Duderstadt: 6. Konferenz „Gedenken und Erinnern in Südniedersachsen“

Am 17. Mai 2017 fand in der Kreisvolkshochschule  in Duderstadt die 6. Konferenz „Gedenken und Erinnern in Südniedersachsen“ statt. Das diesjährige Konferenzthema lautete „Denkmälererzählen Geschichte(n)“.

Organisiert wurde die Veranstaltung in Kooperation mit der KZ Gedenkstätte Moringen.

Im Vormittagsprogramm ging es um die Frage, wie die nationalsozialistische Zeit in Duderstadt nach 1945 aufgearbeitet wurde und welche Geschichte hinter den heutigen Denkmälern steht. Götz Hütt von der Geschichtswerkstatt Duderstadt informierte die Teilnehmer während des Rundgangs  „Geschichte und Nachgeschichte des Nationalsozialismus – abgebildet in Denkmälern Duderstadts“ ausführlich über deren Entstehung und den Auseinandersetzungen bei ihrer Errichtung.

 

Die Synagogen-Denkmäler

Der Rundgang begann bei dem Denkmal zur Erinnerung an die jüdische Synagoge und endete in der Obertorstraße 59 bei den Stolpersteinen für die Familien Israel und Rosenbusch.

 

Denkmal Synagoge Duderstadt am WallAm 10. November 1938 wurde die jüdische Synagoge in Brand gesteckt. Heute erinnern am Wall nur noch das Denkmal und eine Informationstafel an die Existenz der Synagoge.  Die Tafel enthält Fotos der ehemaligen Synagoge, sowie Informationen zu deren Geschichte, und der Entwicklung der Gedenkformen ab 1952.

Schon vor dem Bau der Synagoge (eingeweiht 1898) gab es gegen den Standort erheblichen Widerstand in der Stadt. Die Bezirksregierung Hildesheim sprach „ein Machtwort“ und erlaubte den Bau auf dem ausgesuchten Baugrundstück. In der Synagoge befanden sich ebenfalls der Klassenraum der kleinen jüdischen Schule und eine Dienstwohnung für den jüdischen Lehrer.

Auch gegen den Standort des heutigen Denkmales gab es Einwände. Ursprünglich beantragten zwei Sozialdemokraten des Ortsrates Duderstadt die Errichtung eines Denkmales vor den ehemaligen Haupteingang in der Christian-Blank-Straße. Der Antrag fand auch die allgemeine Zustimmung und die Ursulinen als Grundstückseigentümerinnen waren damit einverstanden. Letztere zogen ihre Zustimmung wieder zurück, weil ein Ratsherr ihnen geraten haben soll, die Einwilligung zu verweigern. Als Grund habe er angegeben, dass das Grundstück durch das Denkmal eine Wertminderung erleiden würde. Das Denkmal wurde daraufhin 1980 auf dem Wall vor dem Grundstück aufgerichtet. Die Informationstafel wurde erst um das Jahr 2000 aufgestellt.

Inzwischen gibt es ein zweites Synagogen-Denkmal in der Christian-Blank-Straße. Im Januar 2007 bat die Geschichtswerkstatt Duderstadt  die Ursulinen um die Erlaubnis vor dem ehemaligen Eingang der Synagoge Stolpersteine für die Familie Cohn zu errichten. Denkmal jüdische Synagoge DuderstadtDie Familie Cohn lebte zum Zeitpunkt des Pogroms in der Lehrerwohnung. Die Ursulinen sprachen sich gegen Stolpersteine mit der Begründung aus, dass man Namen nicht mit Füßen treten dürfe.

Das Anliegen für eine Erinnerungstafel in der Christian-Blank-Straße wurde diesmal nicht abgelehnt. Es gab lediglich noch unterschiedliche Meinungen über den Text der Tafel. Statt des Vermerks, die Synagoge sei „abgebrannt“, liest man nun, dass die Synagoge durch „Brandstiftung“ zerstört wurde. Auch der Hinweis auf die Familie Cohn wurde aufgenommen.

 

 

Das Ehrenmahl des Gymnasiums

Die Denkanlage vor dem Duderstädter Gymnasium entstand in drei Abschnitten.

 OLYMPUS DIGITAL CAMERAZuerst wurde ein Denkmal zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg gefallenen Lehrer und Schüler des Duderstädter Gymnasiums aufgestellt. Es wurde am 2. September 1923 eingeweiht und der Schule übergeben. Dieses Datum fiel auf den im Kaiserreich gefeierten Sedantag. Er wurde zur Erinnerung an den Sieg in der Schlacht von Sedan über Frankreich im Jahr 1870 begangen.Friedensglobus Duderstadt

 Das Denkmal wurde 1958 durch Bronzetafeln erweitert, auf denen die Namen der Kriegstoten des Gymnasiums im 2. Weltkrieg verzeichnet sind.

Mit Unterstützung des Landkreises Göttingen als Grundstückeigentümerin wurde von der Geschichtswerkstatt Duderstadt  2012 ein Friedensglobus aufgestellt. Die Friedenstauben halten Schilder im Schnabel auf denen das Wort „Frieden“ in verschiedenen Sprachen geschrieben steht (z. B. in Ungarisch, Italienisch und Englisch).

 

Kurze Straße 24 (Ohne Denkmal)

Der Historiker Günther Siedbürger berichtete über das sogenannte „Polenlager“, das bis zum Kriegsende bestand.

ehemaliges Polenlager DuderstadtIm  September 1941 wurde eines der ersten Duderstädter „Gemeinschaftslager“ für polnische Zivilarbeiter vom Horst-Wessel-Ring 62 (heute: Ebertring) in die Kurze Straße 24 verlegt. Die Zivilarbeiter waren in unterschiedlichen Betrieben beschäftigt.

Der Hausbesitzer Alfons Jung vermietet die Parterreräume „zum Zwecke eines Polenlagers“ an die Ortsbauernschaft Duderstadt. Die Kosten für die Einrichtung des Lagers wurden an die einzelnen „Arbeitgeber“ der Zwangsarbeiter weitergereicht. Im Mietvertrag wird die Stadt Duderstadt als Träger erwähnt. Der Mietvertrag wurde für die Dauer des Krieges abgeschlossen. Die monatliche Miete betrug 30 RM.

Die offizielle Bezeichnung lautete ab dem März 1943 „Gemeinschaftslager VI Duderstadt/ Eichsfeld“.

Die hygienischen Verhältnisse in diesem Lager waren sehr schlecht. Die Zwangsarbeiter verrichteten ihre Notdurft in einen Eimer und entleerten ihn in den Gully. Da sich die Anwohner durch die Verunreinigungen der Straße belästigt fühlten,  wurde im Oktober 1941 nachträglich eine „Spülabortanlage“ eingebaut. Nach sechs Monaten war die Spülung wieder kaputt. Die Zwangsarbeiter mussten nun völlig ohne Toilette auskommen. Sie benutzten wieder die Straße oder andere öffentliche Orte. Im September 1942 wurden die hygienischen Zustände im Lager durch die DAF (Deutsche Arbeitsfront) überprüft. Eine neue Spülanlage wurde installiert. Das Lager wurde desinfiziert und das Stroh in den Schlafsäcken ausgetauscht. Eine weitere Desinfizierung wurde im Mai/Juni 1943 wegen einer Flohplage notwendig.

In der Regel waren ca. 30 Personen im Lager untergebracht. Einigen polnischen Arbeitern war es möglich auf den Höfen ihrer Arbeitgeber zu übernachten, deshalb lebten Im Mai 1942 nur noch 23 Polen im Lager.

Die Fenster des Hauses waren vergittert. Ein deutscher Lageraufseher und sein Stellvertreter,  ein Arbeiter der Stadt Duderstadt, bewachten das Lager. Angeblich vertrieben sich die eingesperrten Insassen „bis spät in die Nacht hinein“ die Zeit mit Kartenspielen. Auf Betreiben der DAF wurde der Lichtschalter für die Räumlichkeiten nach außen verlegt, so konnte der Lagerführer den Zwangsarbeitenden nachts von außen das Licht abdrehen.

 

Sammelgrab von 37 Opfern der NS-Zeit in Duderstadt

Sammelgrab NS-Opfer DuderstadtAuf dem St. Paulus-Friedhof befanden sich ursprünglich 67 Gräber von ausländischen Opfern der NS-Gewaltherrschaft. Darunter befanden sich 33 Gräber von Kindern.

Die 67 Gräber wurden eingeebnet. Heute erinnert ein symbolisches Sammelgrab an 37 Opfer der NS-Zeit in Duderstadt.

Die Geschichtswerkstatt Duderstadt möchte auf dem St. Paulus-Friedhof ein Denkmal aus 67 Grauwacke-Steinen errichten lassen. Der Standort wurde bereits zugewiesen.

 

Ehrenmal ObertorDenkmal Opfer DUD

Das Ehrenmal Obertor (mit dem Kriegsorden Eisernes Kreuz) gedenkt der gefallenen Opfer der Gewalt aus dem 1. Und 2. Weltkrieg. Eine Differenzierung der Opfer durch Täter und der Opfer, die zu Tätern wurden, wird nicht vorgenommen.

 

 

 

 

Die GeknechteteDie Geknechtete

Der Duderstädter Steinmetz und Bildhauer Bernd Frerix bot 1984 der Stadt Duderstadt die Skulptur „Die Geknechtete“ als Leihgabe an. Sie soll an die ungarischen Jüdinnen im KZ-Außenlager Duderstadt (Außenlager des KZ Buchenwald) erinnern. Laut Götz Hütt habe die Stadt die Skulptur ohne Einweihungsfeier aufstellen lassen wollen. Da es Protest gegeben habe, sei das Datum der Einweihung auf den 20. Juli (1944: Tag des Attentats auf Hitler) gelegt worden. Allerdings sei die Skulpltur als „Mahnmal zum OLYMPUS DIGITAL CAMERANationalsozialismus“ umbenannt worden. Der Künstler Bernd Frerix hatte bei der Gestaltung eigentlich nur die 755 nach Duderstadt verschleppten ungarischen Jüdinnen des KZ-Außenlager Duderstadt im Sinn.

Der Standort der Skulptur wurde an einen anderen nahen Ort versetzt. Die Bedeutung der „Geknechteten“ wird nun durch eine erklärende Gedenktafel hervorgehoben.

 

 

 

Stolpersteine Obertorstr. 59OLYMPUS DIGITAL CAMERA

 

An der Stelle des abgerissenen Duderstädter Judenhaus  verlegte der Künstler Gunter Demnig Stolpersteine für die jüdischen Familien Israel und Rosenbusch.

 

 

Nachmittagsprogramm der Konferenz

Nachmittags referierte Julia Braun (KZ-Gedenkstätte Moringen) über Denkmäler und Denkmalskultur nach 1945. Es folgte die Möglichkeit zur Diskussion.

Lisa Grow und Günther Siedbürger von der Geschichtswerkstatt Duderstadt berichteten über ihre Erfahrungen mit der Wanderausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeiter – Südniedersachsen 1939-1945“. Anschließend diskutierten die Teilnehmer über die Zukunftsperspektive der Ausstellung.

Die Konferenz „Topographie der Erinnerung  – Gedenken und Erinnern  in Südniedersachsen“ wird im nächsten Jahr fortgesetzt. Die alljährliche Erinnerungskonferenz findet immer in Kooperation mit einem lokalen Partner an unterschiedlichen Orten in Südniedersachsen statt.

Das Motto und der Ort der Veranstaltungsreihe für 2015 stehen noch nicht fest.

(c) Ingeborg Lüdtke

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