KZ-Außenlager Bad Gandersheim: Todesmarsch und Gerichtsurteil

Ein Sendung vom 3. April 2000 über den Todesmarsch vom KZ-Außenlager Brunshausen bei Bad Gandersheim, der am 4.4.1945 begann und dem dazugehörigen Göttinger Gerichtsurteil

Am 4. April 2000 jährt sich der Beginn des Todesmarsches vom KZ-Außenlager

Klosterkirche Brunshausen

Klosterkirche Brunshausen

Brunshausen zum 55. Mal. Das ehemalige KZ-Außenlager Brunshausen lag bei Bad Gandersheim. Anlässlich des Jahrestages findet am 4. April 2000 in der ehemaligen Klosterkirche Brunshausen eine Sonderveranstaltung um 19 Uhr statt. Der Historikers Dr. Joachim Neander spricht über das Thema „Die Ermordung von Zeugen Jehovas auf dem Todesmarsch vom KZ Bad Gandersheim“.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich war sehr erstaunt zu lesen, dass es in Bad Gandersheim ein KZ gegeben hat. Bei Bad Gandersheim fallen mir immer nur die Domfestspiele ein.

Inzwischen habe ich einige Nachforschungen angestellt und bin folgenden Fragen nachgegangen:

Wo befand sich das KZ in Bad Gandersheim? Worin bestand die Tätigkeit der KZ-Häftlinge?

Was hat es mit dem Todesmarsch auf sich?

Und vor allem, was hat dies mit Göttingen zu tun?

In dem „Heimatgeschichtlichen Wegweiser zu Stätten des Widerstandes“ und der Verfolgung 1933-1945, Bd. 2 fand ich folgenden Hinweis.

Ich zitiere auszugsweise:

Klosterkirche Brunshausen bei Bad Gandersheim

Klosterkirche Brunshausen bei Bad Gandersheim

„Von Anfang Oktober 1944 bis zum 4.4.1945 bestand im heutigen Ortsteil Brunshausen ein Außenkommando des Konzentrationslagers Buchenwald. In der ehemaligen Kirche des Klosters Brunshausen wurden zunächst etwa 250 Häftlinge untergebracht; deren Zahl stieg dann auf über 500 bis zur Evakuierung im April 1945. Am 4.April 1945 wurde dieses Außenkommando vor den näherkommenden US-Truppen „evakuiert“, und zwar in zwei Richtungen: zum Ort

Massengrab im

Massengrab im Wäldchen bei Clus

Meßdorf …, wo die Gefangenen am 12. April 1945 ankamen; und in Richtung Dachau, das nur noch ein Teil der Häftlinge am 27./28.April 1945 erreichte. Vor dem Abmarsch in Richtung Dachau kam es zu einer brutalen Vernichtungsaktion: Am frühen Morgen wurden etwa 40 kranke und schwache Häftlinge in ein Wäldchen bei Clus getrieben dort erschossen und in einem Massengrab verscharrt.“

Ich hatte Gelegenheit den Historiker Dr. Joachim Neander persönlich über das KZ Bad Gandersheim zu befragen.

Ingeborg Lüdtke:

Herr Dr. Neander, zunächst möchte ich Sie bitten, erstmal etwas über Ihre Person zu berichten.

Dr. Joachim Neander:

Ich bin Lehrer in Clausthal am Gymnasium Robert-Koch-Schule [Anm.: inzwischen pensioniert]. Unterrichte Mathematik und Physik und beschäftige mich seit etwa 7 Jahren mit der Geschichte der Konzentrationslager in der Harzregion. Ich bin darauf gekommen, weil ich eine Arbeit von Schülern und Schülerinnen betreut habe, die sich am Geschichtswettbewerb um den Preis des Bundespräsidenten beteiligt haben und wir haben uns hier ein Denkmal für ermordete KZ-Häftlinge angeschaut, dass hier in der Nähe von Clausthal Zellerfeld steht und das war das Interessante dabei. Es wurde immer in der bisherigen Literatur geschrieben, es seien Häftlinge des KZ Dora Mittelbau gewesen, aber wir haben nachweisen können, dass es sich um Häftlinge des KZ Gandersheim gehandelt hat.

Ingeborg Lüdtke:

Das ehemalige KZ in Bad Gandersheim befand sich ja in Brunshausen in der ehemaligen Klosterkirche. Welche Tätigkeiten hatten die Häftlinge dort auszuführen?

Dr. Joachim Neander:

Die Häftlinge mussten in einem Zweigwerk der Heinkel-Flugzeugwerke [arbeiten], das von Mielec in Polen im Sept. 1944 nach Bad Gandersheim verlegt wurde und zwar mussten sie dort aus Halbfabrikaten Flugzeugrümpfe montieren.

Ingeborg Lüdtke:

Das KZ Bad Gandersheim war ja eine Außenstelle von dem KZ in Buchenwald. Kann man die Zustände in dem KZ Bad Gandersheim mit den Zuständen in Buchenwald gleichsetzen?

Dr. Joachim Neander:

Nein, das kann man nicht. Buchenwald, war ein großes Stammlager mit einer großen eingespielten Organisation, sowohl innerhalb der SS als auch der Häftlinge. Gandersheim war ein kleines KZ. Es hatte im Schnitt etwas 500 Häftlinge und all das, was man so aus den großen Konzentrationslagern hört, das gab es dort nicht. Es war also ein reines Arbeits-KZ. Die Häftlinge hatten nichts weiter zu tun, als dort unter ziemlich schrecklichen Bedingungen Sklavenarbeit für einen Rüstungsbetrieb zu leisten.

Ingeborg Lüdtke:

Ist auch bekannt welche Häftlingsgruppen es in dem KZ gab?

Dr. Joachim Neander:

Ja, es heißt, dass es Häftlinge aus 14 Nationen waren. Ich weiß es also nicht ganz so genau, weil ich nicht die Lagerkartei zu Gesicht bekommen habe, aber ich kann anhand der Unterlagen, die ich eingesehen habe folgende aufzählen: Reichsdeutsche, Volksdeutsche, Franzosen, Italiener, Russen, Ukrainer, Polen, Spanier, Holländer … ja, das sind schon mal eine ganze Menge.

Ingeborg Lüdtke:

Ja, das stimmt.

Dr. Joachim Neander:

Und unter den Deutschen befanden sich auch zwei Zeugen Jehovas, damals noch im KZ-Jargon als Bibelforscher bezeichnet.

Ingeborg Lüdtke:

In Ihrem Vortrag referierten Sie über „Die Ermordung von Zeugen Jehovas auf dem Todesmarsch vom KZ Bad Gandersheim“. Können Sie uns Näheres über den Todesmarsch berichten?

Dr. Joachim Neander:

Ja, das KZ wurde am 4.April 1945 evakuiert, wie das so schön heißt. Die Häftlinge mussten also zu Fuß abmarschieren. Wohin sie sollten, dass ist nicht ganz bekannt. Ich vermute, weil sie die erste Woche lang in Richtung Osten … Nordosten marschiert sind, dass sie möglicherweise zu dem KZ Heinkelwerke Oranienburg sollten. Es würde auch naheliegen, weil sie auch für Heinkel gearbeitet haben. Es wurden am Morgen des Abmarsches 40 Häftlinge in ein Wäldchen nahe den KZ geführt. Man hat den Häftlingen gesagt, man brächte sie nach Bad Gandersheim ins Lazarett und man hat sie dort ermordet, verscharrt. Es [ist] dann auf der ersten Etappe von Bad Gandersheim nach

Gedenkstein Bernhard Döllinger

Gedenkstein Bernhard Döllinger

Bad Grund, … ein Häftling ermordet worden und zwar eben ein Zeuge Jehovas von dem wir den Namen nicht kennen. Das nächste Todesopfer auf dem Marsch war dann am Morgen des 4. April bei Bad Grund Bernhard Döllinger, ein Bibelforscher, über dessen Ermordung wir sehr genau Bescheid wissen. Die nächsten Zwei waren Franzosen, die etwas 500 m weg von der Stelle, wo Döllinger ermordet wurde, ermordet wurden. Dann sind auf dem Wege von Clausthal Zellerfeld nach Braunlage 21 Häftlinge bei Clausthal Zellerfeld ermordet worden und dann weiß ich noch definitiv, dass ein Häftling in Werningerode gestorben ist oder ermordet wurde. Also das weiß ich nicht genau, dass der dort begraben wurde, auf dem Gelände der Ziegelei Heuer, wo die Häftlinge zwei Tage geblieben waren. Der Marsch ist dann zu Fuß weitergegangen bis nach Maisdorf. Das liegt in der Nähe von Thale im Ostharz, nicht Meßdorf wie im „Heimatgeschichtlichen Wegweiser“ steht. Und dort hat sich der Transport praktisch aufgespalten. Eine größere Gruppe Polen und Russen konnte fliehen und der Rest, [der] dann noch ein Stück mit Treckern weitertransportiert [wurde], musste dann wieder zu Fuß marschieren bis Bitterfeld. [Er] ist dann von da auf die Bahn verladen worden [und] über Dresden, Prag nach Dachau gekommen und ist … am 27.April eingetroffen. Zwei Tage bevor das Lager von den Amerikaner befreit wurde. Von den etwas über 500 Häftlingen dürften einschließlich derjenigen, die fliehen konnten, maximal 150 überlebt haben. Deshalb ist dieser Evakuierungstransport zurecht als Todesmarsch bezeichnet worden.

Ingeborg Lüdtke:

Gibt es denn auch noch einen Zeitzeugenbericht von einem Überleben?

Dr. Joachim Neander:

Der französische Literat Robert Antelme [Antelme geschrieben), hat ein Buch geschrieben, kurz nach seiner Befreiung. Dieses Buch ist auch auf Deutsch übersetzt [worden]. Seit 1987 [ ist es] erhältlich unter dem Titel „Das Menschengeschlecht“ und er beschreibt sehr ausführlich die Lebensbedingungen im KZ Gandersheim und auch den ganzen Evakuierungsmarsch bis Dachau.

Ingeborg Lüdtke:

Und was uns als Göttinger noch ganz besonders interessiert ist: Welche Verbindung besteht zwischen dem KZ Bad Gandersheim und Göttingen?

Dr. Joachim Neander:

Ja, also die Beziehung, die mir da als erstes auffällt, ist eben die, dass im Juli 1949 ein Prozess vor dem Schwurgericht in Göttingen stattfand gegen einen SS-Mann [Anm.:Albert Jokussies] und einem Kapo [Anm.: Friedrich Sohl], als einen Häftling, der mit Wachfunktion auf dem Todesmarsch beauftragt war. Die beide (wurden] angeklagt und auch verurteilt, … an der Ermordung dieses Zeugen Jehovas Bernhard Döllinger bei Bad Grund beteiligt gewesen zu sein. Dieser Prozess ist in Göttingen geführt worden und das ist also sozusagen einmal die nächste Verbindung zwischen Göttingen und dem KZ Gandersheim.

Spercherin:

Vielleicht haben Sie sich auch gerade gefragt, wie hoch das Strafmass für die beiden Angeklagten war?

Das Urteil lautete: (Originalton von Dr. Joachim Neander aus dem Alten Rathaus)

„Im Namen des Rechts – Strafsache gegen den Transportarbeiter Albert Jokkussies … und den Bürstenmacher Fritz Sohl … wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit in Tateinheit mit Beihilfe zum Mord. Das Schwurgericht in Göttingen hat in der am 6.Juli 1949 begonnen und am 7. Juli 1949 beendeten Sitzung für Recht erkannt: Die Angeklagten werden wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit, in Tateinheit mit Beihilfe zum Mord ein jeder zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt [Anm.: Zitat Adelheid Rüter-Ehlermann/ C.F. Rüter: Justiz und NS-Verbrechen]“

Allerdings brauchten die beiden in Göttingen Verurteilten die Strafe nicht voll absitzen. Albert Jokussies kam aufgrund eines Gnadengesuchs im September 1951 frei. Fritz Sohl kam schon im Juli 1951 frei.

An den Stätten, wo die beiden „Zeugen Jehovas“ ermordet wurden, erinnert bisher nichts und niemand an das Verbrechen. Dies soll nun anders werden.

Am 5. April 2000 findet die Übergabe eines Gedenksteines [Anm.:s.o. Foto des Gedenksteines für Bernhard Döllinger] bei Bad Grund unterhalb des Parkplatzes „Iberger Tropfsteinhöhle“ im Teufelstal statt. Die Grußworte wird der Bürgermeister von Bad Grund Dr. Wolfgang Domröse sprechen.

Anschließend gibt es noch einige „erläuternde Worte zur Ermordung des Zeugen Jehovas Bernhard Döllinger“ von Dr. Joachim Neander.

Schlusswort:

Vielleicht hat sich nun der eine oder andere gesagt:

„ Das ist ja alles sehr schrecklich, aber warum können wir die Vergangenheit nicht endlich ruhen lassen? Heute wird doch niemand mehr auf die Idee kommen diese Vergangenheit zu wiederholen.“

Wurde aus der Vergangenheit tatsächlich gelernt?

Wie sieht es heute in einigen Teilen Europas mit der Menschlichkeit aus?

Wie menschlich ist der Mensch?

© Ingeborg Lüdtke

Bilder: Mit freundlicher Genehmigung von Karlo Vegelahn

Literaturhinweis:

Adelheid Rüter-Ehlermann/ C.F. Rüter: Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen Nationalsozialististischer Tötungsverbrechen 1945-1966. Bd. 5. Die vom 03.06.1949 bis zum 21.12.1949 ergengenen Strafurteil Lfg. Nr. 148-191. Bearbeitet im „Senarium voor Strafrecht en Strafrechtspleging Van Hamel“ der Universität von Amsterdam. University Press Amsterdam, Amsterdam 1970, S.. 127-138

Petra Schmidt/Victoria Breitenfeld, Opfer und Täter in einer Person. Zwei Biographische Skizzen aus: Dachauer Hefte Nr. 10 (November 1994): „Täter und Opfer“. S. 167-190

„Heimatgeschichtlichen Wegweiser zu Stätten des Widerstandes“ und der Verfolgung 1933-1945, Bd. 2: Niedersachsen I.Regierungsbezirke Braunschweig und Lüneburg. Hrsg. Studienkreis zur Erforschung und Vermittlung der Geschichte des Widerstandes 1933-1945 und dem Präsidium der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten, Pahl-Rugenstein Verlag, S. 33

Ulrike Puvogel/ Martin Stankowski unter Mitarbeit von Ursula Graf, Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. Eine Dokumentation. 2. überarbeitet Auflage, Hrsg. Bundeszentrale für politische Bildung. S. 376-377

Joachim Neander, Giovanni aus: Allgemeiner Harz-Berg-Kalender für das Jahr 1995, Piepersche Druckerei GmbH, Clausthal-Zellerfeld, 1994, S.20-25

Zeitschrift „Südniedersachsen“, Hrsg. Verein Südniedersächsischer Heimatfreunde e.V., Northeim 1999, Beitrag von Joachim Neander (weitere Angaben nicht bekannt)

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