KZ Bergen-Belsen Teil 1

„Solltest Du jemals nach Belsen kommen, dort umhergehen und die Gedenksteine betrachten, so passierst du unweigerlich Stellen, an denen sich ein paar Meter unter dir gewaltige Ansammlungen menschlicher Gebeine befinden.“ (Arne Moi, ehemaliger norwegischer Häftling)

„… die Gedenkstätte Bergen-Belsen ist im Wesentlichen … ein gigantischer Friedhof, … .“ (Dr. Jen-Christian Wagner, Gedenkstättenleiter Bergen-Belsen)

(Musikakzent)

Dies ist mein erster Besuch in der Gedenkstätte des ehemaligen KZs Bergen-Belsen. Bergen-Belsen liegt nördlich von Hannover in der Nähe der Stadt Celle.

Dem Gedenkstättenleiter Dr. Jens-Christian Wagner und seinem Stellvertreter Dr. Thomas Rahe stelle ich viele Fragen.

Es sind sehr viele Informationen, die ich erhalte.

In Gedanken höre ich Ihre Stimmen, während ich über die riesige Friedhofsanlage des ehemaligen KZs Bergen Belsen gehe.

Es geht mir wie immer, wenn ich auf Friedhöfen bin. Ich sehe nur das, was sich oberhalb befindet. Ich sehe die erhöhten Massengräber und ich lese die Zahlen der Todesopfer auf den Steintafeln:

„… etwa 50.000 KZ-Häftlingen, die hier 1944-1945 gestorben sind und im Gelände in Massengräbern bestattet wurden, die meisten nach der Befreiung durch die Briten.“ (O-Ton Wagner)

Wie kommt man aber auf diese Zahlen? Wurden die Toten tatsächlich gezählt?

„Die Angaben auf den Massengräbern stammen aus der Zeit unmittelbar nach deren Anlegung … von den Briten … zunächst haben die Briten da kleine Holzschilder angebracht, auf denen drauf stand: 2000 Tote, 2500 Tote, 3500 Tote usw. usf. In den späten 40ern – frühen 50ern wurden dann massive Grabumrandungen gebaut, und in Stein gemeißelte Angaben angebracht, die aber den Angaben auf den Holzschildern entsprachen. Das sind Schätzungen gewesen, keiner hat tatsächlich gezählt, wie viele Tote genau in jedem Grab liegen, sondern … wenn da 2500 steht, dann können das 2000 sein, es können aber auch 3000 sein.“ (O-Ton Wagner)

 

Ich sehe die Plattenwege, die Schneisen auf dem Rasen vor den Bäumen, das Heidekraut, die Wiesenblumen, die Monumente für die Toten, das Holzkreuz.

Am Weg befindet sich das „Haus der Stille“. Hier können Besucher sich zur Besinnung zurückziehen. Das Gebäude selbst ist ein Kunstwerk aus Chromnickelstahl, Glas und Granit. Der Innenraum erinnert an eine Kapelle. Allerdings gibt es keine religiösen Symbole im Raum. Auf dem dreieckigen Tisch liegen viele Steine anstelle von Blumen und Zettel mit kleinen Botschaften.

Während ich weitergehe, sehe ich einzelne Grabsteine.

„Sämtliche Gedenkzeichen, insbesondere die Gedenkzeichen, die aussehen wie Grabsteine auf dem Gedenkstättengelände, sind rein symbolisch, und markieren nicht eine konkrete Grablage. Bei der Anlage der Massengräber ist auf die Kategorie, auf das Geschlecht, auf das Alter oder die Herkunft der Häftlinge keinerlei Rücksicht genommen worden, sondern da liegen alle gemischt.“ (O-Ton Wagner)

 

Vor mir befindet sich der Grabstein für Anne und Margot Frank. Anne Frank wurde bekannt durch ihr Tagebuch, das sie im niederländischen Versteck vor Ihrer Festnahme schrieb.

Jemand hat Blumen und Kerzen vor ihren Grabstein gelegt.

Die niederländische Tänzerin Lin Jaldati und ihre Schwester trafen Ende 1944 im KZ Bergen-Belsen auf Anne und Margot Frank. Sie konnten ihnen wenige Lebensmittel geben. Auch feierten sie Weihnachten zusammen.

Leider erkrankten Anne und Margot an Typhus und starben.

Lin Jaldati und ihre Schwester fanden die Leichen hinter der Baracke. Sie legten sie in eine Decke und trugen sie zu einem Massengrab.

(Musikakzent)

„Solltest Du jemals nach Belsen kommen, dort umhergehen und die Gedenksteine betrachten, so passierst du unweigerlich Stellen, an denen sich ein paar Meter unter dir gewaltige Ansammlungen menschlicher Gebeine befinden.“(Arne Moi)

Ich mag es mir nicht vorstellen, aber gibt es tatsächlich noch ungekennzeichnete Massengräber auf dem Gelände?

Massengräber glauben wir nicht. Wir haben vor mehreren Jahren mal so eine Probeuntersuchung gehabt, eine nichtinvasive Untersuchung, die keine klaren Hinweise gegeben hat, dass es da noch irgendwelche unentdeckten Massengräber gibt. ..es könnte allenfalls so sein, dass es Massengräber geben müsste, die schon bedeckt worden sind mit Erde, aber auch das wäre ja erkennbar gewesen. … Die überlebenden Häftlinge hätten mit Sicherheit die Briten auch darauf aufmerksam gemacht, dass es hier schon ein geschlossenes Grab gibt. Dass die Engländer aus lauter Nachlässigkeit einfach vergessen haben, ein Grab zu kennzeichnen, das sie vorher selber haben befüllen lassen mit Leichen, kann ich mir auch nicht vorstellen“. (O-Ton Rahe)

 

Wie sieht es aber mit einzelnen unbekannten Gräbern aus?

„Wir haben vereinzelt Berichte, wo beschrieben wird, dass jemand einen Mithäftling begraben hat, damit die SS nicht mit der Leiche machte, was sie wollte, irgendwo in der Nähe der Baracke, und das heimlich gemacht hat, so dass es niemand mitgekriegt hat. Die haben dann einfach ein Loch gegraben, die da rein gelegt, und alles wieder zugedeckt, und das durfte natürlich nicht markiert werden, und sie haben das auch nicht nachträglich markieren können. D. h. deswegen betrachten wir eben auch das gesamte ehemalige Lagergelände heute als Friedhofsgelände, …“ (O-Ton Rahe)

(Musikakzent)

Die Sonne scheint. Es ist schwer für mich, mir das Chaos, den Schlamm und die vielen Leichen vorzustellen.

Ich stehe nun an der Stelle, wo das Krematorium früher stand; später dort, wo sich die Löschwasserstelle befand oder das jüdische Lager, das Sternenlager.

Es ist schon eigenartig, dass hier fast nichts mehr zu sehen ist, was auf ein KZ-Lager hinweist. Keine einzige Baracke ist übrig geblieben.

„… da im Lager nach der Befreiung und auch vor der Befreiung schon eine Typhusepidemie wütete, haben die Briten unmittelbar nach der Befreiung sämtliche Baracken des ehemaligen Lagers abgebrannt, sodass es bereits 1946 eigentlich kaum noch bauliche Relikte des Lagers gab, ….“ (O-Ton Wagner)

 

Im Oktober 1945 ließ die britische Militärverwaltung die noch stehengebliebenen Zäune, Wachtürme und Barackenfundamente beseitigen. Auch die Reste des Krematoriums wurden beseitigt.

Anfangs stand noch der Barackenkomplex des Vorlagers, das aus den Unterkunfts- und Funktionsgebäuden der SS bestand. Die Baracken wurden bis Mitte der 1950er Jahre als Flüchtlingslager benutzt und später abgerissen.

Wie kann man rekonstruieren, was auf diesem riesigen Friedhofsgelände tatsächlich geschah?

„Die Rekonstruktion dessen, was hier 1943 – 1945 im Konzentrationslager und in den Jahren vorher ja schon im Kriegsgefangenenlager Bergen-Belsen passiert ist, …, ist im Wesentlichen erschwert dadurch, dass die SS bei Kriegsende die gesamte Lagerregistratur vernichtet hat.“ (O-Ton Wagner)

 

Normalerweise führte die SS in den Konzentrationslagern genau Buch über die Anzahl der Häftlinge. Es gab Häftlingslisten, Zugangslisten und Sterbelisten.

Als die frontnahen Konzentrationslager aufgelöst wurden, gelangten immer mehr Häftlingstransporte nach Bergen-Belsen. Listen wurden bedingt durch Personalmangel nicht genau geführt. Vorhandene Listen ließ Lagerkommandant Josef Kramer kurz vor der Befreiung vernichten.

Aber es gibt andere Möglichkeiten, um ungefähr festzustellen, welche Häftlingsgruppen sich in Bergen-Belsen befunden haben:

 

„… man ist auf Ersatzüberlieferungen angewiesen. Ersatzüberlieferungen zum einen der anderen Konzentrationslager, die Häftlingstransporte nach Bergen-Belsen geschickt haben, … Also insofern kann man zum Teil diese Transporte rekonstruieren, und wir sind, ganz wesentlich, auf die Berichte der Überlebenden angewiesen, was allerdings quellenkritisch nicht ganz einfach ist, denn man muss schon fast so sagen, dass der Normalfall in Bergen-Belsen nicht das Überleben, sondern das Sterben gewesen ist“. (O-Ton Wagner)

 

Die Berichte der Überlebenden geben nicht nur Einblicke über die verschiedenen Häftlingsgruppen. Diese Berichte beschreiben auch die katastrophalen Zustände der letzten Tage der Lager.

Einige dieser bewegenden Berichte der Überlebenden habe ich schon gelesen.

Das Sterben beschreibt der aus Prag stammende ehemalige Häftling Arnost Basch. Er kam erst im April 1945 mit dem Todesmarsch nach Bergen-Belsen. (Quelle Yad Yashem):

„Freitag, den 13.4.1945

Wecken und aus der Baracke jagen, wie jeden Morgen. Und doch war dieser Morgen ein anderer. Zu unserer Überraschung sahen wir nur vereinzelte SS-Männer, und alle trugen am linken Arm eine weiße Binde. … Etwas geschah, doch wir wussten nicht, was. Wir wurden zu der gleichen Arbeit wie am Vortag gezwungen. Mir kam es vor, als wenn mehr Leichen umherlagen als gestern, trotzdem wir bereits tausende weggeschafft haben. …Leider nahm das Sterben in den Augenblicken, wo uns die Sonne der Freiheit nahe stand, katastrophal zu. Es gelang mir gleich am Anfang der Arbeit, mich wieder zu einem Leichenhaufen durchzuschmuggeln, und wenn es auch vielleicht unglaubhaft erscheint, ich schlief vor Hunger, Erschöpfung und Durst auf dem Haufen Leichen liegend ein und schlief bis zum späten Nachmittag. Ich möchte noch bemerken, dass wir bereits den dritten Tag gar nichts zu essen bekamen. Auf der Lagerstraße aber schleppten unzählige Kolonnen die schauerliche Last ohne Unterbrechung bis zum Abend.

Samstag, den 14. April 1945

Wecken wie gewöhnlich. Als wir wieder in Paare gereiht wurden, liefen viele Häftlinge weg, um sich zu verstecken. Die Kapos und übriggebliebenen S-Männer jagten die Armen, und viele wurden noch in diesen letzten Augenblicken schwer misshandelt und zu der Arbeit des Leichenschleppens gejagt. Mir selbst gelang es mit noch 2 Kameraden, hinter der Latrine Schutz zu finden. Diesmal aber endete die Arbeit bereits um Mittag. Es fand ein Appell statt, der letzte und wir erhielten jeder 100 gr. schimmeligen Brotes. Wir aßen nicht, wir würgten den Bissen heißhungrig in den Magen. Und sonderbarer Weise hatten wir ab jetzt Ruhe. Niemand kümmerte sich um uns. Wir hatten alle Hände voll zu tun, um die Läuse loszuwerden, was aber unmöglich war. Wir hatten diese überall, im Gesicht, in den Haaren, in den Ohren, in den Augengruben.

… In der Nacht lauschten wir wiederum starkem Geschützdonner, und es schien uns so, als ob es ganz in der Nähe wäre. Geschlafen wurde wieder keine Minute.“

(Musikakzent)

Ich habe noch kurz die Gelegenheit, mit Ivan Lefkovits zu sprechen. Er kam als 8-Jähriger Anfang 1945 nach Bergen-Belsen. Er war im Frauenlager. An den letzten Tagen litten die Häftlinge an Durst:

„ …das Schlimmste dabei war der Durst und weil die Deutschen haben 11 Tage vorher (das) Wasser gesprengt, Lager elektrisch ausgemacht und wir blieben ohne Wasser, ohne Essen da. In der Nähe waren diese Feuerlöschbecken in der Nähe voll mit Wasser, aber mit, die Leichen schwammen drin mit Exkrementen und das durften wir nicht trinken. … einige Häftlinge kletterten über den Zaun, holen Kartoffeln, aber wir waren zu schwach etwas zu ergattern und (das) einzige was uns blieb, war ein paar Schalen von Kartoffeln, die wir auf die Lippen getan haben, um etwas Feuchtigkeit zu bekommen.“ (O-Ton)

Es gibt auch Filme, die die britischen Soldaten kurz nach der Befreiung des KZs Bergen-Belsen gedreht haben.

(Musik)

Inzwischen bin ich zwei Stunden über das Gelände gelaufen. Meine Füße schmerzen.

Nach einer kurzen Pause begebe ich mich in das Ausstellungsgebäude der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen und suche den Filmturm.

Der Filmvorführungsraum befindet sich hinter einem bodenlangen schwarzen Vorhang. Der Film läuft bereits, als ich eintrete. Ich sehe zum ersten Mal die katastrophalen Zustände und die Leichenberge in beweglichen Bildern.

Dr. Jens-Christian Wagner hatte mich schon vorgewarnt

„ …in der Ausstellung, aber auch in der medialen Präsentation von Bergen-Belsen, kommt man an den erschütternden Fotos und Filmaufnahmen, aber auch Zeichnungen der Alliierten, insbesondere der britischen Befreier, nicht vorbei. Jeder kennt die grauenhaften Fotos von Bulldozern, die völlig ausgemergelte Häftlingsleichen in Massengräber schieben. … Diejenigen, die … in die Massengräber geschoben wurden, waren ja bei weitem nicht nur Juden, sondern das waren Häftlinge aller Kategorien: Politische Häftlinge, sogenannte Asoziale, als Kriminelle Verfolgte, Sinti & Roma und diverse andere, die unterschiedslos hier in Bergen-Belsen zu Tode gebracht wurden, durch organisierte Vernachlässigung. (O-Ton Wagner)

die Zustände in Bergen Belsen waren sicherlich, im Vergleich mit anderen Lagern innerhalb des deutschen KZ-Systems im Frühjahr 1945, die weitaus schlimmsten. Daran besteht, glaube ich, kein Zweifel.“ (O-Ton Wagner)

 

Es ist schon ein Unterschied, ob man sich Schwarz-weiß-Fotos oder einen Film ansieht.

Es ist keine Filmanimation, keine Fiktion, auch kein Krimi, bei dem man weiß, dass die Leichen nur für die Filmaufnahme geschminkt wurden und bald wieder quick lebendig sind.

Es ist eine grausame Realität.

Ich möchte am liebsten wegsehen, wie ich das bei den Krimi-Leichen tue, aber ich reiße mich zusammen. Ich muss das aushalten.

Ich muss sie aushalten, die Bilder von den Bulldozern, die Leichenhaufen wie losen Müll in Massengräber schieben.

Bilder von SS Wächtern, die Leichen auf Lastwagen werfen und später wieder abladen.

Bilder von SS-Wächtern, die Leichen hinter sich herziehen und dann in ein Massengrab stoßen.

Bilder von Leichen, die über die Schulter geworfen werden. Baumelnde Gliedmaßen.

 

(Musikakzent)

Einige der Überlebenden treten vor die Kamera der englischen Befreier. Hella Goldstein aus Polen spricht am 24. April 1945 als eine der ersten Überlebenden des KZ Bergen-Belsen. Hella Goldstein steht direkt vor einem offenen Massengrab. Leichen sind erkennbar.

Hella Goldstein [Anm.: verh. Colin] kam über das KZ Auschwitz und ein Bremer Außenlager des KZ Neuengamme 1945 nach Bergen-Belsen. Sie war nicht sehr lange dort. Sie spricht über ihre überfüllte und verdreckte Baracke (O-Ton):

„Ich erzähle, was ich … überleben habe im Lager Bergen-Belsen. Ich bin angekommen hier unter den schrecklichen Bedingungen. Wir waren 1500 in einem Zimmer, sehr schmutzig und sehr gedringt …“

Lebensmittel und Wasser gibt es nicht:

„Und ohne Essen, ohne Wasser. Und überhaupt, das war keine Leben für uns. Wir haben gedacht, dass wir das schon überleben nicht mehr.“

Sie erkrankt kurz vor der Befreiung durch die Engländer an Typhus:

„Und 5 Minuten bevor sie unsere Kameraden, die Engländer hineingekommen in unsere Lager sind, habe die deutschen Verbrecher gewolltet herübernehmen zu die Typhuskranke. Und die haben uns ausgezogen und ganz nackt und alles weggenommen. Und dort wollten sie uns überlassen. Aber Gott war mit uns und der hat uns geholfen. ….“

(Musikakzent)

Auch die polnische Zahnärztin Hadassah Bimko (Anm.: verh. Rosensaft] spricht am 24.April 1945 vor der Kamera. Sie steht vor einer Gruppe weiblicher Häftlinge.

Hadassah Bimko arbeitete bereits im KZ Auschwitz-Birkenau in der Krankenstation. Am 14. November 1944 schickte sie der SS Arzt Josef Mengele für das „medizinische Team“ in das KZ Bergen-Belsen.

Hadassah Bimko war schon einige Monate vor Hella Goldstein in Bergen–Belsen. Die hygienischen Zustände in den Baracken waren ähnlich, aber es gab ein noch ein wenig zu essen und zu trinken. Viele Häftlinge erkrankten an Typhus:

Es ist mir schwer zu beschreiben, dass alles, was wir Häftlinge in dem Lager hier mitgemacht haben.

Als kleine, nur kleine Beweise kann ich erzählen, dass man hat uns Häftlinge in eine schmutzige, verlauste Lager auf der Erde geschmissen.

Tausende auf eine, nur Erde, ohne Decken, ohne Strohsäcke, ohne Betten. Man hat uns als Essen ein 12. Teil vom Brot gegeben, 1 Liter Steckrübensuppe täglich, so das 75 geschwollen vor Hunger waren. Eine schwere Typhusepidemie ist ausgebrochen. Und der Hunger und der Typhus hat uns aufgefressen täglich. 250 Leute, Frauen hatten wir täglich in Toten und in Männer 1000.

Der Hunger war so groß, dass bei den Männern, haben sogar von den Männern, von den Toten, Leber, Herz und andere Teile des Körpers ausgeschnitten und aufgefressen.

Man wollte uns keine Medikamente geben und die SS-Männer hatten das Ganze ja aufgesammelt.“(O-Ton)

 

Nicht alle Hilfsgüter des Roten Kreuz wurden an die Häftlinge und Kinder ausgeteilt:

„Essen, welches wurde vom Roten Kreuz für uns Häftlinge geschickt und zwei Tage früher, bevor die britische Armee gekommen ist, haben sie das ausgepackt und uns zu verteilen, damit die britische Armee nicht zu erfahre, dass sie das nicht ausgeteilt haben. Zum Beispiel vor zwei Monate ist 150 (kg) Schokolade für Kinder gekommen. Das haben sie nur 10 Kilo ausgeteilt, den Rest hat der Kommandant für sich behalten und als Verkehrsmittel, als Austauschmittel für andere Privatsachen genommen und dafür sich schöne Einrichtungen gemacht“.(O-Ton)

Medizinische Versuche an den Häftlingen gab es auch in Bergen-Belsen:

„Wir können nur eins sagen: Mit uns hat man verschiedene Experimente gemacht. Die Sanitäter und Ärzte haben auf Häftlinge Spritzen gemacht, zum Beispiel 20 Kubikzentimeter Benzin intravenös gespritzt. So das nach paar Minuten ist der Mensch gestorben. Auf solche Weise hat man auf uns experimentiert. Man hat Frauen genommen, junge, 19 jährige schöne Frauen und verschiedene gynäkologische Operationen gemacht und sterile Operationen, so dass diese Frauen, wenn sie noch leben nie Frauen und Mütter sein werden.“ (O-Ton)

(Musikakzent)

Die Worte von Hella Goldstein und Hadassah Bimko über die grausame Behandlung der Häftlinge und die schrecklichen Zustände im Lager speichere ich in meinem Gedächtnis ab.

Ich verlasse den Filmraum und gehe nach draußen an die frische Luft.

Mich beschäftigt die Frage:

Wie sind wohl die Häftlinge damit klargekommen, dass so viele Menschen um sie herum starben und sich die Leichenberge auftürmten?

 

Ivan Lefkovits erzählt mir später:

 

„Das war eng. Direkt auf den Pritschen lagen Menschen, die schon gestorben sind und die konnte man nicht heraustragen, hatten wir keine Kraft. Und …, wir schliefen in Mitte(n) von Leichen.“ (O-Ton)

 

Wie geht man aber damit um, oder ist das Normalität geworden? Also ich stelle mir das schrecklich vor, wenn man zwischen den Leichen liegt oder sogar auf einer Leiche.

 

„Ja, aber spielt keine Rolle, weil man dachte: Ich sterbe auch jetzt. Ich bin eine von denen, da hat, jetzt hat (das) Leben eine andere Bedeutung, damals waren wir nahe dran.“ (O-Ton Ivan Lefkovits)

Arnost Basch schreibt in seinem Erinnerungsbericht von Samstag, den 14. April 1945:

„Rings um alle Baracken lagen noch immer tausende von Leichen, und immer neue kamen dazu. Es war unvorstellbar. Wir selbst waren so abgestumpft und geistesmüde, dass wir diesem Geschehen keine Beachtung schenkten“. (Sprecher P. Bieringer)

 

(Musik)

Eine weitere Frage, die ich mir stelle:

Welche Gefühle hatten die Häftlinge bei der Befreiung?

Die meisten Häftlinge waren unterernährt und krank. Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass das ganze Lager in einen Freudentaumel verfallen ist.

Die unterschiedlichen Reaktionen der befreiten Häftlinge beschreibt der Tagebucheintrag von Arnost Basch am Sonntag, den 15. April 1945:

„An diesem Morgen schien vollständige Ruhe zu herrschen … kein Wecken, kein Schlagen, jeder Einzelne war sich selbst überlassen…. Es war ein herrlicher Apriltag, die Sonne begann zu wärmen, und so legten wir uns zumeist auf Sandhügel und ruhten. …die meisten völlig erschöpft, hungrig und durstend, da seit einigen Tagen auch kein Wasser zu haben war. Und das Traurigste war, dass noch in den letzten Augenblicken vor der sich nähernden Freiheit für uns noch viele Kameraden an den bisherigen Entbehrungen und Leiden starben.

Aus der Ferne hörten wir Geschützfeuer, welches immer näher kam. Und plötzlich sahen wir auf dem kleinen Abschnitt der Landstraße in rascher Fahrt Panzerwagen und andere Militärfahrzeuge vorbeisausen. … kurz danach sahen wir weitere Fahrzeuge und sahen auf diesen einen weißen Stern. Nun hatten wir die Gewissheit, dass es sich um Angehörige der Alliierten handelt. Selbstverständlich herrschte unbeschreibbare Freude und Begeisterung im ganzen Lager, doch gab es auch viele, welche apathisch, teilnahmslos liegenblieben, was eben die Folgen der vollständigen Erschöpfung waren.

Endlich kam nach der großen Ungewissheit in das Lager ein Militärwagen, welcher ununterbrochen aus einem Lautsprecher uns alle aufforderte, Ruhe zu bewahren, aus dem Lager sich nicht zu entfernen, und es wurde uns auch gleichzeitig versprochen, unmittelbar Essen zu erhalten. Und dies war augenblicklich für uns das Wichtigste.

Auch versagten vielen von uns die Nerven, einige brachen bewusstlos zusammen, andere weinten … Man fiel sich in die Arme, schüttelte die Hände, küsste einander, kurz man konnte das große Glück der Befreiung und das Ende der unmenschlichen Leiden nicht fassen.

Und endlich war es soweit. Vor jeder Baracke wurde von einem Lastwagen eine entsprechende Anzahl von Konservenbüchsen abgeladen und verteilt. Wir erhielten je 1 Fleischkonserve und 1 Blechbüchse, in welcher sich Zigaretten, Kaffee, Kekse u.a. befanden. … Nur Trinkwasser gab es keines. Und so konnten wir bloß ein wenig unseren Hunger stillen und litten weiterhin unter entsetzlichem Durst.

(Musikakzent)

Ivan Lefkovits erzählt mir gerade, in welchem körperlichen Zustand er und seine Mutter bei der Befreiung waren:

 „ … wir waren in so einem schlechten Zustand, mit Fieber und so schwach, dass wir apathisch lagen da und eigentlich wir dachten, wir sterben. Und die Euphorie kamen mit dem, als wir gehört haben, dass die Briten sind da, es ist befreit. Ein paar Tage später war dann Wasser da.“ (O-Ton)

Weitere Reaktionen auf die Befreiung finde ich im Ausstellungskatalog der Gedenkstätte.

Catheryne Morgan war bei der Befreiung nicht euphorisch (Rechte von der Gedenkstätte erhalten):

„Es kam keine Euphorie auf. Wir wussten, dass wir befreit worden waren, aber ich konnte irgendwie nicht begreifen, dass es vorbei war. Ich war wie betäubt, anders kann man das nicht sagen. Ich wusste, was um mich herum passierte, aber ich konnte es nicht begreifen. Ich war lethargisch, ich lachte oder lächelte nicht, ich konnte mich nicht freuen.“ (Sprecherin Gudrun Stockmann)

Isabell Choko fragte sich, was diese Befreiung für sie bedeutet (Rechte von der Gedenkstätte erhalten):

Ich sah nach rechts und links und dachte: „Wir sind frei. Wir sind frei, aber wozu? Um zu sterben?“ Wir sind frei – aber was ist das, frei sein? Wir liegen auf dem Boden, ohne Nahrung, ohne zu trinken, in einem Zustand, den man nicht beschrieben kann. Man kann es nicht beschreiben! Inwiefern sind wir frei? Was ist das, frei sein? Frei wozu? (Sprecherin Gudrun Stockmann)

(Musikakzent)

Da ich mich bei der Gedenkstätte angemeldet habe, habe ich die Möglichkeit in der Bibliothek zu stöbern. Ich erinnere mich an das Buch “Konzentrationslager Bergen-Belsen“. Es erhält auch einige Dokumente der britischen Armee nach der Befreiung.

Ich finde die Texte und überfliege sie kurz:

Oberstleutnant Taylor, Kommandeur des 63. Anti-Tank-Regiment schreibt über die Übernahme des Lagers Bergen-Belsen am 15. 4.45. Der Bericht beginnt mit dem Treffen mit Oberst Karl Harries, dem stellvertretenden Kommandeur des Truppenübungsplatzes (gelesen von P. Bieringer):

„Harries sagte, da die Zuständigkeit alleine bei der SS liege, könne er keine Angaben über Zahlen oder Verzeichnisse der Inhaftierten machen.

Wachen und Hinweisschilder mit der Aufschrift „Typhus-Danger“ seien auf allen Zufahrtsstraßen zum Lager aufgestellt worden.

Bei der Ankunft der ersten britischen Truppen seien hinausgehende Telefonleitungen gekappt worden.“

Befragung des SS-Führer und Lagerkommandanten Josef Kramer:

Alle Unterlagen über die Inhaftierten seien auf Befehl aus Berlin vernichtet worden.

Ca. 40.000 Männer und Frauen seien im Lager. Ein großer Teil sei erst vor Kurzem aus einem anderen Lager gekommen.

Es gebe noch genügend Nahrung, um die Häftlinge 3 Tage zu ernähren.

Seines Wissens sei kein Häftling geflohen.“

(Musikakzent)

Über die Aufteilung des Geländes berichtet Oberstleutnant Taylor:

 

Die Unterkünfte der SS, Männer wie Frauen, und der Wachen der Wehrmacht sind vom Konzentrationslager durch einen 3 Meter hohen Stacheldrahtzaun scharf getrennt.

Später entdeckte ich, dass das Lager in sechs Bereiche unterteilt war. Diese waren durch Stacheldraht voneinander getrennt. Es gab vier Frauen- und zwei Männerbereiche mit insgesamt fünf Küchen.

Innerhalb der Stacheldrahtverschläge lagen etwa 100 Baracken, einige mit und andere ohne Schlafgelegenheiten. Es war vollkommen unmöglich, dass sich sämtliche Insassen gleichzeitig in der ihnen zugewiesene Baracke aufhalten konnten, weshalb ein großer Teil im Freien bleiben musste.“

(Musikakzent)

Er macht auch Angaben über den körperlichen Zustand der Häftlinge:

„Viele waren kaum mehr als lebende Skelette mit ausgezehrten, gelblichen Gesichtern. Die meisten Männer trugen gestreifte, strafanzugähnliche Kleidung, andere Lumpen, während die Frauen gestreifte Baumwollkleider oder irgendwelche anderen Kleidungsstücke trugen, die sie hatten auftreiben können. Viele hatten keine Schuhe, sondern nur Socken und Strümpfe.

Auf beiden Seiten des Weges lagen massenhaft Männer und Frauen. Andere liefen langsam und ziellos mit einem leeren Ausdruck in ihren ausgehungerten Gesichtern umher.“

(Musikakzent)

 

Auffindbare Wasservorräte:

„Neben der ersten Küche, die wir besichtigten, lag eine betonierte Grube mit etwas schmutzigem Wasser auf dem Grund – dies war der einzige auffindbare Wasservorrat; viele Menschen standen herum und versuchten, Gläser und Dosen an langen Stöcken zu füllen“.

Nach 21 Uhr gibt Oberstleutnant Taylor noch weitere Anweisungen zur Versorgung der Häftlinge:

„Dann sandte ich einen Verbindungsoffizier zum Hauptquartier des Corps mit der dringlichen Anforderung von Wasser, Lebensmittel und weiterer militärischer Unterstützung.“

 

16.4.1945

Lager 1

Mein Truppenkommandeur informierte mich, …viele seien offenbar verhungert und lägen entlang der Hauptlagerstraße und am Stacheldraht in ihren Verschlägen.

Kramer … führte uns zum Krematorium. Dieses bestand aus einem einzigen Ofen, der wegen Kohlenmangels seit einigen Wochen nicht mehr betrieben worden war. In der Nähe befand sich ein zugeschüttetes Massengrab.

Im Lager gab es keinerlei sanitäre Einrichtungen, nicht einmal Latrinengruben.

Oberstleutnant Michie berichtete später, er habe Aufstellungen gesehen, nach denen im März nahezu 17.000 Leichen verbrannt worden seien.

(Musikakzent)

 

Frauenlager:

„Dann fuhren wir durchs Frauenlager und sahen zwei große Haufen entkleideter Leichen und etwas weiter eine große Grube.

In jedem Stacheldrahtverschlag waren massenhaft Tote, und es war offenkundig, dass das gesamt Lager verhungern würde, wenn Nahrung und Wasser nicht bald kämen.“

Besuch des Lagers 2, dass erst eine Woche vorher eingerichtet worden war:

Hier waren die Bedingungen sehr viel besser, die Insassen … in steinernen Kasernen, aber es war auf den ersten Blick ersichtlich, dass die Mehrheit vor der Registrierung der Personalien verhungern würde.“

Antworten des SS-Kommandanten auf Fragen:

„ – Es seien 15.133 Häftlinge im Lager, keine Frauen.

  – Es gäbe Nahrungsmittel für 1 Woche, hauptsächlich Kartoffeln, Rüben, etwas Mehl, kaum Fleisch“

SS-Kommandant Kramer wird in einen Kellerraum unter den Offiziersquartieren gebracht.

 

17.4.1945

Die männlichen und weiblichen SS-Angehörigen aus Lager 1 werden festgenommen. Sie werden in Zellen direkt neben dem Konzentrationslager eingesperrt.

„Später wurden die Männer eingesetzt, Leichen vom Lager zur großen Grube zu befördern – die Frauen hatten sich dieser Arbeit dann ebenfalls anzuschließen. Ihnen wurden die gleichen (Lebensmittel]-Rationen zugeteilt, wie sie die Häftlinge vor unserem Eintreffen bekamen. In der ersten Nacht beging einer Selbstmord, zwei weiteren SS-Angehörigen misslang der Versuch. Am nächsten Tag versuchten zwei zu fliehen, wurden aber sofort erschossen.“

18.4.1945

„Kramer … wurde am 18. April ins Kriegsgefangenenlager Celle verlegt.

Ein befreiter britischer Gefangener von den Kanalinseln sagte aus, dass er Kannibalismus im Lager gesehen habe, und Major Barnett sah einen Leichnam, dem Fleisch fehlte.“

In der Nacht vom 16. auf den 17. April lag die Zahl der in den Krankenbaracken Gestorbenen annähernd bei 500, und ich denke, man kann die tägliche Todesrate ohne Übertreibung mit 500 bis 1000 angeben.“

(Musikakzent)

Ich finde auch den ärztlichen Bericht über die Situation in Bergen-Belsen vom 15.-19. April 1945 von Brigadier H.L. Glyn Hughes. Über die Wasserversorgung der Häftlinge schreibt er (Sprecher P. Bieringer):

„Es hatte einige Tage keines gegeben, da der elektrische Strom versagte. Es war bemitleidenswert, Männer und Frauen nackend in den Lagern stehen zu sehen, in dem Bemühen, sich mit einer Tasse voll Wasser sauber zu halten. In diesem Lager gab es keine Scham und kein Geschlecht.“

Es wurden vorläufige Maßnahmen vorgenommen, um die Zustände zu verbessern:

„Am Nachmittag des ersten Tages [Anm. 16. April] wurden 27 Wasserwagen vom 8. Korp zu Verfügung gestellt und eine Abendmahlzeit bestehend aus Konserven. Alle anfänglichen Lieferungen mussten natürlich sorgfältig bewacht und ihre Verteilung kontrolliert werden.

Die psychologische Wirkung dieser Fürsorge war erstaunlich und mit jedem Tage hob sich die Stimmung im Lager, die aus vollkommener Niedergeschlagenheit über ein langsames Wiederaufleben des Mutes zum Leben zur wirklichen Freude und Interesse am Leben wechselte. Eine gewaltige medizinische Aufgabe, die in der Beaufsichtigung der besonderen Ernährung und der Ernährung der vom Hungertode bedrohten [bestand], kann gar nicht überschätzt werden.“

(Musik)

Das Lager war befreit und auch geräumt worden. Oberst Bird, der Kommandeur 102. Kontrollabteilung hält am 21. Mai 1945 eine Gedenkrede.

Nach der Gedenkrede wird die letzte Baracke abgebrannt.

(Musikakzent)

Laut Schätzungen waren insgesamt ca. 120 000 Häftlinge im KZ Bergen-Belsen inhaftiert.

Ca. 10 000 Tote lagen unbegraben im Lager, als die britischen Soldaten in Bergen-Belsen eintrafen.

Ungefähr 55 000 [Häftlinge] sind befreit worden, aber von diesen sind nochmal etwa 14 000 [Häftlinge] seit dem 15. April … in den ersten 10-12 Wochen … an den Folgen der Haft gestorben“.

(O-Ton Rahe)

Für die Überlebenden wurden Lazarette und Durchgangslager eingerichtet.

Die Heimreise der Überlebenden wurde vorbereitet. Einige von konnten sehr schnell in ihre Heimat zurückreisen. Andere Überlebende mussten sehr lange warten, bis sie in ihr Herkunftsland zurückkehren konnten.

 

(Musikakzent)

Ich weiß, dass ich heute nur einen groben Überblick über die schrecklichen Zustände bei der Befreiung des KZ Bergen-Belsen geben konnte.

Das gesamte Ausmaß kann ich nicht erfassen. Wie konnte es so weit kommen?

Hatte die SS bei der Planung des Lagers Bergen-Belsen schon die Massenvernichtung im Sinn, den Tod durch organisierte Vernachlässigung?

Diese Fragen werden im 2. Teil der Radiosendung beantwortet.

 

© Ingeborg Lüdtke

Literaturnachweis:

  • Moi, Arne: Das Lager – Ein Norweger in Bergen-Belsen, 2002, Vandenhoeck & Ruprecht
  • Konzentrationslager Bergen-Belsen – Berichte und Dokumente, 2. Auflage 2002, Vandenhoeck & Ruprecht
  • Archiv Yad Vashem

Film:

https://www.youtube.com/watch?v=Ep3QkJTKqrE

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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