KZ Bergen-Belsen Teil 3

„Nun ja, ich kam nach Bergen-Belsen und es war ein Todeslager. …, wir schliefen auf dem Zementboden. Kopf in die eine Richtung, Füße in die andere, wie Sardinen in der Dose.“ (O-Ton Anna G.)

(Musikakzent)

Im zweiten Teil der Sendung ging es um die Berichte von Überlebenden im Aufenthaltslager.

Heute gibt es Berichte von Überlebenden aus dem Männer- und Frauenlager im KZ Bergen-Belsen. Die Berichte lassen einen winzigen Blick auf die hygienischen Zustände, die Grausamkeiten der SS und den Tagesablauf im Männerlager- und Frauenlager zu.

Auch geht um die Frage: Was wusste die Bevölkerung in der Umgebung von Bergen-Belsen?

Bleiben Sie dran und hören Sie einfach rein:

(Musikakzent)

Bei einem früheren Besuch der KZ Gedenkstätte Bergen-Belsen hatte ich mich zuerst mit der Funktion als Aufenthaltslager beschäftigt.

Das KZ Bergen-Belsen erhielt im Frühjahr 1944 aber neue Aufgaben und Funktionen. Der Leiter der KZ Gedenkstätte, Dr. Jens-Christian Wagner, erklärt mir dazu:

„Der zweite Teil des KZ Bergen-Belsen bestand aus dem sogenannten Männerlager, das eine völlig andere Funktion hatte. Hier waren Häftlinge aller Kategorien untergebracht, bei Weitem nicht nur Juden. Jüdische Häftlinge waren sogar tatsächlich hier deutlich weniger untergebracht als politische Häftlinge. Das Männerlager hatte im Wesentlichen die Funktion, … die letzte Station zu sein, für die Häftlinge, die aus anderen Lagern stammten und dort Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie hatten leisten müssen. … immer dann, wenn sie nicht mehr arbeitsfähig waren, und damit ihren Wert verloren hatten für die SS, aber auch für die von der Zwangsarbeit profitierenden Betriebe, dann wurden sie nach Bergen-Belsen geschickt, als Endstation, eigentlich mit der Bestimmung, hier zu sterben, und genau das passierte auch“. (O-Ton Wagner)

 

Dr. Thomas Rahe, der stellvertretende Gedenkstättenleiter, ergänzt:

„… kranke nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge, oft tuberkulosekrank, völlig geschwächt, werden hier nach Bergen-Belsen abgeschoben, angeblich um sie dann hier soweit wiederherzustellen, dass sie dann wieder zurückgebracht werden können an ihre früheren Arbeitsorte in anderen Lagern. Es passiert hier aber praktisch nichts, es gibt praktisch keine medizinische Versorgung dieser Häftlinge, d. h. wir haben enorme Todesraten in diesem Lagerteil zu verzeichnen, und das geht in den folgenden Monaten bis Frühjahr 1945 so weiter“. (O-Ton Rahe)

Da ich mich bei der Gedenkstätte angemeldet habe, habe ich die Möglichkeit in der Bibliothek zu stöbern. Ich erinnere mich an das Buch „Konzentrationslager Bergen-Belsen“.

Hier finde ich den Bericht des Luxemburger Widerstandskämpfers Pierre Petit. Er kam Ende Juni 1944 ins Männerlager.

Laut seinem Bericht bestand das Lager aus drei großen Baracken, einem Appellplatz und einem kleinen Schuppen. In den Schuppen wurden die Toten gebracht, die später im Krematorium verbrannt wurden. Die Baracken wurden in sechs Blöcke untergeteilt. Je zwei Blöcke hatten einen gemeinsamen Waschraum. Die Blöcke hatten jeweils einen Tages- und Schlafraum. Es gab dreistöckige Betten.

Die Ärzte hatten die Häftlinge nach ihrem Gesundheitszustand auf die Blöcke verteilt: In der ersten Baracke waren z.B. in Block 1+2 die weniger Kranken. Sie verrichten Lagerarbeiten oder Erdarbeiten. In Block 4 waren die chirurgischen Fälle und Häftlinge mit Durchfallerkrankungen. In der dritten Baracke lagen die sterbenden Häftlinge.

Pierre Petit beschreibt detailliert einen Morgenappell an einem kalten, regnerischen und stürmischen Novembertag 1944. Die Häftlinge werden um 5 Uhr aus den Betten gejagt. Das Waschen und Anziehen erfolgt im Eiltempo. Sie werden geschlagen und angeschrien. Sie erhalten ein heißes kaffeeähnliches Gebräu. In dünner geflickter Sommerkleidung stehen sie auf dem Appellplatz in Fünferreihen. Sie warten 1-2 Stunden. Dann erscheint die SS. Der Blockführer meldet die Häftlingszahl. Sind die Füße der Häftlinge in den Fünferreihen nicht schnurgrade ausgerichtet, wird wieder geprügelt. Inzwischen sind die Häftlinge durchgefroren, die Füße steif und klamm. Dann wird wieder lange gewartet. Austreten darf niemand. Der Körper fordert sein Recht. Urin, Fäkalien und Regen vermischten sich unter den Füßen. Manchmal erfolgt der Befehl „Hinlegen“. Dann müssen sie sich in ihrem eigenen Dreck und Kot wälzen. Der Rapportführer erscheint. Die letzte Phase des Appells ist vorbei. Die Häftlinge gehen hungrig in die Baracke. Einige Tote bleiben zurück.

(Musikakzent)

Die SS machte sich auch einen Spaß daraus, kranke Häftlinge besonders zu quälen:

„ … die kranken Häftlinge … werden auch noch schwer misshandelt. Und eine dieser Formen der Misshandlung besteht eben darin, dass man sie Sport auf dem Lagergelände machen lässt. Wir reden da von Häftlingen, die entweder hohes Fieber haben, die mit Tuberkulose infiziert sind, und die müssen … schwere sozusagen körperliche Übungen auf dem Lagergelände durchführen, auch das wieder bei jedem Wetter, was natürlich auch nur mit beiträgt zu dieser enormen Todesrate in diesem Männerlager“. (O-Rahe)

Pierre Petit berichtet, dass die Häftlinge sich für diesen „Frühsport“ bei Wind und Wetter nackt ausziehen müssen. Zuerst werden richtige Turmübungen ausgeführt. Dann folgt der Dauerlauf. Er ist von Fußtritten begleitet. Die Turnübungen werden erweitert um Kriechen und Rollen über den Boden, durch Pfützen und Dreck, Robben auf den Ellenbogen. Das schlimmste ist das Hüpfen in der Kniebeuge mit im Genick verschränkten Armen. Die Häftlinge müssen zum Teil 1 -10 Mal um den Appellplatz hüpfen. Die Häftlinge hüpfen um ihr nacktes Leben. Wer umfällt, wird von der SS zusammengetreten.

(Musikakzent)

Die Häftlinge im Männerlager starben nicht nur durch Krankheit, Hunger und Misshandlungen.

Der Häftlingspfleger Karl Rothe tötete ca. 300 Häftlinge durch giftige Phenolspritzen [1]. Karl Rothe wurde durch Häftlinge ermordet:

„Es war auch ein Kapo-Häftling, der, gedeckt durch seine SS-Vorgesetzten, eine große Zahl von Häftlingen durch Benzol-Spritzen [1] ermordet hat. … Und als der SS-Mann, der ihn offenbar protegierte, mal nicht im Lager war, raffen die Häftlinge sich auf, nehmen ihn sozusagen fest, und bringen ihn um, um sozusagen dieser Mordserie dann ein Ende zu machen, auch das ist mehrfach in den Erinnerungsberichten beschrieben. (O-Ton Rahe)

(Musik)

Durch die Auflösung von frontnahen KZs kamen weitere Transporte nach Bergen-Belsen. Auch Witali Kostanda ist unter ihnen. Er wurde in der Ukraine geboren und kam als Zwangsarbeiter nach Deutschland. Später wurde er ins KZ Sachsenhausen eingeliefert. Er kam Anfang 1945 ins Männerlager Bergen-Belsen:

„Als die Fronten näher kamen, wurden die ganzen Außenkommandos aufgelöst und wir kamen wieder nach Sachsenhausen. Wir waren da ein paar Tage und kamen dann mit einem Transport nach Bergen Belsen [Anm. Anfang 1945]. Das war wirklich ein schlimmes Lager, [das] war wirklich schlimm. Die Häftlinge starben wie die Fliegen, wie man so sagt. Den ganzen Tag fuhr ein Pferdekarren die Leichen hinaus. Morgens wurden wir herausgetrieben, die Lebenden. Die Toten wurden ausgezogen und zwischen den Baracken aneinander gereiht, damit beim Appell die Zahl stimmte.

Und die Baracken, die dort waren, die waren undicht. Und es regnete und die ganzen Fußböden waren schmutzige Pfützen und die Betten waren schmutzig. Und die Baracken waren vollgestopft mit Häftlingen, die auf dem Boden schlafen mussten in diesen Pfützen. Das war für mich schlimm. Ich hab’ in dem Augenblick gedacht, das ist wahrscheinlich die letzte Stunde, die man überleben könnte. Viele Häftlinge, die schwach waren in Bergen Belsen, die fielen dann hin, irgendwo, waren noch am Leben. Und während sie noch lebten, wurden sie schon von anderen Häftlingen ausgezogen, weil sie bessere Kleidung und bessere Schuhe gehabt haben. Ich musste zusehen, wie ein Franzose, der mehrere Stunden in so einem Zustand war, wie ihn andere Häftlinge ausgezogen haben. Das hat mich damals sehr empört und sehr traurig und noch trostloser gemacht.“

Ein Deutscher, ein Zeuge Jehovas, und er schlossen sich heimlich einem Transport an:

„Er sagte zu mir: ‚Wenn wir hier länger bleiben, dann sind auch bald Leichen. Wir müssen hier weg‘. Und da wurde ein Transport von Häftlingen zusammengestellt, die woanders arbeiten sollten. Und der SS-Mann hat die Häftlinge abgetastet, die noch etwas Muskeln hatten und die hatte er extra gestellt. Und da hat er (Anm. der Bibelforscher [2]) gesagt: ‚Weißt Du was, wenn der sich umguckt und andere abtastet, stellen wir uns zu denen hin, die schon ausgesucht worden sind.‘  Das haben wir gemacht. Der hat es nicht gemerkt und so kamen auf [einen] Transport nach Farge bei Bremen.“

(O-Ton Witali Kostanda –[Transkript von der Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung „Cap Arcona – Mythos und Wirklichkeit“ in Grevesmühlen am 03. Mai 2001)

Witali Kostanda erlebte noch Schlimmeres. Er überlebte den britischen Luftangriff auf das Schiff „Cap Arcona“ in der Lübecker Bucht.

(Musikakzent)

Bei meiner Suche nach Originalaussagen von Zeitzeugen stieß ich auf das Projekt „Zwangsarbeit 1939-1945“. Auf der Webseite der Freien Universität Berlin berichten Überlebende unterschiedlicher Konzentrationslager über ihre Leidensgeschichte. Einige Überlebende waren auch für kurze Zeit in Bergen-Belsen.

Unter ArchivID za566 findet man das Interview mit Charles G. Er kam vom KZ Groß Rosen über Celle in einem Güterwaggon ins Männerlager Bergen-Belsen. Er berichtet, von der Bombardierung des Celler Bahnhofs am 8. April 1945. Er erhielt die selbstlose Hilfe eines sterbenden Mithäftlings. Die Bewacher trieben die Häftlinge aus dem Waggon. Sein Mithäftling blieb im Waggon und schenkte ihm seine Brotration. Diese Brotration hat ihm das Leben gerettet:

 

„Alle raus. Alle raus. …, alle, alle „Raus, raus, raus, raus!“ … Im Wagen war, neben mir war … jemand aus Krakau, und … er sagt, … „Ich, ich kann nicht gehen. … ich bin schwach. Ich kann nicht hinausgehen. Ich kann nicht hinauslaufen. Ich habe hier einen Laib Brot, “ sagte er. „Und Sie nehmen Sie ihn, Sie sind jung. Sie nehmen meinen Laib Brot. Ich bin nicht, sowieso, nicht gut. … Ich werde nicht leben. …“ Ich sagte: „Nein, ich kann von Ihnen das Brot nicht nehmen. “ Er sagt: „Nehmen Sie das Brot,“ und er drückte es in, in mich. Ich … musste es verstecken, sonst würden sie mich dafür umbringen. Und ich steckte es, … unter mein Hemd, … Es war ein kleines Stück. Es war nicht groß.

… vielleicht fünfundvierzig Minuten später wurden wir alle auf einem Feld dort zusammengetrieben, … die Wachen standen um uns herum, damit niemand weglaufen sollte. Jetzt, nachdem, nachdem die Flugzeuge fort waren, holen sie, … uns heraus: „Geht zurück, zurück zu den Waggons! Zurück zu den Waggons! “ … Ich ging zum Waggon und ich habe den alten Mann nicht gesehen. Ich habe dort Blut gesehen, aber den alten Mann habe ich nicht mehr gesehen. Und an diesem Punkt war ich so bestürzt. Und das, aber später dachte ich, dass Gott mir vielleicht einen, einen Engel geschickt und mir dieses Stück Brot gegeben hatte, um mich die nächsten sieben Tage in Bergen-Belsen zu halten, und das ist, das ist, was dieses, dieses Stück Brot … Und ich, ich behielt es. Ich wollte es nicht essen, denn wenn mich jemand essen sieht, dann wird er es mir wegnehmen. … Als wir nach Bergen-Belsen kamen, …sie schickten uns in die Baracken, aber die waren voller toter Menschen, in den Baracken und voller, das können Sie, Sie sich nicht vorstellen. Und wir, ich und ein paar meiner Freunde, sagten: „Wir können hier nicht bleiben, denn wir, … würden noch in derselben Nacht sterben. “ … wir gingen nach draußen und schliefen draußen, auch wenn es noch kalt war, … Und nachts, [als mich] niemand sah, aß ich das ganze Brot. Sonst würden sie, … mich umbringen, wenn sie sehen, also aß ich das ganze Brot, und das hielt mich sieben Tage lang [am Leben]. Das ist, das ist ein Wunder der Wunder.“ (O-Ton)

 

Über die Befreiung des Lagers berichtet er:

 

„Aber einer von ihnen, …hob einfach seinen Kopf, und er sagt: ‚Ich sehe ein paar Panzer dort, aber sie sehen nicht wie deutsche, deutsche Panzer aus.‘ …

Und etwa vielleicht zehn, fünfzehn Minuten später, kam ein Panzer rein, …, durch das Tor.

Wir krochen dorthin, … um zu sehen, was dort vor sich ging. … der Hauptmann des Panzers stand auf, und er sagt auf … Englisch und auf Deutsch „Ihr seid frei“, … „Ihr seid, … befreit! “ Sie können sich das nicht vorstellen, was dort los war. Wissen Sie, die halbtoten Leute. Man konnte sehen, dass sie lächelten, auch wenn sie auf dem Boden lagen. Als sie das hörten, lächelten sie.

Wahrscheinlich starben sie eine oder zwei Stunden später“. (O-Ton Charles G)

 

(Musikakzent)

Es gab noch ein weiteres Lager im KZ Bergen-Belsen.

(Musik)

Das dritte Lager in Bergen-Belsen war das Frauenlager, das auch nochmal unterteilt war in diverse Unterlager. Das Frauenlager hatte seit dem Sommer 1944 die Funktion, von hier aus weibliche Häftlinge in Außenlager in der Rüstungsindustrie zu bringen, damit dort Zwangsarbeit geleistet wird.“

(O-Ton Wagner)

 

Jens-Christian Wagner macht aber auch auf einen weiteren Aspekt aufmerksam:

 

„ … zu diesem Zeitpunkt befand sich die deutsche Rüstungsindustrie bereits im starken Niedergang, bedingt durch Luftangriffe. Und deshalb hatte man zwar hier in Bergen-Belsen die Frauen, die eigentlich Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie leisten sollten, nur die Rüstungsindustrie gab es nicht mehr, und deswegen sind nur ganz wenige Frauen tatsächlich dann, der eigentlichen Zweckbestimmung dieses Lagers folgend, in Außenlager verschubt worden, um dort Zwangsarbeit zu leisten, und die meisten sind hier geblieben. Zu ihnen gehörte z. B. auch Anne Frank und ihre Schwester Margot Frank, die aus Auschwitz hierher nach Bergen-Belsen kamen, eigentlich mit dem Ziel, sie nur ganz kurz hier zu belassen, um sie dann zur Zwangsarbeit in irgendein Außenlager zu bringen, und das erfolgte dann eben nicht mehr, und die beiden Schwestern blieben hier, und wurden dann am Ende Opfer der Typhusepidemie.“

 

Das Kriegsgefangenenlager wird geräumt und ab Januar 1945 als „Großes Frauenlager“ genutzt.

 

Ich suche in der Bibliothek nach Berichten aus dem großen und kleinen Frauenlager.

 

Auch hier finde ich in dem Buch „Konzentrationslager Bergen-Belsen“ einen Bericht von Ada Levy. Sie wurde in Bonn geboren. Ada Levy (geb. Moses) kam von Theresienstadt Ende Oktober 1944 nach Auschwitz und kurze Zeit später nach Bergen-Belsen, später kam sie nach Salzwedel und wurde dort am 14.4.45 befreit.

Über ihre Ankunft in Bergen-Belsen und die Unterbringung in Zelten lese ich:

„Stundenlang wieder dasselbe Jagen, Stehen und Warten in der Kälte. Empfang eines Essnapfes und einer Decke. Unterkunft in Zelten auf der mit wenig Stroh bedeckten Erde. Wir verbrachten fast 14 Tage in unseren Zelten … Winterstürme, Regenschauer, die das Liegen in unseren Zelten unmöglich machten, so dass wir, um nicht völlig der Nässe ausgesetzt zu sein, die Nächte sitzend verbringen mussten.

Aber eines Nachts hatte der Himmel in Einsehen mit uns, und unter furchtbaren Krachen durch den Sturm fielen die elenden Zelte zusammen. Zwar gab es auch Verletzte, aber uns brachte man nun in Baracken unter, die zwar eisig kalt waren, aber die Nässe nicht durchließen. Auch hatten wir hier Dreistockbetten mit ein wenig Stroh, je zwei mussten eines dieser schmalen Betten teilen … Die Stunden, die man zitternd vor Hunger, …, Kälte, eng aneinander liegend auf den verwanzten Strohlagern verbrachte, wurden eine Ewigkeit. Mit Heißhunger erwartete man die Wassersuppe. Es gab mittags eine dünne Suppe, abends ein Kleckschen Marmelade oder ein viertel Mainerkäse. Nachmittags wurde die kleine Brotration ausgeteilt und gleich verschlungen …“ (Sprecherin Gudrun Stockmann)

Auch sie musste Appell stehen:

„Hier auch wieder das stundenlange Stehen vor den Baracken, der sogenannte „Appell“ – erschöpftes Strammstehen in Fünferreihen, nicht rühren, bewacht und ständig den Knüppeln ausgesetzt von der SS und Frauenwache.“ (Sprecherin Gudrun Stockmann)

Die hygienischen Zustände waren katastrophal:

„… so liefen die fetten Ratten … Tag und Nacht über unsere Betten. Dazu die Wanzen- und Läuseplage“. (Sprecherin Gudrun Stockmann)

Bei unzureichender Kleidung musste sie schwer arbeiten:

„Und dann kam die Arbeit, der man auch in gesunden Tagen nicht gewachsen gewesen wäre, geschweige denn in unserem erschöpften, unterernährten Zustand.

In Kälte, mit mangelhaftester Kleidung, zerfetztem Schuhzeug, stand ich bei dem Auswerfen von tiefen Straßengräben auf den Strümpfen in tiefen Schnee. Nichts zum Wechseln, Tag und Nacht nasse Strümpfe an den wunden Füßen.“

(Musikakzent)

Kurze Zeit nach Ada Levy kam auch die Polin Ella B. ins Frauenlager. Ihr Interview hörte ich auf der Webseite der Freien Universität Berlin Projekt „Zwangsarbeit 1939-1945“ unter der Nummer ArchivID za416:

„Als ich nach Bergen- Belsen kam und die Haufen von, von Leichen sah, die sich draußen auftürmten, alle, jeder Block und sogar drinnen, der Gestank war unerträglich, denn die Leute starben wie die Fliegen. Das weckte meinen Überlebenswillen, und ich sagte mir, dass ich weiter machen musste. Ich muss gehen und ich darf nicht auf dem Haufen von diesem … Auf diesem Leichenhaufen hier enden. Ich muss weitermachen. Und es kamen Transporte rein, von verschiedenen Lagern. Das war schon im, im, äh, ich denke, Oktober 1944. Transporte kamen aus … Sogar von Auschwitz und anderen Lagern kamen sie nach Bergen-Belsen. Sie eröffneten dann eine neue Küche und ich stand dort in der Schlange. Jeden Tag, kämpfen, stoßen. Die Mädchen, alle versuchten, die Leute versuchten, eine neue Arbeit zu bekommen. Am fünften Tag kam ich zurück … Am vierten Tag kam ich zu Roma zurück, am vierten Tag abends, erschöpft, müde, hungrig, verzweifelt. Ich sagte: „Ich werde nie in die Küche kommen. “ Sie sagt: „Mach weiter. Versuch es.“ Am fünften Tag wurde ich genommen, doch ich ging nicht in die Küche. Ich saß draußen unter freiem Himmel, schälte tage- und wochenlang Kartoffeln. Schälte nicht, nicht einmal Kartoffeln, sondern irgendwelches Gemüse in Körbe mit Wasser. Es war kalt, eiskalt! Meine Hände gefroren und das Wasser gefror in den Eimern. Erst viel später … riefen sie mich hinein. Ich bekam drinnen eine Arbeit und dann rettete ich viele Leute, denn ich, ich war, nicht immer, aber immer, wenn ich konnte, brachte ich ein Stück, nicht Kürbis, sondern dieses äh … Etwas Grünes, etwas, ein Stück Kartoffel. Und eines Tages saß der Obersturm[bann]führer in der Ecke im Büro, in einem Glasbüro, und beaufsichtigte die ganze Küche, also musste er bemerkt haben, als ich etwas in meine Unterwäsche steckte. Und es gab dort einen russischen Mann, der mit mir in der Küche arbeitete. Kein Jude. … Und er schob einen, einen Wagen mit Asche. Er machte die Woche sauber, äh … Und er sagte: „Er hat dich gesehen. “ Und er sagte, ich solle es in, in die Asche werfen, was immer ich dort hatte. Und sie durchsuchten mich, konnten nichts … finden. Ich wäre erschossen worden! „ ( O-Ton Ella B.)

 

Auch die Ungarin Zahava S. berichtet unter ArchivID za587 von einer lebensbedrohenden Situation. Sie war von Oktober – Dezember 1944 im Frauenlager:

„Und dann hat jemand dort in Bergen Belsen Sabotage verübt. Und sie wollten die ganze Gruppe bestrafen, … Ich denke, ein paar Blocks waren davon betroffen. Und … wir standen den ganzen Tag. Ich meine, fast einen ganzen Tag. Und sie sagten, dass jeder Zehnte getötet werden wird. Und sie haben über die Lautsprecher geschrien „Kommt her, wer das getan hat“, irgendjemand hat das … Material zerrissen und etwas aus dem Material gemacht, … Und das war eine Sabotage. Und dann standen wir …Ich stand da und zu jeder Zeit sagten sie wieder und wieder, wenn einer nicht nach vorne kommen würde, wird jeder Zehnte getötet. Und die Deutschen taten das (auch) irgendwo an einem Platz. Dies – es war kein unmögliches Ding. Und mir, mir war es egal, die Zehnte zu sein, aber ich wollte nicht, dass meine Schwester eine Zehnte sein sollte- weil (-) So, das war schrecklich und gegen Abend, … nichts (passierte), sie … machten ihre Drohung im Lager nicht wahr. …

Aber wir hatten noch Glück in …Bergen Belsen, weil es dem Ende zuging. Es war tatsächlich Dezember 1944, …. [Es gab nicht mehr] so viele Arbeitskräfte, so konnten sie auch nicht mehr so stark selektieren. So hatten wir Glück, im Dezember … brachten sie uns … von Bergen Belsen zu diesem … Arbeitslager Markkleeberg.

 

(Musikakzent)

Die Polin Anna G. kam im Januar 1945 aus Auschwitz ins Frauenlager. Der Typhus hatte auch das Frauenlager erreicht. Anna G´s Bericht ist dokumentiert als ArchivID za576:

„Nun ja, ich kam nach Bergen-Belsen und es war ein Todeslager. …, wir schliefen auf dem Zementboden. Kopf in die eine Richtung, Füße in die andere, wie Sardinen in der Dose. Und das Erste, was ich tat, war, mich zur Arbeit zu melden, um dort ganz schnell wieder rauszukommen. Der Typhus wütete im ganzen Lager. Und wie ich schon sagte, zu dieser Zeit breitete sich der Typhus im Lager aus, und als ich mich zum Arbeiten eintrug, waren da noch … andere Mädchen, die sich zusammen mit mir meldeten. Und wir landeten schließlich in … Gelenau.“ (O-Ton Anna S.)

 

Ende Februar 1945 kam Anita S. nach Bergen-Belsen. Die Lebensumstände hatten sich noch drastischer verschlechtert. Unter ArchivID za585 berichtet Anita S. sogar von Kannibalismus.

 

„Wir waren zerstört, als wir sahen, dass sie uns wieder hinter Stacheldraht drängen wollten und wir sahen die wandernden Toten da. Und zu dem Zeitpunkt war es total desorganisiert. Da gab es keine Betten mehr, keine Essensrationen mehr. … Jeder war krank: Typhus, Ruhr, tote Menschen haufenweise überall. Man, man nahm das eigene Leben in die eigene Hand, um zu gehen, wenn sie, … etwas Suppe da hatten. Wenn sie einen nicht zu Tode gequetscht haben, dann bekam man vielleicht ein bisschen. Wir schliefen auf der Erde, wo immer man einen Platz drinnen fand. Und der … einzige Weg, um ein bisschen mehr Platz zu bekommen, … ist, wenn neben einem irgendjemand starb. Und sie haben ihn dann raus(- ) rausgezogen. Es, … hat nicht menschlich ausgesehen. Bergen-Belsen sah nicht menschlich aus. Da waren Menschen so hungrig, dass sie das Fleisch der Toten gegessen haben.

… Und mir wurde es [Anm. auch] angeboten.“ (O-Ton)

 

(Musikakzent)

 

Obwohl Ella B., Anita S., Anna G. und Zahava S. nur kurze Zeit im Frauenlager waren, konnten sie sich gut an Einzelheiten erinnern. Anders ist dies bei der Zeugin Jehovas Charlotte Tetzner. Sie war bereits in den KZs Ravensbrück und Auschwitz. Sie kam im März 1945 nach Bergen-Belsen. Sie konnte sich an nichts erinnern.

In ihrem Buch „Frierende“ schreibt sie:

Unser nächster Halt: Bergen-Belsen.

Keine Erinnerung.

Ich weiß nicht, wie lange wir dort waren.

Ich weiß nicht, was in dem Lager geschah.

Ich weiß nicht, wo ich schlief.

Ich weiß nicht, warum. Nur an eines kann ich mich erinnern: Wir standen. Einige wurden aufgefordert, vorzutreten. Sollte ich von den anderen getrennt werden?

„Nimm doch auch ein paar Junge mit!“, hörte ich einen SS-Offizier sagen.

Ich war dabei. Ich gehörte wieder zu meinen Glaubensschwestern. War die 26te.

Aber wohin sollte es wieder gehen?

Wieder zum Bahnhof. Wieder in den Zug.“ (O-Ton Tetzner aus Lesung in Göttingen)

 

Jens-Christian Wagner hat für ihre Erinnerungslücke folgende Erklärung:

„Ja, weil das so schnell ging. [S]ie ist ins Frauenlager gekommen, und sie gehört zu den wenigen, die tatsächlich aus dem Frauenlager zur Zwangsarbeit in andere Lager weiter verschubt wurden, wie die SS das nannte.“ (O-Ton Wagner)

(Musikakzent)

In den letzten Tagen vor der Befreiung kam noch ein weiteres Lager dazu:

„… von den Häftlingen, die hier befreit werden, kommen mehr als 15000, noch in …, in den letzten 5, 6 Tagen vor der Befreiung, hier in Bergen-Belsen an. Männliche Häftlinge aus dem Lagerkomplex Mittelbau-Dora. Das Lager ist schon so überfüllt, das ist einfach physisch gar nicht mehr möglich, die hier noch unterzubringen, und deswegen gibt es dann eine Abmachung zwischen der SS und der Wehrmacht, in dem angrenzenden Truppenübungsplatz Bergen-Hohne, mit der Folge, dass etwa 30 Gebäude da ausgegrenzt werden. Die müssen von den deutschen Soldaten verlassen werden, und die werden sozusagen als KZ Bergen-Belsen Nr. 2 genutzt, wir sprechen aber vom „Kasernenlager“ in dem Zusammenhang. (O-Ton Rahe)

(Musik)

Heute habe ich in der KZ Gedenkstätte sehr viel über das Männer- und Frauenlager erfahren. Das, was ich schon wusste, konnte ich mit neuen Informationen verknüpfen. Es sind sehr viele Informationen. Ich muss das alles einmal sacken lassen. Es gäbe bestimmt noch vieles zu erfahren, z.B. über die Kinder, die hier allein oder mit den Eltern inhaftiert waren. Oder über das „Displaced Persons Camp“ nach der Befreiung. Oder: Was geschah mit den Tätern?

Aber für heute ist meine Aufnahmefähigkeit so gut wie erschöpft.

Abschließend habe ich doch noch drei Fragen an Jens-Christian Wagner. Fragen, die mich schon lange beschäftigen:

Inwieweit war die Bevölkerung in diese Grausamkeiten mit einbezogen?

 

„Also, nun liegt zwar Bergen-Belsen mitten im Wald, und entspricht damit der Klischeevorstellung aus der Nachkriegszeit, dass die Lager irgendwo hinter Wäldern oder Bergen versteckt lagen, und weitab der deutschen Bevölkerung. So stimmt das aber nicht. Zum einen gibt es auch hier im Wald Dörfer und Menschen, man denke an die Stadt Bergen, die dem Lager ja auch ihren Namen gegeben hat. Die Rampe (die Bahnhofsrampe), an der die Transporte sowohl der Kriegsgefangenen als auch der KZ-Häftlinge ankamen, die dann zu Fuß die letzte Etappe in das Lager laufen mussten. Diese Rampe befindet sich am Ortsrand, und jeder Bergener konnte das sehen. Es gibt hier eine Reihe von Dörfern rundherum um die Gedenkstätte, durch die am Ende des Krieges die Todesmärsche liefen, z. B. aus Mittelbau-Dora bei der Räumung dieses KZs im Harz. Es gab viele Handwerker und Zulieferbetriebe aus den Ortschaften rundherum, die das Lager versorgt haben. Das bisschen an Nahrung, was es hier gab, musste ja auch irgendwo gekocht und hergebracht werden, und das wurde in den Ortschaften rundherum natürlich gekauft. Es gab Sichtkontakte, gerade aus dem Kriegsgefangenenlager wissen wir vom Winter 1941/1942, dass es ein beliebtes Ausflugsziel für die Bevölkerung im Umfeld der Lager war, am Sonntag, (also am arbeitsfreien Tag), hierher zu gehen, und am Lagerzaun zu stehen und sich die sterbenden Russen anzugucken. Davon gibt es auch ganze Fotoserien, wie die Gaffer gewissermaßen am Zaun stehen.“ (O-Ton Wagner)

 

Wie gehen die heutigen Anwohner mit der Geschichte und der Gedenkstätte um?

Na ja, also im Grunde ist der Umgang der Bevölkerung mit der Geschichte hier im Umfeld von Bergen-Belsen nicht anders, als an allen anderen ehemaligen KZ-Standorten in Deutschland. Bis in die 1990er Jahre hinein hat man sich extrem schwer getan mit diesem Erbe, und hat versucht, jegliche Verantwortung und Kenntnis der Verbrechen von sich zu weisen. Generationell bedingt, aber auch bedingt durch ein generelles Umschwenken in der deutschen Erinnerungskultur, hat sich da doch in den letzten 20 Jahren (ei)ne ganze Menge getan, und ein gutes Beispiel ist die Stadt Bergen. Bergen hat lange sich institutionell von der Gedenkstätte Bergen-Belsen ferngehalten. Und seit einigen Jahren haben wir außerordentlich enge Beziehungen zur Stadt Bergen, und haben im Augenblick mehrere gemeinsame Projekte, mit dem Ziel, die Auseinandersetzung mit den Verbrechen in Bergen-Belsen, aber auch in und um Bergen, zu intensivieren, und da zieht die Kommune im Augenblick genauso mit, wie wir das hier in der Gedenkstätte tun, also da hat sich dort einiges geändert. (O-Ton Wagner)

 

Wie reagieren die Zeitzeugen, die hierher kommen?

„Na ja, zunächst mal trauern die um ihre verstorbenen Freunde und Angehörigen, das ist der Hauptzweck, um hierher zu kommen. Das sind die Gräber, an denen man trauert. Sie sind, glaube ich, sehr zufrieden, dass die Gedenkstätte Bergen-Belsen in den letzten 20 Jahren deutlich ausgebaut wurde, bis in die 1990er Jahre, bis in die frühen 2000er Jahre gab es hier nur eine relativ kleine Ausstellung, und seit 2007 gibt es eine sehr umfassende Ausstellung, mit einer Gedenkstätte, die eine große Bildungsabteilung hat, die eine große Forschungs- und Dokumentationsabteilung hat. Das alles gab es in den 1990er Jahren noch nicht, von den 1980ern mal ganz zu schweigen. Bis 1987 gab es in Bergen-Belsen einen einzigen Mitarbeiter, und das war der Friedhofsgärtner, und sonst nichts. Es gab ja keine wissenschaftliche, keine Bildungsarbeit, gar nichts. Und das ist nochmal ein großer Unterschied zu einigen anderen Gedenkstätten, insbesondere in der früheren DDR, die natürlich ideologisch eine bestimmte Funktion hatten. Aber wenn man das mal mit Buchenwald vergleicht: 1987, als Bergen-Belsen einen Mitarbeiter hatte, nämlich den Friedhofsgärtner, hatte die Gedenkstätte Buchenwald an die 200 Personen, die dort arbeiteten“. (O-Ton Wagner)

(Musik)

 

Als ich 1998 begann, Radiosendungen zur Aufarbeitung der NS-Geschichte zu produzieren, hatte ich die stille Hoffnung, dass sich die Geschichte nicht wiederholt.

Heute bin ich davon nicht mehr so überzeugt. Die Situation hat sich geändert. Die Schüler überhäuft man im Geschichtsunterricht längst nicht mehr mit der NS-Geschichte. Es stehen wieder andere Themen im Vordergrund.

Viele Zeitzeugen sind verstorben. Sie können kein direktes Zeugnis von den Gräueln mehr ablegen.

Es gibt wieder Fremdenhass in Deutschland. Religionsfreiheit steht zwar im Grundgesetz, aber Religionsfreiheit gibt es nicht in allen Köpfen.

Es ist weiterhin wichtig an die Schreckensherrschaft und ihre Auswirkungen zu erinnern, um zu mahnen.

Der Zeitzeuge Horst Schmidt sagte in der Geschwister-Scholl-Gesamtschule in Göttingen 1998:

„Aber wir spüren in uns die Verpflichtung, diese Dinge, die wir erlebt haben, weiterzugeben, damit sie sich nicht noch einmal irgendwie ereignen!“ (O-Ton)

© Ingeborg Lüdtke

(Lied von Konstantin Wecker „Sag nein“)

 

[1] Im Sinne einer radikalischen Substitution kann Benzol in der Fenton-Reaktion zu Phenol umgesetzt werden (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Phenol)

[2] Die Zeugen Jehovas wurden damals Bibelforscher genannt.

 

 

Literaturhinweis:

  • Konzentrationslager Bergen-Belsen – Berichte und Dokumente, 2. Auflage 2002, Vandenhoeck & Ruprecht
  • Tetzner, Charlotte: Frierende, 2004, Klartext Verlag

Quelle:

Projekt „Zwangsarbeit 1939-1945“ der Freien Universität Berlin

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