Buchmesse 2016 – Impressionen

Heute ist der zweite Tag der Frankfurter Buchmesse. Ich komme gut per Bahn in Frankfurt an.

Auf dem Weg vom Bahnhof zur U-Bahn höre ich Geigenmusik. Der Künstler hat einen auffallend langen weißen Bart. Er spielt klassische Musik. Leider bin um diese Uhrzeit dafür noch nicht empfänglich.

Niemand drängelt in der U-Bahn. Niemand stiehlt mir meine Brieftasche samt Gutschein für die Eintrittskarte und hebt dann in kürzester Zeit 900,- € von meinem Konto ab. Inzwischen kennt man den Namen des international tätigen Diebes. Da sein Wohnsitz nicht bekannt ist, wurde das Verfahren nach über einem Jahr eingestellt.

Softwaremodule für Verträge und Honorare

Mein erster Weg führt mich zur Triagon Software GmbH. Da wir eine Werbe-E-Mail erhalten haben, schaue ich mir die Module für Verträge und das Honorar an. Die Module bieten viele Vorteile, die ich bei der Anwendung unserer Firmensoftware vermisse. Obwohl der Projektbetreuer am Stand von Anfang an weiß, dass ich nicht entscheidungsbefugt bin, lerne ich viel über das Programm und ganz nebenbei werden mir auch Fragen beantwortet, die ich mir schon immer zum Thema Verlagssoftware gestellt habe. Es ist ein sehr nettes und ehrliches Gespräch.

Was ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß, ist dass ich während des Gespräches eine E-Mail von einem mir bekannten Rechtsanwalt und Verleger erhalte, der mir vorschlägt, uns gemeinsam das Programm anzusehen. Leider lese ich diese E-Mail erst am Abend.

Der Bergsteiger Reinhold Messner läuft am Stand vorbei. Seit über 35 Jahren sehe ich ihn auf der Buchmesse. Es gibt nur wenige Frankfurter Buchmessen, auf denen er mir nicht über den Weg gelaufen ist.

Das VG Wort Urteil

Die VG Wort bietet auf der Agora (Platz vor Halle) in der Open Stage eine Veranstaltung zum Thema „Das VG Wort Urteil – Aktuelle Entwicklungen und Konsequenzen für Verlage“ an.

Open StageIch verlasse die Halle 4. Es nieselt und es ist draußen ungemütlich. Glücklicherweise habe ich meinen Schlauchschal nicht an der Garderobe abgegeben. Unter „Open Stage“ hatte ich mir allerdings nicht vorgestellt, dass der Veranstaltungsort zur Hälfte offen ist. Während ich nach einem nicht so zugigen Platz suche, fällt mein Blick auch eine weiße Kiste mit roten Decken. Eine davon hänge ich mir um. Vor mir steht eine Stehheizung. So ist es wenigsten von vorne warm.

Prof. Dr. Christian Sprang von Börsenverein, Dr. Robert Staats  von der VG Wort und Wolfgang Schimmel von der Gewerkschaft Verdi stellen ihre Standpunkte vor.

Die VG Wort wurde 1958 mit dem Ziel gegründet, dass Verleger und Autoren an den Erlösen beteiligt werden. Bis 2002 habe es auch in der Anwendung nie Diskussionen darüber gegeben. Durch das neue Urhebergesetz sei es dann erstmals zur Forderung gekommen, dass nur Autoren an den Erlösen zu beteiligen wären. Das Urheberrecht sei korrigiert worden, um deutlicher zu machen, dass Autoren und Verlage Nutznießer sein sollten. Der Autor Martin Vogel habe geklagt und die Richter hätten diesmal anders entschieden (21.4.2016) und die Verteilungsprämie als ungültig erklärt. Nur wer die Rechte einbringen würde, könne auch beteiligt werden. Allerdings habe man nicht über die abgeleiteten Rechte gesprochen. Das EuGH hätte allerdings nicht gesagt, dass die Verlage überhaupt nicht an den Erlösen beteiligt werden dürften. Die eigentliche Frage müsse sein: Wie hoch ist die Verteilung an die Autoren und Verleger?

Zurzeit bekämen weder die Autoren noch die Verlage einen Anteil. Die Rückzahlungsforderungen der VG-Wort hätten begonnen. Dadurch kämen einige Verlage an den Rand ihrer Existenz. Man versuche auf dem schnellsten Weg eine Korrektur des Urteiles zu erwirken. Man  habe dem Justizministerium Vorschläge für eine Übergangslösung unterbreitet. Eventuell käme eine nationale Urheberrechtsregelung in Frage.

Die Gewerkschaft Verdi wolle nicht aus Prinzip eine Verlegerbeteiligung, akzeptiere aber das Gründungsprinzip der VG Wort: Autoren und Verleger einigen sich auf einen bestimmten Bonus. Der Kompromiss müsse innerhalb der VG Wort getroffen werden und nicht vom EuGH. Dies könne Probleme bringen.

Der Dt. Börsenverein des Buchhandels und Verdi verstehen sich als Interessensvertreter, die gemeinsam nach außen auftreten wollen. Dies schaffe eine andere Position, als wenn jeder nur die eigenen Interessen vertreten würde. Man wolle gemeinsam mit der Politik versuchen den Urstand der Verteilungen wieder herzustellen.

Fragen zu Navision 2015

Bei KNK treffe ich mich mit zwei für unsere Firma zuständigen Mitarbeiter. Ich lasse mir die Standardanwendung des Honorar- und Lizenzabrechnungsmodules zeigen. Ich bin gespannt, ob ich diese Tipps umsetzen kann oder ob mir noch einige Dinge eingerichtet werden müssen. Tatsache ist, dass unsere IT-Abteilung auch individuelle  Programmierungen vorgenommen hat.

Fragestunde zu Bildrechten

Da ich noch etwas Zeit vor dem nächsten Termin habe, begebe ich mich wieder in Halle 4.1. Es ist sehr voll an einigen Ständen und ich versuche auf Umwegen die bisher noch nicht angesehenen Gänge zu erreichen. Plötzlich höre eine Stimme, die meinen Namen nennt. Es ist Beate Brüggemann-Hasler vom ZB MED – Leibniz-Informationszentrum Lebenswissenschaften in Köln. Eigentlich hoffte ich, sie auf der Urheberrechtstagung in drei Wochen zu treffen. Ich freue mich sie heute schon zu sehen.

Vor dem Raum „Consens“ in Halle 4.C treffe ich Ilona Raiser von der Dt. Bibelgesellschaft und umarme sie spontan. Letztes Jahr habe ich ihr den Tipp mit der Bildrechtfragestunde gegeben. Auch auf die Verlegerin Reinhilde Ruprecht treffe ich hier wieder. Wir werden uns insgesamt dreimal treffen. Auch Ilona Raiser treffe ich zu meiner Freude später noch einmal.

Der  Raum „Consens“ ist noch belegt. Anke Simon vom Börsenverein kommt kurz vor die Tür und bittet noch um etwas Geduld. Auch sollen wir dem Referenten sagen, dass er schon eintreten solle. Außer mir scheint ihn aber keiner zu kennen. Wenig später trifft der Referent und  Rechtsanwalt Dr. Adil-Dominik Al-Jubouri ein. Ich richte ihm aus, dass er eintreten darf.

Während der Fragestunde hat Dr. Al-Jubouri heute viele Fragen zu beantworten. Einige lauten:

Wo muss man die Quellenangabe bei einem kleinen Teaser anbringen?

Muss auf einer Verpackung auch die Bildquelle genannt werden?

Muss im Copyright das Erscheinungsjahr angeben werden?

Sollte man eine Art Beschwichtigungsformel in der Bildquellenangabe aufnehmen, die besagt, dass man den Urheber nach gründlicher Recherche nicht auffinden konnte und ihn auffordern sich zu melden?

Soll man ein Bildzitat immer nur in schwarz-weiß verwenden?

Sind Google-Earth-Bilder Bildzitate?

Kann ich ein Bild ungefragt 1:1 täuschend abmalen?

Wie ist die rechtliche Situation bei markenrechtlich geschützten Symbolen auf dem Cover (Bild und Text) wir z.B. die Olympischen Ringe?

Müssen die Autokennzeichen verpixelt werden?

Ist ein Sprayer-Kunstwerk urheberrechtlich geschützt?

Muss ich das Haus-und Eigentumsrecht beachten, wenn  ich ein Foto von einer Skulptur verwenden will, deren Lizenz abgelaufen ist?

Im Vorbeigehen aufgespießt

Da ich nun etwas Zeit bis zum nächsten Termin habe, schaue ich mich in den Hallen 3 und 4 um.

Der Autor und ehemalige niederländische Fernsehmoderator Adriaan van Dis  stellt auf einer Bühne sein Buch „Das verborgene Leben meiner Mutter“ vor. Er sagt gerade: „Schreiben Sie sich eine neue Mutter.“

Auf der Bühne der Kulturstation LITCAM geht es um das Thema Motor/Reise- und Mobilitätsjournalismus. Herbert von Halem interviewt Per Schnell, Prof. Dr. Hektor Haarkötter und Michael Müller. Es gäbe kaum noch einen Fleck auf der Erde, der noch nicht touristisch erschlossen sei. Dazu beigetragen hätten die Reisejournalisten. Dies wird aber etwas wehmütig ausgesprochen. Voraussetzungen für einen erfolgreichen Reisejournalismus seien:

Man müsse die Sprache des Landes beherrschen.

Man sollte möglichst unabhängig von außen sein, wie zum Beispiel von Reiseagenturen.

Man solle den Willen haben, das Land kennen zu lernen.

Man müsse bereit sein, monatelang unterwegs zu sein.

Man müsse schreiben und fotografieren können

Man sollte einen gutverdienenden Lebenspartner haben.

Auch solle die Leidenschaft für die Arbeit vorhanden sein, dann würde man nicht wegschauen, wenn man Negatives sähe.

 

An einem Stand lese ich: „Sie lügen wie gedruckt. Wir drucken ihre Lügen.“

 

Am Stand der Deutsche Bibelgesellschaft spricht der Kirchenpräsident Volker Jung von der Religiosität des Fußballtrainers Jürgen Klopp.

In zwischen schmerzen meine Füße und ich habe Hunger. So setze ich mich vor die Halle 4.2. Hier gibt es einige Lederhocker. Hinter mir sitzt ein junger Korrespondent, der in London lebt. Er spricht keine Sendungen mehr. Er hält zu seinen Kollegen per Internet Kontakt. So kommt es vor, dass er Tage lang kaum mit jemanden spricht. Einsamkeit ist ein Thema für ihn. Vielleicht ist das der Grund, weshalb er so viel für alle hörbar mit der Frau hinter mir spricht.

Wieder zu neuem Leben erwacht, begebe ich mich zurück in Halle 4.1. Am 3-Sat-Stand wird das Autorenehepaar Herfried und Marina Münkler interviewt. Sie haben das Buch „Die neuen Deutschen“ geschrieben. Der österreichische Moderator Ernst A. Grandis fragt sie, was man tun müsse, um Deutscher zu werden. Herfried Münkler antwortet, dass er schon einmal die wichtigste Voraussetzung erfüllen würde, da er Deutsch spräche. Er sagt später noch, dass die Einwanderung auch eine Chance sei zu hinterfragen, was wir sind und was wir wollen.

Es sind noch wenige Minuten bis am Stand des Verlages Vandenhoeck & Ruprecht das jährliche Autorentreffen stattfindet. Ich beschließe noch etwas zu warten und setze mich in die Nähe der Rolltreppe vor Halle 3.1. Ein Kamerateam kommt vorbei, gefolgt von dem deutschen Philosophen, Kulturwissenschaftler und Buchautor Peter Sloterdijk. Peter Sloterdijk geht Hand in Hand mit einer reiferen Blondine hinterher.

Als ich dann beim Vandenhoeck-Stand zum Autorentreffen ankomme, ist es sehr voll. Die Geschäftsführerin Carola Müller spricht gerade von dem Zusammenschluss mit dem Böhlau-Verlag. Anschließend gibt es noch freundliche Worte von den Seniorverlegern Dr. Peter Rauch (Böhlau) und Dr. Dietrich Ruprecht (Vandenhoeck). Dann darf mit Sekt angestoßen werden.

Die chinesische Praktikantin und ich machen uns stattdessen auf den Weg zum Bahnhof. Der Geiger mit dem weißen Bart, der heute morgen Klassik spielte, packt gerade seine Geige ein.

Wir haben noch etwas Zeit. Der Zug fährt früher ein, so brauchen wir nicht in der Kälte zu stehen. Da wir beide müde sind, schlafen wir etwas. Irgendwie höre ich zwar, dass Göttingen die nächste Station ist, aber ich reagiere erst, als wir schon in den Bahnhof einfahren. Da wir beide kein großes Gepäck bei uns haben, stehen wir noch rechtzeitig auf.

 

© Ingeborg Lüdtke

 

 

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