Achtjähriger verweigert „Hitlergruß“

Die Sendung wurde am 17. Februar 2003 im StadtRadio Göttingen ausgestrahlt.

Georg Christoh Lichtenberg GesamtschuleAm 14. Januar 2003 sahen 300 Schüler der Georg-Lichtenberg-Gesamtschule in Göttingen das Video „Lila Winkel“ über die Verfolgungsgeschichte der Familie Kusserow aus Bad Lippspringe. Das Video wurde in der britischen Fernsehsendung „The Human Factor“ ausgestrahlt. Alle Familienglieder der Familie Kusserow sind Zeugen Jehovas, wie die Bibelforscher seit 1931 genannt werden. Die Familie Kusserow hatte insgesamt 11 Kinder, davon starb ein Kind während eines Badeunfalles. Während der NS-Zeit waren alle noch lebenden Familienmitglieder

Karl und Wilhelm Kusserow

Karl und Wilhelm Kusserow

entweder inhaftiert oder im Erziehungsheim. Gemeinsam war die Familie 48 Jahre inhaftiert. Wilhelm und Wolfgang Kusserow verweigerten den Kriegsdienst. Wilhelm wurde erschossen und Wolfgangwurde enthauptet. Karl-Heinz Kusserow war wegen seiner Kriegsdienstverweigerung in den KZ´s Sachsenhausen und Dachau inhaftiert.

Paul-Gerhard Kusserow, das jüngste Kind der Familie Kusserow (1931 geboren) war als Zeitzeuge während des Films anwesend und wurde nach der Filmvorführung von den Schülern befragt. Der Fachbereichsbereichsleiter für Geschichte der Georg-Lichtenberg-Gesamtschule Dr. Thomas Berger-von zur Heide bat ihn zuerst etwas über seine Zeit als Jugendlicher und die Verfolgung im Nationalsozialismus zu sagen.

Paul-Gerhard Kusserow erzählte, dass er 1931 geboren wurde und 1937 in die Schule gekommen ist. Er erinnerte sich gerne daran, wie sie als Familie gemeinsam Gartenarbeit durchgeführt, gemeinsam musiziert und Sport getrieben haben.

Seine Erinnerungen an die Schule sind sehr negativ. Er und seine Geschwister verweigerten den Hitlergruß und wurden deshalb von den Schülern und Lehrern verspottet. Zum Beispiel sagte man ihnen: „Geht nach Moskau, geht zu den Kommunisten.“ Sein Vater, der zwischenzeitlich aus der Haft entlassen wurde, beschwerte sich bei der Schulleitung. Der Lehrer Wellpott schrieb im zurück, dass seine Kinder zwar eine gute Erziehung genossen hätten, aber religiös falsch erzogen worden seien.

Elisabeth, Hans-Werner und Paul-Gerhard Kusserow wurden dann aus der Schule herausgeholt und in ein Erziehungsheim nach Dorsten geschleppt. Dort blieben sie einige Monate. Die Zustände waren ähnlich wie in einem Gefängnis. 10 Jungen waren in einem Raum untergebracht. Einmal am Tag durften sie eine halbe Stunde rausgehen. Wenn Paul-Gerhard Kusserow auf die Toilette ging, wurde diese sofort verschlossen und er konnte nicht wieder sofort herausgehen. In dem Erziehungsheim wurde aber weniger Wert darauf gelegt „Heil Hitler“ zu sagen.

Er berichtet, dass die allgemeine Behandlung negativ war, zum Beispiel haben sie schlechtes Essen bekommen. Von Seiten der Schüler gab es keine Schikane.

Nach wenigen Monaten kamen sie in das Erziehungsheim Nettelstedt. Sie wurden auch hier schikaniert. Es gab keine dicken Zudecken, um sich nachts gegen die Kälte zu schützen. Die Schulleitung versuchte die 3 Geschwister zu überreden „Heil Hitler“ zu sagen. Sein Bruder Hans-Werner wurde wegen seiner Weigerung geschlagen und musste sich bei Kälte hinlegen, wieder aufstehen, hinlegen, aufstehen etc.

Man hat ihnen aus dem Buch „Mein Kampf“ von Adolf Hitler vorgelesen. Weil dies alles nichts half und sie sich weiterhin weigerten den Hitlergruß zu leisten, mussten sie nach der Schule auf einem Bauernhof schwere Arbeiten leisten.

Seine Mutter und seine Geschwister besuchten sie ab und zu heimlich. Einmal wurde dem Vater offiziell gestattet, kurz seine Kinder zu sehen. Später waren auch heimliche Besuche nicht mehr möglich, da seit 1940 alle Familienmitglieder inhaftiert waren.

Während der heimlichen Besuche erfuhr Paul-Gerhard Kusserow auch, dass seine Brüder Wilhelm und Wolfgang umgebracht worden waren, weil sie den Kriegsdienst verweigerten. Er war zwar traurig über den Tod seiner Brüder, aber seine Eltern hatten ihn und seine Geschwister schon auf Verfolgung vorbereitet. Dies und die Gewissheit, dass seine Brüder ihrem Glauben treu geblieben waren, ließ ihn die Situation ertragen.

Er und seine Geschwister haben zwar unter der Trennung von der Familie gelitten, aber durch ihren Glauben waren sie stark genug, dies zu ertragen.

Aus eigener Überzeugung lehnte er den Hitlergruß ab, weil er wusste, dass das Heil nur durch Jehova Gott durch seinen Sohn Jesus Christus kommt.

Seine Familie und er waren keine Fanatiker, sagte er. Sie hätten viel Sport betrieben und seine Brüder wären auch Fußball begeistert gewesen. Der Begriff Schalke 04 wurde oft erwähnt.

Er hätte nie daran gedacht aufzugeben. Er ließ sich sogar 1944 in einer Badewanne in Soest taufen.

Ihm wurde verweigert auf das Gymnasium in Büren zu gehen. Nach Kriegsende besuchte er die Handelsschule und erhielt eine Ausbildung für eine Bürotätigkeit.

Die Familie Kusserow erhielt eine kleine finanzielle Entschädigung als Opfer des NS-Regimes.

Hassgefühle gegenüber den Tätern unter dem Nationalsozialismus hatten seine Familie und er nie.

Am Ende der Veranstaltung brachten die Schüler durch andauernden Applaus ihren Respekt für seine standhafte Haltung zum Ausdruck.

© Ingeborg Lüdtke

Weiterführende Links:

 

http://www.karlo-vegelahn.de/der_lila_winkel.html

http://books.google.de/books?id=Y8SggYCYoIAC&pg=PA546&lpg=PA546&dq=The+Human+Factor+Purple+Triangles&source=bl&ots=64fwaCAf4w&sig=HLVIzsG0aovBNKJr3tTbmfqz5lk&hl=de&ei=ILscTqazM4b4sgaonK31Bg&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=7&sqi=2&ved=0CF0Q6AEwBg#v=onepage&q=The%20Human%20Factor%20Purple%20Triangles&f=false

http://www.muenster.org/spurenfinden/02_gedenkbuch/22_gedenkblaetter/gedenkblatt_wilhelm_kusserow.pdf

http://www.carookee.com/forum/Staatsterror/22/16004241

 

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