KZ-Lichtenburg Teil 2

In der Lichtenburg ist das Singen verboten,

da sollen die Frauen in sich gehen,

die finsteren Mächte wüten und toben,

und möchten uns sterbend am Boden sehen.

Man nennt die Frauen Verbrecher und dumm

und dreht die Wahrheit zur Lüge um.

In der Lichtenburg gibt es wenig Brot

und selten ein freundliches Wort.

Dieses Gedicht stammt von Klara Schwedler. Sie war im KZ Lichtenburg inhaftiert.

SDC12562Das KZ Lichtenburg befand sich Schloss Lichtenburg in Prettin bei Torgau.

Im 16. Jahrhundert ließ Kurfürst August von Sachsen das Schloss Lichtenburg für seine Frau Anna als Nebenresidenz und Witwensitz erbauen.

Über 200 Jahre später wurde das Schloss in ein Zuchthaus umgewandelt und ab 1933 bestand hier eines der ersten größeren Konzentrationslager in Deutschland.

In den dunklen Kellerverließen wurden Häftlinge brutal geprügelt. Einige der Geprügelten

überlebten die Prügelstrafe nicht.

In dem ersten Teil der Sendung ging es um die Opfergruppen und ihre Bewacher, die Unterbringung der Häftlinge, die Arbeiten und Strafen.

Die heutige Sendung befasst sich u. a mit Möglichkeiten sich der SS zu widersetzen, der medizinischen Versorgung, mit Kraftquelle zum Durchhalten und der Ausgrabung eines Häftlings-Tagesbuches in der Lichtenburg.

Der Historiker Sven Langhammer, der über das KZ Lichtenburg geforscht hat und Zeitzeugen kommen ausführlich zu Wort.

(Musikakzent)

Welche Möglichkeiten es gab nun für die Häftlinge, um der Brutalität der SS zu entfliehen?

Wäre Flucht oder aktiver Widerstand eine Möglichkeit gewesen?

Ein Häftling, der flüchtete, konnte nicht mit der Hilfe der Zivilbewohner rechnen.

Die Wahrscheinlichkeit wieder gefasst zu werden, war sehr hoch.

Die SS bestrafte entflohene und wieder gefasste Häftlinge brutal.

SDC12540Der Historiker Sven Langhammer berichtet, dass im Februar 1935 drei sogenannte Berufsverbrecher aus dem KZ Lichtenburg flohen. Er weist auf den Bericht von Irmgard Litten in ihrem „Eine Mutter kämpft gegen Hitler“ hin. Sie berichtet, wie es den drei Männern nach der Ergreifung erging. Alle Häftlinge mussten auf dem Appellplatz bei der Bestrafung zusehen. Die drei Flüchtlinge mussten einen Tisch auf den Hof tragen, der als Prügelbock benutzt wurde. Die Prügelstrafe umfasste üblicherweise 25 Schläge, aber jeder dieser drei Häftlinge erhielt ca. 150-180 Schläge. Laut Berichten, soll ein Häftling verstorben sein, ein weiterer habe sich das Leben genommen, und was mit dem Dritten geschehen wäre, ist unbekannt.

(Musikakzent)

Im Männer-KZ Lichtenburg in Prettin gab es keinen nennenswerten Widerstand, aber es gab einen Hungerstreik der Häftlinge:

Laut Sven Langhammer gab es im August 1933 einen Hungerstreik. Die Rädelsführer sind in den Bunker gebracht und dort misshandelt worden. Der Hungerstreik wurde ausgelöst durch die Misshandlung eines Häftlings, und die Häftlinge haben versucht ihre Solidarität mit dem Häftling zum Ausdruck zu bringen.

Andere Widerstandsformen waren nicht so offensichtlich:

Sven Langhammer berichtet von kritischen Bemerkungen einiger Häftlinge zu ihr Haftsituation während der Weihnachtsfeiern. Die Kritik zwischen den Zeilen der Aussagen wurde i. d. R. von den SS-Angehörigen nicht erkannt. Als Widerstand würde Sven Langhammer dies nicht bezeichnen. Der passive Widerstand der Häftlinge zeigte sich dadurch, dass Aufgaben nur widerwillig ausgeführt wurden und man sie nicht mit vollem Eifer umgesetzt hat. Man hat versucht hat einen entsprechenden Schaden anzurichten, ohne sich selbst oder Mithäftlinge in Gefahr zu bringen. Man musste natürlich sehr aufpassen, dass man nicht ins Visier der Wachmannschaften geraten ist. Hätte man gegen die Lagerordnung verstoßen, wären sie mit Strafen wie z. B. Bunker oder Prügelstrafe bestraft worden.

 

Im Frauen-KZ Lichtenburg gab es eine größere Aktion des Widerstandes:

Sven Langhammer führt als Beispiel für den Widerstand im Frauen-KZ Lichtenburg die Weigerung der Zeuginnen Jehovas im Herbst/Winter 1938 an, sich sich eine Rede von Adolf Hitler anzuhören. Die Zeuginnen Jehovas sind dann gewaltsam mit Feuerwehrschläuchen aus ihrer Unterkunft vertrieben und die Wendelstände nach unten gespült worden.

Erna Ludolph war eine der Frauen, die sich weigerten. Sie berichtet in dem Film „Fürchtet Euch nicht“ [3] von Fritz Poppenberg:

Ludolph Hesse„Wir weigerten uns die nationalistische Rede anzuhören und haben uns verschanzt. Dann haben sie versucht uns mit Gewalt rauszuholen, haben Hydrantenschläuche geholt und uns damit beschossen, so dass der Saal unter Wasser stand Diejenigen, die von der ganzen Wucht getroffen wurden, hatten später blutunterlaufende Stellen. In diesem Zustand hat man uns mit Gewalt die Treppe heruntergestoßen, so dass wir nachher nass auf dem Hof standen.“ (Bild Erna Ludolph mit Dr. Hans Hesse)

Änne Dickmann kann sich noch an die Reaktion der SS erinnern:

„Mit den dicken Hydranten Wasser wurde man bespritzt. Und die haben dann getobt.

(Musikakzent)

Die österreichische Widerstandskämpferin Hanna Sturm berichtet in dem Buch „Die Lebensgeschichte einer Arbeiterin“ über eine Solidaritätsbekundung mit den Zeuginnen Jehovas.

Während die SS die Wasserschläuche auf die Zeuginnen Jehovas richtet, hört man im ganzen Lager den Ruf „Mörder, Mörder!“ Die SS beendet daraufhin diese Aktion.

Die Häftlinge werden nie wieder gezwungen eine Hitler-Rede anzuhören. Allerdings bekommen die Zeuginnen Jehovas eine Woche lang kein Mittagessen. Die politischen Häftlinge teilen das Essen mit ihnen.

(Musikakzent)

Der Historiker Sven Langhammer erwähnt, dass aufgrund des stundenlangen Draußenstehens in nasser Kleidung, Erkältungskrankheiten nicht ausblieben.

Erkältungskrankheiten waren im KZ Lichtenburg sicherlich nur die harmlosesten Krankheiten.

Im Männer-KZ traten Blasen- und Nierenleiden durch die katastrophalen Hygienezustände häufig auf.

Auf eine lindernde ärztliche Behandlung hofften die die meisten Kranken vergeblich.

Zum einen gab es zu wenige Ärzte und zum anderen wurden die Kranken so behandelt, dass sie freiwillig auf eine weitere Behandlung verzichteten. Kranke wurden auch als Simulanten bezeichnet.

Über die geringe medizinische Versorgung im Männerlager konnte laut Sven Langhammer bisher (Forschungsstand 2013) folgendes ermittelt werden:

Es gab eine Eingangsuntersuchung, einen Zahnarzt, einen Allgemeinmediziner. Beide Ärzte kamen in der Anfangszeit des KZ Lichtenburgs aus dem Ort in das Lager. Die kranken Häftlinge konnten an den Sprechtagen bei ihnen vorsprechen. Die medizinische Ausrüstung des Krankenreviers in dem Männer-Konzentrationslager ließ nur eine Betreuung von leichten Krankheitsfällen zu. Häftlinge, die schwerer erkrankten, wurden in das Stadtkrankenhaus nach Torgau überführt. Todkranke Häftlinge wurden zum Sterben nach Hause entlassen.

Im Frauen-Konzentrationslager Lichtenburg gab es einen SS-Arzt. Anders als im Männer-Konzentrationslager kam kein Arzt mehr aus den umliegenden Orten in das Lager, um die Untersuchungen vorzunehmen. Bei den Frauen war es ähnlich, wie bei den Männern: schwerere Krankheitsfälle kamen nach Torgau ins Krankenhaus und Frauen, die kurz vor dem Tod standen, wie Paula Billstein aus Krefeld, sind nach Hause entlassen worden.

Medizinische Versorgung erhielten einige Häftlinge aber von Mithäftlingen, die im Krankenrevier arbeiteten. Wenn möglich schmuggelten sie Medikamente und andere Dinge heraus, um zu helfen.

(Musikakzent)

In späteren Konzentrationslagern gab es auch Kinder. Auch in dem KZ Lichtenburg hat es Kinder gegeben.

Laut Sven Langhammer gibt es nur einen bekannten Bericht von der politischen Gefangenen Erna Raum. Sie berichtet, dass schwangere Frauen in das KZ Lichtenburg eingeliefert wurden und dort ihre Kinder bekommen haben. Sie sei dabei beigewesen, als diese Kinder vom Arzt getötet worden sind. … Der Arzt … habe den Schädel eines Kindes am Türpfosten zerschmettert. Sven Langhammer sieht keinen Grund, den Bericht von Erna Raum anzuzweifeln.

Medizinische Versuche an den Häftlingen im KZ Lichtenburg sind wissenschaftlich nicht belegt.

(Musik)

Täglich Misshandlungen ansehen zu müssen, ging nicht spurlos an den Häftlingen im KZ Lichtenburg vorüber.

Der Schauspieler Wolfgang Langhoff schreibt bereits 1935 in seinem Buch „Die Moorsoldaten“ [1]:

„Man könnte also sagen, dass ich ein glänzendes Leben hatte, und dass mir, abgesehen von der Freiheit, nichts fehlte! Aber das war nicht so… . Dort bin ich erst richtig ‚fertig‘ gemacht worden. Täglich mit ansehen zu müssen, wie die Kameraden geschlagen, getriezt werden, wie dieselben SS-Männer, denen man abends humoristische Einakter und Gedichte einstudierte und sogar die Hand drückte, sich tagsüber gegen die Mitgefangenen in der brutalsten Weise benahmen … .“ (gesprochen von Peter Bieringer)

Der Tod habe sie kaum berührt, sagt Lina Haag in ihrem Buch „Eine Hand voll Staub“ [2]. Diese Erkenntnis habe sie erschüttert. Sie sei traurig, weil in den Herzen der Mithäftlinge kein Platz für die Empfindungen für das Unglück der Anderen gewesen sei.

Auch war die Angst ein ständiger Begleiter. Der ehemalige Häftling Ernesto Kroch beschreibt es so:

„Es war ein ständig schwelendes Angstgefühl. Natürlich nicht so, dass man jeden Moment fürchten musste. Aber man fühlte sich immer unsicher. Dieses Wissen darum, dass man in jeden Moment unerwartet rausgerufen werden konnte, nich. Schon wenn Namen aufgerufen wurden, manchmal wurden Namen aufgerufen, weil Leute irgendwo, gar nicht aus Deiner Zelle, zu einem Verhör gerufen wurden. Denn es gab ja auch Verhöre da, nich. Ich wurde niemals verhört, aber man war immer mit dem Ohr, wird nicht etwas mein Name gerufen.“

(Musikakzent)

 

Für die Häftlinge gab es auch Möglichkeiten sich auszutauschen:

Laut Sven Langhammer konnte man im KZ Freundschaften schließen. Man hatte die Möglichkeit zum Austausch während des Freigangs auf dem Appellplatz, wenn man neben einem anderen Häftling gegangen ist. Miteinander sprechen war zwar nicht erlaubt, aber man hat Möglichkeiten gefunden, um miteinander sprechen zu können.

 

Laut Änne Dickmann waren die Aufseherinnen nicht den ganzen Tag im Raum. Für sie gab es eine Möglichkeit: „das wir uns gegenseitig stärkten durch biblische Besprechungen und der Gleichen.“

 

Sven Langhammer weist darauf hin, dass man immer aufpassen musste, dass man nicht bespitzelt wurde. Häftlinge wurden aus unterschiedlichen Gründen schwach und haben um ihres eigenen Vorteils willen auch Mithäftlinge denunziert. Diese wurden daraufhin bestraft. Die Häftlinge waren in verschiedenen Häftlingskompanien untergebracht. Die Häftlingskompanien hatten untereinander keinen Kontakt. Kontaktaufnahmen waren aber bei den zahlreichen Appellen möglich gewesen. Wurden aus unterschiedlichen Häftlingskompanien einzelne Arbeitskommandos zusammengestellt, gab es auch einen Austausch zwischen den Häftlingen.

Die Häftlinge benötigten Kraftquellen zum Durchhalten. Kraftquellen z. B. geistige und kulturelle Aktivitäten.

Der Rechtsanwalt Hans Litten arbeitete in der Häftlings-Bibliothek. Hans Litten war bekannt durch den Edenpalast-Prozess von 1931. Er hatte Hitler bei einer Zeugenaussage in die Enge getrieben.

Hans Litten übersetzte frühhochdeutsche Werke. Auch arbeitete er an einem Lehrbuch für Schüler mit Beispielen der bildenden Kunst und Literatur. (Quelle: Werner Dietrich)

Hans Litten vermittelte sein Wissen auch an Mithäftlinge.

Es gab weitere Kraftquellen für die Häftlinge:

Sven Langhammer bemerkt, dass Intellektuelle versuchten nicht abzustumpfen, indem sie Gedichte geschrieben, Lieder komponierten und Zeichnungen angefertigt haben.

Einer dieser Häftlinge war der Schriftsteller Hans Lorbeer.

Sven Langhammer verweist eine Zeichnung von September 1933 über die Schlafsituation unter dem Dach und die viele Gedichten und Aphorismen, die Hans Lorbeer geschrieben hat.

Einige Häftlinge fertigten als Überlebensstrategie Gegenstände aus Holz an.

Sven Langhammer spricht davon, dass es in der Lagertischlerei Möglichkeiten gab, sich Holz zu besorgen. Gustav Hammermann … hat viele Intarsien-Arbeiten angefertigt, die er später seiner Tochter Hildegard geschenkt hat. Es gibt aus dieser noch ein Schachspiel und mehrere Holzschatullen.

 

Änne Dickmann nennt eine andere Kraftquelle:

„Nur im Gottvertrauen, anders geht das nicht. Wie haben eben wie gesagt unser Leben Gott anvertraut und ihm überlassen, was er jetzt macht. Und dass er uns auch die Kraft geben möchte, dass wir standhaft bleiben. Zu seiner Ehre natürlich.“

 

(Musik)

Den Häftlingen des KZ Lichtenburg in Prettin war es möglich Briefe und Pakete zu empfangen. Die Häftlinge selbst durften Briefe oder Postkarten an die Verwandten schreiben. Der Historiker Sven Langhammer beschreibt, was dabei zu beachten war:

Sie konnten in regelmäßigen Abständen Postkarten und Briefe schreiben. Sie mussten Deutsch und deutlich schreiben. Die Postkarten und Briefe wurden zensiert und sind dann erst freigegeben worden. In den erhaltenen Briefen findet man keine Interna aus dem Lageralltag. Die Häftlinge beschönigten ihre Situation. Von Heinrich Adam ist allerdings überliefert, dass er im Vorfeld Codes abgesprochen hat. Er konnte so geheime Nachrichten nach draußen vermitteln.

 

Die SS benutzte allerdings gerne die Postsperre als Strafe für kleinere Vergehen gegen die Lagerordnung. Die Postsperre wurde besonders bei den Zeugen Jehovas eingesetzt. Die Häftlinge durften wochen- oder monatelang weder Briefe schreiben, noch erhalten.

Änne Dickmann beschreibt dies so:

„Wie gesagt ein ganzes Jahr überhaupt nicht schreiben. Keine Post empfangen, galt man wie abgestorben.

„… als dann das Schreibverbot aufgehoben wurde, dann durften wir jeden Monat 4-5 Zeilen schreiben: ‚Mir geht es gut. Wie geht es Euch? ‘ Da war der Brief voll.

Der eigentliche Briefwechsel war auch nur auf wenige Zeilen beschränkt.“

(Musikakzent)

Die Häftlinge durften auch Besuch empfangen:

 

Sven Langhammer bemerkt, dass vor einem Besuch zuerst eine Besuchserlaubnis erteilt werden musste. Ein Besuch war immer mit einem entsprechenden Aufwand verbunden. Oft kamen die Angehörigen der Häftlinge aus dem Arbeitermilieu und konnten sich eine Fahrt nach Prettin zum Konzentrationslager nicht leisten. Aufgrund dieser Tatsache waren Besuche nicht so häufig.

 

Über die Besuche gibt es unterschiedliche Aussagen:

Sven Langhammer berichtet von unterschiedlichen Aussagen ehemaliger Häftlinge. Einige wurden mit ihrem Besuch kurzzeitig allein gelassen. Andere Häftlinge berichten, dass die Häftlinge auf der einen Seite standen und die Frauen einen Meter von ihnen entfernt auf der anderen Seite. Dazwischen patrouillierten SS-Angehörige. I. d. R. war immer ein SS-Mann bei den Gesprächen anwesend.

 

Kinder durften bei den Besuchen nicht mitgebracht werden.

(Musikakzent)

Die Zustände im KZ Lichtenburg blieben der Außenwelt nicht verborgen.

Entlassene Häftlinge oder Anwohner gaben ihr Wissen an die Öffentlichkeit weiter.

Auch im Ausland wusste man von den Konzentrationslagern. Die SS erlaubte deshalb bestimmten Personenkreisen das KZ Lichtenburg zu besuchen. Unter ihnen befanden sich Journalisten aus Schweden, England, den USA und Japan.

Die realen Verhältnisse sahen die Besucher allerdings nicht. Das KZ wurde auf Hochglanz gebracht. SS-Leute in Zivil wurden als Häftlinge ausgegeben. Es wurden nur ausgewählte Räume und Bereiche gezeigt.

Die Besucher erhielten ein ausgezeichnetes Essen. Kein Wunder, dass bei diesem Täuschungsmanöver die Berichte sehr gut ausfielen.

(Musik)

Es kam durchaus vor, dass Häftlinge aus dem KZ Lichtenburg entlassen wurden.

Der Historiker Sven Langhammer bestätigt, dass die einfachen politischen Häftlinge im Schnitt ca. ein halbes Jahr im Männer-Konzentrationslager waren und einige von ihnen nach einem halben Jahr entlassen wurden. Bei den kriminellen Häftlingen war dies anders. Bei den politischen Häftlingen wurde der Haftgrund alle drei Monate überprüft. Bei kriminellen Häftlingen war dies alle 12 Monate der Fall und konnten deshalb nicht innerhalb eines halben Jahres entlassen werden. Für Funktionäre der KPD oder SPD, deren Rückkehr nicht erwünscht war, sah man vor, dass sie den Rest ihres Lebens im Konzentrationslager inhaftiert bleiben sollten.

Viele Häftlinge des Männer-Konzentrationslagers Lichtenburg sind in andere Konzentrationslager überführt worden. Es gab größere Häftlingstransporte im Februar 1934 und 1935. Diese Häftlingstransporte gingen in das KZ Esterwegen im Regierungsbezirk Osnabrück. Im Oktober 1936 gab es einen größeren Häftlingstransport von 300 Häftlingen, die in das neuerrichtete KZ Sachsenhausen überstellt wurden. Die über 1200 verbliebenen Häftlinge sind im Juli/August 1937 bei der Auflösung des Konzentrationslagers Lichtenburg nach Buchenwald überführt worden.

Ernesto Kroch kam1937 frei.

„Wir waren gerade beim Kohlenabladen, als die Namen aufgerufen wurden: Isack, Müller, Kroch. Da bekamen wir einen furchtbaren Schreck …`Im Laufschritt zur Kommandantur. Marsch. Marsch.´ Es blieb uns nichts anderes übrig als begleitet von einem Posten da zu der Kommandantur zu laufen. Also wir dachten: ‚Was erwartet jetzt uns? … irgendeine Strafe?‘

Man war ja immer gewärtig 25 Schläge, 100 oder vielleicht auch Versetzung in ein anderes Lager. Man wusste ja, was alles passieren konnte. Man wusste ja nicht wann und weshalb. Natürlich war enorm die Überraschung als er sagte: ‚ … wenn ihr das und das unterschreibt, dann könnt Ihr heute noch raus.‘“ (verstorben am 11.3.2012)

Sven Langhammer ergänzt, dass Ernesto Kroch als jüdischer Häftling in der Lichtenburg inhaftiert wurde und seine Eltern während seiner Haftzeit seine Ausreise vorangetrieben haben. Mit den Ausreisepapieren hatte er die Möglichkeit innerhalb von zehn Tagen das Deutsche Reich zu verlassen. Diese Möglichkeit hatten einige jüdische Häftlinge. Sie mussten binnen zehn Tagen das Reichsgebiet verlassen. Diese Möglichkeit gab es nur bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges.

 

Auch im Frauen-KZ gab es Entlassungen.

Laut Sven Langhammer waren im Frauen-KZ 1414 Frauen in den 18 Monaten inhaftiert. Davon wurden 974 nach Ravensbrück überführt. Alle anderen sind in der Zwischenzeit entlassen worden. Man kann von ca. 1000 Frauen ausgehen, die von der Lichtenburg nach Ravensbrück überführt wurden und ca. 400-450 Frauen sind entlassen worden.

 

(Musikakzent)

Im Schloss Lichtenburg in Prettin bei Torgau gab es mehrere Konzentrationslager.

Der Historiker Sven Langhammer stellt fest, dass das Schloss Lichtenburg zwischen 1933 und 1945 als Konzentrationslager genutzt wurde. Es bestanden mehrere Lagerformen. Das KZ Lichtenburg für männliche Häftlinge existierte von Juni 1933 bis August 1937. Anschließend waren ab dem Dezember 1937 bis Mai 1939 Frauen in der Lichtenburg inhaftiert. Da war es dann ein Frauen-Konzentrationslager. Dann wurde die Lichtenburg kurze Zeit als Kaserne für ein SS-Ersatzbataillon genutzt und ab Herbst 1941 war in der Lichtenburg das Außenkommando Prettin untergebracht. Das war ein Außenkommando des KZ Sachsenhausen. Es hat im Schloss bis zum April 1945 existiert.

 

Stanislaw Nikitowitsch Grizenko kam im Oktober 1943 in das Außenlager Prettin:

„In Sachsenhausen fing ich am 3. Mai 1943 an zu schreiben, nach dem ich mich dort umgesehen hatte. Ich glaube ab dem 3. Mai 1943. Ich musste ja als erstes, einen Bleistift besorgen. Ich arbeitete schon in der Küche als Kartoffelschäler. Ich schmuggelte die Kartoffeln in meinen Schuhen. Die Kartoffeln tauschte ich bei einem Polen gegen einen Bleistift. Dann brauchte ich das Papier. Schreibpapier gab es nicht. Die Polen bekamen Pakete von zu Hause. Die waren in Packpapier eingewickelt. Das Papier schnitt ich mir zurecht, faltete es und schrieb. Als ich nach Prettin kam, legte ich in eine Tasche eine Portion Brot und versteckte dahinter das Papier. Es lag in einem Stück Stoff eingewickelt, wo noch Knöpfe, Garn und Nadel darin waren. Wir waren damals zu fünft. Ich aus der Häftlingsküche, einer aus der Soldatenküche, ein Pole, der andere Pole war aus der Offiziersküche, einer kam, um Zähne zu ziehen und der Fünfte war der Älteste von uns. Er wurde Präsident genannt, war auch ein Häftling und transportierte Kleidung in das Lager. Der Soldat am Tor fragte mich, was ich da hätte. Ich sagte: „Brot.“ Er fragte, was dahinter läge. Ich gab es ihm. Er schaute und sagte leise zu mir: „Du hast Glück, dass ich aus Jugoslawien komme! Sonst…“ er zeigte auf den Galgen. Er wickelte das wieder ein und sagte zu dem Ältesten: „ Hinter dem Tor schmeißt du das weg!“ Er wusste ja, dass er mir das zurückgeben wird. Die anderen schimpften mit mir. Ich hätte das hinten, in der Hose verstecken sollen. In der Hose gab es keine Taschen, nur in der Jacke. Aber ich kam durch. Hier in Prettin arbeitete ich am Aufbau der Wasserpumpstation mit. Wir hatten einen Vorarbeiter, der immer freitags kam. Die Maurer waren Zivilarbeiter. Das waren drei ältere Männer, Hans, Ernst und den Dritten habe ich vergessen. Ein paar Häuser weiter von der Lichtenburg war ein Gebäude, ich glaube das war früher eine Bar. Dort war eine Bühne. Der Raum war ungefähr so groß wie diese hier. Dort waren Regale mit Papier. Din A4, Schulhefte und dicke Hefte. Ich organisierte mir zwei Dicke und ein oder zwei Schulhefte. Wir hatten nicht mehr viel zu bauen. Die Montage war fertig, es blieb nur die Elektrizität. Es ging schon dem Ende zu und die SS- Männer sahen, dass das nicht mehr gebraucht wird. Also wurde ich verlegt und sollte Papier packen. Ich erkannte dass alles bald zu Ende geht. Mit mir arbeitete noch ein Weißrusse. Er sollte sich an die Tür stellen. Da waren Dinge, ich nenne sie Essensbehälter für Soldaten. Ein Monat zuvor kamen Autos und brachten diese Essensbehälter. Ich fragte den Fahrer, was das ist. Er sagte italienische Essensbehälter für Soldaten. Das war so ein Aluminiumbehältnis wo man die Suppe reintat, dann konnte man das zumachen. Dann der Kasten, der später ausgegraben wurde, hatte eine Abteilung für etwas trockenes, zum Beispiel Brot oder so was und oben noch Holz. Das Holz ist ja vergammelt. Ich legte meine Tagebücher rein und buddelte sie in der Erde ein. Der Weißrusse hielt Wache, damit es keiner sah. Ich dachte, ich hole ihn später ab. Dazu kam es nicht.“ (Übersetzung gelesen von Peter Bieringer)

Erst 2008 war es ihm möglich zur Lichtenburg zurückzukehren und nach den Aufzeichnungen zu graben.

Der Historiker Sven Langhammer war dabei:

Es war ein sonniger Tag und es waren viele Leute dort vor Ort, die … zusehen wollten, ob wir das Objekt tatsächlich finden. Stanislaw Grezenko hat im Vorfeld eine Skizze geschickt, wo er die Aufzeichnungen vergraben hat. Wir haben vor Ort die Stelle, die er gekennzeichnet hat, woher von dem Brombeerstrauch befreit, so dass man dort überhaupt etwas finden konnte. Und dann haben wir mit (ei)nem Metalldetektor versucht, den Metallkasten zu finden. Diese Stelle war mit Müll aufgefüllt war und es waren dort viele Metallgegenstände, wie z.B. Kronkorken von Bierflaschen. Bei jedem Piepen dachte man, man hätte etwas gefunden, aber letztlich war es nur wertloser Schrott gewesen. Die Suche ging, nachdem wir die Grasnarbe abgestochen haben, um etwas tiefer zu gelangen, bis Mittag und wir hatten das Objekt nicht gefunden gehabt. Stanislaw Grezenko war schon sehr unglücklich, dass wir noch nichts gefunden haben.

 

Die Suche wurde an einer anderen Stelle fortgesetzt.

… wir haben dann an einer Stelle, an der wir noch nicht gesucht haben, das Objekt gefunden. Und Sie können sich vorstellen, dass dann helle Aufregung gewesen ist und dass Stanislaw Grezenko ein ganz, ganz breites Lächeln im Gesicht hatte.

Man ging in der allgemeinen Aufregung davon aus, dass wir den Metallkasten aus dem Erdreich rausnehmen und dass man ihn öffnet und die Aufzeichnungen lesen kann. Dem war nicht so gewesen. 2002 gab es in Prettin eine große Flut. Die Elbe ist über die Deiche getreten bzw. es sind Deiche gebrochen. Es lag 63 Jahre lang im Erdreich und entsprechend groß war der Schaden. Der Metallbehälter war komplett korrodiert und das Papier, dass sich in dem Behälter befand, war stark mineralisiert. Alles war miteinander verbacken und es war nicht möglich es herauszuziehen und lesen. Die Aufzeichnungen sind dann zunächst in das Landesamt für Archäologie und Denkmalpflege nach Halle gebracht worden. Dort ist der Metallbehälter aufgetrennt worden, um an diesen eigentlichen Papierblock ranzukommen.

Das Problem bei den Aufzeichnungen von Stanislaw Grezenko ist, dass er in einem schmalen Heft seine Erlebnisse codiert, vermutlich mit einem Kopierstift reingeschrieben hat. Und aufgrund dieses feuchten Milieus ist diese Schrift, sind diese Aufzeichnungen verlorengegangen. Hätte er mit einem Bleistift geschrieben, dann wären die Aufzeichnungen lesbar geblieben, aber durch das Schreiben mit dem Kopierstift ist nichts mehr vorhanden.

 

Konnte man wirklich gar nichts mehr machen?

Sagen wir es mal so. Es sind einige Seiten von dem Papierblock abgelöst worden. In dem Behälter befanden sich neben den Erinnerungen von Stanislaw Grezenko auch ein Buch auf Tschechisch über Motorenbau, da waren auch Bleistifte und ein Paar Socken mit drin. Er ging davon aus, dass er das nur für eine kurze Zeit versteckt und bald wieder aus dem Erdreich herausholt. Da er auch andere Papiere mit reingesteckt hat, ist unklar an welcher Stelle sich eigentlich das Heft befindet und man müsste eine größere Geldsumme aufwenden, um alles frei zu präparieren. Man spricht davon, dass es ungefähr 10.000 € kosten würde. Dieses Geld ist momentan nicht vorhanden. Die Tatsache, dass er mit einem Kopierstift geschrieben hat und nicht klar ist, ob die Aufzeichnungen tatsächlich erhalten sind, hindert momentan … die Restauratoren daran, weiter vorzugehen.

(Musikakzent)

Leider leben nur noch wenige ehemalige Häftlinge des KZ Lichtenburg. (Auch Ernesto Kroch ist am 11.3.2012 verstorben.)

Die Erinnerung an das erlittene Leid der Häftlinge muss bewahrt werden.

Deshalb ist es gut, dass die Gedenkstätte des KZ Lichtenburg neu konzipiert wurde und immer wieder neue Zeitzeugenberichte Forschungsergebnisse an die Öffentlichkeit kommen.

(Sprecher: Ingeborg Lüdtke, Gudrun Stockmann und Peter Bieringer)

© Ingeborg Lüdtke

Text- und Data-Mining: Ich behalte mir eine Nutzung aller Inhalte dieser Webseite für kommerzielles Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Gesendet am 10.11.2014 im StadtRadio Göttingen

Die gesprochenen Texte von dem Historiker Sven Langhammer wurden leicht redigiert und beruhen auf dem Forschungsstand aus dem Jahr 2013.

O-Töne von Ernesto Kroch und Stanialaw Grizenko wurden von Alternatives Jugendzentrum e.V. in Dessau zur Verfügung gestellt.

Quellenangaben:

[1] Wolfgang, Langhoff, Die Moorsoldaten, 1975 m Aufbau Verlag erscheinen, Rechte jetzt bei: Verlag Neuer Weg in der Mediengruppe Neuer Weg GmbH, Essen, die die freundliche Genehmigungam 10.4.12 erteilte.

[2]  Lina Haag,  „Eine Hand voll Staub“ 

http://www.silberburg.de/index.php?581-Eine-Hand-voll-Staub

Silberburg-Verlag GmbH, Tübingen mit freundlicher Genehmigung vom 25.5.12

[3] Film „Fürchtet Euch nicht“ von Fritz Poppenberg, Dreilindenfilm

http://www.dreilindenfilm.de/shop/fuerchtet-euch-nicht-p-133.html

mit freundlicher Genehmigung vom 30.5.12

Bild: Erna Ludolph im Gespräch mit dem Histotiker Dr. Hans Hesse

(c) Ingeborg Lüdtke)

 Weiterführende Links:

 http://www.stgs.sachsen-anhalt.de/gedenkstaette-kz-lichtenburg-prettin/

http://www.gedenkstaettenforum.de/nc/gedenkstaetten-rundbrief/rundbrief/news/lichtenburg_vergangenheit_und_zukunft/

http://www.foerderverein-lichtenburg.com/?navitem=13

 

 

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KZ-Lichtenburg Teil 1

Mögen Sie Burgen und Schlösser? Faszinieren Sie dunkle Geheimnisse der Verließe?

Geheimnisse in Verließen werden in Romanen oft verklärt dargestellt.

Manches dunkle Geheimnis ist in der Realität oft grausamer als in den Romanen. Romane haben meist ein Happy End.

Ich möchte Sie auf das dunkle Geheimnis des Schlosses Lichtenburg in Prettin bei Torgau aufmerksam machen. Für einige Häftlinge in den dunklen Verließen gab es kein Happy End.

KZ LichtenburgHört man den Namen Lichtenburg, denkt man eher an helle freundliche Räume.

Kurfürst August von Sachsen ließ im 16. Jahrhundert das Schloss Lichtenburg für seine Frau Anna erbauen. Das Schloss diente als Nebenresidenz und Witwensitz.

200 Jahre später wurde das Schloss in ein Zuchthaus umgewandelt. 60 Jahre danach wurde das Zuchthaus um einen Zellenbau erweitert. Der Zellenbau hatte 3 Stockwerke.

1928 wurde das Zuchthaus geschlossen. Das Schloss befand sich in einem schlechten baulichen Zustand.

1933 entstand im Schloss Lichtenburg eines der ersten größeren Konzentrationslager in Deutschland. An dem schlechten baulichen Zustand hatte sich aber nichts geändert.

Häftlinge mussten mit primitiven Mitteln in harter Zwangsarbeit die Gebäude und Außenanlagen in Stand halten.

Wer waren diese Häftlinge und warum wurden sie in das KZ eingeliefert?

Wie waren die Lebensbedingungen dieser Häftling?

Was geschah in den dunklen Verließe der Lichtenburg?

Antworten auf diese und andere Fragen erhalten Sie durch den Historiker Sven Langhammer und Aussagen von Zeitzeugen in der nächsten dreiviertel Stunde.

(Musik)

Obwohl das KZ Lichtenburg in Prettin bei Torgau eines der ersten großen Konzentrationslager war, besteht noch ein großer Forschungsbedarf.

Einer der über das KZ Lichtenburg geforscht hat, ist der Historiker Sven Langhammer. Er hat auch an der neuen Ausstellung über das KZ Lichtenburg mitgearbeitet.

Von wann bis wann bestand das KZ-Lichtenburg?

Laut Sven Langhammer wurde das Schloss Lichtenburg zwischen 1933 und 1945 als Konzentrationslager genutzt. Es gab mehrere Lagerformen. Das KZ Lichtenburg für männliche Häftlinge existierte von Juni 1933 bis August 1937. Anschließend waren Frauen in der Lichtenburg inhaftiert. Das Frauen-Konzentrationslager bestand von Dezember 1937 bis Mai 1939. Für kurze Zeit wurde die Lichtenburg als Kaserne für ein SS-Ersatzbataillon genutzt und ab Herbst 1941 war in der Lichtenburg das Außenkommando Prettin untergebracht. Dieses Außenkommando des KZ Sachsenhausen existierte im Schloss bis zum April 1945.

Wie viele Häftlinge hat es insgesamt im KZ Lichtenburg gegeben hat.

Laut Sven Langhammer hat es im Männer-Konzentrationslager um die 8000-9000 Häftlinge gegeben. Namentlich bekannt sind ca. 6600. Die männlichen Häftlinge kamen aus den mittleren und östlichen Provinzen Preußens. Da sie in der Lichtenburg keine Häftlingsnummern trugen, kann man die genaue Häftlingszahl nicht ermitteln. Im Frauen-Konzentrationslager gab es insgesamt 1414 Frauen. 1415 Häftlingsnummern wurden vergeben. Bei einer Frau weiß man, dass sie zweimal inhaftiert war und deshalb zwei unterschiedliche Häftlingsnummern bekommen hat,

Man geht davon aus, dass ca. 120 Männer in dem Außenkommando Prettin waren (Forschungsstand 2013): in der Regel waren 65 Häftlinge in der Lichtenburg, 50 Häfttlinge waren für das SS-Hauptzeugamt tätig und 15 Häftlinge im Versorgungslager.

Das KZ Lichtenburg war ein Vorgängerlager der KZs Buchenwald und Ravensbrück.

Es gab in dem KZ Lichtenburg nicht so viele Tote wie in den großen Konzentrationslagern.

Laut Sven Langhammer kann man über die Sterbefälle im KZ Lichtenburg folgendes feststellen:

Im KZ Lichtenburg hat es ca. 20 Sterbefälle gegeben. Hinzu kommen die Toten, die während des sogenannten Röhm-Putsches https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/etablierung-der-ns-herrschaft/roehm-putsch.html

[30. Juni 1934 bis zum 2. Juli 1934) erschossen worden sind. Hier geht man von bis zu 14 Personen aus. Standesamtlich nachgewiesen und belegt sind zwei Personen. Rechnet man diese 14 zu den 20 verstorbenen Häftlingen dazu, kommt man auf eine Sterbezahl im KZ Lichtenburg (von 1933 bis 1945) von ca. 35 Personen.

Im Frauen-Konzentrationslager sind insgesamt drei Frauen verstorben, davon verstarben eine Frau direkt im Schloss und zwei schwerkranke Häftlinge im Stadtkrankenhaus Torgau. Sie werden aber als Sterbefälle des Frauen-KZ Lichtenburg gezählt. Alle drei Frauen waren Zeuginnen Jehovas.

Das KZ Lichtenburg war kein Vernichtungslager, deshalb gab es nur wenige Sterbefälle. Die meisten Sterbefälle sind im Winter 1933/ 1934 vorgekommen. Aus dem Außenlager Prettin sind keine Sterbefälle bekannt.

(Musik)

Eine Besonderheit des KZ Lichtenburg ist, dass das KZ von 1933 bis 1945 fortlaufend bestanden hat.

Es gab nur eine kurze Phase, in der das Schloss als Kaserne diente.

Sven Langhammer sagt, dass das Schloss Lichtenburg von 1933 bis 1945 durch die SS unterschiedlich genutzt wurde. Zuerst gab es ein Männer-Konzentrationslager (bis 1937), dann ein Frauen-KZ, später war es eine Kaserne (von Ende 1939 bis Mitte 1940). Im Anschluss daran wurde es als Außenlager des KZ Sachsenhausen genutzt. Es gibt neben der Lichtenburg nur das KZ Dachau, das kontinuierlich von 1933 bis 1945 durch die SS als Lager genutzt worden ist.

Anfangs gab es in den KZs noch keine einheitliche Lagerordnung. Heinrich Himmler beauftragte den SS-Brigadeführer Theodor Eicke mit der Reorganistion der Konzentrationslager. Theodor Eicke hatte bereits für das KZ-Dachau eine Lagerordnung erstellt. Diese Lagerordnung wandte er dann 1934 auch auf das KZ Lichtenburg an.

Schon in der Anfangsphase des KZ Lichtenburg gab es dieselben Opfergruppen wie in den späteren KZs. Die Namen der Opfergruppen legte die SS fest.

Laut Sven Langhammer kam man als politischer Häftling in das KZ Lichtenburg.

Zuerst waren es Angehörige der KPD, später dann der SPD. Auch Personen, die offen gegen den Nationalsozialismus aufgetreten sind, wurden inhaftiert.

Im Männer-Konzentrationslager Lichtenburg gab es neben politischen Häftlingen auch kriminelle Häftlinge, sogenannte Berufsverbrecher oder polizeiliche Vorbeugungshäftlinge. Daneben gab es auch Zeugen Jehovas, homosexuelle Männer und jüdische Häftlinge, und wenige sogenannte asoziale Männer.

Ein Drittel der im Frauen-KZ Lichtenburg inhaftierten Häftlinge waren Zeuginnen Jehovas. Es gab politische Häftlinge, jüdische Häftlinge und einige sogenannte asoziale Häftlinge.

(Musikakzent)

Die Häftlingsgruppen erhielten unterschiedlich Kennzeichen an ihrer Kleidung. Zum Beispiel hatten die Politischen eine rote Binde an den Hosenbeinen und Längsstreifen auf dem Rücken und zusätzlich einen Kreis auf der Brust

Jüdische Häftlinge erhielten einen gelben Kreis auf der Brust. Jüdische Häftlinge, die intime Beziehungen zu Nichtjüdinnen hatten, trugen zusätzlich eine rote Binde mit einem R . Das R stand im Nazi-Jargon für „Rasseschänder“.

Die Bibelforscher hatten einen blauen Kreis auf der Brust.

Homosexuelle wurden mit einer gelben Binde mit einem A gekennzeichnet. Das A stand im Nazi-Jargon für „Arschficker“.

Ein schwarzer Kreis auf der Brust kennzeichnete die Kriminellen.

 

Die Kennzeichen der Häftlinge wurden in den späteren KZs vereinfacht. Änne Dickmann, die im Frauen KZ Lichtenburg inhaftiert war, erinnert sich:

„In Ravensbrück bekamen wir alle Winkel.“

(Musik)

Besucher eines Schlosses wurden früher normalerweise sehr freundlich begrüßt. Das Personal stand bereit, um dem Gast den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.

Die Häftlinge des Männer-KZs erhielten bei ihrer Ankunft im Schloss Lichtenburg allerdings eine menschenverachtende Begrüßung.

Diese „Begrüßungzeremonie“ stammt von Edgar Entberger. Er war SS-Wachkommandant im KZ Lichtenburg.

Der Schauspieler Wolfgang Langhoff schreibt bereits 1935 in seinem Buch „Die Moorsoldaten“[1]:

„ … Zunächst stehen wir bei eisiger Kälte endlos lange in Burghof und warten auf den Kommandanten. Schließlich kommt er an. Ein kleiner, sehniger Mann mit schwarzen Haare, schwarzen Augen, einer großen Nase im Gesicht, das einen dummdreisten Ausdruck hat. Ehemaliger Dorfpolizist. Jetzt Sturmführer der SS, Fanatiker und Sadist. Er stemmt die Hände in die Seiten: ‚Vor allen Dingen bitte ich mir einen anständigen Hitlergruß aus! Aber nicht so die Arme hoch geschlakst und herum gewunken, sondern vorschriftsmäßig! Ausgestreckter Arm, gestreckte Hand bis in die Augenhöhe. Jeder SS-Mann im Lager ist so zu grüßen. Ihr seid hier in keinem Mädchenpensionat, sondern im Konzentrationslager.“

(gesprochen von Peter Bieringer)

Ernesto Kroch kann sich noch gut an die Ankunft im KZ Lichtenburg erinnern:

„Ich erinnere mich, dass wir durch das große Tor führen und ich erinnere mich an das Bild des Schlosses, so wie es heute ist. Da kamen wir an und wir wurden gleich gehetzt, hierhin und dorthin und beschimpft. Also wir merkten sofort: Hier weht ein anderer Wind. Das merkte man sofort. Und dann kam man in die Umkleidekammer. Klamotten ablegen und bekamen diese Kleidung. Das war ehemalige Polizeikleidung. Natürlich ohne Taschen, ohne Achselklappen. Ohne Alles, nur die Jacken, die Hose, wo solche Pantoffeln mit Holzsohlen, mit dicken Holzsohlen und wurden kahlgeschoren und dann ging es nochmal auf den Exerzierhof. Und [wir]wurden hin und her gehetzt mit Kniebeugen und mit Liegestützen und wer weiß nicht was. Und dann kamen wir in die Zellen.“

Wolfgang Langhoff berichtet über seine persönliche „Begrüßungszeremonie“ weiter:

Im Hinterhof müssen wir „Sport“ machen. Laufschritt, Paradeschritt usw. Dann werden wir auf die Stationen verteilt. Auf der Stationswache wird erst einmal mit uns weiter exerziert. Anklopfen, strammstehen, „Bitte eintreten zu dürfen ..“

(gesprochen von Peter Bieringer)

(Musikakzent)

Über die Ankunft eines Frauentransportes in Torgau schreibt Lina Haag in ihrem Buch „Eine Handvoll Staub“ [:

„Die SS erwartet uns in Torgau. Empfängt uns mit Kommandogebrüll und scharfgeladenen Revolvern. Treibt uns auf bereitgestellte Lastwagen. Wie Vieh werden wir verladen.“

(Gelesen von Gudrun Stockmann)

Über ihre Ankunft in der Lichtenburg berichtet sie:

„Im Innenhof werden wir aufgestellt. Etwa 30 Frauen, Politische, Jüdinnen, Kriminelle, Dirne und Bibelforscherinnen. Wachtmeisterinnen umkreisen uns wie graue Wölfe … die großen Wolfshunde, die sie mit sich führen, zerren bedrohlich an den Leinen.“

(Gelesen von Gudrun Stockmann)

(Musikakzent)

Die Touristikbranche bietet heute auch die Möglichkeit an, in Schlössern zu übernachten. Wer in einem Schloss übernachten möchte, träumt oft von Komfort in den Räumen und von Himmelbetten.

Leider mussten die Häftlinge im KZ Lichtenburg auf jeglichen Komfort verzichten.

ehemaliger Zellbau des KZ LichtenburgDer Historiker Sven Langhammer berichtet, dass der Zellenbau 1878/1879 errichtet worden ist. Eine Zelle war damals für eine Person vorgesehen. Je nach Belegungsstärke des Lagers wurden unterschiedlich viele Leute in einer Zelle untergebracht, im Durchschnitt waren es drei bis vier Personen in einer Zelle. Es gibt aber auch Erlebnisberichte, in denen von drei Personen gesprochen wird, bei den Frauen wird von zweien gesprochen. Es werden ab 1936 die jüdischen Häftlinge in wenigen Zellen konzentriert (Ernesto Kroch spricht dann von einer Belegung einer Zelle von sechs Personen. In den etwas größeren Eckzellen waren dann bis zu neun Personen untergebracht). Es ist überliefert, dass dort in den Zellen dreietagige Betten standen und wenige Schemel (Tische und Schränke gab es nicht in den Zellen, weil kein Platz dafür da war). Hinter der Tür war dann der Kübel, wo die Häftlinge in der Nacht ihre Notdurft verrichten konnten.

Dies bestätigt auch Ernesto Kroch:

„Ich kam in eine Zelle zusammen mit 8 anderen. Aber mit mir in der Zelle, da war auch der Hans Isack und der Lothar Müller. Wir 3 mit 6 anderen, die waren schon drin. Und das waren ungefähr 4 x 4 Meter der Raum und in dem stand(en) 3 Bettgestelle zu je 3 Etagen für die 9 Leute, die wir waren und dazwischen stand eine Bank. Es können auch 2 Bänke gewesen sein. Also war ganz wenig Platz, wo man sich überhaupt da bewegen konnte. In einer Ecke stand ein Kübel, wo man die kleine Notdurft machen konnte.“

ehemailges KZ Lichtenburg hinterer HofSven Langhammer ergänzt, dass die Häftlinge nicht nur im Zellenbau untergebracht waren, sondern auch in dem Renaissance-Schloss Lichtenburg. Die einzelnen Häftlingskompanien verbrachten ihre Zeit außerhalb der Arbeitszeit in den Tagesräumen. Im Schloss Lichtenburg befanden sich im Erdgeschoss Lagerräume und Werkstätten. Im ersten und zweiten Obergeschoss befanden sich die Tagesräume für die Häftlinge. Das war im Männer-KZ und im Frauen-KZ identisch. Und es befanden sich auch die Tagesräume der SS-Wachmannschaften in diesen Bereichen. Die Schlafsäle der Häftlinge befanden sich unter dem Dach.

 

(Musikakzent)

Anscheinend war die Unterbringung im Frauen-KZ Lichtenburg etwas besser als im Männer-KZ. Änne Dickmann war eine der ersten Frauen, die aus dem Frauen-KZ Moringen in die Lichtenburg kam:

„Jedenfalls war die Unterkunft etwas geräumiger. Nich, wir hatten jeder einen Stuhl,

Jeder sein Bett und es war auch außerhalb von den Betten noch etwas Platz, was in Moringen nicht der Fall war.“

Ehemalige Inhaftierte berichten sogar, dass in ihrem Saal Hocker und Tische standen. Auch habe es „schmale Holzschränke mit einen Geschirr-Kleidungsfach“ gegeben. (s. Werner Dietrich)

(Musikakzent)

Die hygienischen Zustände im Männer-Konzentrationslager waren laut Sven Langhammer sehr einfach.

 

Die Männer wuschen sich unter den Pumpen und für ihre Notdurft gab es eine Latrine (ein Holzbau). Die Benutzung der Latrine war früh und abends möglich. Man ging gemeinsam als Gruppe zur Latrine und musste seine Notdurft schnell verrichten, da die nächste Gruppe schon davor stand. Es gab keine Intimsphäre in diesem Bereich. In der Nacht benutzten die Häftlinge dann in ihren Unterkünften (in den Zellen im Zellenbau bzw. in den Schlafsälen) Kübel.

Bei den Frauen sah die Situation etwas anders aus. Man hat 1938 ein Badehaus errichtet, wo die Frauen auch duschen konnten. Bei den Männern ist auch überliefert, dass es Duschen und Wannen gegeben hat, aber es ist unklar, ob die Häftlinge diese nutzen konnten, oder ob sie für die Wachmannschaften vorgesehen waren.

 

(Musik)

Denkt man an die Schlossküche, sieht man im Geist emsige Köche und Küchenhilfen. Sie alle bereiten viele köstlichen Speisen.

Köstliche Speisen gab es in KZ Lichtenburg allerdings nur für die SS.

Sven Langhammer beschreibt das Essen der Häftlinge als einfach und schlicht. Das Essen war in bestimmten Phasen reichhaltiger, aber es gab Zeiten, in denen die Häftlinge die „dünne Suppe“ als „Rennfahrersuppe“ bezeichneten. Es ist überliefert, dass 1936/1937 sehr viele Häftlinge in der Lichtenburg gewesen sind und Häftlinge in der Abfallgrube nach Essbarem suchten. Krankheiten traten zum Beispiel auf, weil Häftlinge verschimmeltes Brot aßen.

 

Häftlinge, die Geld von Familienangehörigen oder Freunden übersandt bekamen:

 

… konnten sich, laut Sven Langhammer, zusätzlich mit Lebensmitteln versorgen. Die Möglichkeit bestand in der Regel für alle Häftlinge, sofern sie keine jüdischen Häftlinge waren; Berufsverbrecher waren von diesen Vorzügen auch ausgeschlossen.

(Musikakzent)

In einem Schloss steht das Personal früh auf und weckt die Herrschaften zum Frühstück. Der Tagesablauf ist festgelegt.

Auch im Männer-Lager des KZ Lichtenburg in Prettin bei Torgau gab es einen festen Tagesablauf.

Allerdings war es die SS, die die Häftlinge um 5:00 Uhr weckte.

Ernesto Kroch schildert den weiteren Tagesablauf:

„Da musste man ganz schnell aufstehen, denn kurz danach musste man schon auf den Gang raustreten und schnell zur Dusche gehen und schnell wieder zurück. Man hatte kaum Zeit sich richtig zu waschen, trocknen schon gar nicht. Da musste man schnell anziehen, kurz danach gab es das Frühstück, dann gab es den Gang zur Latrine. Man war ständig in Hast und man hatte auch Angst nicht mitzukommen, denn kleinste Verfehlungen, wenn man zurückblieb, das konnte fatal werden, mit Arrest und sonst was.“

Sven Langhammer fügt hinzu, dass dann das Bett gebaut und die Zelle bzw. die Schlafstätte in Ordnung gebracht wurde. Nach dem Frühstück wurden die Häftlinge zum Zählappell herausgeführt. Diese Appelle gab es früh, mittags und abends. Nach dem Zählappell sind die Häftlinge zu ihren Arbeitsstellen geführt worden. Bei den Frauen war es so, dass nur ca. 200 mit Arbeit beschäftigt werden konnten. Die anderen Frauen sind zurück in die Tagesräume gegangen, und haben sich dann dort mit vielerlei Arbeiten beschäftigt. I. d. R. hatten sie sich Wolle schicken lassen, um Pullover stricken zu können. Sie haben auch gehäkelt und gelesen.

(Musikakzent)

Ähnlich wie bei einem hochherrschaftlichen Schloss mussten viele Arbeiten verrichtet werden.

Auch hier wurden laut Sven Langhammer die Häftlinge im KZ Lichtenburg herangezogen, um den Lagerbetrieb aufrecht zu erhalten. Sie haben alle anfallenden Arbeiten ausgeführt:

 

Im Männer-Konzentrationslager gab es ein Außenkommando, das dafür zuständig war, das Holz zum Heizen des Lagers heranzubringen. Das Außenkommando hat aber auch Kies abgebaut, in Prettin einen Stadtpark oder eine Badegelegenheit an der Elbe errichtet. Im Lager selbst gab es viele kleine Arbeitskommandos: Es gab zum Beispiel eine Hofkolonne, die dort Reinigungsarbeiten durchgeführt hat. Es gab die Jauchekolonne, die sich um die Latrine gekümmert hat.

Ernesto Kroch arbeitete in der Jauche-Kolonne:

„Und später kamen wir zur Jauche-Kolonne und da haben wir die Latrinengrube – ich schätze, die waren 50 Kubikmeter ungefähr –mussten wir ausschöpfen mit Kellen mit langen Stangen in eine Lore, die daneben stand. Es waren mehrere Loren, die auf Gleisen standen die und dann wenn nur noch wenig bedeckt war der Boden, dann musste, dann ließ man einen Schlauch darunter und mit einer Handpumpe musste man das in die Loren pumpen. Und da erinnere ich mich, dass … die Pumpe war nicht zu diesem Zweck konstruiert. Die verstopfte sich oft das Rückschlagventil und saugte nicht mehr. Und da musste ich als gelehrter Mechaniker das Oberteil abmontieren und das Rückschlagventil frei machen. Das heißt das Stückchen Kot, das dazwischen klemmen blieb rausnehmen. Das war eine regelrechte Scheißarbeit.

Und wurden wir wie Pferde mit Stricken vor die Loren gespannt und zogen das über die Landstraße, die davor geht ziemlich weit. Aber ich weiß jetzt nicht mehr wie weit, bis auf die Felder der Bauern. Das Schlimmste war dann immer das letzte Stück. Das war ja nicht asphaltiert. Das waren Sandwege und wenn es geregnet hat waren es schlammige. … Wir waren wohl ein Dutzend Leute, die davor gespannt waren und ziehen mussten. Das waren schwere … und der Posten, der dabei stand mit einem Gewehr im Anschlag und manchmal mit dem Kolben auf uns einhieb, der schrie „Hü und Hott“. Also der machte uns noch verrückter, Dann auf den Feldern der Bauern wurde das dann umgekippt.

Na, der Rückweg war dann ja leichter.“

(Musikakzent)

Sven Langhammer erklärt, dass einige Häftlinge auch als Messerschärfer oder Strümpfestopfer arbeiteten. In der Häftlingsbibliothek waren zum Beispiel Armin T. Wegener und später der Rechtsanwalt Hans Litten tätig. Es gab eine Schlosserei. In der Tischlerei sind Betten für das Lager gebaut worden. Es gab eine Gartenkolonne, die im Garten, im Schlossgarten, Lebensmittel, Früchte, Kartoffeln, Rüben, Möhren angebaut haben.

Ernesto Kroch musste auch Kohlen tragen und war dabei der Willkür der SS ausgesetzt:

„Nachher kamen wir erst mal zum Kohle tragen. Da fuhr ein Lastwagen vor im Hof mit zentnerschweren Kohlesäcken. Die musste man sich auf den Buckel laden und dann die Treppen runter in den Keller bringen, den Kohlekeller. Das war an sich schon schwer, aber den Posten gefiel es oft, sich einen Spaß draus zu machen, einen die Treppe raufzuschicken noch einmal mit dem Kohlesack auf dem Rücken, die Treppe wieder runter. noch mal rauf, noch mal runter … bis man zusammenbrach. Das hielt man ja nicht aus. (Das) sind 50 Kilo, nich, ohnehin schon schwer. Also ich habe das irgendwie immer noch ausgehalten, aber die älteren Leute, die sind oft zusammengebrochen. Leute haben auch Herzinfarkt bekommen, nich also. Für die ist es unerträglich gewesen, was für mich noch gerade am Rande des Ertragbaren war.“

(Musikakzent)

Bei den Frauen war es ähnlich.

 

Sven Langhammer berichtet von einer Gartenkolonne. Es gab auch ein Außenkommando, das aus jüdischen Frauen bestand, die Gräben reinigen mussten. Es gab vermutlich auch eine Jauchekolonne. Es wird berichtet, dass Frauen auch die Exkremente beseitigen mussten, vorrangig wurden jüdische Frauen für diese dreckigen Arbeiten herangezogen. Einige Frauen haben in der Küche gearbeitet, viele waren mit Reinigungsaufgaben beschäftigt, sie haben die Unterkünfte der Aufseherinnen gereinigt, und die Reinigungsarbeiten in der Kommandantur durchgeführt. Im Frauen-Konzentrationslager Lichtenburg sind vorrangig Zeuginnen Jehovas mit Arbeiten beschäftigt worden.

Die Zeugin Jehovas Änne Dickmann berichtet:

„Es wurden freiwillig immer Arbeiter rausgeholt. Es kam dann die Aufseherin: „Wir brauchen welche für diese Arbeit, für diese Arbeit.“ Und dann sind wir freiwillig aufgestanden. Ich hab(e) dann von Anfang an, fast immer mitgearbeitet. Und dann durft(e) ich mit nach draußen in die Kommandantur, die Kommandantur putzen, wo die SS ihre Räume hatten. Und danach war ich in der Küche eine Weile. … Und eines Tages wurde ich dann rausgerufen und aus den anderen Stationen auch noch ein paar. Wir waren dann fünf oder sechs. Zur Aufseherin und sagt sie: Die SS hat bis jetzt draußen im Ort gegessen und sie wollen jetzt eine eigene Kantine für die SS machen und dann suchen sie die besten Leute aus, die da bedienen sollen. Da habe ich gedacht: „So, vorher sind die Verbrecher besser als wir und nun sind wir die Besten für die Arbeiten. Für zuverlässige Arbeiten dann waren wir immer dann die Besten.“ Und dann haben wir immer hinten im Garten von der Lichtenburg, war so ein, unten so wie so ein Einfamilienhaus. Unten ein große Stall und oben Wohnungen und haben wir dann für die SS gekocht und die bedient“.

(Musik)

Die Oberaufsicht eines Schlosses hat oft ein Verwalter. Auch das Schloss Lichtenburg in Prettin musste während seiner Zeit als KZ verwaltet werden. Laut dem Historiker Sven Langhammer wurde das KZ Lichtenburg durch die SS verwaltet.

 

Anfangs wurde das Männer-Konzentrationslagers zunächst von Polizeibeamten verwaltet. Es gab einen Direktor, dem der Schutzhaftlagerführer untergeordnet war. Dieser ist in der SS gewesen ist. Nach kurzer Zeit sind die Polizeitruppen abgezogen worden. Die SS hat dann die Verwaltung des Lagers bis 1945 komplett übernommen.

ehemaliges Kommandanturgebäude des KZ LichtenburgEs gab einen Lagerführer, dem einzelne Abteilungen des Konzentrationslagers unterstanden wie die Kommandantur, das Schutzhaftlager und der Lagerarzt. Dem Lagerführer war der Schutzhaftlagerführer unterstellt. Diesem unterstanden dann die sogenannte Kompanieführer (SS-Männer), die direkt mit den Häftlingen zu tun hatten.

Wichtig ist noch, dass es den Lagerkommandanten und verschiedene Abteilungen in der Verwaltungsstruktur gab. Vorhanden war auch ein Kommandanturbereich. Es gab eine politische Abteilung, wo Häftlinge verhört wurden, wo die Personalakten der Häftlinge verwaltet wurden. Über die politische Abteilung sind die Besuche des Lagers geregelt worden. Über die politische Abteilung sind auch die Entlassungen, Einweisungen und Überführungen organisiert worden.

 

(Musikakzent)

 

Wer waren diese Menschen, die die Häftlinge bewachten, schlugen, über sie bestimmten, und aus welchen sozialen Verhältnissen kamen sie?

Sven Langhammer weiß zu berichten, dass SS-Angehörigen den Wachdienst versehen haben und in dem KZ Lichtenburg angestellt waren. Sie kamen vorwiegend aus einfachen Verhältnissen, aus der Mittelschicht. Sie gehörten selten der Intelligenz an und hatten z. T. ganz einfache Beweggründe gehabt: sie wollten Geld verdienen, sie haben nach sozialer Anerkennung gesucht. Eine Uniform war damals in der Außendarstellung sehr viel wert gewesen. Es waren meistens junge Menschen, die als SS-Angehörige, SS-Rekruten angeworben wurden. Diese waren leicht verführbar für die NS- Ideologie.

Die SS-Männer in der Lichtenburg waren von ihrem Dienst überzeugt. Sie dachten, dass sie für eine gute Sache ihren Dienst versehen. Es gab unter ihnen einige, die sehr brutal waren und die Häftlinge geschlagen haben. Es gab aber auch SS-Angehörige, die erkannt haben, dass das was sie dort tun, nicht menschenwürdig ist. Sie haben z. T. die Häftlinge mit Lebensmitteln unterstützt, Briefe für sie rausgeschmuggelt und haben den Häftlingen ihr Los soweit es möglich war erleichtert.

 

Die unterschiedliche Behandlungsweise der Bewacher beschreibt auch Wolfgang Langhoff in seinem Buch „Die Moorsoldaten“ [1]:

Es gab eine Schlägergruppe, die die Gefangenen schikanierte und quälte, und ebenso auch eine humane Gruppe, die nur ihren Wachdienst versah und sich sonst nicht um uns bekümmerte. Nur das die Schlägergruppe noch brutaler und gemeiner war und die Gesamtatmosphäre quälender, unsicherer und nervöser. (Gesprochen Peter Bieringer)

 

(Musikakzent)

Bei den Frauen konnte Sven Langhammer feststellen, dass in dem Frauen-Konzentrationslager Lichtenburg erstmals Aufseherinnen eingesetzt wurden, die speziell für das Lager angeworben wurden, mit dem Hintergrund, dass sie für verwahrloste Frauen zu sorgen und zu zu achten haben. Einige Aufseherinnen sind sehr hart mit den Häftlingen umgegangen.

Es ist bekannt, dass einige Aufseherinnen den Dienst wieder quittiert haben, weil sie mit der Situation im Lager und ihrer Aufgabe nicht klargekommen sind. Die Aufseherinnen, die sich mit dem System arrangiert haben, sind besonders brutal gewesen. Sie sind im Mai 1939 gemeinsam mit den Häftlingen nach Ravensbrück überführt worden. Sie haben später in anderen Lagern wie zum Beispiel in Auschwitz ihre Karriere fortgesetzt. Ein Beispiel für diese brutalen Aufseherinnen ist die Maria Mandel.

 

Lina Haag schreibt in ihrem Buch „Eine Hand voll Staub“ [2] über die Aufseherinnen:

„Ich sehe diesen neuen Idealtyp der deutschen Frau zum ersten Mal. … Manche haben leere, manche brutale Visagen, der gemeine Zug um den Mund ist allen gleich. Sie gehen mit großen Schritten und wehenden grauen Capes hin und her, ihre Kommandostimmen gellen über den Hof, die großen Wolfshunde, die sie mit sich führen, zerren bedrohlich an den Leinen. Sie sind phantastisch und furchterregend, an graue Sagen gemahnend, mitleidlos und wahrscheinlich noch viel gefährlicher als die brutalen SS-Henkersknechte, denn es sind Frauen. Sind es Frauen? Ich zweifele daran. Es könne nur Wesen sein, Wesen mit grauen Hunden und mit allen Instinkten, Tücken und aller Wildheit ihrer Hunde. Unwesen.“ (Gelesen Gudrun Stockmann)

(Musikakzent)

Eine Häftlingsselbstverwaltung wie sie in späteren Lagern existierte, gab es im KZ Lichtenburg nicht.

Im Männer- und auch im Frauen-KZ Lichtenburg waren meist politische Häftlinge als Funktionshäftlinge in den Stationen eingesetzt.

Sie konnten die Lebensbedingungen für die Häftlinge ein wenig erträglicher machen.

Manchmal schlichteten sie zwischen den Häftlingen. Ein anderes Mal schützten sie ihre Mithäftlinge vor den Bewachern oder versuchten Strafen auf zu heben.

(Musikakzent)

Ein Schlossherr hatte früher meist nur das Recht, seine Diener für kleinere Vergehen mit Prügel zu betrafen. Größere Vergehen wurden von Gerichten geahndet.

In dem Schloss Lichtenburg gab es unterschiedliche Formen der Strafen im Männer-KZ.

Sven Langhammer nennt als Strafen aufgrund von Verstößen gegen die Lagerordnung

z.B. Einzelhaft, Isolierungshaft, gelinden Arrest, verschärften Arrest, Prügel, Krummschließen bzw. Totschlag. Das sind die sieben Strafen, die angewendet wurden. Der verschärfte Arrest ist zum Beispiel im Bunker im Schloßflügel B vollzogen worden. Es wird berichtet, dass die Häftlinge bei Strafantritt und bei Beendigung der Strafe jeweils 25 Schläge mit dem Gummiknüppel bekommen haben. In den Einzelzellen, in denen vor den Fenstern Lochbleche waren, um die Zelle abzudunkeln. hatten die Häftlinge eine Decke zur Verfügung. Öfen gab es nicht und die Häftlinge waren bei Wasser und Brot in der Zelle. Der Bunker wird auch von den Häftlingen als „Färberei“ bezeichnet, weil die Häftlinge grün, blau, schwarz geschlagen wieder rausgekommen sind. Kamen die Häftlinge nach der Dunkelhaft wieder ans Tageslicht, waren, sie zuerst geblendet. Im Bunker gibt es an der Giebelseite eine sogenannte Stehzelle, eine Mauernische in der Außenwand, wo der Häftling für unbestimmte Zeit drin gestanden hat. In einer solchen Dunkelzelle verliert die Person relativ schnell jegliches Gefühl für Zeit und Raum. Die Enge in der Stehzelle konnte zu Platzangst führen. Es ist überliefert, dass einige Häftlinge des Konzentrationslagers Lichtenburg dem seelischen Druck nicht gewachsen waren. Sie sind verrückt geworden und dann in Nervenheilanstalten überführt worden. Es gibt bislang keine Zeugnisse darüber, dass man so eine Biografie nachzeichnen konnte.

 

(Musikakzent)

 

Auch aus dem Frauen-KZ gab es Berichte über Prügelstrafen mit tödlichem Ausgang. Geprügelt wurde oft in den Kellerverließen. Nicht allen Häftlingen war bekannt, was in diesen dunklen Kellerverließen geschah. Dies zeigte der Historiker Dr. Hans Hesse während einer Lesung im Kunsthaus Zürück (O-Ton Lesung Kunsthaus Zürich 1.-9. 10.1999) anhand des Zeitzeugenberichtes von Maria Zeh:

„Maria Zeh erzählt weiter:

 

‚An einem frühen Morgen wurde eine Bibelforscherin in den sogenannten Bestrahlungsraum in dem Revier gebracht. Mit schweren Stiefeln stieß ein SS-Mann die schmächtige Frau in den Raum, schwach und leise sprach die Frau: „Herr vergib Ihnen, Sie wissen nicht, was sie tun.“

Am nächsten Tag holte mich die Oberschwester, Sophie und Schneiderheinze. Wir mussten nun tief in den Keller der Burg. Es war ein Verließ mit Eisenstäben wie in einem Zoo. In dem Verließ befand sich an einer Seitenwand ein aus Beton gegossenes Lager. Auf dem Betonsockel lag die Bibelforscherin. Sie war tot und hatte unsere KZ-Uniform an. Am Körper befanden sich Spuren von Peitschenschlägen und anderen Misshandlungen. Überall waren grüne und blaue Flecken. Wir mussten sie einsargen. Obwohl wir schon 3 Monate in der Lichte (Lichtenburg) waren, erfuhren wir erst jetzt, dass es in diesem Kellerverlies einzelne Gefangene gab… .“

(Musikakzent)

Vielleicht fragen Sie sich auch gerade, welche Möglichkeiten es gab, um dieser Brutalität der SS zu entfliehen.

Wäre Flucht oder aktiver Widerstand eine Möglichkeit gewesen?

Dieses und einiges mehr erfahren Sie in dem 2. Teil dieser Sendung.

(Musikakzent)

(Sprecher Ingeborg Lüdtke, Gudrun Stockmann und Peter Bieringer)

© Ingeborg Lüdtke

Text- und Data-Mining: Ich behalte mir eine Nutzung aller Inhalte dieser Webseite für kommerzielles Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Gesendet am 9.11.2013 im StadtRadio Göttingen

 

Die gesprochenen Texte von dem Historiker Sven Langhammer wurden leicht redigiert und beruhen auf dem Forschungsstand aus dem Jahr 2013.

O-Töne von Ernesto Kroch  wurden von Alternatives Jugendzentrum e.V. in Dessau zur Verfügung gestellt.

Quellenangaben:

[1] 1975 im Aufbau Verlag erscheinen, Rechte jetzt bei: Verlag Neuer Weg
in der Mediengruppe Neuer Weg GmbH, Essen
, die die freundliche Genehmigungam 10.4.12 erteilte.

[2]  Lina Haag,  „Eine Hand voll Staub“  http://www.silberburg.de/index.php?581-Eine-Hand-voll-Staub

Silberburg-Verlag GmbH, Tübingen mit freundlicher Genehmigung vom 25.5.12

Weiterführende Links:

http://www.stgs.sachsen-anhalt.de/gedenkstaette-kz-lichtenburg-prettin/

http://www.gedenkstaettenforum.de/nc/gedenkstaetten-rundbrief/rundbrief/news/lichtenburg_vergangenheit_und_zukunft/

http://www.foerderverein-lichtenburg.com/?navitem=13

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Film: Der Name Gottes

(c) mit freundlicher Genehmigung von Fritz Poppenberg

(c) mit freundlicher Genehmigung von Fritz Poppenberg

Dreilindenfilm.de

Fritz Poppenberg

Titel: Der Name Gottes

Filmlänge etwa 60 Min.

Drehorte: Jerusalem, Rom, Paris

Sprachen: Deutsch, Englisch, Dänisch, Französisch.

Die Uraufführung des Filmes „Der Name Gottes“ fand am Freitag, den

28. Nov. 2014 im Humboldtsaal in der Urania, An der Urania, 17 10787 Berlin statt.

Mehr als 900 Gäste aus Deutschland, den USA, Frankreich und anderen Ländern füllten den fast ausverkauften Saal.DNG_-_Werbeflyer_deutsch_-_E-Mail

Auch die Filminterviewpartner Gérard Gertoux aus Frankreich (http://mom.academia.edu/GerardGERTOUX, Member of the International Society of Assyriology Autor des Buches The Name of God) und Rolf Furuli aus Norwegen (http://uio.academia.edu/RolfFuruli , ehemaliger Professor an der Universität Norwegen) waren anwesend.

(c) Ingeborg Lüdtke

 

 

 

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Betriebliche Weihnachtsfeiern und Wichteln

Käthe Wohlfahrt´s Christkindlmarkt in Rothenburg ob der TauberAuch alle Jahre wieder gibt es in den Firmen die Weihnachtsfeiern. Nicht jeder Mitarbeiter ist davon begeistert und fragt sich: „Muss ich eigentlich an der betrieblichen Weihnachtsfeier teilnehmen?“

Keine Pflicht zur Teilnahme an der Weihnachtsfeier

Es gibt für Arbeitnehmer keine Pflicht zur Teilnahme an der Weihnachtsfeier.

Rein arbeitsrechtlich betrachtet, kommt es aber darauf an, wann die Feier stattfindet.  Beginnt die Weihnachtsfeier nach der regulären Arbeitszeit, entstehen für die Teilnahme keine Überstunden.

Findet die Weihnachtsfeier in der Arbeitszeit statt, muss der nichtfeiernde Arbeitnehmer arbeiten. Ist dies nicht möglich, weil er ohne seine Kollegen seine Arbeit nicht verrichten kann oder weil im Büro Weihnachtslieder gesungen werden, darf der Arbeitgeber den Lohn des nicht teilnehmenden Arbeitsnehmers nicht kürzen oder von ihm verlangen, dass er Urlaub nimmt.

Verhaltensfalle

Auch auf der Weihnachtsfeier gelten trotz Alkoholgenusses und lockerer Atmosphäre die normalen Anstandsregeln gegenüber den Kollegen und Vorgesetzten. Beleidigungen und tätliche Angriffe können zur Kündigung führen.

Geschenke

Nicht teilnehmende Arbeitnehmer haben keinen nachträglichen Anspruch auf Geschenke, die auf der Weihnachtsfeier verteilt werden.

In so manchem Betrieb wurde das Wichteln als Geschenkform eingeführt. Wichteln wird auch Julklapp genannt. Die Auswahl wer wem etwas schenkt wird zufällig getroffen, niemand weiß, von wem er etwas bekommen wird. In einige Betrieben wird das Geheimnis des Schenkenden doch gelüftet.

Das  Wichteln kommt aus Skandinavien, wo nordische Wichtel den Beschenkten heimlich eine kleine Gabe in der Weihnachtszeit zusteckten. Wichtel sind kleine Geister, die gerne anderen helfen, aber auch gerne Schabernack betreiben.

Das Schrottwichteln ist eine weitere Variante des Brauches. Hierbei wählen die Schenkenden etwas aus, was nutzlos, unbrauchbar oder sogar geschmacklos sein darf.

Es bleibt die Frage offen, warum man überhaupt etwas schenkt, wenn es nicht von Herzen kommt?

(c) Ingeborg Lüdtke

Text- und Data-Mining: Ich behalte mir eine Nutzung aller Inhalte dieser Webseite für kommerzielles Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.

Siehe auch „Alle Jahre wieder …“

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Halloween – „Süßes oder Saures“

KürbisHalloween-Kostüme für Kinder und Erwachsene, Halloween-Masken, Halloween-Schminke, Halloween-Gruselkürbisse, Halloween-Schokolade und Kürbisse in vielen Formen sind nur einige Produkte die es zurzeit zu kaufen gibt.

Kinder klingeln als Hexen, Vampire, Geister oder Skelette verkleidet an den Türen. Sie verlangen „Süßes oder Saures“. Dieser Spruch ist eine Kombination aus Bitte und Drohung (Trick Or Treat), Wird ihre Bitte nach Süßem nicht erfüllt, kann es vorkommen, dass die Türklinke mit Zahnpasta beschmiert wird. Nicht immer bleiben die Streiche so harmlos. Manchmal werden auch brennende Böller in den Briefkasten oder Eier an die Hausfassade geworfen. Hierbei kann es sogar zu Sachbeschädigungen kommen. Eltern sollten sich über die rechtliche Seite solcher Streiche informieren.

 

Das Herumziehen der  Kinder mit der Bitte um Süßigkeiten ist nicht neu. In Schlesien  gab es im Frühjahr das auf einen heidnischen Brauch beruhende Sommeransingen, um den Winter zu vertreiben.

Wurde die Haustür nicht geöffnet, sangen die Kinder das Schmählied:. „Hühnermist und Taubenmist. In diesem Hause kriegt man nichts. Ist das nicht eine Schande in diesem ganzen Lande?“

Halloween beruht auf dem keltischen Brauch am Ende  des Sommers (31.Oktober) ein Fest zu feiern. Das Fest wurde „Samhain“ genannt und ist auch in der Wicci-Religion ein aktuelles Fest.

Einerseits wurde es gefeiert, um die  Jahreszeit zu verabschieden, andererseits sollten in der „Nacht des Grauens“ die bösen Geister vertrieben werden. Ein bekanntes Symbol für Halloween ist das Irrlicht: Ein ausgehöhlter Kürbis (oder eine Rübe)  mit einer geschnitzten Fratze, in deren Innern eine brennende Kerze steckt.

Einige Rituale erinnern an die Verstorbenen und es gibt einen Bezug  zu dem  katholischen Feiertag Allerheiligen (Gedenktag von allen Heiligen). Der Vorabend von Allerheiligen wurde „All Hallow´s Eve“ oder „All Hallows´s Evening“  genannt. Vermutlich wurde dieser Name in „Halloween“ verkürzt.

Eine Mischung aus den keltischen Bräuchen und christlichen Festen brachten irische katholische Einwanderer um 1930 u.Z. mit in die USA. Inzwischen ist Halloween ein gesellschaftliches Fest geworden, das am 31. Oktober mit Festessen, Geisterpartys und Geschenken für Kinder gefeiert wird.

Seit den 1990er Jahren wird auch in Deutschland Halloween gefeiert.

 

Literaturquelle:

Günther Richter, Feste und Bräuche im Wandel der Zeit -Kirmes, Kürbis und Knecht Ruprecht, Bielefeld 2011

Luther Verlag

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Buchmesse 2014 – Verlust der persönlichen Identität

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEigentlich könnte es ein schöner Tag werden. Die Bahn streikt nicht. Der Zug hat nur 10 Minuten Verspätung. Ich treffe meine Kollegin Ellen aus dem Vertrieb, so dass die Wartezeit schnell vergeht. Ellen sitzt in Wagen 4 und ich habe in Wagen 2 einen Sitzplatz reserviert. Die geänderte Zugfolge erweist sich als positiv. Der Weg vom Gleis zur U-Bahn ist also nicht sehr lang. Wir treffen uns später direkt auf dem U-Bahngleis. Die U-Bahn ist recht voll und wir stehen gedrängt vor der Ausgangstür. Ich komme versehentlich – wie ich meine – gegen die Hand des dicht neben mir stehenden Herrn.

Diebstahl

Beim Messegelände angekommen, trennen sich meine Kollegin und ich, da ich noch den Eintrittsgutschein einlösen muss. Als ich auf der Rolltreppe schon nach dem Gutschein suche, bin ich geschockt. Der Reißverschluss der Tasche ist offen und die Brieftasche mit allen Papieren weg. Aufgelöst erkläre ich der Dame vom Messeservice, dass mein Gutschein auch gestohlen wurde. Eine Frau spricht mich an und sagt: „Dann lade ich Sie heute einmal vom Klett-Verlag ein.“ Ihren Namen will sie mir nicht verraten, aber ich bedanke mich herzlich. Es gibt doch noch sehr nette Menschen. Ich lade sie ein, abends einfach mal bei unserem Verlagsstand zum Autorenempfang vorbeizuschauen.

Meine Geldbörse und das Handy sind noch da. So kann ich mit Hilfe des Infoservice meine Bank anrufen und gleich die Karten sperren lassen.

Am Verlagsstand angekommen, erzähle ich von meinem Unglück.

Lizenzgespräch

Heute darf ich zu ersten Mal an einem Lizenzgespräch teilnehmen. Der Kollege von dem spanischen Verlag ist sehr nett und an Titeln über neuere Theologie, Philosophie und Psychotherapie interessiert. Für eine Frage zum Inhalt eines Titels und zur Vita des Autors bitten wir den Lektor für den Fachbereich Psychologie an den Tisch.

Suche der Polizeistation und Anzeige des Diebstahles

Der Schauspieler Hanns Zischler ( „Entführt“, Tatort etc.) läuft mir über den Weg.

Für eine spätere Veranstaltung mache ich schon einmal den Weg ausfindig und erkundige mich auch gleich noch nach einer Polizeistation auf dem Messegelände. Ich soll die Halle 3 verlassen und um die Halle 4 herumgehen. Draußen nieselt es und ich bin froh, dass ich meine Regenjacke nicht an der Garderobe abgeben habe. Ich sehe wie das ORF ein Interview draußen vor der Halle unter einem großen Schirm filmt und nach dem Weitergehen stehe ich nun bei einer Absperrung. Ich frage den Sicherheitsmann nach dem Weg. Er schickt mich zu seinem Kollegen, der mich eigentlich wieder ein Stück zurückschickt. Doch diesmal steht dort ein anderer Kollege von ihm, der mir ziemlich autoritär zu verstehen gibt, dass ich dort nicht lang gehen darf. Ich soll wieder in die Halle reingehen und von dort auf die andere Seite gelangen. Als ich wieder in die Halle will, stehe ich vor der Kartenkontrolle, die mich draufhinweist, dass ich nur ein Tagesticket hätte und vor Verlassen der Halle Bescheid sagen müsse. Leider muss ich noch mehrere Male fragen, bis ich dann endlich den entscheidenden Tipp bekomme.

Irgendwie erinnert mich das Ganze an meine New-York-Reise. Am letzten Abend wurde der  Schwester meiner Zimmerpartnerin die Kreditkarte gestohlen und wir mussten sehr weit bis zur zuständigen Polizeistation laufen. Was sich dann dort noch so abspielte bis wir die Anzeige aufgeben konnten, erinnerte sehr stark an den Film „Police Academy“. Aber ich bin ja in Deutschland. Die Polizisten sind anfangs nicht so begeistert, als ich komme. Ich folge einem Polizisten, der dann meine Anzeige aufnimmt. Er fragt, ob ich mich ausweisen kann. Kann ich nicht. Irgendwie fühle ich mich meiner Identität beraubt. Ich habe nur mein  Namensschild an der Jacke und finde noch eine Visitenkarte. Aber bin ich das wirklich oder habe ich diese von einer anderen Person übernommen? Ich werde nun belehrt, dass ich keine Falschaussage machen darf und auch einen Anwalt hinzuziehen darf. Aha. Im Krimi werden doch immer nur die Verdächtigen auf die Hinzunahme des Anwalts aufmerksam gemacht.

Der Polizist schreibt nun das Protokoll und zeigt auch Mitgefühl. Ich unterschreibe und erhalte eine „Bescheinigung über die Erstattung einer Anzeige“, die ich dann bei der Wiederbeschaffung der Unterlagen vorlegen kann. Am Ende begleitet er mich sogar noch bis zum Ausgang.

Fragestunde zu „Bildrechten“

Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig, um mir die Fragestunde des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zum Thema „Bildrechte“ anzuhören. Typische Fragen sind: „ Kann man Bilder mit einer Creative-Commons-Lizenz kommerziell nutzen?“ (Hier lauern viele Fallen, da nicht gewährleistet ist, dass derjenige, der die Bilder einstellt auch der Rechtinhaber ist. Für einen Lizenzverkauf dürfen sie nicht genutzt werden.) „Kann man Bilder verwenden, wenn der Rechteinhaber angefragt wurde, aber nicht antwortet oder nicht ermittelt werden kann? Reicht es hier, dass man sein Bemühen im Werk notiert und den Rechteinhaber bittet, sich zu melden?“ (Schweigen auf Anfrage, ist keine Zustimmung. Das Bemühen der Recherche mitzuteilen, reicht nicht aus, da man mit der Veröffentlichung eine Rechtverletzung begeht. Es fördert aber ein besseres Gesprächsklima, wenn der Rechteinhaber davon erfährt.) „Darf man voraussetzen, dass man bei einer Biografie auch ohne Rückfrage ein Bild von der Person über die man das Buch veröffentlicht auf das Cover setzen kann?“ (Nein, es muss der Abgebildete und der Fotograf gefragt werden.)

Im Anschluss spreche ich noch mit zwei Mitarbeitern vom Börsenverein, mit denen ich schon mehrfach zu tun hatte.

Neue Produktstrategien und Erlöse mit mobilem Content

Mir bleibt noch etwas Zeit, um ein wenig bei der Diskussion „The Mobile Shift – Neue Produktstrategien und Erlösmodelle mit mobilem Content“ zuzuhören. OLYMPUS DIGITAL CAMERA

So richtig viel verdienen, kann man noch nicht damit. Viele Apps sind kostenlos und werden über Werbung finanziert.  Leider ist die Produktion nicht billig. Auch kann man nicht einfach von einem gut verkauften Buch Apps herstellen und dies aus dem Fachbereich heraus erstellen. Es sind externe Dienstleister und ein Produktmanager im eigenen Haus nötig. Das Produkt muss täglich angeschaut werden. Die Ausgangsfrage für eine App ist: „Welches Problem löse ich für den Kunden?“

 

RightsLink

Leider muss ich nun los, da ich mich mit einer Mitarbeiterin von der Buchmesse treffen will, die für die Lizenzierung von Kleinlizenzen über RightsLink zuständig ist. Ich gebe ihr meine gesammelten Überlegungen und Kritiken.

„Hitlers Rache“ und „Der Mauerfall“

So langsam mache ich mich auf den Rückweg, schaue aber noch in Halle 4.2 vorbei. Beim Paschens-Literatur-Café verabschiedet sich gerade Friedrich Wilhelm von Hase (Sohn des Generalleutnants Paul von Hase, der wegen seiner Beteiligung am Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet wurde) der das Buch „Hitlers Rache“ geschrieben hat.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAnschließend berichtet Sven Felix Kellerhoff über Hintergründe zum Bildband „Der Mauerfall“, den er zusammen mit Lars-Broder Keil erstellt hat.

Mainhardt Graf von Nayhauß (Journalist) ist auch auf dem Podium. Er war dabei, als der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl am Tag des Mauerfalls von Journalisten in Warschau gefragt wurde, ob er jetzt auch nach Berlin fahren würde. Er sagt, dass Helmut Kohl geantwortet habe, er könne doch nicht seine Gastgeber im Stich lassen. Er sei dann erst am nächsten Tag nach Berlin gefahren. In dem aktuellen Buch von Helmut Kohl, wäre es anders dargestellt.

ARD Forum

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAuf dem Weg zur U-Bahn liegt das ARD Forum und ich schaue kurz rein. Reinhold Messmer wird gerade vorgestellt.

Vor der Rolltreppe treffe ich noch einen IT-Kollegen und fahre zum Bahnhof. Der Zug ist schon da. Leider sitze ich im ersten Wagen und muss ganz nach vorne laufen. Kurz nach der Abfahrt muss ich die Fahrkarte vorzeigen. Der Schaffner möchte die Bahncard sehen. Ich erzähle ihm, dass mir diese samt Brieftasche gestohlen wurde und zeige die Bescheinigung der Anzeige. Die nette Sitznachbarin bedauert mich und wünscht mir, dass ich die Brieftasche mit Inhalt wiederbekomme.

Parkhaus

In Göttingen muss ich noch mein Auto aus dem Parkhaus herausbekommen. Das Ticket war auch in der Brieftasche. Ich zeige dem netten Parkhauswächter meine Bescheinigung und die Fahrkarte und bezahle ihm das Ticket. Mal sehen, ob ich die Brieftasche mit den Papieren wieder bekomme. Wenn nicht, dann kann die Wiederbeschaffung sich ganz schön lange hinziehen.

 

PS I: Am nächsten Tag stelle ich fest, dass der Dieb oder die Diebin ein Profi war und bereits um 9.31 h und um 9.34 h Geld abgehoben hat und ich um 900,- € ärmer bin. Laut Bank habe ich aber erst um 9.37 h die Sperrung veranlasst und sie will das Geld nicht erstatten.

Nachdem ich mein Veto eingelegt hatte, erhielt ich 4 Wochen später Post von der Bank. Sie will mir aus Kulanzgründen 50% des Schadens ohne Anerkennung einer Rechtspflicht  erstatten.

PS II: Über ein Jahr später meldete sich die Polizei bei mir und sagte, dass sie den international gesuchten Profi-Dieb ermittelt hätten. Das Geld bringt mir dies auch nicht wieder.

(c) Ingeborg Lüdtke

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50. Deutscher Historikertag in Göttingen

Der 50. „Deutsche Historikertag“ wurde von Bundespräsident Joachim Gauck am vergangenen Dienstag in Göttingen eröffnet. Die lokale und überregionale Presse berichtete über den vermutlich größten geisteswissenschaftlichen Kongress Europas. Rund 3000 Teilnehmer wurden erwartet. Zum Thema „Gewinner und Verlierer“ gibt es ca. 130 Veranstaltungen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAn die 80 HistorikerInnen waren zum Grillfest in die Theaterstraße eingeladen. Im und vor dem Verlagshaus des Traditionsverlages Vandenhoeck und Ruprecht herrschte ein munteres Treiben in lockerer Atmosphäre.

 

Kleiner Pressespiegel:

http://www.welt.de/geschichte/article132554793/Gauck-warnt-vor-der-Annahme-dass-Krieg-reinigt.html

http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2014/09/140923-Historikertag.html

http://www.goettinger-tageblatt.de/Nachrichten/Wissen/Wissen-vor-Ort/Festrede-von-Bundespraesident-Joachim-Gauck-bei-Historikertag-in-Goettingen

http://www.hna.de/lokales/goettingen/gauck-gibt-kein-ende-geschichte-3912367.html

 

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Vor 75 Jahren: Erster Kriegsdienstverweigerer im NS-Regime hingerichtet

August DickmannAm 15. September 1939 wurde der 29-jährige August Dickmann aus Dinslaken öffentlich  hingerichtet. Dies geschah nur zwei Wochen nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im KZ Sachsenhausen.

Obwohl August Dickmann der erste Kriegsdienstverweigerer aus Gedenkstein August DickmannGewissensgründen war, der von den Nazis hingerichtet wurde, ist sein Name nur wenigen bekannt. Allerdings erinnert ein Gedenkstein in der Nähe des Eingangstores zum KZ Sachsenhausen an seinen Tod.

In den letzten Tagen erschienen drei Artikel, die auf die Hintergründe der seiner Hinrichtung des Zeugen Jehovas aufmerksam machen:

http://www.focus.de/wissen/mensch/geschichte/zweiter-weltkrieg/hinrichtung-vor-aller-augen-bis-heute-unbekannt-so-starb-der-erste-ns-kriegsverweigerer_id_4085051.html

http://www.svz.de/bb-uebersicht/panorama_bb/eine-hinrichtung-vor-aller-augen-id7459871.html

http://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article132199944/Wer-den-Kriegsdienst-verweigerte-wurde-erschossen.html

KarlDomeirSaalKarl Domeier, der in Dorste bei Osterode geboren wurde, war einer der Zeitzeugen, die bei der Hinrichtung dabei waren. Dieses schreckliche Erlebnis prägte sich ihm sehr tief ein und wurde zu einem festen Bestandteil seiner KZ Schilderung. Seinen Lebensbericht kann man unter dem Link https://www.radio-uebrigens.de/?p=152  nachlesen.

Der Filmemacher Fritz Poppenberg hat sich mit den Zeitzeugen Josef Rehwald, Fritz Brinkmann und Richard Rudoph unterhalten. Auszüge aus dem Gespräch findet man unter https://www.radio-uebrigens.de/?p=114.

Am 16. September 2014 um 18 Uhr fand in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen, Straße der Nationen 2216515 Oranienburg eine KZ Gedemkstätte SachsenhausenGedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Ermordung von August Dickmann statt.

Unter anderem hielt Dr. Detlef Garbe, der Leiter der Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg den Vortrag: „Die Erschießung von August Dickmann als symbolisches Ereignis für die Geschichte der Zeugen Jehovas im 3. Reich“.

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Tagung „Widerstand, Verweigerung und Selbstbehauptung 1933-1945 – Geschichte und Vermittlung“ : Göttingen, den 19.-21. Juni 2014

OLYMPUS DIGITAL CAMERADie Tagung „Widerstand, Verweigerung und Selbstbehauptung 1933-1945 – Geschichte und Vermittlung“ fand am 19.-21. Juni 2014 in Göttingen statt. Das Programm können Sie hier einsehen.

Veranstaltet wurde die Tagung von der „Stiftung niedersächsische Gedenkstätten“ in Celle in Kooperation mit der „Geschichtswerkstatt Duderstadt“ und der „Geschichtswerkstatt Göttingen“. Tagungsort war das Intercity-Hotel in Göttingen.

Zusammenfassung der Referate: 

Donnerstag, den 19. Juni 2014

Freitag, den 20. Juni 2014

Samstag, den 21. Juni 2014

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Tagung: Widerstand, Verweigerung und Selbstbehauptung 1933-1945: Donnerstag, den 19.6.2014

Die Tagung “Widerstand, Verweigerung und Selbstbehauptung 1933-1945 – Geschichte und Vermittlung” fand am 19.- 21. Juni 2014 in Göttingen statt.

Programm:

15:30 h: Dr. Claudia Fröhlich „Widerstand und Verweigerung 1933-1945 – Überlegungen zur Geschichte und Nachgeschichte“

16:45 h: Dr. Hans-Dieter Schmid „Sozialdemokraten im Widerstand: Die Sozialistische Front (SF)“

17:45 h:Dr. Peter Schyga, „Wider die Vergottung des Volkstums und der Rasse“ – Pastor Holtermanns (Goslar) öffentliche Einwürfe gegen das NS-Regime

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Donnerstag, den 21. Juni 2014

Widerstand und Verweigerung 1933-1945 – Überlegungen zur Geschichte und Nachgeschichte

(Zusammenfassung des Referates von Dr. Claudia Fröhlich)

 

Widerstand als Hochverrat?

Haben die militärischen Attentäter des 20. Juli 1944 Landes- und Hochverrat begangen?

Dies behauptete Generalmajor Otto Ernst Remer im Mai 1951 auf einer Parteiversammlung der von ihm mitgegründeten Sozialistischen Reichspartei (SRP) . Daraufhin stellte im Juni 1951 der Bundesinnenminister Robert Lehr gegen Remer wegen Verleumdung. 1952 kam es zu dem sogenannten Remer Prozess vor der Dritten Großen Strafkammer des Braunschweiger Landgerichts

 

Otto Remer und Robert Lehr

Major Otto Ernst Remer war am 20. Juli 1944 Kommandeur des Berliner Wachbataillons. Er hatte vom Berliner Stadtkommandanten General Paul von Hase , einem Mitverschwörer, den Befehl erhalten das Regierungsviertel zu besetzen und Wolfsschanze später den Auftrag Joseph Goebbels festzunehmen. Remer hatte die Besetzung des Regierungsviertels ausführt und bekam Zweifel. Als er Goebbels verhaften wollte, vermittelte ihn dieser eine Telefonverbindung mit Adolf Hitler im Führerhauptquartier Wolfsschanze in Ostpreußen. Per Telefon bekam er von Hitler die Anweisung, den Putsch niederzuschlagen. Diese Anweisung hat er auch als gehorsamer Nationalsozialist ausgeführt.

Robert Lehr hingegen hatte Verbindungen zum Kreisauer Kreis.

 

Klage sollte erst nicht angenommen werden

Oberstaatsanwalt Erich Günther Topf  (ehem. Mitglied der NSDAP und SA-Rottenführer), der bei der Braunschweiger Staatsanwaltschaft zuständig war, wollte die Klage zunächst nicht annehmen. Der leitende Staatsanwalt Fritz Bauer (Sohn jüdischer Eltern) konnte ihn nicht umstimmen und erteilte ihm Weisung. Fritz Bauer übernahm die  Anklage gegen Remer wegen übler Nachrede.

 

Rehabilitation des Widerstandes

Fritz Bauers Ziel war die Abwehr des Verratsvorwurfes. Er wollte eine Befreiung vom Stigma des Verrats, eine Rehabilitation des Widerstandes und das Widerstandsrecht sanktionieren.

Als Nebenklägerin stellte Anna von Harnack ebenfalls einen Strafantrag gegen Remer. Ihr Name wurde mit dem Widerstand der Roten Kapelle in Verbindung gebracht. Aufgrund der Bitte von Fritz Bauer zog sie ihren Antrag zurück. Fritz Bauer wollte nur den Widerstand des 20. Juli als Gegenstand des Prozesses  machen.

Gutachter (Theologen u. ein ehemaliger General) unterstützten die Anklage. Ihr einstimmiges Ergebnis lautete:  Die Widerstandskämpfer des 20. Juli seien keine Verräter gewesen, sondern  hätten zum Wohle Deutschlands gehandelt.

Major Otto Ernst Remer wurde zu einer Haftstrafe von drei Monaten verurteilt, allerdings trat er diese nicht an. Er flüchtete ins Ausland.

Mit dem Urteil erkannte die Strafkammer an, dass der nationalsozialistische Staat kein Rechtsstaat, sondern ein Unrechtsstaat war. Er diente  nicht dem Wohle des deutschen Volkes.

Durch das Urteil wurde der Widerstand des 20. Juli vom Stigma des Landesverrats befreit.

Aufgrund des  Ausgangs des Prozesses änderte sich die Sichtweise in Bezug auf den Widerstand des 20. Juli sehr positiv.

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Sozialdemokraten im Widerstand: Die Sozialistische Front (SF)

Zusammenfassung des Referates von Dr. Hans-Dieter Schmid

 

Die Sozialistische Front (SF)

Hannover SchlossEine der vermutlich größten und bedeutendsten Widerstandsgruppen der Vorkriegszeit war die Sozialistische Front. Diese sozialdemokratische Widerstandsorganisation war zwischen 1933 und 1936 im Raum Hannover gegen den Nationalsozialismus aktiv.

Diese Gruppe wollte vor allem mit illegalen Flugschriften eine Gegenöffentlichkeit zur nationalsozialistischen Propaganda  schaffen.

Initiator der Sozialistischen Front war Werner Blumenberg, der als Redakteur bei  sozialdemokratischen Tageszeitung „Volkswille“ tätig war.

Der Organisation gehörten in den hannoverschen Arbeiterwohngebieten einige  hundert Menschen an. Sie verzichtete auf spektakuläre öffentliche Aktionen. Verteilt wurden die  Sozialistischen Blätter auch in Cuxhaven, Nienburg an der Weser, Bad Oeynhausen und Rehme. Es gab auch Kontakte nach Magdeburg und Hamburg. Die ersten Flugblätter Blumbergs erschienen bereits 1933. Zwischen April 1934 und August 1936 erhielten mehrere hundert Personen regelmäßig Flugblätter.

 

Rahmenbedingungen

Vor 1933 setzte der Antifaschistische Kampf der Arbeiterparteien ein. Nicht nur die KPD sondern auch linkssozialistische Gruppen und die SPD waren publizistisch und auf der Straße tätig.

Bereits 1924 betätigten sich hauptsächlich Sozialdemokraten im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, dessen Hauptaufgabe die Verteidigung der Weimarer Republik gegen Feinde aus nationalsozialistischen, monarchistischen und kommunistischen Reihen bestand.

Adolf Hitler kam durch die Ernennung von Paul von Hindenburg an die Macht, nicht durch einen Wahlsieg.  Die NSDAP hatte bereits  wieder Stimmen verloren. Die Weltwirtschaftskrise begann wieder abzuflauen. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen linderten die größte Not.

Der Vizekanzler Franz von Papen hoffte durch das Konzept der Einrahmung („Zähmumgskonzept“) Hitlers Macht in der Regierung zu begrenzen. Der Regierung gehörten acht Vertreter aus dem deutschnationalen und konservativen Lager an, sowie Wilhelm Frick und Hermann Göring als Minister ohne Geschäftsbereich. Franz von Papen „Zähmungskonzept“ erwies sich leider als illusorisch, da Hitler am 1. Februar 1933 die Auflösung des Reichstages forderte. Dadurch wurde die Neuwahl des Reichstages notwendig.

Der Wahlkampf der Arbeiterparteien wurde bei den Märzwahlen 1933 massiv behindert. Ein Großteil der Kommunisten war bereits  in den neuen Konzentrationslagern inhaftiert.

Der SPD-Vorstand war sich uneins darüber, wie man sich nun verhalten sollte:

Der Parteivorstand war mehrheitlich  im für eine  Emigration und das Agieren durch einen Exil-Vorstand. Der größte Teil des Parteivermögens wurde nach Prag geschafft. „Eine Minderheit unter Führung Paul Löbes wollte so lange wie möglich im Reich weiterarbeiten“.

Bevor es zu einer Spaltung der SPD kommen konnte, wurde die Partei  im Juni 1933 verboten.

 

These I:

Unterhalb und gegen den Legalitätskurs der Parteiführungen gab es auch in der SPD schon vor 1933 Vorbereitungen auf die Illegalität, einschließlich des bewaffneten Widerstands.

Werner Blumenberg, Albin Karl und Georg Geiger beschlossen bereits im Herbst 1932 die Mitglieder der Pionierketten mit Pistolen auszurüsten.

Im März 1933 gab es z. B. in Leipzig Kampf-Staffeln, die insgesamt aus ca. 2000 bewaffneten Männern bestanden.

Es gab viele Aussagen zur bewaffneten Kampfbereitschaft der Sozialdemokraten, „aber man rief sie nicht.“

 

These II:

„Entgegen mancher Selbstdarstellung und späteren Interpretation waren die Mitglieder der Sozialistischen Front  ausschließlich Sozialdemokraten. Sie war eine reine SPD-Organisation“.

Die Sozialistische Front agierte typisch sozialdemokratisch in Bezug auf ihre illegalen Arbeit. Es gab keine spektakulären Aktionen wie bei der KPD oder auch der ISK. Ihr Ziel war es den Zusammenhalt zu wahren, die Genossen bei der Stange halten und  Organisationsstrukturen für die Zeit „danach“ zu erhalten.

Ihr wichtigstes Mittel waren die Sozialistischen Blätter (April 1934 bis August 1936). Sie dienten innerhalb eines „Lesezirkels“ „als Kommunikationsmedium zur Mobilisierung, Solidarisierung und Organisierung der zur antifaschistischen Arbeit bereiten Teile der Arbeiterschaft“. Unter dem Nazi-Regime wurde diese Tätigkeit schon als Vorbereitung zum Hochverrat gewertet.

 

 These III:

„Die Sozialistische Front war keine linkssozialistische Organisation“.

Linskorientierte Mitglieder hatten die Partei bereits verlassen. Inzwischen distanzierte man sich vom Exilvorstand in Prag, der Sopade.

In den Schriften der Sozialistischen Front mit dem Prager Manifest der Sopade von 1934 zeigt sich der gleiche Radikalismus.

 

These IV:

„Die Sozialistische Front war nicht nur eine der zahlenmäßig größten, sondern auch eine der am längsten illegal arbeitenden Widerstandsorganisationen im Reich“.

Die Sozialistische Front hatte Mitte 1935 etwa 700 Mitglieder, die in die Organisation zumindest als Leser eingebunden waren.

Bis zum Sommer 1936 konnten einzelne Einbrüche der Gestapo in die Organisation abgewehrt werden. Trotzdem kam es zur Verhaftung von Egon Franke im April 1935 und von Fritz Lohmeyer im Februar 1936.

Ihre lange Lebensdauer verdankte die Sozialistische Front den guten Beziehungen Blumenbergs zu einem Gestapobeamten, der ihn vor Aktionen der Gestapo jeweils warnte. Durch ihn erfuhr er auch von seiner geplanten Verhaftung, und konnte noch in der Nacht nach Amsterdam flüchten.

Dem Gestapo Amt Berlin gelang es einen Spitzel einzuschleusen. Dies war ausschlaggebend dafür, dass die Sozialistische Front im Sommer 1936 zerschlagen werden konnte. Unabhängig davon gelang es  Bruno Cickron (Leiter Abt. 6 am 27. Juni 1936) und danach Franz Nause (am 29.6.) durch die Gestapo in Hildesheim zu verhaften. Letzterer war als eigentlicher Organisator der Sozialistischen Front über die ganze Organisation informiert.

 

These V:

Dass für die „Aufrollung“ der Sozialistischen Front nur ein einziger „Verräter“, nämlich „Walter Spengemann“, verantwortlich gewesen sei, ist eine „Legende“.

Vor allem von dem damaligen kommunistischen Funktionär Kurt Müller wurde in der Nachkriegszeit die Legende gegen  Walter Spengemann verbreitet. Sie wurde aber auch von vielen Sozialdemokraten geteilt, besonders von Mitgefangenen, die ihn im Polizeigefängnis auf der Schreibmaschine tippen hörten.

Nachweislich hat Walter Spengemann in der Haft mit der Gestapo zusammengearbeitet. Er wurde wegen seiner ebenfalls verhafteten Mutter erpresst. Sein im Gefängnis geschriebener Bericht ist eher ein allgemeiner Bericht über die Entstehung und Entwicklung der Sozialistischen Front  als eine Aufdeckung der Organisation und der beteiligten Personen.

Präzisere Aussagen kamen von Franz Nause, der als Organisationsleiter genauere Kenntnisse hatte. Dass Nause kein Wort verraten habe, ist ebenfalls eine lang gehegte Legende. Trotz Folter hat Franz Nause 2 1/2 Monate nichts ausgesagt.

Die sechs Hauptbeschuldigten wurden im September 1937 vom Volksgerichtshof verurteilt; Franz Nause und Walter Spengemann erhielten je 10 Jahren Zuchthaus.

 

Schlussüberlegung:

Ist die Sozialistische Front mit ihrem Widerstand gescheitert?

Gemessen an  ihren eigenen Zielen sich zu  bemühen, „ein Vorbild der Überzeugungstreue und Kampfbereitschaft zu geben“, wie Blumenberg dies in dem 1. Flugblatt formulierte ist die Sozialistische Front nicht gescheitert.

Gescheitert ist sie an dem Ziel, Hitler zu stürzen oder auch nur die NS-Herrschaft im Geringsten zu erschüttern.

Nicht gescheitert ist sie darin, dass sie gezeigt hat, dass nicht alle Deutsche Hitler zugejubelt haben, sondern dass es auch ein „anderes Deutschland“ gab.

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„Wider die Vergottung des Volkstums und der Rasse“ – Pastor Holtermanns (Goslar) öffentliche Einwürfe gegen das NS-Regime

(Zusammenfassung des Referates von Dr. Peter Schyga)

GoslarJuli08 002Das vorweggenommene Ergebnis des Referates von Dr. Peter Schyga lautet (Zitat):

a) wir haben es bei den Flugblattaktionen Pastor Adolf Holtermanns mit Akten von widerspenstiger Auflehnung gegen das NS-System zu tun und

b) das Beispiel zeigt, was für eine relativ intakte Organisation wie die Kirche möglich gewesen wäre, wenn die auf christlichem Glauben basierende Haltung dieses Goslarer Pfarrers Allgemeingut dieser Institution gewesen wäre.

Bisher galt eine christliche Weltanschauung,  die „für ein friedlich auskömmliches menschliches Zusammenleben“ eintrat, die auf den 10 Geboten beruhte. Hier galt: „Du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht falsch Zeugnis reden“. Die NS-Ideologie verkehrte die Wort in: „Du sollst töten, du sollst stehlen, du sollst falsch Zeugnis reden.“

Es entstand die Frage: „Wie gehen die Kirchenglieder auf allen Ebenen mit diesem eklatanten Widerspruch um?“ „Eine pauschale und prinzipielle Antwort“ müsste lauten: „Widerstand ist Christenpflicht.“

„Die Kirche war die einzige gesellschaftliche Massenorganisation“, die von den Nazis nicht verboten wurde. Eine wichtige gesellschaftspolitische  Frage lautet daher: Wie nutzte diese bürgernahe Großorganisation  ihren „ungewöhnlichen Handlungsspielraum aus, wie ging sie mit dieser potenziellen Gegenmachtposition um?“

„Hinter der Vision vieler Junger Pastoren in Weimar eine „Volkskirche“ anzustreben, stand ihre Kritik an den eingefahrenen, abgehobenen, volksfernen Praktiken der kirchlichen Institutionen. Sie wollten eine religiös motivierte Bewegung in Gang setzen, Engagement der Gläubigen entwickeln und fördern. Ev.-luth. Jugendarbeit war wesentlicher Bestandteil dieses Bestrebens.“ Die Volkskirchen boten den Jugendlichen viele Freizeitaktionen an. Auch Pastor Adolf Holtermann von der Frankenberger Gemeinde in Goslar betreute Jugendliche. „Seine Aktivitäten mit kirchlichen Jugendgruppen gingen weit über das von Pastoren Erwartete und allgemein Geleistete hinaus.“

Pastor Adolf Holtermann war anfangs „ein glühender Verehrer Adolf Hitlers“, auch wenn er nicht der NSDAP angehörte. Wenige Tage vor dem Treffen der Harzburger Front trat er im September 1931 in SA-Uniform bei einem Feldgottesdienst des HJ-Gautreffens im Kalten Tal in Bad Harzburg auf. Auch bei der Leo-Schlageter-Gedächtnisfeier der HJ in der Ratsschiefergrube Goslar im Sommer 1933 trat er als uniformierter Pastor auf.

Anfangs sah Adolf Holtermann in Hitler noch das „Heil“ Wirklichkeit werden würde. Diese Meinung änderte sich später, so dass er sogar von der Kanzel und per Flugschriften die NS-Ideologie massiv mit klaren Worten angriff.

Er stand bis zu seinem Tod der Frankenberger Gemeinde in Goslar vor. Zu seiner Gemeinde gehörten viele Bergleute. Unter Bergleuten findet man eine besondere Volksfrömmigkeit gepaart mit einem ausgeprägten Gemeinschaftssinn. Der zum Teil lebensbedrohende Arbeitsalltag setzt ein „kollektives verlässliches Handeln aller voraussetzt“.

Die Gemeinde von Pastor Holtermann war etwas Besonderes in der Stadt. „Diese Besonderheit äußerte sich etwa in einer von Holtermann organisierten gemeindlichen Nachbarschaftshilfe“, eine „Selbstorganisation von gegenseitiger Hilfe und Solidarität“ Diese „soziale Lage muss man im Hinterkopf haben, um den Handlungsrahmen, in dem Holtermann agierte, in etwa einschätzen zu können.“

Die Gemeinde wählte war sozialdemokratisch geprägt.“ In der sozialdemokratischen lokalen Parteizeitung schrieb er gelegentlich nachdenkliche Artikel zu Sozialpolitik und Diakonie.“

Möglicherweise kam die Gesinnungsänderung von Adolf Holtermann  im November 1933, als die evangelische Jugend in die HJ (Hitler Jugend) eingegliedert wurde. Dies geschah auf Weisung von Reichsbischof. „Holtermann hatte für seinen lokalen Bereich ein andere Vorstellung von Jugendbewegung; er warb um die HJ’ler, um sie in die kirchlichen Jugendverbände zu integrieren“.  Ein weiterer „Grund für seine Entfernung von den Praktiken des NS-Regimes“ mag der „Angriff auf sein soziales Netzwerk, die Nachbarschaftshilfe, im Zuge der NS-Winterhilfswerksaktionen und des damit einhergehenden Aufbaus der NSV (nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ gewesen sein.

Seine  Distanz vertiefte sich im Laufe des Jahres 1934 durch „die Auseinandersetzungen innerhalb der DEK (Deutschen Evangelischen Kirche) mit den Deutschen Christen (DC) um das Bekenntnis. „In der Barmener Synode vom Mai 1934 wandte sich eine kleine Minderheit in der DEK gegen die massiven Eingriffe des Regimes in die Glaubensfreiheit einerseits und gegen eine Verfälschung des christlichen Glaubens durch häretische oder quasihäretische Eiferer innerhalb der DEK“. Die Umgebung zeigte sich immer mehr christenfeindlich.

Das kirchliche Handeln wurde behindert durch propagandistische Angriffe auf den Glauben. Nicht wenige Kirchenvertreter nahmen in ihre Predigten neuheidnisches Gedankengut des Aberglaubens auf.

Pastor Holtermann näherte ich der „Bekennenden Kirche“ an und abonnierte für seine Gemeinde deren Mitteilungsblatt „Grüne Blätter“ (260 Expl.) Er trat aus der SA aus und verteilte regelmäßig Flugschriften an seine Gemeinde.

„So entstanden im Jahr 1935 insgesamt 27 Briefe  (=54 eng beschriebene hektographierte Blätter), bis die Staatsmacht einschritt, ihm seine Hektografiemaschine wegnahm und ihn vor Gericht stellte.“ In seinem ersten Brief berichtet er „unter der Rubrik ‚Kleine Nachrichten‘ über Verhaftungen u. Drangsalierung von Pastoren.“ Am Ende schreibt er: „Vielmehr wollen wir unbeirrt das hohe Ziel vor Augen behalten, das der Führer uns gezeigt hat: ein neues Deutschland auf christlicher Grundlage. Darum ‚haltet nur den Herrn Christus in Euren Herzen heilig und sei allezeit bereit, Euch gegen jedermann zu verantworten der von Euch Rechenschaft über die Hoffnung fordert, die in Euch lebt.“

In einem anderen Brief erklärt er deutlich: „Völkischer Geist wird mit Heiligem Geist verwechselt, und hier liegt die Quelle für alle Irrtümer und Irrlehren, die heute unser Volk verwirren und von der Wahrheit weg führen. Von hier aus erklärt sich z.B. die Gleichsetzung von Christentum und Nationalsozialismus oder die Behauptung, dass die Lebensgesetze des Staates auch die Lebensgesetze der Kirche seien.“

Er schreibt auch davon, dass es „echtes Heidentum sei, wenn Heidentum eben darin besteht, dass das Menschliche vergottet und Gott vermenschlicht wird.“ Des Weiteren spricht er sich gegen eine Nationalreligion aus, die das Wesen des Volkes wiederspiegelt. In dieser Religion würde “das Volk selbst gegenständlich“.

Christen dagegen wüssten, dass es sich „bei jeder echten Religion um das Verhältnis des Menschen zu Gott“ handele.

Der letzte dieser Briefe erschien am 28. Dezember 1935. „Druck und Vertrieb wurden verboten, der Greif-Vervielfältigungsapparat beschlagnahmt und ein Strafverfahren eingeleitet.“ Er wurde angeklagt, weil er verbotenerweise Flugblätter konfessionellen Inhaltes verteilt und Zeitschriften außerhalb der üblichen Zustellungsarten an die Bezieher verbreitet habe. Das Verfahren wurde letztlich eingestellt. „Vertreten vom Goslarer Rechtsanwalt Tappen und gestützt vom Landeskirchenamt wurde geltend gemacht, dass er keine Flugblätter veröffentlicht hätte, sondern an einen ausgewählten festen Stamm von Beziehern gemeindliche Mittelungen verfasst hätte, was nicht strafbar wäre.“ Der Reichskirchenausschuss wandte sich  im Januar und März 1936 an Minister Kerrl und bat darum die Versendung von religiösen Wochenbriefen generell zuzulassen. „Kerrl betonte in seiner Antwort, dass auch solche Schriften der Genehmigung durch die Reichspressekammer bedürften. Gleichzeitig soll er dafür gesorgt haben, dass die anhängigen Verfahren niedergeschlagen wurden.“ Das Verfahren wurde mit der Begründung eingestellt, dass die Schuld des Angeklagten gering sei und „die Folgen der Tat unbedeutend“ seien. Auch ein weiteres Verfahren aufgrund der Auslegung von Flugblättern in Bibelstunden wurde eingestellt.

„Holtermann selbst litt wohl sehr unter seiner Verfolgungs- und zunehmenden Ohnmachtsituation.“ Mehrmals ließ er im Laufe der Jahre 1936/37 in die Göttinger Psychiatrie einweisen. Es nicht bekannt, ob dies freiwillig geschah.

Anscheinend blieb die Tätigkeit von Pastor Holtermann nicht ganz ohne Wirkung.  Nach seinem Tod machte die Stadtverwaltung bei der Suche nach einem Nachfolger deutlich, „so einen wie Holtermann würde man in der Stadt nicht noch einmal dulden.“ Auch sein Tod ist rätselhaft. Offiziell verunglückte er „beim Skilaufen im Januar 1938, blieb verletzt fast drei Tage verschollen, bis er aufgefunden wurde. Er war dann aber so sehr geschwächt war, dass er am 7. Februar 1938 im Krankenhaus verstarb.“

Pastor Adolf Holtermann hat weder eine „antifaschistische Zelle geleitet, noch einen Regimewiderstand angeführt“, aber er hat „erheblich dazu beigetragen, dass sich in Teilen des städtischen Gemeinwesen eine Art Gegenöffentlichkeit bilden konnte“, sodass es eine zeitlang in der Stadt einen Raum gab, in dem ein Klima der partiellen Widersprüchlichkeit zum Regime herrschte, in dem Widerworte möglich waren.“

 

(c) Ingeborg Lüdtke

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