„… mit Himmlers Auto unterwegs“

Die Sendung wurde im StadtRadio Göttingen am 26. Januar 2007 ausgestrahlt

Karl Domeier, der ist auch 8 Jahre im Konzentrationslager geblieben.

(O-Ton Dr. Birgit Schlegel)

Große Augen machte die Kontrolle, als sie erfuhr, dass wir mit Himmlers Auto unterwegs waren.

(O-Ton aus dem Lebensbericht von Karl Domeier)

(Musikakzent)

Karl Domeier verstarb im Mai 1999 fast 90 jährig in Göttingen.

KarlDomeirSaalKarl Domeier lebte nur die letzten Jahre seines Lebens mit seiner Frau Elfriede im Altenheim Bode und ist deshalb nur wenigen Göttingern bekannt.

Er war fast blind und seine Frau litt sei Jahren an der Alzheimer Krankheit.

Wer war eigentlich Karl Domeier?

Und warum kam er ins Konzentrationslager?

Karl Domeier wurde am 3.Juni 1909 in Dorste bei Osterode geboren und lebte später mit seiner Mutter und seinen 2 Geschwistern in Katlenburg bei Northeim.

1930 heiratete er seine erste Frau Julia und wohnte in Haan im Rheinland.

1931 wurde die gemeinsame Tochter Anita geboren.

In demselben Jahr trat er aus der evangelischen Kirche aus, weil er ein Sympathisant der Sozialdemokraten war.

Als er bei einem Altpapierhändler aushalf, stieß er auf ein beschädigtes Buch, das ihn sehr interessierte.

Es war das Buch „Regierung“, dass von der Internationalen Bibelforscher Vereinigung in Magdeburg herausgegeben wurde.

Wenig später hatte er persönlich Kontakt zu den Bibelforschern, wie die Zeugen Jehovas damals genannt wurden.

Obwohl er kein Zeuge Jehovas war, verteilte er ihre Schriften und musste deshalb 1933 nach Hitlers Machtergreifung aus dem Rheinland fliehen.

Er kehrte zurück nach Katlenburg und arbeitete dort als Maurer. In der Freizeit verteilte er weiterhin die Schriften der Zeugen Jehovas.

Die Schriften und die Tätigkeit der Bibelforscher wurden verboten und bei einer Hausdurchsuchung fand die Gestapo Hildesheim verbotene Literatur bei Karl Domeier.

In seinem Lebensbericht schreibt er:

„Es kam das Frühjahr 1937, am 0stersonnabend, dem 23.03. hatte ich als Interessierter an der Verbreitung bibelerklärender Literatur teilgenommen. Die Northeimer Brüder hatten bei uns zu Hause Material vom Gedächtnismahl zurückgelassen; sie überließen mir auch einen „Informator”, wie „Unser Königreichsdienst” damals hieß. Noch am gleichen Abend kam die Gestapo zu mir nach Hause und führte eine Haussuchung durch, man fand die Literatur und den Informator. Wegen des Informators wurde ich von der Gestapo als Hauptübeltäter und Drahtzieher für die ganze Umgebung angesehen. Man verhaftete mich und brachte mich von zu Hause fort. Unten in ihrem Wagen befanden sich bereits die Brüder Karl Mieske, Karl Minne, Eduard Lauterbach aus Osterode, und der Bruder Wilhelm König aus Göttingen.“

Karl Domeier berichtet in seinem Lebensbericht weiter:

Uns wurde der Prozess gemacht, ich wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt (daraus wurden leider 8 Jahre Konzentrationslager).“

Weil Karl Domeier seinem Glauben nicht abschwor, verbüßte er die Strafe zum Teil in Hannover und im Moorlager Emslandlager V, Neusustrum bei Bremen.

1939 wurde er dann in das KZ Sachsenhausen (bei Oranienburg) eingeliefert.

Julia Domeier teilte nicht die religiösen Ansichten ihres Mannes und verlangte nach der Einlieferung die Scheidung.

Hier zu Karl Domeier:

In 1939 reichte meine erste Frau wegen meines Glaubens die Scheidung ein. Durch einen SS-Mann wurde ich davon unterrichtet, er forderte mich dazu auf, doch schriftlich meinen Glauben zu widerrufen, um meine Ehe zu retten. Das tat ich natürlich nicht. Obwohl ich nicht in die Scheidung einwilligte, wurde die Ehe damals geschieden. Meine Frau Julia verließ mich mit unserer gemeinsamen kleinen Tochter, Anita.

Karl Domeier litt sehr unter dieser Trennung.

Möglicherweise wurde er durch sein Lieblingslied, die Elisabeth-Serenade an glücklichere Tage erinnert.

(ELISABETH-SERENADE)

Der Leiter der KZ Gedenkstätte Sachsenhausen Prof. Dr. Günter Morsch berichtet über die Anfänge des KZ Sachenhausen folgendes:

KZ Sachsenhausen WachtturmNun das KZ-Sachsenhausen ist seit 1936 im August begonnen worden. … Das Lager Esterwegen ist aufgelöst worden. … Das gleiche gilt für das Lager Lichtenburg, sowie das KZ Columbia. Diese Lager sind aufgelöst worden und diese Häftlinge sind hierher nach Sachsenhausen im September bzw. November 1936 gebracht worden und all diese Häftlinge haben am Aufbau von Sachsenhausen mitgewirkt.“.

Über die verschiedenen Opfergruppen sagt Günter Morsch:

Gleich bei der Errichtung des Lagers zwischen 1936 und 1938 befanden sich vor allem die Gruppen der politischen Verfolgten im Lager, also die ehemaligen politischen Gegner der Nationalsozialisten: Kommunisten, Sozialdemokraten, aber auch Christen, Liberale, ganz unterschiedliche Gruppen. Ab 1936 gab es aber auch sogenannte „befristete Vorbeugungshäftlinge“, die aus „kriminalpräventiven Gründen“ inhaftiert wurden, aber auch Zeugen Jehovas, Homosexuelle und andere Gruppen … fast ausschließlich waren es deutsche Häftlinge. Ab 1938.. sind … mehr als 6000 Juden ..eingeliefert worden. Vorher sind vor allem Sinti und Roma nach Sachsenhausen gekommen. Mit Beginn des 2. Weltkrieges wird dann die Häftlingsgesellschaft sehr schnell viel internationaler. Tausende von Polen werden nach Sachsenhausen deportiert, vor allem darunter auch viele Intellektuelle, Priester, Krakauer Professoren, viele Widerstandskämpfer. Je nach dem welches Land gerade erobert worden ist, sind dann viele aus diesen Ländern nach Sachsenhausen deportiert worden. … Am Ende des Krieges als sich etwa 60000-75000 Häftlinge im Konzentrationslager Sachsenhausen befanden, waren etwas 90 % davon ausländische Häftlinge.“

Die Behandlung der Häftlinge veränderte sich im Laufe der Jahre.

In der Regel sind die Häftlinge misshandelt worden. Jeder Tag ist ein Tag gewesen, an dem man nicht wusste, was er bringt. Die Häftlinge haben nicht nur unter Hunger oder Krankheiten gelitten oder Mangelernährung mit allen Folgen. Das Spezifische an den Konzentrationslagern, sind auch die ständig sich wiederholenden und auch unvorhersehbaren Mordaktionen gewesen.

ehemaliges sowjetisches Lager SachsenhausenEs gab noch eine zweite Geschichte von Sachsenhausen. Eine Geschichte des sowjetischen Speziallagers, in dem nochmals viele inhaftiert worden sind. Im Unterschied zum sowjetischen Speziallager, wo auch Tausende drin umgekommen sind, ist im Konzentrationslager auch ganz gezielt ermordet worden. Es hat Vernichtungsaktionen gegenüber Juden gegeben. Die größte Vernichtungsaktion war gegenüber sowjetischen Kriegsgefangenen. Solche Aktionen sind immer wieder vorgekommen und dies nicht auf Initiative der Lokal-SS, sondern aufgrund der Befehle von Himmler oder sogar Hitler.“.

(Musikakzent)

In dem Film “Fürchtet Euch nicht” von Fritz Poppenberg wird von der 1.Erschießung eines Wehrdienstverweigerers im 2. Weltkrieg berichtet. Der Zeuge Jehovas August Dickmann wurde am 15.9.39 im KZ-Sachsenhausen hingerichtet. Fritz Poppenberg sprach mit den beiden Zeugen Jehovas Josef Rehwald und Richard Rudolph, sowie mit dem politischen Häftling Fritz Brinkmann. Alle drei waren Augenzeugen der Erschießung.

(Film-O-Ton): “Lagerkommandant Baranowski bat seinen obersten Vorgesetzten Himmler, um Erlaubnis ein Exempel statuieren zu dürfen, um den Widerstand der Zeugen Jehovas zu brechen. Es war der 15. September 1939. Wenige Tage nach dem Überfall deutscher Truppen auf Polen, als die Außenkommandos früher als üblich ins Lager zurückkehren mussten:(Richard Rudolph: O-Ton)’Nun ordnete der Vierkant, der Lagerkommandant Baranowski an, dass der Schutzhäftling August Dickmann vorgeführt werden soll. Wir wunderten uns schon. Bruder August Dickmann war schon 3 Tage im Arrest. Nun ahnten wir, dass hier etwas besonders im Gange sei’. (Josef Rehwald: O-Ton): ‘Eines Tages musste das ganze Lager (hier) aufmarschieren. … Vor uns war eine große Kugelwand aufgebaut worden, rechts von uns standen 7 SS Leute, ein Erschießungskommando und ein SS Offizier im Range eines Sturmbannführers also mit 4 Sternen. Dann plötzlich kam ein SS Mann zwischen den Baracken hindurch und führte August Dickmann vor und er musste sich dann vor diese Kugelwand platzieren und zwar mit dem Gesicht zur Kugelwand.’ (Richard Rudolph: O-Ton): ‘Und ihm wurde dann vorgelesen, dass er ein Feigling sei, dass er sich weigere für das deutsche Vaterland zu kämpfen und dass er als Feigling standrechtlich erschossen werden soll. Und nun wurde er noch gefragt: ‘Halten Sie Ihre Aussage aufrecht?’ Und er sagte: ‘Jawohl.’ (Josef Rehwald: O-Ton): Dann gab der SS-Offizier den Schließbefehl und August Dickmann fiel dann rückwärts um. Der zog dann noch seinen Revolver, der Offizier und schoss ihm wohl in Kopf, also den sogenannten Fangschuss geben. ‘
(Fritz Bringmann: O-Ton):’ Nicht nur für mich, sondern für uns alle war dieser Akt ein glatter offener Mord, den es bis dahin in Sachsenhausen nicht gegeben hat. Morde hat es etliche gegeben, aber so offen und vor der angetretenen den Lagerbestand hat es nie zuvor eine solche Erschießung gegeben. Und ich muss sagen, dass hat nicht nur auf mich, das hat alles sehr deprimierend gewirkt, denn mit anschauen zu müssen, wie ein Mensch, der nur seiner Auffassung treu geblieben ist und keinen Wehrdienst leisten wollte, der sich also nicht zum Handlanger der Wehrmacht machen wollte. Das man den nur wegen seiner Gesinnung und wegen dieser Verweigerung erschießt.“

Prof. Dr. Günter Morsch ergänzt:

Die Erschießung von August Dickmann ist die erste gewesen, die öffentlich auf dem Appellplatz stattgefunden hat, in Anwesenheit der Häftlinge. Dafür wurde auf dem Appellplatz ein eigener Schießstand errichtet durch Holzpalisaden gebaut und dann wurde er vor einen Peleton der SS gestellt. Sein Bruder [Heinrich Dickmann], der ja auch im KZ Sachsenshausen war, musste sich in die Nähe stellen und zusehen. August Dickmann ist dann durch das SS-Peleton öffentlich auf dem Appellplatz erschossen worden.

August DickmannAuch Karl Domeier war Augenzeuge der Erschießung von August Dickmann.

Dieses schreckliche Erlebnis prägte sich ihm sehr tief ein und wurde zu einem festen Bestandteil seiner KZ Schilderung.

Auch der Film „Standhaft trotz Verfolgung“ berichtet von der Erschießung August Dickmanns.

Fast blind saß Karl Domeier während einer Filmaufführung in Göttingen still und unscheinbar in der letzten Reihe und stöhnte laut auf, als die Zeitzeugen von der Erschießung berichteten.

(Musik)

Auch ein weiteres Erlebnis hat sich bei Karl Domeier ganz tief eingeprägt. In seinem Lebensbericht schreibt er:

In Sachsenhausen sollte ein Gruppengebäude für die SS aufgebaut werden. Da ich von Beruf Maurer war, machte man mich zum Vorarbeiter und teilte mir 100 Personen, darunter 70 Brüder zu, denen ich beibringen musste, wie sie am Bau Maurer-Arbeiten verrichten könnten. Es war nicht einfach, diesen Brüdern zu zeigen, wie man eine Wand im Verbund mauert, und wie eine Ecke hochgezogen wird. Aber trotzdem machte der Bau Fortschritte. Im Herbst 1939, als der Zweite Weltkrieg ausbrach, hatte man uns das Unterzeug weggenommen und wir hatten nichts weiter als das Drillichzeug auf dem Leib. Es war bereits Januar, nasser Schnee fiel, und es war sehr sehr nasskalt und stürmisch. Kein trockener Faden befand sich mehr auf unserem Leibe, weil wir auch des Nachts im Lager unser Zeug nicht wechseln oder trocknen konnten. Damals befanden wir uns auf dem Gerüst und mauerten die zweite Etage. Fünf Brüder hatten sich kurzfristig unter das Gerüst gestellt, um etwas Schutz vor der schlechten Witterung zu finden. Ein Kommandoführer der SS hatte sie dabei erwischt. Ich musste zu ihm kommen; in einer viertel Stunde hätte ich die Nummern der Häftlinge aufzuschreiben und in die Baubude zubringen, wurde mir befohlen. Das tat ich aber nicht, ich hoffte, es in Vergessenheit bringen zu können. Aber der Kommandoführer trat mit einer Pfeife aus der Baubude und beorderte mich zu ihm:“Komm, gib mir die Nummern”, sagte er fordernd. „Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen die Nummern nicht geben. Ich kann mein Gewissen damit nicht belasten, die Männer bekommen dann 10 Wochen kein warmes Essen – was für sie den Tod bedeuten wird.” „Dann weißt du ja, was dir passiert; du willst doch wohl nicht etwa den Befehl verweigern!?” „Das hatte ich eigentlich nicht beabsichtigt” erwiderte ich leise. „Gib mir deine Nummer”, befahl er gereizt! Er notierte sich die 37, – meine Häftlingsnummer. „Du wirst an den Pfahl gehängt, die Beine nach oben, und dann wirst du hin und her geschleudert!” Die Brüder wollten mir ihre Nummern geben, damit ich sie pflichtgemäß melde; sie fühlten sich dafür verantwortlich, dass sie mich in diese bedrohliche Lage gebracht hatten; aber ich tat es nicht. Der Mittagsappell kam, aber meine Nummer wurde nicht aufgerufen. Auch am Abend, als wir wieder in unsere Unterkünfte kamen, war meine Nummer wieder nicht unter denen, die aufgerufen wurden. Erst am dritten Tag danach hatten wir wieder den besagten Kommandoführer. „Komm mal rein!”, sagte er zu mir, und weiter :“Weil du dich so konsequent verhalten hast, habe ich deine Nummer nicht angegeben.“

(Musik)

Im Februar 1940 kamen Karl Domeier und 69 andere Zeugen Jehovas in das KZ Niederhagen in Wewelsburg, das seit 1939 bestand.

Wewelsburg
Kirsten John-Stucke ist die Gedenkstättenleiterin für das KZ Niederhagen in Wewelsburg. Sie berichtet über die Pläne Heinrich Himmlers für die Wewelsburg:

Mit dem Machtzuwachs von Himmler änderten sich seine Pläne, dass er nicht mehr so eine reine EingangGruftSchule hier einrichten wollte, sondern dann kommt dieser Repräsentations- und Kultgedanke mit dazu. Er wollte für seinen SS-Orden, dem er ja vorstand, hier eine Zentrale einrichten. Wir sagen eigentlich: Es ist eine Art ideologische Zentrale, ein ideologisches Zentrum für seinen NordturmSS-Orden. … Dafür wurden die Umbauarbeiten an dem Nordturm vorgenommen. Die beiden Räume – SS-Oberführergruppenführersaal und Gruft – sollten errichtet werden und weitere Baumaßnahmen waren nach 1941 bis in die späten Kriegsjahre hinein geplant. Man wollte eine ringförmige Anlage um die Wewelsburg selbst herumlegen, die ein Ausmaß und Durchmesser von über einem Kilometer gehabt hatte. Das heißt, das ganze Dorf wäre wirklich vernichtet worden, wäre abgerissen worden und ein großer Stausee wäre angelegt worden. Also man hatte ganz gigantische Pläne“.

Für die Bauarbeiten wurden verschiedene Häftlingsgruppen eingesetzt. Hierzu Kirsten John-Stucke:

In dem aller ersten kleineren Kommando waren dort kriminelle Häftlinge, die dann gegen die Bibelforscher ausgetauscht wurden. Diese blieben dann einige Monate wirklich unter sich. Das ist auch die Besonderheit für Wewelsburg: zu bestimmten Zeiten waren fast ausschließlich nur Zeugen Jehovas im Konzentrationslager in Wewelsburg. Aber mit dem Machtzuwachs der Nationalsozialisten und dem Kriegverlauf kamen auch andere Häftlinge mit dazu. Es spielten dann auch noch verschiedene Verhaftungswellen eine Rolle, sodass politische Häftlinge in das Lager kamen. Es wurden sogenannte Asoziale, Sinti und Roma, auch Juden – wenn auch nur wenige hier in Wewelsburg – und eben nach 1941 verstärkt polnische Häftlinge auch westeuropäische, niederländische, französische und als die größte Häftlingsgruppe wurde die sowjetische Häftlingsgruppe angegeben.“

Außer dem Baukommando gab es auch noch andere Arbeitskommandos.

(O-Ton-Kirsten John-Stucke)

Die Häftlinge selbst mussten aber ansonsten noch in anderen Arbeitskommandos arbeiten. Es gab Steinbrüche, in denen die Steine gebrochen werden mussten. Das waren sehr sehr schlimme und sehr brutale Kommandos. Die sowjetischen Häftlinge berichten aber auch davon, dass sie zum Beispiel Straßen bauen mussten. Das war wohl auch ein sehr gefürchtetes Arbeitskommandos, weil sie ziemlich brutal behandelt wurden. Es gab verschiedene Gebäude, die innerhalb des Dorfes gebaut wurden. Der Architekt Hermann Barthels hat sich seine eigene Villa errichten lassen. Die spätere Bauleitung wurde die in dem Gebäude Haus Marx untergebracht, das komplett neu gebaut wurde. Es gab noch mehrere kleine (Projekte), in denen die Häftlinge dann gearbeitet haben.“

Karl Domeier half zunächst beim Aufbau des Lagers
.

Er wurde gezwungen, an der Erstellung des Bunkers mitzubauen. Der Bunker diente zur Sonderbestrafung der Häftlinge.

Außerdem gehörte Karl Domeier den Arbeitskommandos Waldsiedlung, Stabsgebäude des Bauleiters Bartel, Lagerbau, Barackenbau, Haus Marx und Steinbruch/Burg an

(Musik)

Über die Behandlung der Häftlinge berichtet Kirsten John-Stucke:

Die Häftlinge wurden sehr schlecht hier in Wewelsburg behandelt. Eigentlich berichten alle Überlebenden, dass es hier in Wewelsburg ein besonders brutales Arbeiten und Leben war und zwar, weil man hier aufgrund dieser kleinen Verhältnisse schlecht untertauchen konnte. Also viele berichten, dass man in den größeren Lagern wie Buchenwald und später auch Ravensbrück(…) leichter mal untertauschen konnte. Man konnte leichter die Arbeitskommandos wechseln. Und das war für Wewelsburg schwierig, weil es insgesamt ein eher kleines Lager war mit durchschnittlich 1000-1200 Häftlingen. Da kannte man seine Leute so zu sagen, da konnte man sich nicht mal so verdrücken … Von daher war man unter der ständigen Kontrolle der SS, die eben hier auch besonders brutal war. Der Kommandant fühlte sich wie ein kleiner Herrgott, was er auch immer vor den Häftlingen deutlich machte. Es gab einige Kapos, diese Vorarbeiter von den Häftlinge von den Kriminellen gestellt, die hier besonders brutal waren, also es war wohl ein ziemlich heftiges Konzentrationslager.“

In dem Film „100 Jahre ungebrochener“ über Leopold Engleitner wird dies bestätigt:

(O-Ton Film)

Am Bahnhof Wewelsburg, wo er in einem Außenkommando Werkzeug verpacken musste, bekam er die Brutalität der SS wieder am eigenen Leib zu spüren. Am Heimweg musste er sich einem anderen Kommando anschließen. Da er nicht Schritt halten konnte, entstand zwischen ihm und dem Vordermann ein kleiner Abstand. Ein Posten bemerkte das, wurde deshalb wütend und trat ihm von hinten mit dem Stiefel brutal in den Unterleib. Engleitner brach zusammen, krümmte sich vor Schmerzen und konnte sich nicht mehr bewegen.

‚Ich konnte nicht mehr gehen. Die anderen Häftlinge mussten mich direkt ins hinein tragen. Beim Appell wurde ich daneben hingelegt. Erst später stellte sich heraus, dass mir dieser Wachtposten den Hoden zertreten hatte.’

Trotzdem musste er bereits am nächsten Tag wieder arbeiten und durfte sich nicht einmal vom Lagerarzt behandeln lassen.“

(Musikakzent)

Es gab auch Erschießungen und Erhängungen in Wewelsburg.

Hierzu Kirsten John-Stucke:

Es sind einerseits Erschießungen gewesen, entweder wenn Häftlinge auf der Flucht erschossen wurden oder weil sie wirklich freiwillig in den Selbstmord gegangen sind, indem sie sich quasi über die Postenkette bewegt haben. (Es kam auch vor), dass SS-Posten einen Häftling so zu sagen hinter die Postenkette gelockt haben, damit sie ihn erschießen konnten, um dadurch irgendwelche Vorzüge zu erhalten. Man erhielt 2 Wochen Urlaub, wenn man jemand auf der Flucht erschossen hat. Das Konzentrationslager war in der Zeit während dieser Selbstständigwerdung des Lagers auch Hinrichtungsstätte für die Gestapoleitstellen Westphalen-Lippe und da ist es insgesamt zu 52 Tötungen gekommen. Es waren sowohl Erschießungen als auch Erhängungen. Es sind wirklich Leute von Außerhalb auf Anordnung des Reichführers ermordet wurden.“

Dies bestätigt auch Karl Domeier in seinem Lebensbericht:

Auch in Wewelburg mußten wir mitansehen, wie Menschen grauenvoll mit dem Tode bestraft wurden. Eine Frau war zum Tode durch den Strang verurteilt. Ihr wurde zur Last gelegt, dass ihre Kinder während der nächtlichen ‚Verdunklung’ mit Streichhölzern hantiert hatten, und dass dabei das Haus lichterloh abbrannte. Ein Berufsverbrecher musste sie hängen. Diese Frau wartete aber nicht bis der Mann sie hinrichtete. Sofort als sie die Schlinge um ihren Hals spürte, sprang sie vom Gerüst in den Tod. Dabei war der Daumen des Verbrechers mit in die Schlinge geraten und riss ab. Die Frau war sofort tot. Bevor man ihren Leichnam im neuerrichteten Krematorium verbrannte, gestattete man Berufsverbrechern den toten Frauenkörper zu schänden.“

Es waren Jahre voller Anblicke des Grauens der Erniedrigung und der Unmenschlichkeit, die ich nie vergessen werde
.

(Musikakzent)

Er gab aber auch positives zu berichten:

„Von 1942 an erhielten wir gelegentlich Lebensmittelpakete von unseren Glaubensbrüdern aus der näheren Umgebung des Lagers. Es waren Pakete der Familie Isemann dabei (deren Tochter Elfriede später meine 2. Frau wurde).

Im Lager erhielten wir auch 1943 durch geheime Post den Wachtturm, der dann von Hand zu Hand ging und von den Brüdern gelesen wurde. Karl Schurstein, ein seit dem Ersten Weltkrieg beinamputierter Bruder schmuggelte bei seinen Besuchen Literatur und Post ins Lager hinein, und er nahm die Gefangenenpost in seinem Holzbein versteckt wieder mit hinaus So konnte sich eine Brieffreundschaft mit Elfriede entwickeln, die mir auf diesem Wege sogar ein Bild von sich zusenden konnte.

Im KZ-Wewelsburg wurde ich mit drei weiteren Brüdern im Jahre 1943 heimlich in einer Regentonne getauft.

Einem Landwirt namens Münster wurde 1943 im Krieg das Haus in der Stadt Büren zerstört, er forderte [aus dem KZ] Wewelsburg vier Mann zum Wiederaufbau seines Hauses an.

Zusammen mit Schwester Paula Sander reiste Elfriede mit einem wegen des Krieges verdunkelten Zug nach Büren. Bei ihrer Ankunft auf der Baustelle guckten sie durch ein Fenster in das Zimmer, in dem sich Bruder August Rudek, Karl Kellermann und ich befanden. ‚Welches ist denn nun der Karl?‘ fragte Elfriede. Der Posten wäre vor Lachen fast unter den Tisch gefallen. Da haben wir uns im Jahre 1945 zum ersten Male gesehen.

(Musikakzent)

Die Wewelsburg wurde dann am 2. April 1945 von amerikanischen Truppen befreit. Die SS hatte die Wewelsburg selbst eigentlich schon verlassen. Die waren schon einige Tage vorher geflohen, sodass auch die Häftlinge im Konzentrationslager nicht mehr bewacht wurden. Die Amerikaner waren sehr überrascht dass sie hier überhaupt ein Konzentrationslager und ein Häftlingskommando vorfanden.

Es waren also seit 1943 nur noch 42 Häftlinge hier in Wewelsburg: das sogenannte Restkommando, dass aus zwei politischen Häftlingen und ansonsten aus Zeugen Jehovas bestand.“ (Kirsten John-Stucke)

Auch Karl Domeier gehörte zum Restkommando:

„Nachdem der Krieg zu Ende war, versuchte ich mit einigen Brüdern per Auto nach Hause zu fahren. Wir wurden aber durch eine Polizeikontrolle gestoppt und nach unserem Reiseziel befragt. Große Augen macht die Kontrolle, als sie erfuhr, dass wir mit Himmlers Auto unterwegs waren. Man empfahl uns, ins Lager zurückzukehren und abzuwarten bis sich die Situation im Lande geklärt hätte. Das taten wir dann auch, so gehörten wir zum Restkommando des Konzentrationslagers Niederhagen in Wewelsburg bis die Amerikaner das Lager auflösten.“

(Musikakzent)

Nachdem er einige Zeit in Werste bei Bad Oeynhausen verbrachte, kehrte er nach Katlenburg zurück.

Königreichsaal Katlenburg1951 wurde auf seinem Grundstück ein Königreichsaal gebaut, wie die Gemeindesäle der Jehovas Zeugen genannt werden.

Zeitweise wurde der Königreichsaal auch als Schule benutzt.

Dies und sein Widerstand werden in der 2004 erschienenen Chronik über Katlenburg erwähnt.

Die Katlenburger Historikerin Birgit Schlegel. ist die Herausgeberin der Katlenburger Chronik. Sie berichtet über Karl Domeier:

Es gibt allerdings einen Mann, von dem bekannt war, dass er Widerstand gemacht geleistet hat, aber eher aus Glaubensgründen heraus und zwar war er Zeuge Jehovas: Karl Domeier, der ist auch 8 Jahre im KZ geblieben. Das war eigentlich derjenige, der hier sicher am meisten gelitten hat.

(Musik)

In dem „Northeimer Jahrbuch 2006“ 71. Jahrgang ist ein kurzer Beitrag über Karl Domeier erscheinen. Marc Schmidtchen berichtet hier anhand von Dokumenten über die persönliche Verfolgungsgeschichte von Karl Domeier im NS-Regime.

(c) Ingeborg Lüdtke


Literaturhinweis:

Birgit Schlegel (Hrsg.), Katlenburg und Duhm. Von der Frühzeit bis in die Gegenwart.
ISBN 3-936617-21-X, Mecke Druck und Verlag

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