Heeresmunitionslager Volpriehausen bei Uslar

Interview mit Detlev Herbst im Kali-Bergbaumuseum Volpriehausen am 22.Juli 2008

Ingeborg Lüdtke:

Zu welchem Zweck wurde die Schachtanlage Wittekind erbaut?

Detlev Herbst:

Im Jahre 1901 wurde das Kali- und Steinsalzbergwerk Wittekind, das ursprünglich Justus hieß, eröffnet. Man wolle hier bergmännisch Kali- und Steinsalze gewinnen. Ursprünglich hieß das Werk bis 1920 „Werk Justus“.

Ingeborg Lüdtke:

Welche Verbindung besteht jetzt zwischen dem Jugend-KZ Moringen

ehemaliges KZ Moringen

ehemaliges KZ Moringen

und dem Schacht Wittekind?

Detlev Herbst:

Rest der Anlage Wittekind VolpriehausenAnfang der 1930er Jahre merkte man, dass das Kalilager vor allem hier erschöpft war, da die Qualität der noch verbliebenen Salze nicht mehr gut war. Es gab erheblich bessere Kaliwerke hier im südlichen Niedersachsen als Volpriehausen. Man überlegte, ob man das Werk schließen sollte. Dann merkte man, dass die Deutsche Wehrmacht sehr an stillgelegten Salzbergwerken interessiert war. Die Wehrmacht wollte diese Werke in Heeresmunitionsanstalten untertage umbauen. Im Jahre 1937 wurde schließlich der Kali- und Steinsalzbergbau in Volpriehausen eingestellt und die gesamten Werksanlagen über- und untertage an die Deutsche Wehrmacht verpachtet. Im Jahre 1938 erfolgte schließlich die offizielle Übergabe und der Beginn der Umbauarbeiten über- und untertage.

Ingeborg Lüdtke:

Können Sie uns auch etwas über die die Arbeiten der jugendlichen Zwangsarbeiter im Schacht sagen?

Detlev Herbst:

Im Jahre 1942 nach Abschluss der gesamten Umbauarbeiten und Erweiterungsarbeiten begann die Heeresmunitionsanstalt im vollen Umfang zu arbeiten. Ein großes Problem dabei war, die Auswahl der Arbeitskräfte. Es gab nicht sehr viele männliche Arbeitskräfte, weil die meisten in der Wehrmacht waren und von daher also nicht abkömmlich waren, sodass man überall suchen musste. Es kamen natürlich mehr und mehr Deportierte aus den von der Wehrmacht besetzten Ländern und es gab dann auch Kriegsgefangene. Aber all diese Arbeitskräfte reichten nicht aus und deswegen wandte sich die Leitung der Heeresmunitionsanstalt an das Arbeitsamt in Northeim und erfuhr dort, dass in Moringen ein Jugend-KZ existierte, in dem Jugendliche abkömmlich wären, um eventuell auch hier in Volpriehausen zu arbeiten. Nach relativ kurzen Verhandlungen wurde dann festgelegt, dass täglich zwischen 60 und 100 dieser Jugendlichen zur Zwangsarbeit nach Volpriehausen kamen.

Ingeborg Lüdtke:

Wie wurden diese Jugendlichen behandelt?

Detlev Herbst:

Die Jugendlichen arbeiteten hier 10 Stunden täglich. Sie wurden im Werk verpflegt. Das war eine sehr karge Mahlzeit, die sie bekamen. Überwiegend eine Wassersuppe mit Kartoffelstücken und irgendwelchen Speckrändern oder Speckschwarten, die ausgekocht waren. Es gab dann als Zwischenmahlzeit meistens Brot, das mit dünner Marmelade belegt war. Glücklicherweise fanden sich im Werk doch Bergleute zum Beispiel oder Mitglieder des weiblichen Arbeitsdienstes bzw. des weiblichen Kriegshilfsdienstes, die immer wieder Mitleid hatten mit diesen Jugendlichen und ihnen von ihrem Brot, das sie von zuhause mitbrachten dann etwas abgaben. Die Jugendlichen selbst wurden von der SS beaufsichtigt. Das heißt, es war absoluter Gehorsam erfordert und es fand eben eine ziemlich totale Überwachung dieser Jugendlichen statt.

Ingeborg Lüdtke:

Gab es Probleme zwischen der SS und den Bergleuten in Bezug auf die Vollzugsgewalt?

Detlev Herbst:

Probleme gab es dadurch, dass die SS davon ausging, dass sie also die alleinige Vollzugsgewalt dort untertage hatte. Das traf nicht zu, weil die Bergleute praktisch nur dem Bergamt gegenüber und natürlich auch der Werksleitung gegenüber verantwortlich waren. Sodass also diese beiden Gruppen sich durchaus nicht freundlich, doch sondern eher feindlich gegenüberstanden, wodurch es immer wieder zu Problemen kam.

Ingeborg Lüdtke:

Welche Arbeiten mussten die Jugendlichen denn in der Muna (Munitionsfabrik) ausführen?

Detlev Herbst:

Die Hauptarbeiten der Jugendlichen war das Einpacken der fertigen Granaten in Kisten und der anschließende Transport dieser Kisten. Sehr oft mussten sie getragen werden oder sie wurden auf Förderwagen verladen, die dann mit einer kleinen Grubenbahn in die betreffenden Lagerräume gebracht wurden. Das war für diese Jugendlichen, die überwiegend im Alter von 14-21 Jahren waren natürlich (ei)ne körperlich unheimlich harte Arbeit. Eine weitere Tätigkeit, die vor allem die Moringer Jugendlichen zu tun hatten, war das Beladen der Munitionszüge Übertage. Es kam natürlich auch dazu, dass vor allem die Moringer Jugendlichen Sonderaufträge erfüllen mussten, die zum Teil dann eben besonders schwierig waren. So gab es Mitte 1944 sehr große Probleme. Man führte sie wohl auch auf Sabotageakte zurück. Das heißt, es war Munition zurückgekommen, die nicht gebrauchsfertig war und die natürlich nicht leicht zu entschärfen war. Auch da wurden Moringer Jugendliche hinzugezogen.

Ingeborg Lüdtke:

Haben die Jugendlichen Geld für Ihre Arbeit erhalten?

Detlev Herbst:

Die Jugendlichen erhielten für ihre Tätigkeit neben dem Essen 10,- Reichspfennige pro Tag. Dieses Geld wurde auf ein Sperrkonto bei der Sparkasse in Northeim eingezahlt und sollte dann nach Entlassung aus dem Jugend-KZ in Moringen ausgezahlt werden. Was aber nicht geschah. Nach dem Krieg versuchten betroffene Jugendliche, die also als Häftlinge in Moringen waren an dieses Geld heranzukommen und mussten leider feststellen, dass das Konto bereits aufgelöst und leer war.

Ingeborg Lüdtke:

Welchen Widerstand gab es von den Jugendlichen?

Detlev Herbst:

Diese Jugendlichen waren nicht freiwillig dort in Volpriehausen in der Heeresmunitionsanstalt tätig. Es war eine ganz eindeutige Zwangsarbeit, die sie dort ableisten mussten und so etwas erregt natürlich Widerwillen und auch Widerstand. Die Jugendlichen versuchten irgendwie mit den bescheidenen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen zu bewerkstelligen. Dass evtl. die Produktion eingeschränkt, bzw. ganz gestoppt werden konnte. So versuchte zum Beispiel ein Uhrmachergeselle ein Uhrwerk umzubauen, um eine Munitionsladung in einem dieser Lagerräume zur Explosion zu bringen. Was nicht funktionierte, da sie vorher gemerkt wurde. Ein anderer Jugendlicher versuchte mit Hilfe einer beweglichen Lampe, die er an eine Munitionsladung ganz dicht heranbrachte diese Explosionsladung durch die Hitze der Glühbirne zur Explosion zu bringen, was natürlich auch nicht funktionierte. Von den russischen und auch von den weißrussischen Zwangsarbeiterinnen, die in sehr großer Anzahl ebenfall bei der Munitionsfertigung eingesetzt wurden, ist bekannt, dass sie wohl immer suchten zwischen Zünder und Sprengladung Brotkrumen nach den Essenspausen zu drücken, um so die Munition unbrauchbar zu machen. Man durfte in den Räumen, in denen die Munition gefertigt wurde nicht essen. Das heißt diese Frauen mussten immer wieder die Räume verlassen, aber in den Backentaschen behielten sie sehr oft eben Krümel zurück. Die sie dann versuchten in die Patronen zu drücken.

Ingeborg Lüdtke:

Bibelforscher?

Detlev Herbst:

Ja eine Gruppe der Häftlinge bestand aus sogenannten Bibelforschern oder Zeugen Jehovas wie wir heute sagen. Ihre Religion verbietet ihnen den Umgang mit Waffen und Munition. Für diese Gruppe junger Leute war es natürlich besonders schwierig in solch einer Einrichtung zu arbeiten. Sie weigerten sich des Öfteren und bekamen dadurch Ersatzarbeiten, aber das hing dann auch wieder von der SS-Aufsicht ab, wie liberal man nun bei der Zuteilung der Arbeit war. Mir ist von einem Jugendlichen bekannt, der sich also mehrmals geweigert hatte bestimmte Arbeiten zu verrichten, die also mit Munitionsförderung und Beförderung zu tun hatten. Er wurde tot geprügelt und von einem weiteren Jugendlichen ist mir bekannt, dass er in die Schachtröhre hinuntergestoßen wurde, weil er eben auch weigerte.

Ingeborg Lüdtke:

Welche Strafen gab es noch für Jugendliche, die etwas falsch gemacht haben oder sich weigerten?

Detlev Herbst:

Jugendliche, die sich weigerten und das eben deutlich zu erkennen gaben, dass sie nicht arbeiten wollten oder absichtlich nicht das machten, was ihnen befohlen worden war, die erhielten Stockschläge. Diese Stockschläge wurden allerdings erst in Moringen vollzogen und dann also immer vor dem ganzen Schlafraum. Das heißt, das Ganze sollte abschreckend auf die anderen Kameraden wirken.. Dann ist mir auch bekannt, dass als Strafe Jugendliche Häftlinge über den gepflasterten Hof auf allen Vieren, robben mussten, was natürlich sehr schmerzhaft und sehr anstrengend war, vor allem weil eben die ganzen Strafen immer nach einem 10 Std. Arbeitstag, den sie hier in Volpriehausen verbracht hatten, vollzogen wurden .

Ingeborg Lüdtke:

Welcher Inhaftierte ist für Sie jetzt besonders erwähnenswert?

Detlev Herbst:

Im Laufe der Jahre habe ich sehr viele ehemalige Häftlinge kennengelernt anlässlich von Besuchen hier bei uns im Kalibergbaumuseum bzw. bei den alljährlichen Treffen der ehemaligen Moringer Häftlinge in Moringen. Besonders ist mir eigentlich seit dieser Zeit seit mehr als 20 Jahren Antoni Rakocz ans Herz gewachsen mit dem ich auch heute noch korrespondiere. Antoni Rakocz ist 1921 in Katowice geboren. Nach der Volksabstimmung kam Katowice zu Polen und Antoni Vater, ein Deutscher Grenzaufseher verließ den Ort. Er ließ Mutter und Sohn zurück. Die Mutter war Polin. Antoni Rakocz bekam dann auch die polnische Staatsangehörigkeit. 1938 kurz nach Beginn des 2. Weltkrieges meldete sich Antonie, das ist mir nicht ganz verständlich warum, freiwillig zu den Hermann-Göring-Werken in Salzgitter, um dort zu arbeiten. Er wurde als Maler eingestellt. Antoni hatte wohl Angst, dass er zur Wehrmacht eingezogen werden könnte, weil eben ein Elternteil Deutsch war. Und dem wollte er eben durch seinen Beschluss zuvorkommen. Während der Arbeit in Salzgitter kam es zu einem Arbeitsunfall. Dieser Arbeitsunfall wurde als ein Sabotageakt von der Betriebsleitung und den Vorarbeitern gewertet. Antoni und mehrere seiner Arbeitskameraden wurden also dort wochenlang verhört und man wollte ihnen unbedingt nachweisen, dass sie Sabotage geplant hatten. Und bei diesen Untersuchungen in die natürlich auch das Elternhaus mit einbezogen wurde, stellte man fest, dass Antoni eben einen deutschen Vater hatte und dadurch eigentlich als Reichsdeutscher galt und wahrscheinlich in Polen irgendwie verdorben worden war. Man wollte ihn zu einem guten Reichsdeutsche erziehen. Man wollte ihn bessern und brachte ihn deshalb nach Moringen in das 1940 gegründete Jugend-KZ für männliche Jugendliche. Er sollte dort durch Arbeit für die Gemeinschaft und durch Studium nationalsozialistischer Schriften usw. sollte er zu einem guten reichdeutschen erzogen werden. 1941 kurz nach seiner Einlieferung in Moringen kam Antoni dann auch nach Volpriehausen und wurde zur Zwangsarbeit hier untertage eingesetzt. Er war sehr oft für Sondereinsätzen vorgesehen z.B. das hat er mir öfter erzählt, musste er den Grundstoff für Tränengas, der auch in Volpriehausen lagerte, Azin, von Fässern, die beim Transport beschädigt waren in neue Fässer, in andere Fässer um füllen. Was also sehr sehr schmerzhaft war, weil dieses Azin unheimlich die Schleimhäute und da vor allem die Augen reizte. So dass das immer ein furchtbare Arbeit war und Antone immer mit einem total verquollenen Gesicht aus diesem Raum wieder herauskam. Es muss aber trotzdem möglich gewesen sein, bei aller Schwere dieser Arbeit untertage doch auch unbeobachtete Augenblicke genießen zu können. Antoni lernte nämlich untertage bei einer Frühstückspause seine zukünftige Frau kennen. Eine Frau, die aus Polen gekommen war und dort auch zur Zwangsarbeit verurteilt worden war und zwar in der Form, dass sie verschieden Munitionsteile zu fertigen Granaten zusammensetzten musste. Die beiden lernten sich lieben untertage. Und es passierte dann das Julia, so heißt seine Frau, schwanger wurde und sie deshalb von ihre Arbeit untertage entbunden wurde und in ein Krankenhaus nach Blankenburg im Harz entlassen wurde. Nach dem 4. April 1945 als die Muna in Volpriehausen aufgelöst wurde, machte sich Antoni auf den Weg nach Polen. Glücklicherweise machte er eine Rast in Blankenburg, das an seinem Wege lag und dort traf er seine Frau wieder und erfuhr, dass sie einen gesunden Sohn geboren hatte. Antoni ist dann wieder nach Katowice zurückgegangen und hat dort wieder im Bergbau gearbeitet und lebt dort schwer krank in Katowice.

(c) Ingeborg Lüdtke

Gesendet im StadtRadio Göttingen am 01.10.2008, 23.9.2009 und 8.9.2013

Weitere Informationen:

Martin Guse über Jonathan Stark

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