Noah Klieger – Gesprächssplitter

Noah Klieger 11.4.2014 Mittelbau DoraDie Sendung wurde am  26. April 2014 um 10h und 21 h im StadtRadio Göttingen ausgestrahlt.

Noah Klieger hielt stellvertretend für die jüdischen Häftlinge am 11.April.14 eine bewegende Ansprache in der rekonstruierten Baracke der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora. Anlässlich des 69. Jahrestages der Befreiung des KZ Mittelbau-Dora war er zum wiederholten Mal zurückgekommen. Zurückgekommen an den Ort, wo er Unmenschliches sehen und erleiden musste.

Noah Klieger ist kein gebrochener Mann. Er spricht voller Überzeugung. Seine Stimme ist immer noch sehr kraftvoll. Obwohl das Mikrophon vier Mal ausfällt, kann man ihn  hinten in den letzten Reihen der Baracke auch ohne Mikrophon verstehen. Noah Klieger erzählt klar, verständlich und flüssig. Seine Worte sind gut gewählt, hin und wieder blitzt sein Humor hervor.

Trotz seiner 88 Jahre ist er immer noch als Journalist tätig. Obwohl er körperlich inzwischen etwas gebrechlich wirkt, ist sein Verstand hell wach. Das Denken hat Noah Klieger sich nie verbieten lassen.

So lange er lebt, wird er seine Meinung äußern, solange er Worte dafür findet.

Allerdings gibt er zu, dass es keine Worte dafür gibt für das, „was er an Grausamkeiten erlebt hat. Manches könne man nicht mit menschlicher Sprache schildern.“

Selbst wenn man Worte finden würde, würde man sie auch begreifen?

Noah Klieger erklärt: „Erzählen kann man, aber nicht begreifen kann es niemand. Es gibt keinen Menschen, der sich in die Lage versetzen kann. Es gibt keinen Menschen, der so was begreifen kann.“

Noah Klieger erzählt bei Zeitzeugengesprächen vor unterschiedlichen Zuhörergruppen oft über die Umstände, wie er ins KZ kam. Er hat sich mit 15 Jahren einer jüdischen Widerstandgruppe in Frankreich angeschlossen:

Noah Klieger wird 1942 von der Gestapo verhaftet. Er kommt zuerst in das belgische  SS-Sammellager Mechelen und wird später nach Auschwitz gebracht. Als die „Rote Armee“ naht, wird er auf einen der Todesmärsche geschickt und kommt bereits unter den grausamsten Bedingungen in Dora an.

Waggon Mittelbau-DoraZehn Tage dauert die Bahnfahrt von Gleiwitz bis zum KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen. In einem Waggon sind ca. 150 Häftlinge untergebracht.  „Wir konnten noch nicht mal stehen, … die Schwächeren  … sind einfach umgekippt und wir standen auf ihnen“, sagt Noah Klieger. Wenn der Zug stoppte, mussten sie die „Leichen in andere Waggons schleppen“. Die Waggons wurden wieder gefüllt.  „Es gab viel mehr Tote als Lebende und die lagen also in Schichten in den Waggons und wir saßen auf ihnen“.

Noah Klieger wird bei seiner Ankunft im KZ Mittelbau-Dora bei Nordhausen  im Kinosaal untergebracht. Bei der Registrierung gibt er sich als französischer politischer Gefangener aus. Gleich am nächsten Tag werden Feinmechaniker gesucht. Er meldet sich, obwohl er keine Ahnung davon hat. Er muss eine Prüfung anlegen. Besteht er sie nicht, wird er gehängt.

Noah Klieger hat Glück. Er entgeht dem Tod durch Erhängen. Ein französischer Häftling verschafft ihm zweimal die Lösungen für die Prüfung. Er besteht die Prüfung  als Bester und er wird Vorarbeiter.

Noah Klieger ist sich die ganze Zeit bewusst, das sein Leben an einem seidenen Faden hängt.

Er verrät niemandem, dass er Jude ist und entgeht so dem sichern Tod.

Einige Tagen später müssen die jüdischen Häftlinge gesondert antreten und ca. 1500 Juden wurden abtransportiert. Später  erfährt Noah Klieger, dass sie per LKW nach Ellrich gebracht und getötet werden. Die Leichen werden im Krematorium im KZ-Mittelbau-Dora verbrannt.

Noah Klieger berichtet über die Arbeitsbedingungen und die Verpflegung im Stollen des KZ Mittelbau-Dora:

Stollen heute„Die Zustände im Stollen waren etwas besser als, das heißt der Häftlinge in dem Stollen, waren besser als im übrigen Lager. Wir hatten einen sogenannten Stollenzuschuss. Wir bekamen ein Brot am Tag und konnten auch mittendrin in der Arbeit. Wir arbeiteten zwar 2x  Mal 12 Stunden. Konnten uns aber ab uns zu mittendrin ausruhen“.  Die Häftlinge versuchen so wenig wie möglich zu arbeiten.

Noah Klieger arbeitet zwei Monate im Stollen und wird dann am 4. April 1945 wieder auf einen Todesmarsch geschickt. Er marschiert 10 Tage durch den Harz und kommt zum KZ Ravensbrück bei Fürstenberg an Hier wird er am 29. April von der „Roten Armee“ befreit.

Noah Klieger hat in den KZ Auschwitz, Mittelbau-Dora und Ravensbrück viele Grausamkeiten gesehen und erlebt. Auf die Frage „Wie man damit fertig wird?“, antwortet er: „Man wird überhaupt nicht damit fertig“. Er sei nach 2 Jahren im KZ Auschwitz zwar etwa gestählt gewesen,  „aber man kann sich an solche Zustände ja gar nicht gewöhnen“. Wenn er heute über seine Erlebnisse berichtet, kommt es ihm manchmal so vor, „ als ob ich die Geschichte von jemand, von anderen Leuten erzähle, als es nicht meine eigene wäre“. Ihm ist heute noch unvorstellbar, wie es passieren konnte, dass sich „Menschen so erniedrigen, um andere Menschen so zu quälen? …“.

Trotz allem hat Noah Klieger keine Hassgefühle. Er gibt den heutigen Deutschen auch keine Schuld daran. Er kann nur nicht verstehen, dass ihm vor 30-49 Jahren „Deutsche …  erzählen wollten, sie hätten davon nichts gewusst“, da es doch fast in jeder Stadt und jedem Dorf Lager gegeben hätte.

Museumsgebäude Mittelbau-DoraADie Dauerausstellung der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora beschäftigt sich auch mit den Deutschen, die in der Umgebung der Lager gewohnt haben und den Häftlingen nicht halfen.

Dr. Jens-Christian Wagner, der Leiter der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen  zeigt auf, welche Fragen in der Ausstellung gestellt werden:

„Was war die Motivationsstruktur erstens Häftlingen feindselig gegenüber zu treten, zweitens das NS-System tatsächlich bis zum letzten Tag weitgehend zu stützen? Das sind Fragen, die meines Erachtens einen starken Aktualitätsbezug haben, denn es geht ja zum Teil um mentale und auch politische gesellschaftliche Strukturen von heute. Diese können zwar nicht direkt mit dem Nationalsozialismus verglichen werden, aber es gibt gewisse Ähnlichkeiten. Nehmen wir nur den Rassismus, der natürlich ein wesentlicher Beweggrund gewesen ist Häftlingen gegenüber feindselig aufzutreten. Einen latenten, häufig auch einen aggressiven Rassismus erleben wir auch heute noch. Das sind meines Erachtens Fragen, die sehr viel stärker geeignet sind einen Aktualitätsbezug zu heute herzustellen, als sich in KZ-Gedenkstätten mit dem Völkermord in Ruanda auseinander zu setzten. Wir geraten da sehr schnell in die Gefahr ein singuläres Verbrechen zu relativieren.“

Langfristig werden sich die KZ Gedenkstätten mit der Frage beschäftigen müssen, wie man Gedenkarbeit ohne Zeitzeugen gestaltet.

Politikerreden und Kranzniederlegungen machen wenig Sinn, wenn auch die Besucher den Gedenkveranstaltungen fern bleiben. Viele der heutigen Besucher kommen, um diejenigen zu treffen, die wirklich die Grausamkeiten in den KZ´s erlebt haben.

Schon heute verweigern sich einige Schüler aus den umliegenden Orten zu Gedenkveranstaltungen zu kommen, obwohl die Zeitzeugen auch zu persönlichen Gesprächen zur Verfügung stehen.

Wie kann man den künftigen Generationen die weitgreifenden grausamen Auswirkungen des Nationalsozialismus näherbringen, ohne die Geschichte abstrakt werden zu lassen?

Eine einheitliche Methode gibt es nicht. Jeder Mensch wird anders innerlich berührt. Es müssen verschiedene neue Formen der Erinnerung gesucht oder bewährte Formen ausgeweitet werden.

Noch leben viele Zeitzeugen. Nutzen wir die kostbare Zeit, sie zu befragen.

Und deshalb: Danke Noah Klieger! Danke für das Gespräch!

 

© Ingeborg Lüdtke (Text der Sendung leicht aus rechtlichen Gründen leicht  gekürzt)

Bilder: Mit freundlicher Genehmigung der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora

Interviewsplitter: Sie entstammen aus 2 Interviews (von mir + der KZ Gedenkstätte Mittelbau-Dora), die an einem Tag geführt wurden. Die Auszüge aus dem Interview über die KZ Gedenkstätte Mittelbau wurden mit freundlicher Genehmigung der KZ Gedenkstätte zur Verfügung gestellt.

 

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