„Weil ich nicht ‚Heil Hitler‘ sagte“

Die Sendung wurde am 15. November 2004 in dem Magazine „MixUp“ ausgestrahlt

Interview Dr. Hans Hesse mit Erna Ludolph in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück

Sprecherin:

Im September 2002 sprach Erna Ludolph in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück mit dem Historiker Dr. HansLudolph Hesse Hesse über ihre Erlebnisse.

Dr. Hans Hesse:

Frau Ludolph Sie sind mittlerweise in einem Alter, wo ich Sie ruhig fragen darf, wie alt Sie sind oder?

Erna Ludolph:

94, demnächst 95.


Dr. Hans Hesse:

94, demnächst 95. Frau Ludolph, warum sind Sie verhaftet worden?


Erna Ludolph:

Weil ich nicht „Heil Hitler“ sagte und denunziert wurde. Diese Denunziantin war eine Kommunistin. Sie hatte es nötig, sich wieder eine neue Basis zu schaffen und hat dann einen Beweis bringen müssen, dass sie sich wirklich umgestellt hatte und hat mich als Opfer genommen.

Sprecherin:

Erna Ludolph kommt daraufhin 3 Monate in das Zuchthaus Lübeck-Lauerhoff. Fast ein Jahr nach ihrer Freilassung verteilt sie einen „Offenen Brief“, der auf die Verfolgung und Mißhandlungen der Zeugen Jehovas aufmerksam macht. Sie wird denunziert und kommt erst in das Gefängnis Bützow-Dreibergen und wird nach ihrer Entlassung in das Frauen-KZ Moringen überstellt. In ihrem Lebensbericht schreibt sie: „Alles war sehr eng. Man hatte Mühe einen Sitz- und Schlafplatz zu finden.“ Sie findet nur deshalb ein freies Bett, weil in der Decke ein Loch war und es dort manchmal hereinschneit. Später kommt sie in das KZ-Lichtenburg. Dies war aber nicht die letzte Station.

Dr. Hans Hesse:
Sie kamen ja dann nach Ravensbrück.

Erna Ludolph:
Ja.

Dr. Hans Hesse:

Wann?

Erna Ludolph:

1939.

Dr. Hans Hesse:

Das heißt also, Sie gehörten zu den ersten Bibelforscher- Häftlingen (Zeugen Jehovas) hier in Ravensbrück?

Erna Ludolph:
Ja.

Dr. Hans Hesse:

Haben Sie auch diese Situation vom 19. Dezember 1939 mit dem Nähen der Pistolentaschen für die Wehrmacht miterlebt?

Erna Ludolph:

Das ist das Thema! Ich kam in den Nähsaal. Dann eines Tages kommt die Aufseherin und sagt: „Alle heraustreten.“ Es war ein harter Winter. „Ihr braucht Euch keinen Mantel, keine Jacke anziehen. Ihr kommt gleich wieder rein.“ Und habe ich gesagt: „Zieht Eure Jacken an.“ Und dann standen wir vor der Baracke und dann war der Kommandant Kögel da. Er hatte da eine kleine Nähtasche in der Hand. „Wer diese Nähtaschen für unsere Soldaten nicht nähen will, der trete auf die andere Seite.“ Der Mann hatte noch nicht ausgesprochen, da war ich schon gleich die Erste [auf der anderen Seite] und alle anderen kamen nach. Plötzlich war die Seite leer. Der ist schneeweiß geworden. Eine solche Reaktion hatte der nicht erwartet. „Ab hinter den Zellenbau und ZellenbauKrematoriumverreckt.“ Dann sind wir hinter den Zellenbau gekommen. Du dann sind wir dahin und haben als erstes Kommando Strafe stehen müssen bei uns so und soviel Grad Kälte. Es war da der Stalingrad-Winter, Dann kamen die Kolonnen, die im Außendienst waren nach und nach herein und wurden dann bei der Pforte gleich gefragt, ob sie diese Taschen für die Soldaten nähen wollten. Die waren alle stur, bis wir alle bei einander waren.. Dann haben die zum Schluss sogar noch die aus dem Revier [Anm.:Krankenstation] geholt und die standen auch da. Dann haben wir den ganzen Tag ohne Essen und ohne alles stehen müssen und das drei Tage lang, raus und rein und so weiter. Bis wir dann in diesen Baracken mit 7-9 Personen in der Zelle waren.

Dr. Hans Hesse:

9 Personen.

Erna Ludolph:

Und da war nur ein Bett an die Wand geschnallt. Und da hatten wir [auf dem] Fußboden weder Stroh noch eine Decke, auch nichts unter dem Kopf. Da mussten wir auf dem Fußboden bei 32 ° Kälte [in der ungeheizten Zelle schlafen]. Es hat Wochen gedauert bis wir hinaus mussten. Das war dann aber das Ende.

Sprecherin:

Die Haftbedingungen ändern sich für sie. Später arbeitet sie erst in der Gärtnerei und dann in einem Privathaushalt. Kurz vor Kriegsende wird sie entlassen. Sie verstarb am Sonntag den 26. September 2004 im Alter von 96 Jahren.

© Ingeborg Lüdtke

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