„Ich will mich nicht kleinkriegen lassen“

Charlotte Tetzner Hörsaal Uni Göttingen

Charlotte Tetzner Hörsaal Uni Göttingen

Interview mit der Zeitzeugin Charlotte Tetzner von November 1998 im Hörsaal der Universität Göttingen

Ingeborg Lüdtke:

Frau Tetzner, vorhin hat Herr Runge Sie ja schon einmal begrüßt und sich auch bedankt, dass Sie den weiten Weg gemacht haben, um uns als Zeitzeugin Fragen zu beantworten. Für Sie ist das ja auch aufregend, genau wie für mich, einmal aufregend durch die lange Fahrt. Das war auch nicht so einfach. [Anm.: Sie reiste von Gersdorf bei Chemnitz allein per Bahn an.] Es kommen durch den Film [Anm. „Fürchtet Euch nicht“ von Fritz Poppenberg] ja auch wieder Gefühle hoch. Für mich ist das heute auch etwas Neues, denn ich habe nie in einem solchen großen Rahmen Fragen gestellt. [Anm. ca. 90 Anwesende im einem Uni-Hörsaal in Göttingen]. Ich denke, wir beide schaffen das schon. Ich möchte auch mit den Fragen beginnen.

Ingeborg Lüdtke:

In den Film sagen Sie: „Da legte man uns etwas zum Unterschreiben vor. Meine Mutter hat das gar nicht gelesen und unterschrieben. [Anm: Gemeint ist eine Verpflichtungserklärung, die u. a. die besagt, dass man sich von den Lehren der Bibelforscher/Zeugen Jehovas abgewandt hat. Charlotte Tetzner geb. Decker und ihre Mutter waren als Angehörige des Kommunisten Anton Decker als politische Häftlinge inhaftiert worden. Nach dem Tod von Anton Decker sympathisierten aber mir den Zeugen Jehovas.] Was ist denn danach aus Ihrer Mutter geworden?

Charlotte Tetzner:

Meine Mutter hat Verbindung [zu den Zeugen Jehovas] aufgenommen. Sie hat mir das später erzählt. Sie lernte eine Schwester [Anm: Getaufte Zeugen Jehovas sprechen sich mit Bruder und Schwester an] aus Chemnitz kennen und mit der hat sie guten Kontakt gepflegt. Aber sie sagte mir auch noch etwas anderes. … Ein Neffe von ihr, der bei der SS war, das ist die Leibgarde, der hat sich an den Ortsgruppenleiter … gewandt und darum gebeten, dass meine Mutter doch überwacht werden sollte. Also, da ging es schon wieder weiter. Aber da ist ja nie etwas geschehen.

Ingeborg Lüdtke:

Es ist natürlich schön, dass Sie Ihre Mutter danach noch lebend wiedersehen konnten. Eine andere Sache steht auch in dem Zusammenhang mit diesem Zitat. Sie haben ja gesagt, dass Sie [die Verpflichtungserklärung] ja hätten unterschreiben können. Haben Sie denn jemals bereut, dass Sie dieses Papier nicht unterschrieben haben?

Charlotte Tetzner:

Nein niemals, denn es ist ja Reichtum für mich gewesen, ich hab ja etwas gefunden, was mich so ausgefüllt hat, was mich auch stark gemacht hat. Und ich … man sieht ja, es hat bis heute gehalten. Es ist im Herzen gewurzelt und was einmal da drin ist, das bleibt.

Ingeborg Lüdtke:

Sie haben dann aber auch erzählt, dass Sie jetzt Himmler gegenübergestellt wurden und das war natürlich jetzt auch nicht so einfach jetzt Ihren Standpunkt klar zu machen, obwohl Sie ja noch gar nicht solange den Glauben der Zeugen Jehovas angenommen hatten: Sie waren ja vorher Kommunistin. Wie haben Sie sich denn gefühlt in dieser Situation, als Sie vor Himmler standen?

Charlotte Tetzner:

Na ja, ich muss sagen, da war ich schon aufgeregt, denn wie ich schon im Film sagte, argumentieren konnte ich nicht. Ich habe [zu]gehört, das Gehörte in mich aufgenommen und ja die Schwestern haben mich [vorher] auch ein bisschen [moralisch] unterstützt und so konnte ich eben so reagieren vor dem Mann und ich könnte aber jetzt nicht sagen, was dieser Mann zu mir gesagt hat. Er hat mich sicher überzeugen wollen, aber das ist so an mir vorbeigegangen. Ich hab nur den einen Gedanken gehabt: … Ich will mich nicht kleinkriegen lassen. Nein, ich war auf Nein eingestellt.

Ingeborg Lüdtke:

Ich persönlich fand diese Haltung sehr mutig und es hat sehr positiv auf mich gewirkt.

In dem Film [Anm. „Fürchtet Euch nicht“ von Fritz Poppenberg] berichten Sie auch von dem grausamen Fußmarsch in dieser Nacht und Sie sagen wörtlich: „Bald schon sahen wir auf unserem Fußmarsch Männerhäftlinge liegen. Zum Teil erschossen und zum Teil erschlagen oder Sie wurden einfach weggeknallt. “Es ist ja so, dass der Tod immer wieder etwas Unnatürliches für uns ist und viele Menschen ja auch gar nicht damit umgehen. Wie haben Sie persönlich überhaupt diese grausamen Bilder überhaupt verarbeiten können? Es war ja nicht nur ein Toter, es waren Tote, es waren ja Leichenberge.

Charlotte Tetzner:

Ja nun, das war ja eigentlich schon von Anfang an … ich muss sagen Ravensbrück war beinah ein Vorzeige-Lager. Das war sauber, da gab es sogar Blumenrabatten vor den Baracken, jedenfalls solange ich dort war. Später ist es auch überbelegt gewesen und da war es dann auch nicht mehr so. Aber nun dieser Krasse Unterschied nach Auschwitz zu kommen: Lehm und Dreck und Gestank und diese MenschenMadame de Gaulle beschreibt das ja so wunderbar – [verhielten sie so] als ob das eine gestörte Persönlichkeit war. Also ob in den Menschen etwas [ab]getötet war. Diesen Eindruck hat [sie] ganz treffend bezeichnet. Und wenn man das auf einmal so sieht, da erstarrt man irgendwie erst einmal innerlich und das muss man erst mal alles [verarbeiten]. Man muss ja damit leben … und allmählich ist es auch so, dass einem dann das Gebet hilft und man sagt: „Na gut, wir gehören nicht zu den Juden.“ Die waren ja nur zur Vernichtung bestimmt und man hat dann doch irgendwie das Vertrauen gehabt, [das man überleben wird.] Und es ist auch so, dass man irgendwie sich ein bisschen einen Panzer schaffen musste, dass nicht alles so ganz innen drin beschädigt wird. Es lässt sich ganz schwer erklären. Man sah das täglich. Man sah die Selektionen und da wurden immer wieder die Kranken ausgewählt und auf einen bestimmten Block gebracht. Und dann kamen die Lkws du die Menschen wurden verladen. Die schrien. Die Aufseher, die dabei waren, stiegen noch auf die Trittbretter der Lkws und schlugen noch mit Knüppeln auf diese Menschen. Sie schlugen ihnen noch die Köpfe blutig und das muss man eben alles mit der Zeit von sich weisen können. So war dann auch das Ende ganz normal, dass dann Menschen die vielleicht nicht mehr konnten, erschossen oder erschlagen wurden.

Ingeborg Lüdtke:

Wie ist das heute so? Haben Sie davon noch Alpträume?

Charlotte Tetzner:

Nein, das habe ich nicht. Ich meine vielen mag das so gegangen sein, aber ich bin vom Wesen her ein fröhlicher Mensch. Das hat auch Auschwitz nicht totmachen können. [Ich bin] auch immer positiv. Das ist vielleicht der Grund, dass ich das hier alles zu verarbeitet hatte.

Ingeborg Lüdtke:

Eine andere Sache ist jetzt noch, dass mit der Zeitschrift der SPIEGEL im September (1998) ein Bericht durch die Medien ging,der berichtete, dass eine Jüdin sich mit dem NS-Arzt Dr. Münsch getroffen hat. Es sei sogar so weit gekommen ist, dass sie ihm die Hand gegeben hat. Es war so viel Unverständnis als Reaktion in den Leserbriefen zu hören. Man konnte nicht verstehen, wie sie ihm einfach zur Versöhnung die Hand geben konnte.

Wie war das bei Ihnen persönlich, haben Sie jemals Hass gegenüber Ihren Verfolgern empfunden?

Charlotte Tetzner:

Nein, Hass nicht eher eigentlich Mitleid mit diesen [Menschen] ja, die sind ja irgendwie … durch diesen Hitler [verführt worden], der hat ja eine Art gehabt, dass er alle mitgerissen hat und ich meine, wie das alles vorbei war, dann ist bestimmt ein mancher gewesen, der sich doch Gedanken gemacht hat. Zumindest wissen wir es ja .., von einem Fall und zwar aus dem Standhaft-Film [„Standhaft trotz Verfolgung“, Hrsg. Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas], dass ein SS-Mann oder ein Offizier sogar von der Wewelsburg später ein Bruder [Zeuge Jehovas] geworden ist. Und so muss man immer denken, dass die [Menschen] von Grund auf ja nicht böse sind, sie sind aber manipuliert worden und sie haben sich manipulieren lassen.

Ingeborg Lüdtke:

Was können Sie uns jetzt heute so auf den Weg noch geben?

Charotte Tetzner:

Nun, dass wir unseren Kopf selbst zum Denken brauchen, dass wir überlegen, was wir tun, dass wir vor allen Dingen keine Menschenfurcht haben. Denn Menschenfurcht legt eine Schlinge und es ist gut, wenn wir konsequent, das was wir als Recht empfunden haben, auch tun und nicht mit der Masse gehen.

Ingeborg Lüdtke:

Vielen Dank für das Gespräch. Es sind jetzt bestimmt noch viele Fragen offen, aber die Zuhörer können dann noch Fragen direkt an Sie stellen. Ich gebe jetzt erstmal das Wort wieder an Herrn Runge zurück.

(Charlotte Tetzner ist inzwischen verstorben.)

© Copyright Ingeborg Lüdtke

Charlotte Tetzner geb. Decker

Geboren: 1920
Geburtsort: Chemnitz
Verhaftet: 15.4.41
Verhaftungsgrund: kommunistischer Vater
KZ: KZ Ravensbrück: ca. Mai 41 – Oktober 42, danach KZ Auschwitz-Birkenau und KZ Mittelbau-Dora

Buchveröffenlichung: Charlotte Tetzner, Frierende, 2004, Klartext Verlag, Essen

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