Was ist Glück?

Was ist Glück?

Eine nicht immer ernstgemeinte fiktive Email-Korrespondenz zwischen Freundinnen zum Thema “Glück”.

5.Mai :

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Hallo Inge,

habe gerade Frühstückspause. Heute ist echt der Bär los: Laufend irgendwelche merkwürdigen und nervigen Kundentelefonate und dann noch die schlechte Laune meines Chefs. Das kann noch heiter werden…

Kann man denn nicht einfach mal nur so glücklich sein?

Gruß Martina

(Sie haben Post)

Hallo Martina,

kann nicht klagen, mein Chef hat gute Laune. Bei Dir hört sich das ja nicht so berauschend an..

Einfach nur glücklich sein? Warum nicht? Aber was ist Glück?

Lese gerade in einem Katalog, dass man durch Feng Shui mehr Gesundheit, Glück und Wohlstand erlangen kann.

Hier heißt es:

„Feng Shui heißt übersetzt: Wind und Wasser und ist die alte chinesische Kunst, in harmonischen Einklang mit der Umgebung zu leben. Sie beruht auf jahrhundertlangen Beobachtungen und Erfahrungen der Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umgebung.

Durch eine harmonische Anordnung von Möbeln und Symbolen soll ein ausgeglichener Zustand erreicht und damit die Wohn -und Lebensqualität verbessert werden, um mehr Gesundheit und Wohlstand zu erlangen.“

Also da kann ich nur sagen, schlag Deinem Chef mal vor, er soll sein Büro umräumen, vielleicht wird er dann wieder „glücklicher“…

(Sie haben Post)

Hallo Inge,

du hast gut reden, vielleicht sollten wir das ganze Büro mal entrümpeln

Über Feng Shui habe auch schon mal etwas gelesen. Es gibt sogar Feng-Shui-Meister. Der Feng-Shui-Meister benutzt normalerweise einen geomantischen Kompass.

Der Kompass ist in der Mitte einer astrologischen Tafel angebracht. Der Kompass enthält auch Daten zu Sternbildern, Jahreszeiten und den Perioden der Sonnenzyklen.

Interessanterweise findet man die Bücher über Feng Shui in der Buchhandlung meistens unter dem Sachgebiet Astrologie oder Wahrsagerei.

Geomantie – ich schrieb ja gerade von dem geomantischen Kompass – bedeutet lt. der Brockhaus Enzyklopädie soviel wie Weissagen, Orakel, die Kunst aus absichtslos in den Sand gezogenenen Figuren oder aus geographischen Gegebenheiten zu weissagen.

Ach ich weiß nicht, Feng Shiu scheint mir persönlich nicht zu meiner Glückfindung zu verhelfen und meinem Chef erst recht nicht..

Jetzt versuche ich es mal mit „Positiven Denken“.

Ich habe letztens im Volkshochschulverzeichnis einen Wochenendkurs über „Positives Denken“ gesehen und habe mich auch gleich angemeldet. Morgen beginnt der Kurs. Bin gespannt.

15.Mai:

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Hallo Martina,

wie war der Kurs über das „Positive Denken“. Was habt Ihr gemacht? Vielleicht kann ich ja auch etwas davon anwenden…

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Hallo Inge,

hör bloß auf mit dem Kurs!!!

Der Kurs war eher so nach dem Motto: „Ich lieb Dich, Du liebst mich. Wir lieben uns alle…“

Freitagabend musste sich diejenige mit den meisten Problemen in die Mitte setzten und wir anderen 9 sind um ihren Stuhl herum gegangen und mussten zu ihr sagen: „Du bist schön. Du bist weise. Du bist gerecht. Du bist liebenswert.“

Ich dachte ich bin im falschen Film!

Ich bin dann Samstag gar nicht erst wieder zum Kurs gegangen. Wenn ich mir ein Buch über „Positives Denken“ gekauft hätte, dann hätte ich sicher mehr davon gehabt. Also „glücklich“ hat mich der Kurs nicht gemacht eher frustriert

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Hallo Martina,

schade! Der Kurstitel hörte sich so vielversprechend an.

Ich hätte es gerade nötig „positiv“ zu denken. Ich habe doch so abgenommen und auf verschiedene Lebensmittel reagiere ich mit Kopfschmerzen usw. . Keiner weiß woran es liegt.

Nun hat mich meine Ärztin kurzfristig in eine Fachklinik überwiesen. Morgen fahre ich los. Ich bin dann 14 Tage nicht per E-Mail erreichbar..

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31. Mai:

Hallo Martina,

Ab sofort bin ich wieder telefonisch, per Anrufbeantworter und per E-mail erreichbar!!

Das “Klinikleben” hat nun sein Ende, obwohl ich fast einen “Nebenjob” in der “FachklinikKlinik Kloster Grafschaft erhalten hätte:

Vor meiner Darmspiegelung musste ich nachts durch die Gänge gehen und selbst das nötige Toilettenpapier organisieren; ebenfalls nachts habe ich das Wasser aus dem übergelaufenen Gully im Toilettenvorraum aufgewischt und gestern organisierte ich noch für die Allgemeinheit Papierhandtücher.
Eine Frau, die mich im Jogginganzug mit dem Packen Papierhandtücher und einem Buch in der Hand sah, fragte mich: “Sie arbeiten doch auch hier?”……..

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Hallo Inge,

schön, dass Du wieder zu Hause bist.

Verstehe gar nicht, warum Du den „Nebenjob“ in der Klinik nicht angenommen hast…

Wie war es sonst??

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Hallo Martina,

Mein erster Krankenhausaufenthalt nach meiner Geburt gestaltete sich die
ersten Tage etwas “unschön”. Gerne hätte ich auf die Magen- und Darmspiegelung
verzichtet. Die Beruhigungsspritze setzte mich beide Male gleich 2 Std. schachmatt.

Im großen und ganzen war der Klinikaufenthalt aber erfolgreich. Nun weiß ich wenigstens, dass es eine Kuhmilch -u. Erdnussunverträglichkeit ist.

Jetzt muss ich noch zu einer Ernährungsberaterin. Wer weiß was ich überhaupt noch essen darf…

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Hallo Inge,

wenn ich das so höre, kann ich nur sagen: Ich bin „glücklich“, dass ich gesund bin!!

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Hallo Martina,

ach weißt Du , wenn ich von anderen Patienten hörte, dass sie z.B. auf Nickel gleich mit einer Gürtelrose reagieren oder dass die Zunge dick wird und sie keine Luft bekommen oder gleich ein Gegenmittel gespritzt haben müssen, dann geht es mir doch gut.

Dann bin ich auch „glücklich“. Man wird doch recht bescheiden mit seinen Ansprüchen an das „Glück“. Man ist dankbar für jedes Lächeln oder aufmunterndes Wort

Die Iren sagen: It could be worse. Es könnte noch schlimmer kommen. Hast Du Dir einen Arm gebrochen, dann sei froh, Du hättest Dir beide Arme brechen können….

Gab es eigentlich etwas Neues als ich nicht da war?

2. Juni:

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Hallo Inge,

ja, es gibt etwas Neues: Meine Schwester hat sich nun endlich von ihrem Freund getrennt. Er konnte nicht mit Geld umgehen und hat sich laufend etwas bei ihr geborgt. Leider hat er es ihr nie zurückgezahlt.

Nun meint sie, ihr nächster Freund müsse ein „Millionär“ sein.

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Hallo Martina,

schön, dass sie sich endlich von ihm getrennt hat. Sie soll froh sein, dass Sie nicht mit ihm verheiratet ist. Sie hätte dann noch seine Schulden bezahlen müssen.

Aber der nächste Freund „Millionär“? So viele laufen davon ja auch nicht einfach so frei herum und bei Günther Jauch („Wer wird Millionär?“) gewinnt ja auch nicht jeder gleich eine Million.

Sie hätte dann zwar nicht das Problem mit dem Geldleihen, aber das Geld wirklich allein „glücklich“ macht, wage ich zu bezweifeln.

Hat man sehr viel Geld, muss man es ja auch wieder anlegen und verwalten. Man kann sein Geld auch ganz schnell wieder verlieren, wenn man falsche Aktien kauft..

Ich möchte auch gar nicht so viel Geld haben, dann gibt es nur wieder Leute, die neidisch sind und vielleicht eine Entführung planen oder mich töten wollen: ich sage nur Oetker und Reemtsma.

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Hallo Inge,

apropos Neid. Meine Schwester ist neidisch auf meine „glückliche“ Ehe.

Dabei fällt einem die „glückliche“ Ehe ja auch nicht so in den Schoß. Es ist auch ein ganzes schönes Stück Arbeit. Immerhin treffen 2 verschiedene Meinungen und Charaktere aufeinander.

Ich habe ihr gesagt, sie solle ihr Single-Dasein erst einmal genießen. Jeder Stand hat doch seine eigenen Vorteile.

(Sie haben Post)

Hallo Martina,

wenn ich das lese ,muss ich an ein Gedicht von Phil Bosmans denken. Sinngemäß heißt es dort:

Das andere Ufer wäre immer viel schöner und man sollte daran denken, dass der andere am anderen Ufer auch denken würde, dass der andere viel glücklicher wäre. Das Glück läge aber nicht am anderen Ufer, sondern in einem selbst.

Eigentlich ein schönes Gedicht. Bloß wie finde ich denn eine innere Zufriedenheit??

Manche denken ja, der Buddhismus bringt durch Meditation eine Lösung. Hast Du Dich da schon mal näher mit befasst?

5.Juni

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Hallo Inge,

das Gedicht ist sehr schön! Ich werde meiner Schwester davon erzählen.

Buddhismus als „Glückfindung“? Der große Buddhismuskenner bin ich auch nicht , aber ich habe folgendes gelesen:

Der Buddhismus entwickelte sich in Asien und sein Begründer war als Hindu aufgewachsen.

Buddha glaubte an die Wiedergeburt. Es gibt 5 verschiedene Möglichkeiten der Wiedergeburt: einmal in der Hölle, als ein Tier, als ein Geist mit kleinem Mund dickem Bauch, der Hunger und Durst hat, dann als Mensch und als Gott.

Es soll da aber im Buddhismus auch verschiedene Meinungen geben.

Buddha glaubte, alles sei dem Kreislauf des Werdens, Vergebens und Wiedererstehens unterworfen.

Befreiung kann man erhalten, wenn man die „4 edlen Weisheiten“ anerkennt.

Diese 4 Weisheiten sind..

1) Das Leid ist universell

2) Die Ursache des Leids ist die Lebensgier

3) Heilung des Leids erfolgt durch Ausmerzung der Lebensgier

4) Man merzt die Lebensgier aus, indem man dem edlen achten Pfad folgt. der achte Pfad betrifft

das Leben, die Ziele, das Handeln und das Denken.

Die Begierde nach dem Leben soll durch Meditation unterdrückt werden.

Die Meditation soll den Geist völlig entleeren.

Das Nirwana hat man erreicht, wenn die man sich durch Meditation weder des Lebens noch eines Verlangens bewusst ist.

Alles klar?

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6.Juni:

Hallo Martina,

ich weiß nicht so recht, dass hört sich so sehr kompliziert an. Ich denke die Lehren der Bibel sind einfacher.

Die Bibel sagt , wenn wir Gottes Gesetzen gehorchen, können wir „glücklich“ sein.

Er hat seinen Sohn Jesus Christus sterben lassen, damit die Menschen von Sünde und Tod befreit werden. Wenn der Mensch stirbt, ist er tot und muss nicht mehrmals wiedergeboren werden. Es gibt aber auch eine Hoffnung auf eine Auferstehung.

Das größte Glück ist es, ewig gesund in einem Paradies zu leben. Das Paradies soll auf der Erde sein. Allerdings glauben einige es wäre im Himmel. Ich weiß nicht, wenn Gott dies gewollt hätte, hätte er uns doch gleich als Engel erschaffen können?

(Sie haben Post)

Hallo Inge,

uh…ich kenne mich mit der Bibel nicht so aus.

Ich habe gerade noch eine neue Variante des Glücks kennen gelernt: Mein Mann gab mir gerade einen Kuss, weil Boroussia Dortmund deutscher Fußballmeister geworden ist..

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Hallo Martina,

na dann, so versteht halt jeder etwas anderes unter dem „Glück“.

Bis dann…

(c) Ingeborg Lüdtke)

 

Die Sendung wurde im StadtRadio Göttingen am 29.Mai 2002 ausgestrahlt.

Kommentar:

Berichte, Erlebnisse und Aussprüche aus meinem sozialen Umfeld flossen mit in den Text ein. Das Leben schreibt sowieso die interessantesten Geschichten.

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