hitler konnten die Zeugen unterschreiben, dass sie sich vom Glauben los sagen. Das gab es bei den Kommunisten nicht. Aber der hätte mir die Möglichkeit eingeräumt, wenn ich unterschrieben hätte, dass ich eben nicht mehr Zeuge sein würde, wäre ich frei gekommen.“

Renate Bekheet unterschreibt nicht.

(Musikakzent)

Durch Petra von Manteuffel, der Nichte des Generals [Anm.:Hasso von Manteuffel], bekommt sie eine Bibel. Die Bibel wird zerteilt und an viele Personen aufgeteilt.
Renate Bekheet erhält regelmäßig ein Paket von Ihrer Mutter, in dem Literatur versteckt ist.
So sind alle Zeuginnen Jehovas immer mit biblischer Literatur versorgt. Renate Bekheet gibt in der Nachtschicht die Literatur an die Glaubensbrüder weiter. Bei einer Razzia findet die Stasi Literatur. Sie verdächtigen sofort Renate Bekheet und entfernen sie aus der Küche.

Später wird Renate Bekheet in das Gefängnis Hoheneck bei Stollberg im Erzgebirge überstellt.
In Hoheneck sind zum Teil um die 100 Zeuginnen in einen Saal zum Schlafen untergebracht.
Sie halten sogar ihren Gottesdienst in dem Saal ab.
Sie wird für ein Vierteljahr von den Zeuginnen getrennt und zu den kriminellen Frauen verlegt. Die meisten der Frauen sind lesbisch.
Als die Stasi merkt, dass sie ihrem Glauben nicht abschwört, kommt sie zurück zu den Zeuginnen Jehovas.

In Hoheneck gibt keine Kanalisation, viele Inhaftierten stecken sich mit TBC an. Renate Bekheet setzt sich dafür ein, dass die Kanalisation gebaut wird.

„Wir mussten in erzgebirgischen Felsenboden, denn Stollberg ist ja Erzgebirge, 6 Meter tiefe Gräben machen. Und Freiheitsleute, Firmen von draußen haben dann die Rohre gelegt und die haben auch abgestützt. Dann mussten wir von ganz unten auf den Podest schaufeln, dann raus und über die Mauer. Und ich war immer sehr kräftig, weil ich aus der Landwirtschaft kam und ich habe dann manchmal für 2 ältere Schwestern mitgeschaufelt. Ich habe denen das hingeschaufelt, sag: ‚Macht langsam.’ Und dann bin ich hingerannt und habe es wieder zur nächsten und dann wieder. Und das haben die vom Turm beobachtet, aber die haben nichts gesagt. Die haben, die haben nur gesehen, wie wir zusammenhalten. Das hat die schon auch beeindruckt. Und dann hatten wir endlich Kanalisation. … da hatten wir auf jeder Zelle eine Toilette. Das war eine große, große Erleichterung. Das war aber in Hoheneck. In Cottbus hatten sie immer noch die Kübel.“

(Musikakzent)

Nach fast 5 Jahren Haft kommt sie überraschend frei.
Sie fängt sofort wieder an zu missionieren und gerät an das Haus eines Polizisten. Sie wird 4 Stunden verhört, darf aber wieder gehen.
Sie setzt sich am nächsten Tag nach Berlin ab und geht später in den Westen.
Hier setzt sie ihren Missionsdienst fort und kommt über einige andere Stationen nach Witzhausen.
Sie heiratet in Witzenhausen, bekommt Kinder und führt mit ihrem Mann eine Wäscherei.
Nach der Scheidung heiratet sie erneut und adoptiert 2 Kinder.

Inzwischen lebt sie allein. Sie ist mit über 80 Jahren noch immer ein wenig für die Wäscherei tätig und missioniert.

Bluthochdruck, Rückenprobleme und Herzprobleme behält sie als Folgeschäden aus der Haft zurück
Obwohl das Leben nicht immer gut zu ihr war, hat sie ihre positive Lebenseinstellung nicht aufgegeben.

Sie wurde von der „Freien Altenarbeit“ in Göttingen zum „Erzählcafé eingeladen, um ihre Geschichte zu erzählen. Roland Müller hat sie interviewt.
(Gedicht und Lied Meta Kluge 1957 in Hoheneck entstanden „Und wieder blühn dort draußen tausend Blumen“)

© Ingeborg Lüdtke

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— Renate Bekhet verstarb am 16.09.2017- –

Die Familienfotos stammen aus dem Privatbesitz von Renate Bekheet, die auch die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung erteilt hat.

Weiterführende Literatur:

Sybylle Plogstedt, Knastmauke. Das Schicksal von politischen Häftlingen der DDR nach der Wiedervereinigung. Psychosozial-Verlag

Falk Bersch/Hans Hesse, “Wie ein dumpfer Traum, der die Seele schreckt”. DDR-Frauenvollzugs in Bützow-Dreibergen nach autobiografischen Aufzeichnungen von Meta Kluge . s.218, Klartext Verlag, 2006

Eugen Kogon, Der SS-Staat. Das System der deutschen Konzentrationslager. Heyne Taschenbuch 19/9. 39. Auflage (10. Auflage dieser Ausgabe), 2001. Seite 218, Bericht von Otto Leischnig

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Noah Klieger kehrt zurück nach Mittelbau-Dora

Ausschnitt aus der Radiosendung “Noah Klieger im Audimax Nordhausen” ausgestrahlt im StadtRadio Göttingen am 11. November 2010

Der 80 jährige Noah Klieger ist zurückgekehrt (2007) an den Ort, an dem er viel leiden musste. Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht über seine Inhaftierung in den KZ´s Malines (Mechelen), Auschwitz, Mittelbau-Dora und Ravensbrück zu berichten. Vor ihm sitzt in dem Vorlesungssaal der Gedenkstätte OLYMPUS DIGITAL CAMERAMittelbau-Dora eine Schulklasse. Sie sieht ihm sein Alter nicht an. Obwohl er nicht größer als 1,70 m sein mag, ist er eine imposante Erscheinung. Die schlohweißen Haare sind nach hinten gekämmt. Die Nackenhaare fallen in einer Innenrolle auf den Kragen der schwarzen langen Lederjacke. Eine Hand steckt in der Hosentasche und sein muskulöser Oberkörper wird versteckt durch das geschlossene braune Stoffhemd. Die schwarze Stoffhose passt zu den modernen schwarzen Lederschuhen.

Er verzichtet darauf, sich interviewen zu lassen. Als noch tätiger Journalist hält er den Veranstaltungsverlauf lieber selbst in der Hand. Er steht hinter einem Stuhl, dessen Sitzfläche ihm zu gewandt ist.

Der gebürtige jüdische Straßburger spricht perfektes Deutsch mit einem leichten weichen französischen Akzent. Er beginnt seine Erzählung mit der Verladung von ca. 150 Häftlingen in einen Viehwaggon. Sie befinden sich in Gleiwitz in Oberschlesien. Sie haben nichts zu essen und zu trinken. Menschen werden zu Tode getrampelt. Leichen liegen in Schichten aufeinander. Lebende sitzen auf den Toten. Am 1.2.1945 kommen sie Dora an. Sie werden in dem Kinosaal untergebracht.

Er erzählt flüssig, distanziert, sachlich. Zu sachlich. So als ob es nicht seine Geschichte ist.

Ihm wird dies bewusst und er merkt an, an dass es nicht so leicht war, wie es sich anhört.

Noah Klieger wird persönlicher und berichtet, dass er sich als französisch-politischer Gefangener ausgab. Er erhält einen roten Winkel mit einem F. Die SS sucht eine Gruppe Feinmechaniker. Er hat zwar keine Ahnung davon, besitzt aber als alter Häftling ein Gespür dafür, wann es gut ist, sich für einen Einsatz zu melden oder nicht. Andere die dieses Gespür nicht haben, melden sich unbewusst für Vernichtungstransporte.

Er muss eine Prüfung als Feinmechaniker ablegen. Wenn er sie nicht besteht, wird er aufgehängt.

Nur ein Wunder kann ihn retten. Die Schüler sind Mucksmäuschen still. Kein Flüstern, kein Räuspern.

Wird das Wunder geschehen? Noah Klieger lässt sie nicht teilhaben an seinen Ängsten, seinen Hoffnungen. Setzt seinen Bericht sachlich fort: Ein französischer Häftling verteilt die Prüfungsbogen und verschafft ihm die Lösungen. Er ist als Erster fertig. Er ist der Beste. Im Atelier besteht er auch die 2. Prüfung. Im Stollen ertönt die Frage: „Wer kann Deutsch?“. 5 Häftlinge melden sich. 2 Juden werden niedergeschlagen. Ihm hilft sein gutes Gedächtnis. Er kann sich gut an die Erzählungen seines Vaters über eine Münchner Kneipe erinnern. Der SS-Mann kennt die Kneipe. Dies hilft ihm. Er wird Vorarbeiter und gehört zu den Leuten des Mittelwerk-Betriebsdirektors Sawatzki und erhält etwas bessere Verpflegung. Er ist an dem Bau der Rakete V2 beteiligt.

Sie arbeiten langsam und schlampig. Verzögern die Produktion.

Nordhausen wird zerbombt.

Als das Lager evakuiert wird, wandert er ohne Verpflegung 10 Tage durch den Harz. Er lernt wie man im Schlafen gehen oder im Gehen schlafen kann. Die zweite Reihe der Marschierenden liegt im Gehen auf den Schultern der ersten Reihe.

Am 14.4.1945 kommt er in Ravensbrück an und wird am 29.4.1945 von der Roten Armee befreit.

Während er über die Befreiung spricht, nimmt er wieder die Rolle des Beobachters ein. Er berichtet wie zwei russische Offiziere beim Anblick der Leichenberge und dem Verwesungsgeruch in Ohnmacht fallen. Seine eigenen Empfindungen lässt er außen vor.

Nun bittet er die Schüler Fragen zu stellen. Die Schüler zögern. Er deutet an, dass er dann ja gehen könne. Zögerlich kommen die Fragen.

Jemand fragt, ob er seine Eltern wieder getroffen hat. Er hat beide Eltern wieder getroffen. Beide überlebten Auschwitz.

Warum ist er wieder an die Orte seines Leidens zurückgekommen?

Die Reise nach Ausschwitz ist für ihn eine Pilgerfahrt zu nichtvorhandenen Gräbern. Eine Hommage an die Toten. Außerdem ist es der Wunsch jedes Häftlings, der in Auschwitz war, als freier Mensch rein und raus gehen zu können.

Hat er traumatische Erinnerungen? Nein. Er konnte immer darüber erzählen. Andere haben Selbstmord begangen.

Eine Frau – später erfahre ich, dass es die Lehrerin ist – meldet sich, fragt nach dem Grund seiner Verhaftung.

Er reagiert sehr heftig. Er verlässt seinen Platz hinter dem Stuhl. Geht in den mittleren Gang, stellt sich vor ihre Reihe. Einige Stühle sind zwischen ihnen. Heftig sagt er: „Weil ich Jude bin! Wenn Sie das bis jetzt noch nicht mitbekommen haben, tun Sie mir leid.“ Er stapft wieder nach vorn. Ist ärgerlich.

Es ist still im Vorlesungssaal. Kein Raunen, kein Stirnrunzeln.

Welche Gedanken hielten ihm an Leben? Er wollte einen Tag nach Hitler leben, wollte überleben.

Hatte er Freundschaften in Dora? Ja, nur wenige Freunde. Oft kannte er die Namen nicht. Es gab Interessensgemeinschaften.

Hat es einige Mithäftlinge wieder getroffen? Ja seinen Freund Elie Wiesel und welche aus dem Block.

Die Schüler schweigen, wissen nicht was sie noch fragen sollen. Er ist irritiert. Gekränkt. Provoziert. „Hier steht einer der letzten Auschwitzüberlebenden. Bald gibt es keinen mehr. Wenn keine Fragen mehr sind, dann fahre ich jetzt nach Berlin“, sagt er fast trotzig. Die Schüler schweigen weiter. Spüren sie, dass sie nie die Geschehnisse des Lagers vollständig begreifen können? Dass sie es nicht schaffen können, ihn aus der Erzählerrolle zu drängen, damit er von seinen eigenen Leiden und Gefühlen spricht?

Er geht durch den Zwischengang Richtung Tür und wird von einigen Schülern und einem Begleiter angesprochen.

Vieles bleibt ungefragt. Vieles ungesagt.

Die Schüler erfahren nicht, dass er unter den mehr als 4500 Holocaust-Überlebenden war, die auf dem baufälligen Schiff „Exodus“ von Europa nach Palästina reisten, aber dort nicht bleiben durften.

(c) Ingeborg Lüdtke

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Buchempfehlung: Noah Klieger hat seine Erlebnisse in dem Buch “12 Brötchen zum Frühstück” niedergeschrieben.

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