„Die Besserung“ – Ein Theaterstück der „Stillen Hunde“

Interview mit dem Schauspieler Stefan Dehler von der Theatergruppe „Stille Hunde“ über das Theaterstück „Die Besserung

Da die Zeitzeugen des Jugend-KZ Moringen aussterben, versucht die KZ-Gedenkstätte MoringenKZ Gedenkstätte Moringen S760>
neue Wege der Erinnerung zu gehen. Jugendlichen soll vermittelt werden, dass im Jugend-KZ Moringen ganz normale Jugendliche inhaftiert waren, die mit dem damaligen politischen System aus unterschiedlichsten Gründen nicht konform gingen. Die Jugendlichen sollen sich bewusst werden, dass die ehemaligen Inhaftierten zum Teil noch leben, auch wenn sie schon sehr alt und krank sind.

Das Theaterstück „Die Besserung“ handelt von zwei Jugendlichen, die in das Jugend-KZ Moringen
ehemaliges KZ Moringenkamen und in ihrem späteren Leben nie mit ihren Söhnen über das Lagerleben gesprochen haben. Franz, einer der beiden ehemaligen Inhaftierten, ist schwer krank und wird sterben. Er schreibt einen Brief an seinen Freund, mit dem er im Jugend-KZ war. Sein Sohn soll den Brief überbringen. Er trifft auf den Sohn des Freundes, der ihm erzählt, dass sein Vater verstorben ist. Dieser öffnet zögernd den Brief an seinen Vater und erfährt zum ersten Mal von der Inhaftierung seines Vaters im Jugend-KZ Moringen.

Das Stück zeigt in einen Rückblick die Gründe, die zur Inhaftierung dieser beiden
Jugendlichen führten, aber auch etwas über die Ausbeutung der Jugendlichen durch Zwangsarbeit, die tägliche Gewalt, die Strafen und über die kriminalbiologische Selektion des Dr. Dr. Robert Ritters.

Die Theatergruppe „Stille Hunde“ hat in Kooperation mit der KZ Gedenkstätte Moringen auf Grundlage von Zeitzeugenberichten dieses Theaterstück entwickelt und für die Aufführung im Klassenzimmer konzipiert.

stille_hunde_PRESSEFOTO_Die_Besserung_4Das Zwei-Mann-Stück wird von Christoph Huber und Stefan Dehler gespielt.

Stefan Dehler war bereit einige Fragen zu beantworten.


Ingeborg Lüdtke:

Warum haben Sie sich entschieden dieses Theaterstück zu spielen?


Stefan Dehler:

Ja, wie immer oder so oft im Leben gibt es Gründe und Anlässe. In diesem Fall gab es zwei gute Gründe ein solches Theaterstück zu produzieren und einen Anlass, der das Ganze dann tatsächlich auch ins Rollen gebracht hat. Der erste Grund, den ich nennen möchte ist, dass die Existenz dieses ehemaligen Konzentrationslagers in Moringen erstaunlicher Weise auch hier in der Region gar nicht so bekannt ist. Also ich haben mit einer Reihe von Geschichtslehrern und -lehrerinnen gesprochen, die von der Existenz dieses sogenannten Jugendschutzlagers in Moringen nichts wussten. Ich selbst bin vor neun Jahren nach Göttingen gekommen und hatte auch noch nie von Moringen gehört. Das heißt, ich wusste, dass es eine Stadt dieses Namens gibt, aber mehr auch nicht. Also dieser besondere Fall, diese Geschichte Moringens, die kannte ich nicht. Also es ging jetzt darum ein Stück Regionalgeschichte wieder bekannt, wieder erlebbar zu machen. Das ist das Eine. Das Andere ist, da spreche ich jetzt sicherlich eher im Namen der Gedenkstätte, dass neue Wege der Gedenkstättenpädagogik begangen werden müssen, weil die Zeitzeugen langsam so alt werden, dass sie eben nicht mehr mitarbeiten können. Auf der Mitarbeit der Zeitzeugen basiert natürlich ein Großteil der pädagogischen Arbeit der Gedenkstätte. Also gab es von Seiten der Gedenkstätte auch Interesse, etwas Neues zu finden, was anstelle dieser Augenzeugenberichte treten kann. Diese Lücke, dadurch entsteht, dass Leute einfach zu alt sind, um an diesen Foren teilzunehmen und in die Schulklasse zu kommen, die wird nie ganz geschlossen werden können. Das ist klar und deshalb suchten wir nach einem Weg, der diese Art von Arbeit eben so halbwegs plausibel und auch funktionierend ersetzen kann. Der Anlass war: Der Landschaftsverband Südniedersachen hat einen Förderschwerpunkt ausgeschrieben in der Jugendbildung. Da ging es darum, dass eine Bildungseinrichtung mit Künstlern zusammen arbeiten sollte, um ein Projekt für Jugendliche anzuschieben. Wir haben uns dann zusammengesetzt, also Christoph Huber und die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von der Gedenkstätte, allen voran die Annegrit Berghoff und der Dietmar Sedlaczek und dieses Projekt erfunden.


Ingeborg Lüdtke:

Was empfinden Sie als Schauspieler, wenn Sie in die Rolle des Dr. Ritter schlüpfen? Ist das jetzt auch ein Stück mit dem Sie sich in dem Moment identifizieren oder wie läuft das?


Stefan Dehler:

Das ist eine sehr interessante und recht schwierig zu beantwortende Frage. Es ist sicherlich so, dass weder der Christoph Huber etwas mit diesem Vater zutun hat oder auch zutun haben möchte, noch ich mit dem sehr sehr fragwürdigen Dr. Ritter. Es sind nicht unsere Worte. Es sind nicht unsere Gedanken. Es spiegelt auch überhaupt nicht unsere Einstellung. Also das ist uns tatsächlich sehr fremd. Das ist aber im schauspielerischen Beruf gar nicht so selten. Also man wird mit vielen Rollen, Lebensentwürfen, Gedanken, Situation konfrontiert mit denen man in seinem persönlichen Bereich nichts zutun hat. Also Dinge, die man auch überhaupt nicht mit seiner Lebenserfahrung überein bringen kann. Das ist einfach so. Das ist auch gut so. Natürlich muss eine solche Figur dann schon auch verstehen. Also man muss wissen, warum sagt eine Figur wie der Vater: „Ich werde dich totschlagen, wenn es nottut.“

Warum sagt der Dr. Ritter: „Ich mag dich Franz. Es tät mir Lied, wenn das genetische Material verschwendet würde.“ Was sind die Gedanken dahinter. Es ist aber tatsächlich so, dass man sich mit diesen Ideen, diesen Motiven beschäftigt, wie man sich mit etwas völlig Fremden beschäftigt. Man geht mit einer gewissen Neugier daran, mit einer gewissen, ich sag mal, Unbefangenheit auch, weil man weiß. Für den Moment ist es wichtig, dass das auch überzeugend klingt. Selbstverständlich distanzieren wir uns als Privatperson von diesen Äußerungen. Das ist klar. Im Rahmen der Berliner Festspiele gibt es ein Jugendforum und dorthin kam ein koreanischer Theatermacher, der auch als Ausbilder arbeitet. Der sagte während des zweiwöchigen Seminars einen schönen Satz: „Ein richtig guter Schauspieler muss auch lügen können, mit der Lüge leben oder die Lüge akzeptieren können.“ Das trifft es natürlich schon auch. Also natürlich lügt man eine Moment lang [lacht], wenn man in eine Rolle schlüpft und überzeugend verkörpert: „Ich denke jetzt so, deswegen rede ich so, deswegen handle ich so.“ Mich als Privatperson gefragt, muss ich sagen: „Ich empfinde eher Abscheu vor einer solchen Figur, wie die des Dr. Ritter.“

Ingeborg Lüdtke:

Wie reagieren denn die Schüler, wenn Sie so mitten im Klassenzimmer Ihre Rollen spielen? Das ist ja quasi auf engsten Raum, was da passiert?

Stefan Dehler:

Wir haben unterschiedliche Reaktionen. Es gab jetzt gerade in einer der zurückliegenden Vorstellungen mal einen Moment lang scheinbar bei den Schülern das Gefühl, dass es sich um etwas handelt, woran sie teilnehmen könnten. Also die reagierten auf das Klopfen an der Tür, was den Beginn der Handlung darstellt, mit „Herein“ [lacht], also noch bevor ich das sagen konnte. Oder „Guten Morgen“ oder so etwas wurde dann auch gesagt. Den meisten war noch nicht klar, dass es sich um einen Kunstvorgang handelt, in den sie gar nicht eingeweiht sind. Also können sie logischerweise gar nicht richtig mitmachen, aber das war so eine spontane Reaktion. Das haben wir allerdings sehr selten. Im Nachgespräch haben uns oft Schüler und Schülerinnen gesagt, dass sie sich manchmal angesprochen gefühlten, wenn zum Beispiel der Vater des Franz hinter ihrem Rücken sehr laut und sehr aggressiv agiert, dass sie sich angesprochen fühlen, wenn zum Beispiel der Heimleiter oder nachher der Dr. Ritter sie anschaut bzw. mit den Blick nur streift. Dass sie sich unbehaglich fühlen bei dem Gedanken, dass solche Menschen plötzlich eine Urteil über sie fällen und ihre weitere Zukunft bestimmen könnten. Ansonsten zeigt unsere Erfahrung, dass die Schüler sehr konzentriert sind, sehr ruhig sind und schon auch differenzieren können, ob sie gemeint sind und wann sie gemeint sind und dann auch doch recht damit viel zutun haben die Dramaturgie dieses Stückes zu verstehen. Ich will das nicht als Schwierigkeit beschreiben, aber es ist so, dass es die Aufmerksamkeit der Schüler und Schülerinnen sehr in Anspruch nimmt. Man muss ja doch diesen vielen Schauplatzwechseln, diesen Zeitsprüngen folgen und das zwingt einen auch immer ein bisschen in die Distanz. Das verhindert eine totale Einfühlung. Das ist allerdings auch ein Effekt, den wir schon bei Konzeption des Stücks mit bedacht haben. Wir wollen sicherlich Empathie für die Opfer, aber wir wollen keine Einfühlung, die dann den Blick auf das große Ganze, also beispielsweise den geschichtlichen Ablauf verhindert.

Ingeborg Lüdtke:

Welche Reaktion auf das Theaterstück hat Sie besonders bewegt?

Stefan Dehler:

Diese Frage ist leicht zu beantworten. Es hat sehr viele sehr unterschiedliche Reaktionen gegeben, zumeist positive. Die Reaktionen bezogen sich allerdings immer auf besondere Aspekte. Für mich waren sicherlich die bewegensten Reaktionen, die wir nach der Vorstellung erfahren haben, sie wir vor den überlebenden Häftlingen gespielt haben anlässlich des letztjährigen Treffens [2009] der Lagergemeinschaft. Diese Vorstellung war für uns ohne hin mit einer sehr großen Anspannung verbunden, weil wir diese Aufführung als Prüfungssituation empfunden haben. Wir waren ja sicher, dass wir keinen Unsinn erzählen. Wir waren auch überzeugt davon, dass wir die Zeitzeugenberichte angemessen verarbeitet haben. Aber uns war schon auch klar, es ist einfach eine Unterschied, ob man vor Leuten spielt, die noch nie etwas davon gehört haben, die uns also mehr oder weniger unbesehen glauben müssen oder vor Leuten deren Geschichte das ist. Die im Fall Moringen die kompetentesten Zuschauer sind. Da hat mich die herzliche Zustimmung, so würde ich das mal beschreiben, sehr berührt. Natürlich mischt sich da eine Erleichterung in das Gefühl hinein, aber ich hatte auch das Gefühl oder das Empfinden, dass die ehemaligen Häftlinge, die sich da nach der Vorstellung geäußert haben, uns ihre Geschichte sozusagen als Erbe anvertraut haben: „Das dürft ihr machen, weil es in unserem Sinne ist. Das ist nicht ganz unsere Geschichte“. Einer sagte auch: „ Das war viel, viel schlimmer als eine Theaterstück das beschreiben kann, aber es ist wichtig, dass es jemand tut und da wir es nur noch ein paar Jahre lang machen können, muss es andere Menschen geben, die diese Erzählungen weitertransportieren und wenn es halt mit den Mitteln des Theaters ist.“ Das hat mich insofern eben angerührt, dass ich dachte: Das hat das Theater tatsächlich noch eine ganz besondere existenzielle Bedeutung für jemand. Also nicht nur für uns als Darsteller, sondern auch für Menschen deren Geschichte da erzählt wird [Ende des Interviews].

Auch die Zeitzeugen waren sichtlich von dem Theaterstück „Die Besserung“ bewegt. Alfred Grasel aus Österreich sagte nach der Aufführung:

„Ein grandioses Werk und es erinnert sehr stark. Zu Beginn habe ich Tränen gehabt. Sie haben mich wieder soweit gebracht, dass ich mich erinnere. Es war eine furchtbare Zeit.

Hans Becker: „Da sind Sachen, die wohl nicht in dem Stück vorkommen. Das Stück war sehr sehr gut. (Das) hat jeder von uns selbst erlebt, nur war es viel viel schlimmer. Die Stockhiebe, ich kann mich entsinnen waren 25.“

© Ingeborg Lüdtke

Literaturhinweise und weiterführende Links:


Hans Hesse, Das frühe KZ Moringen (April – November 1933). ”…ein an sich interessanter psychologischer Versuch…”, hrsg. von der Lagergemeinschaft und Gedenkstätte Moringen e.V., Moringen 2003, ISBN 3-8334-0429-9

http://www.gedenkstaette-moringen.de/geschichte/geschichte.html

http://www.hans-hesse.de/html/publizierte_forschungen.html

http://www.martinguse.de/jugend-kz/moeinfuerung.htm

http://www.martinguse.de/jugend-kz/moselektion.htm

http://www1.uni-hamburg.de/rz3a035//robertritter.html

http://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Ritter

http://www.einbecker-morgenpost.de/interessantes-nachricht/items/theaterstueck als-geschichtsunterricht.html

(Fotos: Mit freundlicher Genehmigung der Theatergruppe “Stille Hunde”)

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