Leopold Engleitner: Film „100 Jahre ungebrochener Wille“ (ungekürzt)

Die Sendung wurde am 25. Juli 2006 im StadtRadio Göttingen ausgestrahlt und mehrfach wiederholt.

Sprecherin:

Können Sie sich vorstellen 100 Jahre alt zu werden? Und angenommen Sie wären jetzt 100 Jahre alt, auf welchen Lebenslauf könnten Sie jetzt zurückblicken?

Der Österreicher Leopold Engleitner wurde am 23. Juli 2005 hundert Jahre alt. Er stammt aus St. Wolfgang im Salzkammergut.

Leopold Engleitner

Leopold Engleitner

Der 100 Jährige stellte am 21. Januar 2006 an der Universität Innsbruck den Film und das Buch “100 Jahre ungebrochener Wille” von Bernhard Rammerstorfer vor.

Engleitner RammerstorferIch hatte Gelegenheit mit dem österreichischen Buchautoren und Filmemacher Bernhard Rammerstorfer telephonisch zu sprechen. eine erste Frage an ihn war:

Wann und wo haben Sie Leopold Engleitner das erste Mal getroffen?

Ich habe Leopold Engleitner 1994 zufällig im Kurpark von Bad Ischl kennengelernt und habe mich auf die Parkbank zu ihm gesetzt. Er hat mir seine Geschichte erzählt und erzählte mir, dass er in drei Konzentrationslagern gewesen ist. Das hat mich sehr interessiert und daraufhin hat er mich zu sich nach Hause eingeladen uns so habe ich seine Geschichte nach und nach erzählt bekommen.

Sprecherin:

Es ist zwischen Ihnen auch eine intensive Freundschaft entstanden. Warum ist Ihnen diese Freundschaft wichtig?

Rammerstorfer:

Mich hat vor allem bedrückt, dass er in seinem Leben immer wieder von seinen Verwandten und Freunden enttäuscht und auch erniedrigt wurde. Da war klar für mich, dass diese Freundschaft, die damals begonnen hat, wirklich lange dauern und zwar bis zu seinem Lebensende dauern sollte.

Sprecherin:

Nicht jeder berichtet in einem Buch oder Film über seinen besonderen Freund. Wie kamen Sie auf die Idee die ungewöhnliche Lebensgeschichte von Leopold Engleitner als Buch und Film zu veröffentlichen?

Rammerstorfer:

Zum einem war ich fasziniert und beeindruckt von seiner Geschichte und ich wollte diese Geschichte für die Nachwelt aufzeichnen, sodass zukünftige Generationen eine Lehre aus seinem Leben ziehen können. In dem Buch ergab sich die einmalige Gelegenheit einen Zeitzeugen zu fragen, wie er in den verschiedensten Situationen gefühlt: Was waren seine Ängste und Sorgen. Es ist ein großer Unterschied zu einer Biographie, die man nur aufgrund von Gerichtsakten oder anderer Unterlagen erstellt. Ich wollte auch unbedingt einen Film machen, weil der Film die Möglichkeit bietet, die Geschichten von Leopold Engleitner selbst erzählt zu bekommen. So konnte ich dokumentieren, wie er erzählt, denn er erzählt auf eine ganz besondere Art. Das kann nur der Film wiedergeben.

Sprecherin:

Für Ihren Film und das Buch war eine intensive Recherche nötigt.
Stießen Sie bei Ihren Recherchen auch auf Widerstand?

Rammerstorfer:

Also zu Beginn war es sehr schwierig. Ich habe bei sämtlichen Archiven nachgefragt, ob es noch Akten aus den 1930er Jahren über die Gerichtsverfahren geben würde, die gegen Leopold Engleitner geführt wurden. Ich bekam jedes Mal die Antwort, dass alles vernichtet wäre. Man sagte mir, dass es eine Gerichtsordnung gäbe, die besagt, dass alle Akten nach 30 Jahren vernichtet werden. Ich habe mich aber nicht entmutigen lassen. Ich bin dann persönlich in das Landesarchiv von Oberösterreich gegangen und habe dort sämtliche Strafverfahren aus den 1930er Jahren durchgesehen. Ich bin zufällig auf ein Strafverfahren gegen Leopold Engleitner aus dem Jahre 1936 gestoßen. Darin habe ich dann Aktenzahlen von anderen Gerichtsverfahren gefunden und mit Hilfe dieser Aktenzahlen habe ich dann sämtliche Gerichtsverfahren gegen Leopold Engleitner aus den 1930er Jahren erhalten. Das war sehr bedeutsam, denn so konnte ich die damalige Vorgehensweise der Behörden besser verstehen, aber auch die Probleme, denen Herr Engleitner gegenüber gestanden hat. Vor allem die Originalprotokolle sind sehr beeindruckend, da man dort wirklich Wort für Wort lesen kann, was Leopold Engleitner von sich gegeben hat, als er vor dem Tod stand. Das ist sehr beeindruckend für mich gewesen.

Sprecherin:

Was hat sie an der Lebensgeschichte besonders fasziniert?

Rammerstorfer:

Mich hat besonders fasziniert, dass Leopold Engleitner als einfacher Bauernknecht den Mut aufbrachte “Nein“ zum Kriegsdienst zu sagen, obwohl er gewusst hat, das er dadurch mit den schlimmsten Folgen rechnen musste und dass er diesen enormen Druck des Hitler-Regimes stand zu halten vermochte. Wenn man bedenkt, dass dieses totalitäre Regime ganze Massen mobilisierte, aber den Willen eines einfachen Bauernknechtes nicht brechen konnte, dann ist das, denke ich, etwas ganz besonderes. Obwohl er jahrzehntelang nach dem Krieg als Feigling oder Vaterlandsverräter dargestellt und von seiner Umgebung kaum wahrgenommen wurde, hat er sich seine positive Lebenseinstellung bewahrt. Das ist auch etwas, was mich sehr beeindruckt hat.

Sprecherin:

Wie finanzieren Sie die Veröffentlichung des Buches und des Filmes?

Rammerstorfer:

Es ist interessant, dass sich zu Beginn kein Verlag gefunden hat, dieses Buch zu veröffentlichen. Es war nur möglich, dass ich es im Eigenverlag herausgebracht habe. Das hat die Aufnahme eines Kredites vorausgesetzt. Das ganze Projekt wird auch dadurch finanziert, dass ich meine Privatersparnisse investiere und eigentlich damit auch ein hohes finanzielles Risiko trage. (Das Projekt wird auch durch Spenden z.B. der Arnold-Liebster-Stiftung unterstützt.)

(Musik)

Sprecherin:

Der Film „100 Jahre ungebrochener Wille“ zeigt einige Stationen des Lebens von Leopold Engleitner.

Leopold Engleitner ist Kaiser Franz Joseph I. als Kind mehrfach begegnet. Er berichtet:

„Anlässlich eines Sommerbesuches wollte der Kaiser noch einmal alle Schulkinder von Bad Ischl sehen. Wir mussten daher Spalierstehen vom Bahnhof bis zur Kaiservilla.“

Sprecherin:

Im Sommer 1930 nahm der arbeitslose Leopold Engleitner eine Statistenrolle an.

„Im Sommer 1930 war Sankt Wolfgang Schauplatz von Dreharbeiten für den Film ‚Liebling der Götter’. Der Kammersänger, Albert Winkelmann dargestellt von Emil Jannings, kehrte nach einer Südamerika Tournee in seine Heimat zurück. Leopold Engleitner musste ihn als Statist in der jubelnden Menge einen feierlichen Empfang bereiten. Dabei brillierte Hans Moser als Komödiant, während Engleitner in den hinteren Reihen seine Statistenrolle erfüllte.“ (Filmsprecher)

Sprecherin:

Aufgrund seiner religiösen Überzeugung als Zeuge Jehovas verweigerte er während des Nazi-Regimes den Dienst in der deutschen Wehrmacht. Er kam deshalb in die Konzentrationslager Buchenwald, Niederhagen und Ravensbrück.

Leopold Engleitner kam am 09. 10. 1939 in das Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar, in dem er bis 07. 03. 1941 bleiben sollte.

Wann wurde das KZ Buchenwald eingerichtet?

Der stellvertretende Gedenkstättenleiter Rikola-Gunnar Lüttgenau erklärte:

Das KZ-Buchenwald ist 1937 durch die SS eingerichtet worden. Es war ein KZ einer wirklich neuen Generation. Die ersten KZ´s dienten1933 direkt nach der Machtergreifung vorrangig noch der Bekämpfung des politischen Gegners. Viele, auch die Nationalsozialisten gingen davon aus, dass man die KZ´s nicht mehr brauchen würde, wenn der Widerstand gebrochen wäre. Man dachte: „Wir lösen alle KZ´s auf.“ Und da ist Heinrich Himmler im Oktober 1936 zu Adolf Hitler gegangen und hat gesagt: „Wir sind hier nicht als Nationalsozialisten eingetreten, um nur die Macht zu erringen. Das wäre zu wenig. Wir wollen eine neue rassisch definierte Gesellschaft aufbauen.“ Und da gehören eben viele nicht dazu: Homosexuelle, Zeugen Jehovas, wie renitente Kommunisten, Asoziale und Obdachlose. All solche wollten sie eben nicht mehr in der deutschen Gesellschaft haben. Das war ihre sozial-rassistische Perspektive. Dafür haben sie eine Art Masterplan entwickelt und 3 große Männerlager neu aufgebaut, das heißt Sachsenhausen war für Norddeutschland zuständig, für Mitteldeutschland Buchenwald und für Süddeutschland Dachau. Für die Frauen ist dann das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück nördlich von Berlin aufgebaut worden.

Sprecherin:

Über die verschiedenen Opfergruppen sagte Rikola-Gunnar Lüttgenau:

BuchenwaldBuchenwald war für Mitteldeutschland zuständig, das heißt die Gestapostellen verhafteten Menschen aus Mitteldeutschland und brachten sie dann nach Buchenwald. Das waren in den Friedenszeiten Deutsche. Das Lager ist zunächst für Deutsche errichtet worden, dass heißt für Homosexuelle, für Obdachlose, für renitente politische Gegner, von den man glaubte, dass man sie nicht mehr in die Gesellschaft zurück lassen könne. Zunehmend nach dem November-Pogrom 1938 wurden Juden inhaftiert. Das änderte sich mit Kriegsbeginn, weil dann sowohl die rassistische Verfolgung von slawischen Völkern, vor allem aus der Sowjetunion und Polen, aber vor allem auch die rassische Verfolgung von Juden und Sinti und Roma anhob. Diese wurden dann auch in die Lager und vor allem auch in das Konzentrationslager Buchenwald verbracht. Sodass am Ende des Krieges 1944/45 nur noch etwa minimal 4-5% deutscher Häftlinge im Lager waren.

Sprecherin:

Wie wurden die Häftlinge im KZ Buchenwald von der SS behandelt?

Rikola-Gunnar Lüttgenau:

Zunächst nannte man das Lager offiziell Arbeitserziehungslager. Die Erziehung bestand darin, die Menschen durch Arbeit zu brechen. Arbeit hatte keinen normalen Sinn und Zweck zum Beispiel etwas zu produzieren, sondern der einzige Produktionszweck war die Menschen zu brechen. Man musste in den Steinbruch hinein, dann hat man den einen Tag die Steine von links nach rechts und am nächsten Tag von rechts nach links getragen. Es ging lediglich um das Brechen der Menschen in ihrem Willen, zum Beispiel als Zeugen Jehovas oder als politische Häftlinge. Das ist häufig nicht gelungen. Erst nach der Wende des Krieges in Stalingrad ging die SS dazu über, die Arbeitskraft der Häftlinge an die Rüstungsindustrie zu vermieten. Die Arbeit diente dann nicht mehr dazu, die Häftlinge zu brechen, sondern sie produktiv einzusetzen. Das war mit vielen Schwierigkeiten verbunden, da die SS-Männer nicht darauf getrimmt waren. Dadurch ging es den Häftlingen nicht besser, denn gleichzeitig überschnitt sich diese andere Aufgabe der SS damit, den Holocaust durchzuführen. Das heißt die Häftlinge, auch jüdische Häftlinge sollten noch zur Arbeit gepresst werden, um sie auszubeuten. Gleichzeitig lief die große Vernichtungsmaschinerie der Konzentrationslager im Osten der sogenannten Vernichtungslager an, wo jüdische Häftlinge und Sinti und Roma aus den Konzentrationslagen aus dem Arbeitsprozess herausgenommen wurden, um sie in Auschwitz und anderen Lagern in Gaskammern zu ersticken.

Sprecherin:

Das KZ-Buchenwald war selbst kein Vernichtungslager. Hier gab es keine Vergasungen.

Erschießungen an den eigentlichen KZ-Häftlingen gab es nicht, aber:

Neben dieser SS-und NS-Normalität in den Konzentrationslagern gab es noch zusätzliche Aufgaben, die die Konzentrationslager übernehmen mussten. Innerhalb des Krieges gab es 1941 dem sogenannten „Kommissarbefehl“, dass heißt: Die politischen Kommissare in der sowjetischen Armee, häufig auch Juden waren, wurden durch die Gestapo vorher herausselektiert und an der Front durch die Wehrmacht erschossen. Aber auch in den Kriegsgefangenenlagern hat die Gestapo die sowjetischen Soldaten herausselektiert. Sie sind dann in die Konzentrationslager verbracht worden. Genauer gesagt nicht in die Lager selbst, sondern sie sind in Tötungseinrichtungen gebracht worden.

Man hat in Buchenwald einen ehemaligen Pferdestall als Krankenhaus getarnt, sie sollten glauben, dass die sowjetischen Soldaten untersucht werden sollten. Dort war dann eine Vorrichtung für das Messen der Körpergröße, wo ein SS-Mann den jeweils vorgetretenen sowjetischen Soldaten einen Genickschuss versetzte. Auf dese Art und Weise sind in Buchenwald über 8000 sowjetische Soldaten in Buchenwald umgebracht worden. (Rikola-Gunnar Lüttgenau)

Sprecherin:

In Buchenwald gab es auch medizinische Versuche.

Rikola-Gunnar Lüttgenau:

Dieser geringe Wert, den die Menschen hatten, drückt sich darin aus, dass dann die Häftlinge auch den Hygiene-Instituten der Waffen-SS und anderen Medizinern zur Verfügung gestellt wurden, um Experimente zu machen. Zum Beispiel gab es Experimente mit Typhus. Es wurde geschaut, wie Menschen an Fleckfieber erkrankten oder nicht. Daran sind viele Häftlinge gestorben und diejenigen, die nicht gestorben sind, hat man nach den Experimenten dann auch getötet. Man wollte durch Operationen und andere abstruse medizinische Experimente Homosexuelle heilen und sie heterosexuellen machen. Das hat es auch in Buchenwald gegeben. Menschen waren keine Menschen, sondern galten als Experimentiermasse und als solches hat sie die SS auch zur Verfügung gestellt.

(Musikakzent)

Insgesamt sind über 56.000 Menschen von der Viertelmillion Menschen, die im KZ inhaftiert waren, hier in Buchenwald gestorben.(Rikola-Gunnar Lüttgenau)

(Musik)

Sprecherin:

Über die erste Zeit im KZ-Buchenwald berichtet Leopold Engleitner:

EngleitnerIn dem Wachzimmer hat mir das Aufsichtsorgan Fragen gestellt, die unmöglich zu seiner Zufriedenheit beantworten hätte können. Also musste ich mich jetzt über eine Bank hinüber beugen. Dann hat er mich mit einem spanischen Stock kräftig auf den Rücken und Hintern geschlagen. Dabei nahm er das dünne Ende des Stockes in die Hand und mit dem dicken Ende drosch er auf mich ein. Und weil ihm das auch nicht ausreichte, hat er gesagt: “Ich muss dich erschießen.” Aber er erlaubte mir, noch eine Abschiedskarte nach Hause zu schreiben. Jetzt hat er mir eine Karte hergelegt und wie ich schreiben wollte, hat er mich am Ellbogen immer wieder gestoßen, sodass die Karte voller Gekritzle war. Dann schrie er: „Schau dir diesen Trottel an, nicht einmal schreiben kann er, aber Bibellesen kann er.“ Dann zog er die Pistole ganz umständlich heraus, dass ich Zeit zum fürchten hätte und schließlich setzte er sie mir an die Stirn an und fragte mich: „Jetzt ziehe ich ab, bist du gefasst.“ „Jawohl, ich bin gefasst“, habe ich gesagt. „Nein”, hat er gesagt “Du bist zum Erschießen auch zu blöde.“

Sprecherin:

Leopold Engleitner berichtet weiter:

Als Neuankömmling wurde ich der Strafkompanie zugeteilt, bekam diese Bekleidung mit dem lila Winkel, was zeigte, dass ich ein Zeuge Jehovas war und einen schwarzen Punkt, dass ich im Steinbruch arbeiten musste.

Sprecherin:

Über die Arbeitsmethoden im Steinbruch erzählt er:

Die Arbeitsmethoden waren sehr primitiv. Werkzeuge gab es nur die einfachsten. Die Schaufel und Krampen wurden auf einen Haufen hingeworfen. Es wurde sogar darum gerauft, weil, der keine Schaufel, keinen Pickel erreichte, der musste den ganzen Tag mit den Händen arbeiten. Die Situation war so schwer, dass junge Häftlinge von 15, 16 Jahren in ganz kurzer Zeit schon graue Haare bekamen.

Sprecherin:

Von mutigen Lastwagenfahrern erhielten sie heimlich Essen:

Die Lastwagenfahrer haben bemerkt, dass wir großen Hunger hatten, [sie] waren entschlossen, uns in den Sandfuhren, die sie uns brachten, irgend ein Essen zu bringen. Und damit wir wussten, wo es in der Sandfuhre vergraben war, machten sie das mit einem Zahnstocher oder einem Zündholz auf der rechten oder linken Seite [kenntlich]. Jeder Fuhrmann wurde genau fixiert. Wie wir feststellten, auf dieser Seite ist auf der Fuhre etwas zu finden, haben wir gleich dort nachgeschaut und haben es gleich versteckt, um es später zu essen.

Sprecherin:

Er erhielt aber auch Hilfe innerhalb des Lagers von dem Lagerleiter Arthur Rödl.:

Zwei Häftlinge hoben mir einen Stein auf die Schultern, [so]dass ich fast zusammenbrach. Doch der Lagerführer Rödl kam [und] bemerkte, dass ich diese schweren Steine auf der Schulter habe und forderte mich auf sie wegzuwerfen. Natürlich verstand ich das sofort nicht, das mutete ich ihm gar nicht zu. Aber nachdem er es wiederholt hatte, überzog ich also diese Aufforderung und warf die Steine weg. Mit dem Schuh stieß er mir einen kleinen Stein her und sagte: „Den nimm jetzt, den bringst [du] hinein!“

(Musik)

Sprecherin:

Leopold Engleitner war vom 07. 03. 1941 bis April 1943 im Konzentrationslager Niederhagen in Wewelsburg in Westphalen.

Die Wewelsburg war für Reichsführer Heinrich Himmler von besonderem Interesse.

Er hatte mit der Wewelsburg besondere Pläne, hier zu die stellvertretende KZ-Gedenkstättenleiterin Kirsten John-Stucke:

Wewelsburg NordturmAlso zunächst hatte Himmler vor, aus der Wewelsburg eine Art „Nordische Akademie“ zu machen. Hier sollten SS-Führer Zweckforschung betreiben zur Untermauerung der neuen nationalsozialistischen Weltanschauung.

Mit dem Machtzuwachs von Himmler änderten sich seine Pläne, dann kommt dieser Repräsentations- und Kultgedanke mit dazu. Er wollte für seinen SS-Orden, dem er ja vorstand, eine Zentrale einrichten: eine Art ideologisches Zentrum.

Sprecherin:

Über die Umbauten an der Wewelsburg berichtet Kirsten John-Stucke:

WewelsburgHimmler hat dann mit den Umbauten zunächst innerhalb der Wewelsburg angefangen umzubauen und dann fing er ab 1939/40 an auch die ganzen Baumaßnahmen auszuweiten. Die Baumaßnahmen sollten nicht nur die Wewelsburg betreffen, EingangGruftsondern auch das Dorf. Und dann sind so zu sagen jede Menge Pläne gemacht worden, die auch ins Dorf hineingetragen wurden, so dass die Dorfbevölkerung auch schon etwas besorgt war, was denn dort kommen würde. Direkt gebaut wurde aber vor allem an der Wewelsburg und eben am Nordturm. Der ist halt von den Häftlingen angefangen worden umzubauen, das heißt dass dort zwei sogenannte ideologische Kulträume hin sollten: Ein SS-Obergruppenführersaal, der für Repräsentationen dienen sollte und die sogenannte „Gruft“, in der vermutlich verstorbene SS-Führer geehrt werden sollten.


Sprecherin:

Eigens für den Umbau der Wewelsburg wurde ein KZ eingerichtet. Zunächst gab es ein Außenlager des KZ Sachsenhausen:

Das muss so sehen, dass hier zunächst ein Außenkommando von Sachenhausen bestand. Das war das erste Lager, das sich dann unterhalb des Burgberges befand. Dann gab es das sogenannte „kleine Lager“, das aus 4-5 Baracken bestand. Es befand sich gegenüber der Wewelsburg und von dort aus haben die Häftlinge dann ein Schutzhaftlager aufgebaut. Dies befand sich auf dem Gebiet Niederhagen. Das war jetzt einfach der Name, weil es halt die Waldlichtung war. Und dieses Lager ist dann 1941 zu einem selbständigen Lager ernannt worden und war damit das kleinste staatliche Hauptlager im Deutschen Reich.(Kirsten John-Stucke)


Sprecherin:

Himmler benutzte zum Umbau der Wewelsburg KZ-Häftlinge.

Kirsten John-Stucke:

Die Arbeit an dem Nordturm an der Wewelsburg war so zu sagen der Grund, warum das Konzentrationslager hier überhaupt in Wewelsburg eingerichtet wurde. Die Häftlinge selbst mussten aber ansonsten noch in anderen Arbeitskommandos arbeiten. Es gab Steinbrüche, in denen die Steine gebrochen werden mussten. Das waren sehr, sehr schlimme und sehr brutale Kommandos. Die sowjetischen Häftlinge berichten aber auch davon, dass sie z. B. Straßen bauen mussten. Das war wohl auch ein sehr gefürchtetes Arbeitskommandos, weil sie dort ziemlich brutal behandelt wurden. Es gab verschiedene Gebäude, die innerhalb des Dorfes gebaut wurden. Der Architekt Hermann Barthels hat sich seine eigene Villa errichten lassen. Es wurde die spätere Bauleitung in dem Gebäude Haus Marx untergebracht, das komplett neu gebaut wurde. Es gab noch mehrere kleine Stellen, an denen die Häftlinge dann gearbeitet haben.

Sprecherin:

Wann kam das Häftlingslager ins Dorf?

Kirsten John-Stucke:

Das erste Häftlingskommando kam 1939 zur Wewelsburg. Die Häftlinge wohnten zunächst unterhalb des Burgberges in einem Zeltlager und sind dann bis Kriegsausbruch dort geblieben. Dann wurde das Lager kurzfristig aufgelöst und erst im Mai kamen die neuen Häftlinge. Da es dann dort zu Fluchtversuchen kam, sind dann diese Häftlinge ausgetauscht worden. Es handelt sich dabei um sogenannte kriminelle Häftlinge. Die Fluchtversuche hatten für sehr viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gesorgt, sodass dann dieses Kommando gegen ein sogenanntes Bibelforscherkommando ausgetauscht wurde. Dabei handelt es sich um Zeugen Jehovas, die aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit in Schutzhaft genommen worden waren.

Sprecherin:

Welche Häftlingsgruppen gab es im KZ Niederhagen in Wewelsburg?

Kirsten John-Stucke:

In dem allerersten kleineren Kommando waren kriminelle Häftlinge, die dann gegen die Bibelforscher ausgetauscht wurden. Diese blieben dann einige Monate wirklich unter sich. Die Besonderheit für Wewelsburg ist, dass zu bestimmten Zeiten fast ausschließlich nur Zeugen Jehovas im Konzentrationslager in Wewelsburg waren. Aber mit dem Machtzuwachs der Nationalsozialisten und dem Kriegverlauf kamen auch andere Häftlinge mit dazu. Die verschiedenen Verhaftungswellen spielten dann auch noch eine Rolle, sodass politische Häftlinge in das Lager kamen. Es wurden sogenannte Asoziale, Sinti und Roma, Juden auch, wenn auch nur wenige hier in Wewelsburg inhaftiert und nach 1941 verstärkt polnische Häftlinge und auch westeuropäische, niederländische, französische Häftlinge. Die größte Häftlingsgruppe war die sowjetische Häftlingsgruppe.

Sprecherin:

Wie wurden die Häftlinge behandelt?

Kirsten John-Stucke:

Die Häftlinge wurden sehr schlecht hier in Wewelsburg behandelt. Eigentlich berichten alle Überlebenden, dass es hier in Wewelsburg ein besonders brutales Arbeiten und Leben war. Aufgrund dieser kleinen Verhältnisse konnte man schlecht untertauchen, als in den größeren Lagern wie Buchenwald oder Ravensbrück. Dort konnte man leichter die Arbeitskommandos wechseln. Dies war für Wewelsburg schwierig, weil es insgesamt ein kleines Lager mit durchschnittlich 1000-1200 Häftlingen war. Hier kannte man seine Leute, da konnte man sich nicht mal soeinfach verdrücken. Man war unter der ständigen Kontrolle der SS, die hier auch besonders brutal war. Der Kommandant fühlte sich wie ein kleiner Herrgott und machte dies auch immer vor den Häftlingen deutlich.

Sprecherin:

Es gab auch Erschießungen in der Wewelsburg.

Kirsten John-Stucke:

Es hat Erschießungen gegeben. Zum Beispiel wurden Häftlinge auf der Flucht erschossen: Einige sind freiwillig in den Selbstmord gegangen, indem sie sich über die Postenkette [Anm.: Der Lagerbereich war von Wachposten umgeben.] hinaus bewegt haben. Manchmal haben SS-Posten einen Häftling hinter die Postenkette gelockt haben, damit sie ihn erschießen konnten. Man erhielt zwei Wochen Urlaub, wenn man jemand auf der Flucht erschossen hatte. Das Konzentrationslager war auch eine Zeit lang während dieser Selbstständigwerdung des Lagers Hinrichtungsstätte für die Gestapoleitstellen Westphalen-Lippe. Dabei ist es insgesamt zu 52 Tötungen gekommen, sowohl Erschießungen als auch Erhängungen. Es kam also vor, dass wirklich Leute von Außerhalb auf Anordnung des Reichführers ermordet wurden.

Sprecherin:

Das Konzentrationslager wurde noch vor Kriegsende aufgelöst:

Kirsten John-Stucke:

Das Bemerkenswerte ist dran, dass selbst nach 1943 nachdem eigentlich das Konzentrationslager aufgelöst worden war und die Bauarbeit eingestellt worden waren, die Bauleitung und der Architekt munter weiter geplant haben.

Sprecherin:

Über die Befreiung des Restkommandos der Wewelsburg berichtet Kirsten John-Stucke:

Die Wewelsburg wurde dann am 2. April 1945 von amerikanischen Truppen befreit. Die SS hatte die Wewelsburg selbst schon verlassen. Sie waren schon einige Tage vorher geflohen, sodass auch die Häftlinge im Konzentrationslager nicht mehr bewacht wurden. Die Amerikaner waren sehr überrascht, dass sie hier überhaupt ein Konzentrationslager und ein Häflingskommando vorfanden.

Seit 1943 war nur das sogenannte Restkommando mit 42 Häftlingen hier. Es bestand aus zwei politischen Häftlingen und ansonsten aus Zeugen Jehovas.

(Musik)

Sprecherin:

Über Leopold Engleitners Erlebnisse im KZ Wewelsburg berichtet der Film „100 Jahre ungebrochener Wille“:

Am Bahnhof Wewelsburg, wo er in einem Außenkommando Werkzeug verpacken musste, bekam er die Brutalität der SS wieder am eigenen Leib zu spüren. Am Heimweg musste er sich einem anderen Kommando anschließen. Da er nicht Schritt halten konnte, entstand zwischen ihm und dem Vordermann ein kleiner Abstand. Ein Posten bemerkte das, wurde deshalb wütend und trat ihm von hinten mit dem Stiefel brutal in den Unterleib. Engleitner brach zusammen, krümmte sich vor Schmerzen und konnte sich nicht mehr bewegen. (Filmsprecher)

Ich konnte nicht mehr gehen. Die anderen Häftlinge mussten mich direkt ins hinein tragen. Beim Appell wurde ich daneben hingelegt. Erst später stellte sich heraus, dass mir dieser Wachtposten den Hoden zertreten hatte. (Leopold Engleitner)

Trotzdem musste er bereits am nächsten Tag wieder arbeiten und durfte sich nicht einmal vom Lagerarzt behandeln lassen.

Anfang November 1942 wurde Engleitner zusammen mit ungefähr 100 Häftlingen eingeteilt, im Garten neben dem Krematorium, Kartoffeln „einzumieten“. (Filmsprecher)

Während wir arbeiteten, bemerkte ich, dass die Häftlinge neben mir gebratene Kartoffeln essen. Der Leichenverbrenner sagte zu mir: „Weißt du, wo sie diese braten?“ Dann zeigte er mir, dass sie die Kartoffeln auf dem Rost gebraten haben, wo sie die Leichen verbrannten. Natürlich hat mich ein furchtbares Grausen überfallen, umso mehr als mir gezeigt wurde, wie die Leiche aussahen. Sie waren über und über voller Geschwüre. (Leopold Engleitner)

(Musik)

Leopold Engleitner wurde im Frühjahr 1943 mit dem Zug nach Ravensbrück transportiert. (Filmsprecher)

(Musik)

Sprecherin:

Cordula Hoffmann (jetzt Hundermark) ist die stellvertretende Gedenkstättenleiterin der Mahn-und Gedenkstätte Ravensbrück.

Ravensbrück 051Cordula Hoffmann erklärte gegenüber dem StadtRadio Göttingen, dass das Frauen-KZ Ravensbrück das größte Frauen-KZ auf deutschem Reichsgebiet gewesen sei und von 1938 bis 1945 bestanden habe. Die ersten Männerhäftlinge seien zu Beginn des Jahres 1939 in einem sogenannten Aufbaukommando aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen nach Ravensbrück gekommen. Zunächst hätten sie zwei Baracken zur eigenen Unterbringung errichten müssen und danach dann die ersten Gebäude und Baracken des Frauen-KZ. Im April 1939 sei der größte Teil der Männerhäftlinge wieder in das KZ Sachsenhausen zurückgeschickt worden. April 1941 sei das sogenannte Männerlager im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück errichtet worden. Das Nummernbuch des Männer-KZ mit über 20.000 namentlichen Eintragungen sei erhalten geblieben. 19.600 personenbezogenen Daten würden Rückschlüsse auf die Nationalität zu und Haftkategorien zulassen. Die im Männer-KZ Ravensbrück inhaftierten Häftlinge hätten für die SS ein Arbeitskraftreservoir gebildet. Sie seien in den baulichen Gewerken ausgebildet worden und wären zum weiteren Ausbau des Frauen-KZ Ravensbrück eingesetzt worden. Das Frauen-Konzentrationslager wäre um den Industriehofes mit verschiedenen Textilwerkstätten erweitert worden. Häftlinge, die zum Beispiel den Beruf des Mechanikers erlernt hätten, wären zu Instandsetzungsarbeiten eingesetzt worden. Die Männerhäftlinge seien aus den Konzentrationslagern Dachau, Buchenwald, Sachsenhausen, Natzweiler, Neuengamme, Flossenburg oder der Wewelsburg nach Ravensbrück gekommen. Auch Erdarbeiten und den Aufbau des Jugend-KZ Uckermark und des Siemenslagers hätten die Männerhäftlinge mit ausführen müssen. Zwischen 1.500 und 2.000 Häftlinge hätten sich dann zeitgleich im Männer-Konzentrationslager befunden. Die Zahlen hätten geschwankt und unter ihnen seien auch Kinder, Jugendliche, Männer und auch Greise gewesen.

Cordula Hoffmann berichtet, dass die stärkste Häftlingsgruppe des Männerlagers aus polnischen Männern und die zweitgrößte Gruppe aus Häftlingen aus Sowjetunion gebildet worden seien. Deutsche, österreichische, französische, ungarische, tschechische, slowakische Männerhäftlinge seien ebenfalls inhaftiert gewesen. Auch hätte es Häftlinge aus Italien, Belgien und den Niederlanden gegeben. Inhaftiert gewesen seinen auch jüdische Häftlinge, als Zigeuner stigmatisierte Männer, Jugendliche, Kriegsgefangene und Männer, die als Zwangsarbeiter nach Deutschland gebracht wurden oder Männer, die im Spanienkrieg gekämpft hatten, aber auch Männer, die aufgrund ihrer religiösen Bekenntnis inhaftiert worden seien. Eine sichtbare Kategorisierung der Häftlinge sei durch das Tragen farbiger Dreiecke, vorgenommen worden. Das rote Dreieck stände für einen politischen Haftgrund, das Grüne für sogenannte kriminelle Vorbeugehäftlinge und das Schwarze für sogenannte Asoziale. Den rosa Winkel hätten homosexuelle Männer tragen müssen. Die Zeugen Jehovas, auch Bibelforscher genannt, hätten den lila Winkel tragen müssen. Sie seien verfolgt worden, weil sie trotz Verbote ihre Religion ausgelebt und den Kriegsdienst verweigerten hätten.

Cordula Hoffmann erzählte, dass der Lageralltag bestimmt gewesen sei durch schwere körperliche zehn- und zwölfstündige Arbeit Es hätte keine oder nur geringe medizinische Versorgung gegeben. Erst ab 1942 hätten Häftlinge mit einer medizinischen Ausbildung mitbehandeln können. Der Lageralltag sei bestimmt gewesen durch Schikanen, ein unmenschliches Strafsystem, Misshandlungen, Erniedrigungen und eine schlechte Verpflegung. Insbesondere in den ersten Jahren hätten Leichenberge gehörten vor dem Revier [Anm.: Krankenstation], zum täglichen Anblick gehört. Die Männer seine ausgehungert und entkräftet gewesen. Wer keine Kraft mehr zur Arbeit gehabt hätte, sei in ein anderes Lager gebracht worden oder der Selektion für die Gaskammer zum Opfer gefallen. Männerhäftlinge seien auch in Hartheim ermordet worden. Zeitzeugen hätten vom Exerzieren nach den täglichen Zählappellen im Lager berichtet, sowie über brutales Schlagen. Sie hätten über Erschießungen in den Arbeitskommandos außerhalb des Barackenlagers berichtet. Häftlinge seien durch die Postenkette getrieben und angeblich auf der Flucht erschlossen worden. Es hätte Essensentzug, Prügelstrafe, stehen, Bunkerhaft, Pfahlhängen und Strafarbeit nach dem Abendappell als Strafen gegeben.

Es hätte auch medizinische Versuche im Männerlager gegeben.

Cordula Hoffmann erwähnte auch die gut dokumentierten medizinischen Versuche im Männer-KZ Ravensbrück. Dazu hätten Entnahmen einzelner Knochenteile gezählt, die für die Transplantationen verwendet worden seien. Es hätte Sterilisationen an Sinti und Roma gegeben, unter ihnen seien 10-11- und 12jährige Jungen gewesen. Mit Homosexuellen hätte man sogenannte Abkehrprüfungen durchgeführt.

Die Besonderheit im Männerlager, so Cordula Hoffmann, sei die schlechte Verpflegung, die Zwangsarbeit, die verweigerte oder schlechte medizinische Versorgung und die Brutalität im Lageralltag gewesen , die die Häftlinge an die Grenze physischer und psychischer Existenz gebracht hätte. Dies könne man an der hohen Todesrate in den ersten 18 Monaten des Bestehens dieses Männer-Konzentrationslagers Ravensbrück ersehen. Fast 50 % der Männer seien in diesen ersten 18 Monaten gestorben und ganz besonders seien während dieses Zeitraumes auch die jüdischen Männer betroffen gewesen.

Sprecherin:

Leopold Engleitner berichtet über seine Erfahrungen im KZ-Ravensbrück:

Die Lagerverhältnisse waren in Ravensbrück ganz schlecht. Der Wäschewechsel war sehr selten, sodass wir am ganzen Körper voller Läuse und ganz zerfressen waren und die anderen Häftlinge waren gegen uns Bibelforscher so gehässig, schlimmer wie die SS.

Das bekam ich am Pfingstsonntag 1943 am eigenen Leib zu verspüren.

Am Morgenappell wurde bekanntgemacht: „Gearbeitet wird heute nichts, die Klamotten werden sauber gewaschen und zum Trocknen in der Sonne aufgehängt. Und niemand darf vor 4 Uhr nachmittags aus der Baracke.“ Als dann freigegeben wurde, war meine Hose weg. Ich war sehr erschüttert. „Was mache ich jetzt?“ Es bleibt mir nichts anderes übrig, als in der Unterhose zum Appell anzutreten. Zum Unglück nahm jetzt der Kommandant den Appell selbst durch und als er die Reihen durchging bemerkte er mich und sagte: „Der steht ja in der Unterhose da. Wieso denn das? Heraus!“ Dann sagte ich zu ihm: „Herr Kommandant ich habe es genauso gemacht, wie sie befohlen hatten. Ich hatte meine Sachen gereinigt, zum Trocknen aufgehängt und als nachmittags freigegeben wurde, war meine Hose weg.“ „Warum hast du das nicht dem Stubendienst gemeldet“, frug er mich jetzt. „Das habe ich ja gemacht Herr Kommandant. Das trug mir nur eine tüchtige Ohrfeige ein“. „Stubendienst heraus!“, schrie er jetzt und er bekam natürlich auch eine tüchtige Ohrfeige. Und dann schrie er wütend: „Wenn ich als Kommandant den Befehl gebe, die Klamotten zu reinigen, hat alles in Ruhe gelassen zu werden. Wenn morgen früh die Hose nicht da ist, steht den ganzen Tag das Lager ohne Essen!“ Das hatte Erfolg. Nächsten morgen hängte meine Hose draußen, natürlich in nassem Zustand, ohne Winkel und ohne Nummer.

(Musik)

Sprecherin:

Aufgrund der Fürsprache des Bürgermeisters in seiner Heimat wurde er am 15. Juli 1943 aus dem Konzentrationslager Ravensbrück entlassen.

Allerdings musste er sich zur „lebenslangen Zwangsarbeit in der Landwirtschaft“ verpflichten.

Kurz vor Kriegsende – am 17. April 1945 – bekam er noch den Einberufungsbefehl in die Deutsche Wehrmacht.

Leopold Engleitner floh in das Gebirge des Salzkammerguts und versteckte sich in einer Almhütte und in einer Höhle. Wochenlang wurde er von den Nazis gejagt, aber nicht gefunden.

Am 5. Mai 1945 konnte Leopold Engleitner nach Hause zurückkehren.

(Film-Auszug „100 Jahre ungebrochener Wille“ von Bernhard Rammerstorfer)

Diese abenteuerliche Flucht bewahrte ihn vor dem sicheren Tod, denn am Stützpunkt Krumau, wohin er einberufen worden war, gab es nach einem Angriff der Tschechen keine Überlebenden.

Es hatte sich für Leopold Engleitner bezahlt gemacht, dass er selbst unter Todesgefahr nicht von gerechten Grundsätzen abgewichen war.

„Er ging einen anderen Weg“ und konnte so sein Gewissen bewahren.

Engleitner stellte mit seinem Leben unter Beweis, dass es möglich war, sich als einfacher Mensch Hitlers-Terrorregime zu verweigern.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wäre in der Tat anders geschrieben worden, hätten mehr Menschen genauso couragiert gehandelt, wie Leopold Engleitner. (Filmsprecher)

Sprecherin:

Leopold Engleitner ist inzwischen 101 Jahr [Anm.:2006] alt geworden. Er hat seine circa 27. 000 Kilometer lange USA-Reise gut überstanden. Während seiner Reise besuchte er:

Holocaust-Einrichtungen und Universitäten in Washington, New York, Chicago, San Fransisco und Los Angeles, darunter die Stanford University.

Wir haben sehr viel vor. Wir planen auch wieder viele Schulbesuche in Österreich. Der Herr Engleitner ist ja vom Bildungsministerium beauftragter Zeitzeuge. Zum Thema Nationalsozialismus und besucht daher im Auftrag des Bildungsministeriums auch die Schulen. Und wir würden uns auch freuen, in Deutschland etwas mehr Veranstaltungen machen zu können. Nachdem der Herr Engleitner ja der älteste Überlebende der Konzentrationslager Buchenwald, Niederhagen und Ravensbrück ist, würde er sich sehr über Einladungen von Schulen oder Universitäten aus Deutschland freuen. (Bernhard Rammerstorfer)

© Ingeborg Lüdtke

Der Abdruck der Texte aus dem Film „100 Jahre ungebrochener Wille“ wurde freundlicherweise von Bernhard Rammerstorfer genehmigt.

Die Texte der Interviews mit Kristen John-Stucke (stellvertretende Gedenkstättenleiterin der KZ-Gedenkstätte Wewelsburg) und Rikola-Gunnar Lüttgenau (stellvertretender Direktor der KZ-Gedenkstätte Buchenwald) dürfen mit der freundlichen Genehmigung von beiden auf meine Webseite gestellt werden.

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