Bibelübersetzungen vor der Lutherbibel – „Das Jahr der Bibel 2003“

Die Sendung wurde am 10.Januar.2003 im StadtRadio ausgestrahlt

„Suchen. Und Finden. 2003. Das Jahr der Bibel“.

Die christlichen Kirchen, die Deutsche Bibelgesellschaft, das Katholische Bibelwerk sowie christlicheBibeln Vegelahn Werke und Verbände haben das Jahr 2003 zum Jahr der Bibel erklärt.

Diese Initiative hat drei Ziele:

Sie möchte:

1.) Die Bibel in die Öffentlichkeit tragen.
2.) Das Leben der Gemeinden stärken.
3.) Menschen für die Bibel begeistern.

In meiner heutigen Sendung möchte ich Sie gern für Bibelübersetzungen und Bibelausgaben besonders vor der Übersetzung von Martin Luther interessieren.

Besonders in Göttingen und Wolfenbüttel fand ich kompetente Gesprächspartner:

Zum einen habe ich mit Prof. Dr. Robert Hanhart über die Septuaginta-Übersetzung gesprochen:
Frau Dr. Christine Wulf berichtet über deutsche vorlutherische Bibelausgaben.
Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer berichtet über das Evangeliar Heinrichs des Löwen
und Dr. Helmut Rohlfing kann Interessantes über die Göttinger Gutenbergbibel berichten:

(Musikakzent)

Als erstes sprach ich mit Prof. Dr. Dr. Robert Hanhart über die Septuaginta-Übersetzung. Robert Hanhart war viele Jahre der Leiter des Göttinger „Septuaginta-Unternehmens“.

Die Septuaginta ist eine griechische Übersetzung.

Meine erste Frage an ihn lautete:

Was verbirgt sich hinter dem Begriff der „Septuaginta“?

Prof. Dr. Dr. Robert Hanhart:

Der Begriff „Septuaginta“ gleich 70 beruht auf der Entstehungslegende der „Septuaginta“, dem sogenannten „pseudepigraphischen Aristeasbrief“. Darin wird erzählt, dass 72 Älteste aus Jerusalem nach Alexandria befohlen worden sind, um das hebräische Alte Testament ins Griechische zu übersetzen. Aus jedem der 12 Stämme (Israels) waren es sechs Älteste: Das sind eigentlich 72. Die Zahl 70 ist dann als die „heilige Zahl“ legendenhaft gewählt worden. Und in dieser Legende steht, dass diese 70 Übersetzer auf Befehl oder in Vereinbarung zwischen dem Hohenpriester von Jerusalem und dem damaligen Oberherrn von Palästina dem Ptolemäer Ptolemaios Philadelphos II. nach Alexandria auf die Insel Pharos befohlen worden sind, um diese Übersetzung herzustellen. Die Legende ist dann später auch bei christlichen Autoren sehr stark noch weiter legendenhaft ausgebildet worden. So in dem Sinn, dass diese Übersetzung eine Art Inspiration dargestellt hätte. Die 70 Übersetzer hätten unabhängig voneinander übersetzt, trotzdem hätten sie jeden Satz genau identisch übersetzt.

Im ursprünglichen Text des Aristeasbriefes ist einfach von der Übersetzung des hebräischen Alten Testamentes ins Griechische durch diese 70 Übersetzer die Rede.

Ingeborg Lüdtke:

Wann ist die Septuaginta-Übersetzung entstanden?

Prof. Dr. Dr. Robert Hanhart

Das ist eine sehr schwierige Frage, weil wir dafür keine direkte Überlieferung haben. Im Aristeasbrief ist nur Rede von der Übersetzung der sogenannten Tora, also der fünf Bücher Moses und nicht von den übrigen Büchern. Das ist zweifellos ein historischer Kern im Aristeasbrief. … Wenn die Legende historisch-chronologisch stimmt, dann wäre diese Übersetzung des ersten Teils der fünf Bücher Moses zur Zeit des Ptolomaios Philadolphos entstanden und zwar zu Anfang des 3. vorchristlichen Jahrhunderts, so um 280 v. Chr. herum. Und zweifellos war das auch der Anfang. Wie der Reihe nach die späteren Bücher des AT dann entstanden sind, das lässt sich nur noch unter Vorbehalt postulieren, also nicht mehr nachweisen.

Ingeborg Lüdtke:

Warum ist die Septuaginta entstanden?

Prof. Dr. Dr. Robert Hanhart:

Man kann sagen, dass zu dieser Zeit Griechisch im Grunde die Weltsprache war. Zumindest war Griechisch die Reichssprache des mazedonischen Weltreiches und dessen Nachfolger. … Das hatte zur Folge, dass die Hebräische Sprache auch innerhalb von Palästina zurückgedrängt wurde. Es gab schon in Palästina viele Juden, auch in der Diaspora, vor allem in Ägypten, die nur noch das Griechische beherrschten und darauf angewiesen waren, ihre heiligen Texte in der Griechischen Sprache zu besitzen und sie in den Gottesdiensten anzuhören. Die Diaspora war schon sehr groß in dieser Zeit, sodass die Initiative für diese Übersetzung eigentlich von Alexandria ausging, wo schon eine große jüdische Gemeinschaft bestand.

Ingeborg Lüdtke:

Wurde in dieser Übersetzung das Tetragramm für den Namen Gottes benutzt?

Prof. Dr. Dr. Robert Hanhart:

Das ist eine fasst ebenso umstrittene Frage, wie die vorhin besprochene. Das Tetragramm, also der Name Gottes Jachwe in hebräischen Lettern, ist in dieser Form auch in die griechische Tradition übernommen worden und nicht in griechischer Schrift, sondern in einer leichten Transformation der Obere Karsüle Göttingenhebräischen Lettern. Die wenigsten Übersetzungstexte der Septuaginta sind jüdischen Ursprungs, weitaus die meisten, 99% sind aus christlicher Tradition. Alle Texte, die aus jüdischer Tradition stammen und auch sehr alt sind (zum Teil vorchristlich) haben in ihren griechischen Texten das Tetragramm in dieser Form der hebräischen Umschrift. Daraus hat sich die Diskussion entsponnen:

Müssen wir daraus schließen, dass die Ersetzung des Tetragramms durch einen griechischen Begriff, nämlich dem Kyrios erst christlichen Ursprungs ist? Weil er ja nur in christlichen Handschriften nachweisbar ist und dort aber ausnahmslos. Ich glaube das dieser Schluss nicht richtig ist, und zwar aus folgendem Grund: Der Name Kyrios als Bezeichnung von Israels Gott war in griechischen jüdischen Schriften der hellenistischen Zeit schon sehr verbreitet, etwa in der Weisheit Salomos, in den Makkabäerbüchern und bei Philo. Er war schon eigen eingebürgert, als Gottes Name für den Gott Israels und wir haben einen zweiten Anhaltspunkt: Der Name Jachwe, durfte von einer bestimmten Zeit an wegen seiner Heiligkeit nicht mehr ausgesprochen werden, darum finden wir in hebräischen Handschriften an Stellen, wo ursprünglich dieser Name Jachwe stand in den masoretischen Handschriften als Ersatz den Namen Adonai. Diese Furcht vor dem heiligen Namen gab es selbst auch schon sehr früh. Wir können ihn in der sogenannten Damaskusschrift nachweisen, die wahrscheinlich ins 2. vorchristliche Jahrhundert fällt. Und für mich ist es völlig eindeutig, dass dieses hebräische Theologomen der Ersetzung von Jachwe durch Adonai die Vorstufe war und von daher der Kyrios-Name von Anfang an in der Septuaginta gewesen ist; und dass die in den griechisch jüdischen Handschriften vorkommende Transposition in das Tetragramm bereits ein Sekundärstadium darstellte. Aber da sind andere Kollegen anderer Meinung….

Ingeborg Lüdtke:

Können Sie auch noch etwas zu den Funden am Toten Meer sagen?

Prof. Dr. Dr. Robert Hanhart:

Zum allergrößten Teil sind es ja hebräische oder aramäische Funde, aber es sind auch griechische dabei, und unter diesen ist einer ganz besonders wichtig. Er wird ungefähr in die Zeit des Apostels Paulus Mitte des ersten christlichen Jahrhunderts gesetzt. Es ist ein großer Teil des Septuaginta-Text des 12-Prophetenbuches, aber nicht vollständig erhalten. Und was an diesem Text hoch interessant ist, ist dass er zum großen Teil die Septuaginta überliefert, wie wir sie aus den vollständigen christlichen Handschriften … kennen. Er enthält zahlreiche Stellen, die diesen Septuaginta-Text gegenüber Rezensionselemente enthalten. Diese Rezensionselemente sind immer Angleichungen an den hebräischen Text, der in der vorangehenden Übersetzung frei oder vom hebräischen Text, wie wir ihn aus den masoretischen Handschrifen kennen, abweichend übersetzt worden war. Darum ist dieser Text für die Textforschung an der Septuaginta äußerst wichtiger Text, weil er uns zeigt, dass schon in jüdischer Zeit, in der Zeit des hellenistischen Judentums, ein älterer Text aus der Septuaginta nach dem hebräischen korrigiert worden ist. Also genau, das was wir immer schon als die große Arbeit des Kirchenvaters Origenes kannten. Das ist schon in ähnlicher Weise von Juden in vielleicht vorchristlichen (Stadium) gemacht worden.

Ingeborg Lüdtke:

Wozu wird die Septuaginta heute noch benutzt?

Prof. Dr. Dr. Robert Hanhart:

Hierzu müsste man zwei sehr unterschiedliche Dinge ansprechen. Das eine ist der Kanon der Septuaginta und das andere ist die Septuaginta an den Stellen, wo sie einen besseren Text überliefert als im Hebräischen. Die Septuaginta ist heute unentbehrlich aus dem Grund, weil sie einige Bücher enthält, die nur in ihr enthalten sind und nicht im hebräischen Kanon der Masoreten und das sind die sogenannten Apokryphen, die etwas in der Lutherbibel drinstehen mit dem schönen Satz: … „Das sind Bücher so der heiligen Schrift nicht gleichgehalten und doch nützlich und gut zu lesen“, nämlich: Judith, Sabiecia, Tobit, Sirach, Baruch, Maccabaer und die Stücke in Esther und Daniel. Die sind nur in der Septuaginta und das zum großen Teil nur in Griechisch überliefert, zum Teil auch von Haus aus Griechisch entstanden und beruhen nicht auf einer hebräischen Vorlage. Sie gehören dem alexandrinischen Kanon der Septuaginta an. Das ist die eine Seite, die einfach zeigt, dass die Septuaginta neben dem hebräischen Text eine Bedeutung hat, die über das hinausgeht, was in dem hebräischen Text enthalten ist.

Und der 2. Aspekt der Bedeutung der Septuaginta liegt darin, dass die Septuaginta oft nachweisbar den älteren und besseren Text überliefert als die hebräische Überlieferung. Wir müssen dabei auch bedenken, dass die hebräischen Handschriften heute das vollständige Alte Testament enthalten. Sie sind später (entstanden) als die ältesten vollständigen Handschriften, die wir von der Septuaginta besitzen, Die sogenannten masoretischen Handschriften, aus denen unser hebräischer Text besteht, stammen aus dem 8. Jahrhundert. Die älteste Septuaginta-Handschrift Vaticanus stammt aus dem 4. Jahrhundert nach Christus. Von daher ist es ja auch zu erwarten, dass es Überlieferungen in der Septuaginta gibt, die besser sind als die Hebräischen, obwohl der hebräische Text als Ganzes die Vorlage für die Übersetzung der Septuaginta ist. Ich möchte an einem Beispiel erläutern, wie aus welchem Grund die Septuaginta für die Übersetzung für die Exegese der Gegenwart sehr wichtig ist. Eines der sogenannten Gottesknechtslieder im Buch Jesaja enthält eine Stelle, wo es darin heißt: “Aus der Mühsal seiner Seele wird er sehen, wird er satt werden“. (Hebräisch Zitat).

Man hat immer darüber gestritten und es nicht verstanden, was es bedeutet hier: “Er wird sehen“. Man erwartet doch, dass ein Objekt dazugekommen muss. Was wird er sehen? Und in der Septuaginta steht an dieser Stelle: „Epidei … Ihm das Licht zu zeigen“, das heißt: „Er wird das Licht sehen.“ Und nun ist der hebräische Text anstelle vom masoretischen überlieferten: „Jir ä (?)“ in Qumram in einer vollständigen Jesaja-Handschrift (wahrscheinlich so aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert) gefunden worden und in diesem steht nun tatsächlich dieses hebräische O. Also die Bedeutung ist: „Aus der Mühsal seiner Seele wird er das Licht sehen.“ Das steht in der Lutherbibel noch nicht, das steht in der Zürcher Bibel noch nicht. Dort heißt es bei Luther: „Er wird seine Lust sehen.“ Das “seine Lust“ ist einfach ergänzt. In der Zürcher Bibel: „Er wird sehen und satt werden. Er wird sich satt sehen, wobei der nächst folgende Begriff ist „Jes bar“ (?) „satt werden“ heißt. Ich habe jetzt in anderen Bibelübersetzungen nachgeschaut und habe in der Jerusalemer Bibel festgestellt, dass dort nun der Text aufgrund dieses neuen Fundes anders lautet nämlich: „Nach der Mühsal seiner Seele wird er Licht sehen.“

Das wären so kleine Verbesserungen, die sich heute durch neue Funde aufgrund der Septuaginta ergeben können. Aber man macht sich da immer zu große Illusionen. Es bleiben immer so kleine ergreifend schöne Erkenntnisse, aber es gibt nie einen Umsturz. Die Bibeltradition im großen und ganzen bleibt auch durch die Fund vom Qumran die gleiche.

(Musik)

Nun folgt ein weiteres Gespräch mit Frau Dr. Christine Wulf. Sie arbeitet an der Akademie der Wissenschaften in Göttingen. Sie arbeitet dort im Bereich Deutsche Inschriften des Mittelalters und der frühen Neuzeit in Niedersachsen. Sie hat ihre Dissertation über vorlutherische Bibeln geschrieben.

Ingeborg Lüdtke:

Das älteste germanische Literaturdenkmal ist eine gotische Bibelübersetzung.Wer hat diese Bibel übersetzt und mit welchen Schwierigkeiten war die Übersetzung verbunden?

Dr. Christine Wulf:

Die älteste Bibelübersetzung in eine germanische Sprache wird auf den westgotischen Bischof Wulfila zurückgeführt, … sie ist im 4. Jahrhundert entstanden und sie ist uns noch in Bruchstücken erhalten und diese Bruchstücke umfassen Texte aus dem NT, Evangelien und die Briefe des Apostels Paulus. … Der Ausgangstext für diese Übersetzung ist eine griechische Bibel. Für die späteren Übersetzungen im Mittelalter ist immer der Ausgangstext Lateinisch. … Die besondere historische Leistung Wulfilas besteht darin, dass er diese komplizierten Glaubensinhalte der Bibel in einer Sprache formulieren musste, die bis dahin überwiegend eine Sprache von Kriegern war, in der solche Sachverhalte, wie sie in der Bibel ausgedrückt sind, nur schwer auszudrücken waren. Deshalb ist Wulfilas Leistung darin zu sehen, dass zunächst einmal eine einheitliche Schriftsprache dafür geschaffen werden musste…

Ingeborg Lüdtke:

Welche vorlutherischen „deutschen“ Bibelübersetzungen gab es?

Dr. Christine Wulf:

Also die deutsche Bibelübersetzung des Mittelalters ist geprägt von einer großen Vielfalt. Grundsätzlich muss man sich klarmachen, dass die Idee eine deutsche Bibel von den Büchern Moses …bis hin zur Apokalypse zu übersetzten in einem Stück, dem mittelalterlichen Übersetzer fremd ist. Wir haben vielmehr eine Fülle von Übersetzungen einzelner Bücher vor allem des Psalters … die Briefe des neuen Testments wurden innerhalb von Perikopenbüchern übersetzt. Perikopenbücher sind solche Bücher, die die Gesamtheit der Lesungen, die in einem Gottesdienst vorkommen umfassen. … Darüber hinaus haben wir immer mit unendlich vielen spontanen Übersetzungen kleinerer und größerer Passagen aus der Bibel zu rechnen, … Diese Übersetzungen im Mittelalter wollten eigentlich nur Hilfen beim Studium der lateinischen Bibel sein. Die deutschen Bibel sollten nur zum Verständnis der lateinischen Bibel helfen.

Es gibt in der Zeit des 8. – 12. Jahrhunderts die Evangelienharmonie des Tatian, außerdem eine kommentierte Psalmenübersetzung Notkers und eine Übersetzung des Hohenliedes und der Psalmen von Williram von Ebersberg. Im 14. Jahrhunderts setzt eine neue Epoche der übersetzerischen Auseinandersetzung mit der lateinischen Bibel ein. Soweit wir die Übersetzungen des 14. Jahrhunderts heute überblicken, hat es zwei Übersetzungen der gesamten Bibel gegeben.

Eine weitere hat nur das AT umfasst und eine vierte nur das NT. Außerdem kommt im 15. Jahrhundert eine Übersetzung der Bibel in niederdeutscher Sprache noch dazu und wahrscheinlich Ende des 15. Jahrhunderts noch eine Zweite, die aber nicht völlig neu übersetzt die alte niederdeutsche Übersetzung nur ein bisschen revidiert.

Ingeborg Lüdtke:

Wann wurden deutsche Bibelübersetzungen gedruckt?

Dr. Christine Wulf:

Die erste deutsche Bibel wurde im Jahre 1466 in Straßburg gedruckt, die erste niederdeutsche Bibel in Köln im Jahre 1478 oder 1479. Die letzte niederdeutsche Bibel ist im Jahre 1522, also ganz kurz vor Erscheinen von Luthers „Septembertestament“ in Halberstadt gedruckt worden. Die letzte gedruckte hochdeutsche Bibel stammt aus dem Jahre 1518 und ist in der Druckerei des Silvan Otmar in Augsburg entstanden.

Ingeborg Lüdtke:

Wer waren die Übersetzer der vorlutherischen Bibeln?

Dr. Christine Wulf:

Die Übersetzer der deutschen Fassungen sind überwiegend anonym. … Das heißt der Druck passiert in relativ großen Abstand von der Entstehung der Übersetzung. Bei der Kölner Bibel wissen wir zumindest in etwa das Profil des Übersetzers. Er kommt wahrscheinlich aus der Gruppe der „Brüder vom Gemeinsamen Leben“, das ist eine Frömmigkeitsbewegung, deren Mitglieder gemeinschaftlich lebten und die sich insbesondere der Verbreitung religiöser erbaulicher Schriften in der Volkssprache widmeten.

Ingeborg Lüdtke:

Wer finanzierte den Bibeldruck?

Dr. Christine Wulf:

Für die hochdeutschen Drucke, also die Bibeln, die in Straßburg, Augsburg und in Nürnberg entstanden sind, wissen wir darüber nichts. Wahrscheinlich haben sie die überwiegend sehr wohlhabenden Druckerherren Koberger, Mentelin, Schönsberger und Otmar auf eigenes Risiko finanziert. Die Auflagen sind relativ gut abgesetzt worden, jedenfalls haben wir keine Nachricht darüber, dass einer von den Bibeldruckern in unmittelbarer Nachfolge eines solchen Bibeldrucks Pleite gegangen wäre. Die Kölner Bibel wurde wahrscheinlich von einem Konsortium finanziert und auch mit dem Know-how der Druckerei Koberger gedruckt. Diesem Konsortium haben wahrscheinlich der Drucker Quentel und ein anderer Kölner Drucker von Unkel angehört und der Kölner Drucker Johann Hellmann. Der Nürnberger Drucker Anton Koberger hat für sein finanzielles Engagement beim Druck der Kölner Bibel die Druckstöcke qualitativ ausgezeichneten Holzschnitte der Kölner Bibel erhalten.

Ingeborg Lüdtke:

Wer waren die Käufer der deutschen Übersetzungen?

Dr. Christine Wulf:

Wer zu ihren Käufern zählte und zu welchem Zweck entzieht sich nahezu vollständig unserer Kenntnis
. Für das Wenige, was wir darüber wissen, sind wir auf … das … angewiesen, was ihre Besitzer in sie hineingeschrieben haben … Frauenklöster und Angehörige der städtischen Oberschicht sind sicherlich die wichtigste Leser- und Käufergruppe für diese Drucke.

Ingeborg Lüdtke:

Wozu wurden diese Bibeln benutzt?

Dr. Christine Wulff:

Auch für diese Frage sind wir im Wesentlichen auf die Eintragungen angewiesen, die die die Käufer in ihrem Exemplaren angebracht haben. Die meisten der Drucke sind sind von ihren Erstbesitzern individuell im Hinblick auf ihren konkreten Gebrauch eingerichtet worden. Handschriftliche Register der Epistel- u. Evangelienlesungen oder Markierungen der gottesdienstlichen Lesungen im Text sind … eingetragen worden. Diese Markierungen zeigen, dass die deutschen Bibelübersetzungen … zur Vorbereitung auf die in der auf lateinischen Messe gelesenen Bibeltexte benutzt worden sind. In anderen Exemplaren stehen am Anfang tabellarische Kapitelinhaltsübersichten, oft ergänzt durch Seitenverweise, die dem Leser eine Orientierung in dem noch nicht durch Hervorhebungen oder inhaltsweisende Kolumnentitel erschlossenen Text der früheren Bibeldrucke erleichterten. Solche Inhaltsübersichten sind auch in einzelnen Bibelhandschriften anzutreffen und sind dort … deutlich mit dem Konzept einer Lesebibel für Laien verbunden. … Hin und wieder ist auch besonders der deutsche Psalter in diesen Drucken so eingerichtet worden, dass man ihn parallel zum lateinischen Psalter als Vorbereitung auf die lateinischen Psalmenlesungen im Gottesdienst verwenden konnte.

(Musik)

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer
ist [Anm.: bis Juni 2015] der Direktor der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. Mit ihm sprach ich über das Evangeliar Heinrichs des Löwen.

Ingeborg Lüdtke:

Was ist das Evangeliar Heinrichs des Löwen?

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer:

Also das Evangeliar Heinrichs des Löwen ist eine kostbare Handschrift, die Heinrich der Löwe in Braunschweig in Auftrag gegeben hat. Diese Handschrift gehört zu den kostbarsten und einzigartigen Buchmalereien der staufischen Epoche.

Ingeborg Lüdtke:

Wann und wo ist es entstanden?

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer:

Die Handschrift ist wahrscheinlich in der Zeit um 1188 entstanden, als der Marienaltar im Braunschweiger Dom gebaut worden ist, denn dafür ist diese Handschrift in Auftrag gegeben worden. Diese Handschrift wurde in dem Kloster Helmershausen geschrieben, in einer Reichsabtei, die sich in der Harzgegend befindet.

Ingeborg Lüdtke:

Wer hat es jetzt angefertigt?

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer:

Es gibt am Anfang dieser Handschrift ein Widmungsgedicht und da ist von einem Mönch Herimann die Rede. Es ist aber nicht ganz sicher, ob er der Schreiber oder der Künstler war, der es ausgeformt und illustriert hat oder ob es einer war, der diese Schreibstube beaufsichtigt hat. Das blieb etwas undeutlich.


Ingeborg Lüdtke:

Wofür ist das Evangeliar überhaupt benutzt worden?

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer:

Das Evangeliar wurde zum Altardienst benutzt. Es repräsentiert die Anwesenheit Christi während der Messe. Es wurde auch bei den Prozessionen vorangetragen und auf dieses Werk haben auch Herrscher, Kaiser und Könige ihre Hand daraufgelegt und den Eid gesprochen. Aber das Werk ist wohl nur selten wirklich zum Lesen verwendet worden, weil es schon von Anfang an als so kostbar galt. Aber sicherlich ist auch gelegentlich verwendet worden und die Evangelientexte, die im Kirchenjahr gelesen werden, konnten dann daraus abgelesen werden.

Ingeborg Lüdtke:

Warum ist das Buch jetzt so wertvoll?

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer:

Das Buch ist so wertvoll, weil es so reichhaltig illustriert ist. Es hat 50 ganzseitige Miniaturen. In kleiner detaillierter Darstellung wird die Bibel dargestellt. Auch der Herrscher selbst, Heinrich der Löwe und seine Frau wird dargestellt. Diesen kostbaren Bildschmuck gibt es in dieser Art in keiner anderen Handschrift aus dem Mittelalter und deswegen ist es so wertvoll. Es ist ja auch ein sehr umfangreiches Werk.

Ingeborg Lüdtke:

Es umfasst ja nur die vier Evangelien.

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer:

Ja genau, die vier Evangelien, also die Berichte über das Leben Jesu, die den Kern der christlichen Texte ausmachen.

Ingeborg Lüdtke:

Was ist jetzt das Besondere an dem Buch?

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer:

Ja, das Besondere ist, das es immer noch vollständig erhalten ist. In einem ganz besonderen Erhaltungszustand ist, das sehr viel Purpur und Gold, also herrscherliche Materialien verwendet worden sind und das die Malereien in Farbigkeit und Leuchtkraft so ungetrübt sind, als wären sie grade erst hergestellt. Das macht dieses Buch so herausragend zusammen mit seinem großen Umfang. Und deswegen ist es ja, eigentlich nicht zu vergleichen mit anderen Handschriften, Pergamenthandschriften aus dem Mittelalter, ragt eben ganz hoch heraus aus der Vielfalt von Handschriften, die es sonst noch gibt.

Ingeborg Lüdtke:

Das Evangeliar soll ja das teuerste Buch der Welt sein.

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer:

Das ist richtig. Es hat 10 Millionen britische Pfund gekostet, als es 1983 zum Vorschein kam und dann in London ersteigert wurde. Inzwischen ist für eine Handschrift von Leonardo da Vinci von Bill Gates noch mehr bezahlt worden. Aber bis dahin war das Evangeliar Heinrichs des Löwen das teuerste Buch des Welt.

Ingeborg Lüdtke:

Wie gelangte es wieder nach Wolfenbüttel?

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer:

Ja, es ist eben, im 19. Jahrhundert kam es jetzt wieder in den Besitz des Welfenhauses und ist dann aber im Laufe des 20 Jahrhunderts irgendwie wieder verloren gegangen. Jedenfalls weiß man nicht wo es war. Es tauchte dann 1983 in London auf und wurde dort zur Versteigerung angeboten. Dort hat es dann das Land Niedersachsen zusammen mit der Bundesrepublik Deutschland und dem Freistaat Bayern und der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ersteigert. Es gibt also vier Eigentümer und der Haupteigentümer ist das Land Niedersachsen und deswegen wurde auch beschlossen, dass dieses Evangeliar in der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel aufbewahrt wird.

Ingeborg Lüdtke:

Wenn ich mir das Evangeliar als ganz normaler Mensch ansehen möchte, welche Möglichkeiten habe ich dann überhaupt?

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer:

Also ersten ist es so, das es natürlich der Forschung zur Verfügung steht, aber es gibt auch ein Faksimile und deswegen wird jeder Interessent zunächst mal auf das Faksimile, auf sie fast ganz identische Kopie, dieser Handschrift verwiesen. Diese Handschrift im Original nur jedes Jahr einmal gezeigt … und dann nur für eine befristete Zeit, damit diese Handschrift nicht so lange Zeit aufgeschlagen in dem Tresor hinter Sicherheitsglas liegt, denn jede aufgeschlagene Pergamenthandschrift führt dazu, dass sich die Blätter und auch die Bindung verzieht und um dieses kostbare Werk möglichst unbeschadet den nächsten Generationen zu übergeben, müssen wir sehr sorgfältig sein und wir werden es wohl auch nicht mehr aus Wolfenbüttel in eine Ausstellung transportieren, weil auch der Transport solche Handschriften immer beeinträchtigt, denn das Blattgold, das dort aufgelegt ist und auch die Farben können bei kleinen Erschütterungen schon scheuern und das wollen wir natürlich vermeiden.

Ingeborg Lüdtke:

Dieses Faksimile oder die Kopie befindet sich jetzt ja in der Bibliothek in Wolfenbüttel?

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer:

Wir haben auch sogar mehrere Faksimiles. Man kann das Faksimile auch kaufen. Es ist aber auch schon sehr teuer. Ein Faksimile kostet etwa 30000,- DM oder jetzt 15000,- Euro. Für Liebhaber dann sicherlich schon erschwinglich, aber für den Durchschnittsverbraucher immer noch ein sehr teueres Werk, aber es natürlich mit großem Aufwand hergestellt. Für wissenschaftliche Zwecke kann man das Faksimile benutzen und dadurch einen Eindruck von dem Werk gewinnen. Man kann es frei durchblättern ohne Angst haben zu müssen, ein kostbares ja fast 800 Jahre altes Original beschädigen zu können.

Ingeborg Lüdtke:

Eine Kopie soll sich im Braunschweiger Dom befinden.

Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer:

Ja, dort liegt auch ein Faksimile. Natürlich haben die Braunschweiger gehofft, dass das Evangeliar, welches ja für den Braunschweiger Dom hergestellt wurde, dort hinkommt. Die Herzog- August- Bibliothek ist aber die Bibliothek des alten Landes Braunschweig mit der größten Handschriftensammlung in Niedersachen und deshalb ist das Evangeliar auch ganz richtig dort untergebracht. Das Evangeliar liegt in einem hoch gesicherten Tresor, so dass es also bestmöglich gesichert ist.

(Musik)

Mit Dr. Helmut Rohlfing von der Niedersächsischen Staats-u-Universitätsbibliothek Göttingen-Abtl. Handschriften und Seltene Drucke sprach ich über die Göttinger Gutenbergbibel. Meine erste Frage an ihn war:

Ingeborg Lüdtke:

Wann und wo wurde die Göttinger Gutenbergbibel gedruckt?

Dr. Helmut Rohlfing:

Wir wissen nicht genau, an welchem Datum sie gedruckt wurde, aber wir sind ziemlich sicher, dass sie um das Jahr 1455 in Mainz gedruckt worden ist, der Vaterstadt von Johannes Gutenberg.

Ingeborg Lüdtke:

Was ist das Besondere an dieser Gutenbergbibel?

Dr. Helmut Rohlfing:

Das Besondere an dieser Bibel ist, dass sie das erste große gedruckte Werk in der Geschichte des Frühdrucks ist. Das Besondere an diesem Exemplar ist die Tatsache, dass es auf Pergament gedruckt ist und dass Pergamentexemplare der Gutenbergbibel wesentlich seltener sind als die Papierexemplare.

Ingeborg Lüdtke:

Wie hoch war die Auflage der Gutenbergbibel?

Dr. Helmut Rohlfing:

Man weiß auch das nicht ganz genau; denn es haben sich keine Notizen von Johannes Gutenberg gefunden, auf denen die Auflage vermerkt wurde. Man rechnet heute damit, dass es eine Auflage von insgesamt 180 Exemplaren war und dass von diesen 180 Exemplaren wahrscheinlich 30 bis 40 auf Pergament gedruckt waren.

Ingeborg Lüdtke:

Wie viele Exemplare gibt es heute noch?

Dr. Helmut Rohlfing:

Es gibt insgesamt noch 49 vollständige und unvollständige Exemplare der Gutenbergbibel, und von diesen 49 Exemplaren sind 12 Pergamentexemplare erhalten,Gutenberg Bibel von denen nur vier im Text vollständig überliefert wurden. Bei diesen vier Bibeln fehlt kein einziges Blatt, und das auch bei der Göttinger Bibel ist der Fall. Sie ist also das einzige Exemplar in einer deutschen Bibliothek, das im Text vollständig ist.

Ingeborg Lüdtke:

Wie kam die Gutenbergbibel nach Göttingen?

Dr. Helmut Rohlfing:

Da ist eine etwas verworrene Geschichte. Die Bibel hat fast zwei Jahrhunderte zugebracht im Besitz der Universitätsbibliothek Helmstedt. Die Universität Helmstedt wurde von König Jerome, dem König von Westphalen, im Jahre 1809 aufgelöst, und der gesamte Bücherbestand aus Helmstedt ist nach Göttingen gekommen und wurde hier von den Bibliothekaren auch katalogisiert, das heißt in die Kataloge eingetragen. Nach Ende der französischen Besatzung 1815 mussten aber leider alle Helmstedter Bücher wieder abgegeben werden. Dabei ist dann die Gutenbergbibel nicht zurückgegeben worden. Das führt natürlich zu gewissen kritischen Bemerkungen von Seiten der Wolfenbütteler Kollegen, die den Großteil der alten Helmstedter Bibliothek übernommen haben.

Ingeborg Lüdtke:

Kann man sich die Bibel auch ansehen?

Dr. Helmut Rohlfing:

Die Bibel kann man tatsächlich anschauen; denn uns ist bewusst, dass ein großes Interesse in der Öffentlichkeit daran besteht. Wir haben sie im Jahr 2000 in einer großen Gutenberg-Ausstellung längere Zeit gezeigt und haben uns dann aber überlegt, dass wir doch versuchen wollen, mehrere Monate im Jahr den ersten oder den zweiten Band der Bibel hier in der Paulinerkirche im Schatzhaus zu präsentieren. (Das ist im Jahr 2002 auch geschehen.) Man kann aber darüber hinaus natürlich virtuell in der Bibel blättern, wenn man ins Internet geht. Die Göttinger Bibliothek war weltweit die erste, die die komplette Gutenbergbibel eingescannt und der Öffentlichkeit unentgeltlich im Internet zur Verfügung gestellt hat.

Ingeborg Lüdtke:

Wenn man heute die Gutenbergbibel kaufen wollte, was müsste man jetzt für diese Bibel bezahlen?

Dr. Helmut Rohlfing:

Das kann man nicht immer einfach beantworten. Der Wert eines Buches lässt sich nur beurteilen, wenn man als Anhaltspunkt Auktionen oder Verkäufe in der jüngeren Vergangenheit heranziehen kann. Es ist schon eine gewisse Zeit her, dass in den 1980er Jahren ein Papierexemplar einer Gutenbergbibel versteigert wurde, von diesem Exemplar aus kann man den heutigen Wert schätzen. Aber ich kann vielleicht einmal sagen, wie der Wert der Bibel zu Zeiten Gutenbergs geschätzt wurde. Man kann sagen, dass ein mehrstöckiges und relativ geräumiges Bürgerhaus in einer mittelalterlichen Stadt in Deutschland dem Gegenwert eines Pergamentexemplars entspricht. Wenn man sich also vielleicht in der heutigen Zeit eine große, gut ausgebaute Stadtvilla vorstellt, dann weiß man genau, dass das der Mindestwert ist, den dieses Stück heute erzielen würde.

Ingeborg Lüdtke:

Johannes Gutenberg hat zwar seine Spuren hinterlassen, aber über ihn weiß man recht wenig.

Dr. Helmut Rohlfing:

Auf jeden Fall ist es wohl als gesichert anzusehen, dass er aufgrund seiner Vorbildung und seiner Ausbildung (er hat ja das Goldschmiedehandwerk gelernt) in der Lage war, dieses Bündel von Johannes GutenbergErfindungen zu schaffen, das es ihm möglich gemacht hat, Bücher zu drucken. Dazu gehörte es nicht nur, die Druckerpresse zu bauen, sondern vor allen Dingen, ein kleines Instrument zu erfinden mit dem die Typen gegossen werden. Das ist eigentlich der Kern dieser Erfindung, das Handgießinstrument, mit dem die Typen hergestellt werden. Gutenberg musste im Grunde die Schriftzeichen, die in einem mittelalterlichen Manuskript zu sehen sind, reproduzieren. Er ist dann auf die Idee kommen, dass die Zeichen mechanisch so hergestellt werden konnten, dass er ein ganzes Reservoir an solchen Typen erzeugte, die er dann in immer neuen Zusammensetzungen zusammenfügen konnte, um unterschiedliche Texte zu drucken. Aber er hat ein sehr interessantes Leben geführt mit Höhen und Tiefen und allen Unsicherheiten, die es damals in der Zeit gegeben hat. Festzuhalten bleibt jedoch, dass die Auswirkungen der Erfindung des Buchdrucks gewaltig gewesen sind.

Ingeborg Lüdtke:

Aber das mit den beweglichen Lettern, das war ja schon…

Dr. Helmut Rohlfing:

Um die Erfindung gab es auch Legenden, und um Einzelheiten hat es auch Streit gegeben. Vieles lässt sich einfach nicht beweisen. Das ist im Grunde genommen auch letztlich nicht entscheidend. Natürlich hat man in China und in Korea auch schon vor Gutenberg mit beweglichen Typen gedruckt wird. Entscheidend ist jedoch, dass der Siegeszug dieser neuen Technologie stattgefunden hat, nicht in China, nicht in Korea, sondern in Europa. Und dass es nur zwanzig bis dreißig Jahre gedauert hat, bis sich diese Technologie über den gesamten europäischen Raum verbreitet hat. Und das ist es, was dem Buchdruck eine enorme kulturhistorische Bedeutung verliehen hat.


Ingeborg Lüdtke:

Wie konnte Johannes Gutenberg seine Erfindung finanzieren?

Dr. Helmut Rohlfing:

Um seine Erfindung machen zu können, hat er sich Geld leihen müssen von dem Mainzer Geschäftsmann Johannes Fust. Gutenberg konnte den Kredit nicht zurückzahlen, und dann hat es darum eine prozessuale Auseinandersetzung gegeben, die von dem Notar Helmasperger geschlichtet und entschieden worden ist. In einer Urkunde, die hier in Göttingen vorhanden ist, im sogenannten Helmaspergerschen Notariatsinstrument, wurde festgelegt, dass Gutenberg seine Druckerpressen und das Werkstattinventar an Fust und Peter Schöffer abgeben musste. Danach hat er sich eigentlich nur noch von kleineren Aufträgen ernähren können, deswegen ging es ihm dann in der Zeit anschließend eigentlich solange schlecht, bis er von seinem Landesherrn ein Stipendium, würde man heute sagen, bekommen hat. Aber interessant an der Geschichte ist, dass diese Übernahme der Gerätschaft durch Fust und Schöffer dazu geführt hat, dass diese eben dann das große Geschäft gemacht haben. Sie haben eine florierende Gemeinschaftsdruckerei gegründet, und sie waren auch die ersten, die in ihren Büchern das Druckdatum, ihre beiden Namen und sogar das Signet ihrer Druckerei, also das Impressum vermerkt haben. Es gibt keinen einzigen Druck von Johannes Gutenberg, in dem sein Name oder das Datum auftaucht. Dadurch dass Schöffer und Fust ihre Drucke kennzeichneten, ist dann in späteren Jahrhundertender Eindruck entstanden, dass Peter Schöffer der eigentliche Erfinder des Buchdruckes gewesen sei. Mehr als zwei Jahrhunderte danach tauchte in Göttingen das Helmaspergersche Notariatsinstrument wieder auf. Ein Göttinger Professor schenkte schon im 18. Jahrhundert der Bibliothek diese Urkunde und edierte sie. Dadurch kam es dann zu einem Neubeginn der Erforschung des Frühdrucks und zu einer Rückbesinnung auf Gutenberg. Aus dem Grunde ist es so wichtig, dass natürlich die Gutenbergbibel und weitere Stücke aus der Zeit der Erfindung des Buchdrucks hier in Göttingen in einer Stelle vereint bleiben.

Ingeborg Lüdtke:

Die Gutenbergbibel kann man sich ja nun im Internet ansehen.

Dr. Helmut Rohlfing:

Die Tatsache, dass die Bibel digitalisiert worden ist und ins Internet gestellt worden ist, hat wesentlichen Anteil daran gehabt, dass sie ins Weltkulturerbe aufgenommen worden ist. Es gibt ein Unesco-Programm mit der Bezeichnung „Memory of the World“, in dem herausragende Dokumente der Menschheits- geschichte vorgestellt werden sollen. In dieses Programm ist eben die Göttinger Gutenbergbibel mit dem Musterbuch und dem Notariatsinstrument aufgenommen worden, und dabei hat eben auch eine Rolle gespielt, dass die Bibliothek sich bemüht hat, das Wissen um die Bibel doch auch einer größeren Menge von Menschen in aller Welt zur Verfügung zu stellen.

(Musik)

Wussten Sie eigentlich, dass in Göttingen auch eine Bibel verlegt wird?

Johannes Wilhem Hans Jessen hat das NT ins holsteinische Plattdeutsch übersetzt. 1933 wurde das plattdeutsche NT in Braunschweig herausgegeben. Seit 1937 erscheint eine 2 .Auflage im Göttinger Verlag Vandenhoeck & Ruprecht unter dem Titel „Das nie Testament in unsre plattdütsche Moderspraak“. In diesem Werk sind auch Auszüge des AT enthalten. Das Vaterunser in hollsteinischen Plattdeutsch klingt dann so:

„Unser Vader …..“ (gelesen von Elfriede Liebermann).

(Musik -irish Prayer-Paternoster)

Bibeln VegelahnZum Schluß möchte ich Sie noch auf eine Bibelausstellung in der Kreisvolkshochschule in OHA aufmerksam machen. Karlo Vegelahn zeigt eine Woche lang seine Bibelsammlung:Bibeln Vegelahn

„Meine älteste Bibelübersetzung, die ich zeigen werde, ist aus dem Jahr 1530 und zwar ist es der Prophet Daniel von Martin Luther übersetzt. Die Bibelausstellung beginnt am 27. Juni 2003.“

(Musik)

Ich hoffe, ich konnte Ihr Interesse für alte und neue Bibelausgaben und Übersetzungen wecken.

(Musikakzent)

 

© Ingeborg Lüdtke

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