„Gedenk-und Erinnerungskultur … ist mehr … als Kranzabwürfe von Politikern“

BündnisFlyerDas Göttinger Aktionsbündnisses „Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus 27. Januar“ besteht seit 15 Jahren. Die Sendung wurde damals zum 4-jährigen Bestehen des Bündnisses am 10. Dezember 1999 im StadtRadio Göttingen ausgestrahlt.

Roman Herzog hat den 27. Januar zu einem Gedenktag erklärt.
Der 27. Januar ist nun offiziell ein „Tag des Gedenkens für die Opfer des Nationalsozialismus“.

Was ist das überhaupt für ein Datum?
Am 27. Januar 1945 wurde das Vernichtungslager in Auschwitz befreit.

Vielleicht haben Sie sich auch gerade gedacht:
Schon wieder ein neuer Gedenktag?
Haben wir denn nicht schon genug Gedenktage?
Bürger verschiedener Städte begrüßten diesen neuen Gedenktag.
Sie schlossen sich in Bündnisse zusammen. Sie möchten diesen Gedenktag angemessen begehen.
Auch in Göttingen gibt es ein solches Bündnis.

Es ist das Aktionsbündnis Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus 27. Januar.

Ich hatte Gelegenheit mit Marc Czichy von der Göttinger Geschichtswerkstatt [Anm.:heute Historiker, nicht mehr im Bündnis, im Vorstand der Lagergemeinschaft und KZ Gedenkstätte Moringen e.V.] darüber zu sprechen.

Meine erste Frage an ihn war:

Wer hat dieses Aktionsbündnis „Gedenken der Opfer des Nationalsozialismus 27.Januar“ ins Leben gerufen und seit wann gibt es dieses Bündnis?

Marc Czichy:

Das Bündnis „Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus 27. Januar“ hier in Göttingen geht auf eine Initiative der Geschichtswerkstatt Göttingen vom Januar 1996 zurück. Am 27. Januar 1996 wurde der von Ihnen bereits angesprochene Gedenktag zum 1. Mal begangen. Seinerzeit hat die Geschichtswerkstatt mit Absprache mit der Göttinger Gesellschaft für christliche jüdische Zusammenarbeit mehrere Göttinger Gruppen und Initiativen eingeladen, um sich über Sinn und Zweck des ja sozusagen damals neuen Gedenktages auszutauschen. Es ging dabei vor allem um die Frage wie mit einem Gedenktag umzugehen ist, der zunächst einmal von oben gesetzt worden ist und eine breite gesellschaftliche Diskussion. Letztendlich entschieden sich die damals Anwesenden, sich zu einem Aktionsbündnis zusammen zu schliessen und dem verordneten Gedenken von oben eine Veranstaltungsreihe entgegen zu setzten, die sich in ihrer Konzeption und Inhalten eben kritisch mit Gedenken und Erinnern im Nachkriegsdeutschland bis heute auseinandersetzt, aber eben auch die Schwierigkeiten des 27.Januars als Gedenktag thematisiert. Inzwischen findet die Veranstaltungsreihe zum 4. Mal [Anm.:2011 zum 15. Mal] statt und es bleibt außerdem festzuhalten, dass die Initiative der Göttinger Gruppen zum 27.Januar in Niedersachsen bisher unseres Wissens einzigartig ist.

Ingeborg Lüdtke:

Welche Gruppen oder Personen gehören dem Bündnis an?

Marc Czichy:

Dem Bündnis gehören zunächst Gruppen und Initiativen an, die als Vertreter von Opfergruppen im Bündnis sind oder von Opfergruppen, die unter deutschen Faschismus verfolgt und ermordet wurden. Hier ist zunächst die jüdische Gemeinde Göttingen zu nennen, die Zeugen Jehovas [Anm.:seit 2007 nicht mehr] und der DGB [Anm.: Dt. Gewerkschaftsbund] für die Verfolgten aus der Arbeiterschaft. Anfangs gehörten auch die Beratungsstelle für Sinti und Roma [Anm.: nicht mehr] und das Göttinger Schwulenzentrum [Anm: nicht mehr] zum Bündnis. Außerdem sind die beiden nahen KZ-Gedenkstätten Mittelbau Dora und Moringen im Bündnis vertreten, darüber hinaus die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit Göttingen, das Göttinger Friedensbündnis [Anm.: nicht mehr], der ASTA, der Göttinger Universität, die Hochschulliste OLAFA, das ist eine Abkürzung für Offene linke Liste ASTA für alle, die Göttinger Zeitschrift Pampa [Anm.: nicht mehr] sowie die Geschichtswerkstatt und mehrere Einzelpersonen.

Ingeborg Lüdtke:

Welches Ziel hat das Bündnis?

Marc Czichy:

Zunächst haben wir ein Anliegen, das schon durch die Konzeption der Veranstaltungsreihe vorgegeben ist, den 27. Januar als den Tag der Befreiung von Auschwitz in einen historischen politischen Kontext zu stellen, deshalb findet die Veranstaltungsreihe zwischen dem 9. November, dem Jahrestag des Pogroms von 1938 und dem 30. Januar, dem Jahrestag der Machtübertragung an Hitler statt. Dabei geht es uns auch darum, unsere Schwierigkeiten mit dem Gedenktag zu artikulieren. Inwiefern ist es möglich, dass die Bundesdeutsche Gesellschaft, die hauptsächlich aus Täterinnen und Mitläuferinnen und deren Nachkommen besteht sich eines Tages erinnern kann, der zunächst den Überlebenden und den Nachkommen der Ermordeten gehört. Außerdem stellt sich die Frage, wie sich Gedenken und Erinnern nur auf einen Tag fokussieren kann und es eben gerade dieses sehr schnell zu einem rituellen Gedenken führen kann, das dann vielleicht sehr schnell zu einem Relativieren und Vergessen werden kann und dagegen wehren wir uns und wir möchten versuchen dazu beizutragen eine regionale Gedenk- und Erinnerungskultur zu schaffen die eben politisch ist und mehr als ist Kranzabwürfe von Politikerne, d.h. für uns als Bündnis auch politisch zu agieren und sich zu Wort zumelden, wenn z.B. sehr stark z.B. die gegenwärtige Bundesregierung und andere gesellschaftliche Gruppen versuchen einen Schlussstrich unter die Auseinandersetzung mit dem NS zu setzten. Aus diesem Grund findet z. B. im Rahmen des Bündnisses in diesem Jahr eine Veranstaltung statt, die sich kritisch mit der Rede von Martin Walser im letzten Jahr beschäftigt und mit den Folgen, die aus dieser Rede ja sich ablesen lassen, da geht es vor allem um die Frage, wie es weiter ein Gedenken und Erinnern des NS in diesem neuen vereinten Deutschland bestellt ist und auch darum wie sich das Verhältnis zwischen Jüdinnen und Juden und Nicht-Jüdinnen und Nicht-Juden in diesem Land verändert hat durch die Rede.

(Musikakzent)

Sprecherin:

Für mich war es auch interessant mit einigen Gruppen aus dem Bündnis zu sprechen.

Stellvertretend für das Bündnis habe ich mit Vertretern von 3 Gruppen gesprochen.

Meine erste Gesprächspartnerin war Eva Tichauer Moritz.

Sie ist Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Göttingen [Anm.: heute Vorsitzende der Jüdische Kultusgemeinde für Göttingen und Südniedersachsen e.V.].

Meine Frage an sie lautete:

Warum ist es für Sie wichtig, dass der 27. Januar nicht zu einem rituellen Gedenktag wird?

Eva Tichauer Moritz:

Dieser Gedenktag ist weit davon entfernt zu einem ritualisierten Gedenktag zu werden. Zuerst muss es in dem Bewusstsein der Leute kommen. Am 27. Januar ist die Befreiung des Vernichtungslager Auschwitz gewesen und viele Menschen, die dort befreit worden sind, haben es trotzdem nicht mehr überleben können, weil sie zu entkräftet waren, weil sie zu krank waren. Menschen mussten noch nach diesem Lager in den Wäldern um ihr Leben kämpfen. Sie mussten sich verstecken, Frauen wurden vergewaltig, obwohl sie in diesem Zustand waren. Sie mussten lange noch, um ihr Überleben kämpfen. Auch später z.B. in Polen sind viele Juden noch ermordet worden, nur weil sie Juden waren.

(Musikakzent)

(Daniel Kempin/Dimitry Reznik)

Eine weitere religiöse Gruppe in dem Bündnis sind die Zeugen Jehovas.

Wilfried Voigtländer ist für die Öffentlichkeitsarbeit [regionaler Beauftragter für Nachrichten] der Zeugen Jehovas in Göttingen zuständig.

Meine Frage an ihn war:

Warum beteiligen sich Zeugen Jehovas an diesem Bündnis?

Wilfried Voigtländer:

Jehovas Zeugen gehören wie die Juden und auch andere, ebenfalls zu einer verfolgten Opfergruppe der NS-Zeit. Aus diesem Grunde ist es richtig die Vergangenheit aufzuarbeiten und das tun wir gerne in dieser Bündnisarbeit. Ein Satz wäre in diesem Fall noch interessant, was das Erinnern betrifft: „Wenn man sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist man verurteilt, sie zu wiederholen“.

In unserer Veranstaltung am 15. Nov. haben wir auf diese Dinge hingewiesen. Im Mittelpunkt standen dann besonders die Menschenrechte und sie wurden aufgearbeitet mit der NS-Zeit. 400 Zuhörer haben dieser Veranstaltung beigewohnt.

(Musikakzent)

Mein dritter und letzter Gesprächspartner war Sebastian Wertmüller.

Er ist Kreisvorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes für den Kreis Göttingen-Northeim [Anm.:heute Bezirksgeschäftsführer Ver.di Braunschweig].

Meine Frage lautete:

Warum beteiligt sich der Deutsche Gewerkschaftsbund an dem Aktionsbündnis?

Sebastian Wertmüller:

Es gibt zwei sehr einfache sehr leicht nach vollziehbare Gründe, warum der DGB sich an diesem Aktionsbündnis beteiligt. Grund Nr. 1 ist: Gewerkschaften haben ja eine Geschichte, die auch mit dem Nationalsozialismus zusammenhängt. Sie waren von 1933 bis 1945 verboten und ihre Häuser wurden aufgelöst, bzw. beschlagnahmt, ihr Vermögen beschlagnahmt. Viele Mitglieder sind in KZ´s gelandet, also es gibt einen guten Grund sich auch der gewerkschaftlichen Geschichte im Faschismus zu erinnern und der andere Grund ist ein ebenso einfacher: Gewerkschaften haben so wie andere Organisationen auch ein gesellschaftliche Verpflichtung und die heißt zu erinnern an die Zeit 1933 bis 1945 an die Vernichtung der Juden, an die Vernichtung und Ermordung der Sinti und Roma und andere Bevölkerungsgruppen und deswegen beteiligen wir uns an diesem Bündnis.

(Musikakzent)

Gedenktage sind auch Tage der Erinnerung.

Der Philosoph Ludwig Joseph Johann Wittgenstein wurde gebeten das Erinnern oder Gedenken zu definieren.

Er antwortete:

„Erinnern: Ein Sehen in die Vergangenheit.“

Der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar ist ein Sehen in die Vergangenheit.

(Musik von Daniel Kempin/Dimitry Reznik)

© Ingeborg Lüdtke

Anmerkung:

Einige der früher teilnehmenden Gruppen oder Institutionen sind aus verschiedenen Gründen nicht mehr im Bündnis aktiv. Einige der offiziellen Vertreter der konstanten Gruppen und Institutionen haben inzwischen gewechselt. Neue Gruppen kamen hinzu.

Der Text über die Zielsetzung des Bündnisses hat sich inzwischen leicht geändert: http://www.gedenken-an-die-opfer-des-nationalsozialismus.de/

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