„Ich bin nicht als Heldin geboren“


Die Sendung wurde am 16. November 1998 im StadtRadio Göttingen ausgestrahlt

Zeitzeugengespräch mit  Hermine und Horst Schmidt nach der Filmvorführung „Standhaft trotz Verfolgung“ am 21.10.1998 im Hörsaal101 der Universität Göttingen. Ein Rahmenpropramm zur gleichnamigen Ausstellung in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen.

Hermine und Horst Schmidt kommen in dem „Standhaft“- Video zu Wort. Beide wurden als Bibelforscher, wie die Zeugen Jehovas damals genannt wurden, inhaftiert. Hermine Schmidt war in Danzig in Gestapohaft und wurde in das KZ Stutthof verlegt. Durch eine Zwangsevakuierung über die Ostsee gelangte sie auf die dänische Insel Mön und wurde dort am 5. Mai 1945 befreit.

Hermine und Horst Schmidt

Hermine und Horst Schmidt

Horst Schmidt wurde wegen der verbotenen Verbreitung der Literatur der Bibelforscher und der Kriegsdienstverweigerung zum Tode verurteilt. Er wartete im Zuchthaus Brandenburg-Görden auf seine Hinrichtung und wurde 27. April 1945 von den Russen befreit.
Beide haben diese schlimme Zeit überlebt. Wilfried Voigtländer hat sie befragt:

Wilfried Voigtländer:

Frau Schmidt, sollte man die Erinnerung an die Vergangenheit wach halten?

Hermine Schmidt:

Ja, sollte man das? 50 Jahre haben wir ja geschwiegen und vielleicht kann ich sogar sagen: Es war ein „lärmendes Schweigen“. Da gibt es das Opfersyndrom: Die Täter schlafen nachts gut, die Opfer haben Ihre Schwierigkeiten. Ich mache auf alle einen freudigen Eindruck und ich bin ein glücklicher Mensch durch meinen Glauben. Aber glauben Sie nicht, dass mir die Dinge, die wir eben im Film gesehen haben nicht „in die Kleider gegangen sind“ [Redewendung]. Ich war viele Jahre (vom 17. -21. Lebensjahr) von meiner Familie getrennt. Das sind so markante Jahre. Ich war jung und ich kann Ihnen sagen: Die Gestapo hat nichts, aber auch gar nichts unversucht lassen, im Guten und im Bösen, um mich zu brechen. [Noch heute kommen mir die Erinnerungen], wenn ich die Bilder von diesem bis an die Zähne bewaffneten Regime sehe. Stellen Sie sich vor: Ich dummes Ding sage: „Nein, das mache ich nicht mit.“ Es ist mir noch heute unverständlich, [wie ich dies durchstehen konnte]. Ich bin nicht als Held[in] geboren [worden]. Ich war ein ganz normales Mädchen, interessiert an den schönen Dingen des Lebens: Kunst, Musik, Natur und Sport.
Aber es ging um meine Treue zu meiner Überzeugung, nach meinem Gewissen zu handeln. Da gab es für mich keinen Zweifel. Ich glaube, dass es für junge Leute – egal, wie sie uns[erer Religion gegenüber stehen] – gar nicht so uninteressant ist auf die Frage „Sollte man es erzählen?“ zu sagen: [ …] in einer glaubenslosen Welt christliche Moral zu praktizieren, ist eine Herausforderung. Aber da kann ich tröstend sagen: Damals ging es um Leben und Tod! Heute ist es auch schwer, aber vielleicht kann man daraus eine Schlussfolgerung ziehen und unter Umständen auch Kraft schöpfen und sagen: Wir können weit über uns hinauswachsen, wenn es nötig ist. Ich könnte jetzt ganz viel erzählen, aber ich glaube, es sprengt den [zeitlichen Rahmen].

Wilfried Voigtländer:

Herr Schmidt, sollte man die Erinnerung an die Vergangenheit wach halten?

Horst Schmidt:

Das könnte ich in einem Satz abhandeln: Damit es sich nicht wiederholt und ich glaube, dass wir ziemlich nahe daran sind. Aber ich meine, dass wir heute genug von Not und Tod gesprochen haben. Sie haben es ja auch [in dem Film] gesehen. Wenn wir beide nun heute hier her gekommen sind, dann könnte ich das in einem Satz begründen und ich könnte sagen: „Das können wir bezeugen!
Wenn Sie uns fragen würden, was uns eigentlich geholfen hat, dass man so etwas überhaupt durchsteht, dann kann ich eins sagen: Es ist unser Glaube gewesen, nach den Geboten Gottes zu leben. Nun sind 50 Jahre und mehr vergangen und es ist leider so, das [der] Glaube eine Sache ist, die heute nicht mehr gefragt ist. Gott ist unwichtig geworden. Im Allgemeinen sagt der Begriff Gott nichts mehr. Und wenn der Begriff Gott nichts mehr sagt, dann ist auch die Bibel unwichtig geworden. Ich habe einmal mit einer Journalistin gesprochen. Wir waren uns beide darüber einig, dass wir in einer Zeit der geistigen Werteumstellung leben und das der Mensch heute das Maß aller Dinge geworden ist. Also nicht mehr Gott und nicht mehr sein Wort, sondern die Humanität, die Menschlichkeit. Das ist das, was heute überhaupt noch zählt.
Aber denken Sie bitte einmal darüber nach: Ist diese Humanität, die Menschlichkeit nicht schon längst in den Gaskammern von Auschwitz und anderen Konzentrationslagern zugrunde gegangen? Zugrunde gegangen mit menschenunwertigem Leben, mit Homosexuellen, mit politischen Häftlingen, mit Sinti und Roma, mit 6 Millionen Juden und Zeugen Jehovas? Ich möchte keinen Vortrag halten, aber Sie werden jetzt fragen: „Wo ist denn Ihr Gott? Wo ist denn Ihr Gott damals gewesen, als Sie dies erlebt haben?“ Ich kann Ihnen antworten: „Gott war da!“ Er war mit denen gewesen, die versuchten nach ihrem Glauben zu leben. Sie haben vorhin in dem Film von unserem Glaubensbruder Josef Niklasch gehört, [wie er sagte], dass ein Beamter in Brandenburg-Gördenburg gesagt hätte, die Zeugen Jehovas seien anders als die anderen Häftlinge in den Tod gegangen. Sie seien mit Würde hineingegangen. Der Leiter der Gedenkstätte Brandenburg, Herr Görlitz sagte über Wolfgang Kusserow: Er sei in der vollen Überzeugung in den Tod gegangen, in diesem Leben richtig gehandelt zu haben. Circa 200 Zeugen Jehovas sind hingerichtet worden, circa 2000 sind im KZ ermordet worden. Warum? Weil sie den Geboten Gottes gehorsam sein wollten und (sie weil christliche Werte aufrecht) erhalten haben.
[Wir beide sind hier], weil wir dieses Inferno überstanden haben. Aber wenn man [dann nach Jahrzehnten wieder] 30 Schritte vor der Guillotine steht [Anm.: gemeint ist sein Besuch in der Gedenkstätte Brandenburg], fragt man sich: „Warum musstest Du diesen Weg nicht gehen?“ Man wird nachdenklich. Nun vielleicht aus dem einfachen Grund, um Ihnen zu sagen: „Das darf sich nicht wiederholen!“

Wilfried Voigtländer:

Frau Schmidt, wie haben Sie das Erlebte verarbeitet?

Hermine Schmidt:

Es ist tatsächlich ein Brandmal, ein Feuermal. Man versteckt, was keiner sehen braucht Hermi Schmidtund soll, aber es ist immer da. Es ist nicht ganz leicht damit fertig zu werden, weil man uns ja wirklich gedemütigt und aufs Tiefste verletzt hat. Ich war ein Jahr in den Händen der Gestapo. Durch dieses Tor [gemeint ist das KZ Stutthoff bei Danzig] gingen 110.000 Menschen. Ich habe heute einen Brief bekommen, in dem steht, dass nur 10.000 [Häftlinge] überlebt haben. Ich habe immer an mehr geglaubt und auch mehr gelesen. [Laut Wikipedia sind circa 65. 000 gestorben.] Wenn man das überstanden hat, hinterlässt dies natürlich Wunden, da man die ganze Zeit nicht darüber gesprochen hat. Es wollte ja keiner hören, so sind die Narben in die Tiefe gegangen. Nur ganz wenige, die sensibel waren, wollten es hören. Sie zogen Ihre Schlüsse, weil ich ein glücklicher Mensch bin. Sie sagten: „Wenn Du das überstanden hast, dann kann ich es auch.“ Da ist ein Sinn drin.
Ich schaue heute nicht im Zorn zurück, sondern in sehr großer Dankbarkeit dafür, dass ich die Kraft gehabt habe, treu zu sein. Heute gibt es auch viele Prüfungen in Bezug auf Treue. Wir sehen wie Familien auseinanderdriften und so weiter. Bei jeder Kleinigkeit wird es hingeworfen. Vielleicht können wir mit dem, was hier aufgezeigt wird, zeigen was Treue bedeutet. Wenn man nach dem Gewissen handelt, [wird man belohnt], weil man Frieden hat: Frieden mit sich selbst und Frieden mit seinem Gott. [ …] Auch ist der Glauben an meinen Schöpfer verinnerlicht und vertieft worden durch dieses Leid und darum möchte ich nichts von diesen Erfahrungen missen. Ich kann sagen: Es ist ein lebendiger Gott, dem wir dienen dürfen.

Wilfried Voigtländer:

Sind Jehovas Zeugen besondere Übermenschen, wenn Sie dem Druck unter Verfolgung damals aushielten?

Horst Schmidt:

Ich weiß gar nicht, was ein Übermensch ist. Darüber habe ich mir noch Gedanken drüber gemacht. Wir haben Schwächen gehabt. Wir haben Fehler gemacht. Wir werden wieder Fehler machen. Wir sind einfach unvollkommene Menschen. Nein, das gibt es nicht.
Wir sind hier in einer Universität, wie ich selbst mittlerweise auch bemerkt habe. Horst Schmidt[Anspielung auf die wenigen Zuhörer] Aber Humanismus ist eigentlich sinnlos ohne christliche Werte. Humanismus und Menschlichkeit gibt es nicht ohne christliche Werte. Und darum möchte ich Ihnen sagen: „Wenn das so ist – und es ist so – dann kehren Sie doch bitte wieder zurück [zu Gott] und sagen: ‚ Es gibt einen Gott’. Und wo gibt es größere Gebote in ganz einfacher Form? Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben und deinen Nächsten, wie dich selbst. Du sollst nicht töten. Wenn wir uns daran halten, wenn wir das wieder schaffen, dann haben wir viel geschafft. Glauben Sie mir eines: Der Glaube ist etwas, was uns Sicherheit gibt. Glaube vermittelt uns bestimmt auch Ruhe und Glaube gibt uns auch eine Hoffnung. Sehen Sie, weil das so ist, deshalb sind wir damals durchgekommen. Nicht weil wir Übermenschen waren.

Wilfried Voigtländer:

Eine Frage an Sie beide: Was können Sie uns aufgrund Ihrer Erfahrung den Zuhörern mit auf den Weg geben?

Hermine Schmidt:

Vorhin auf dem Weg [hierher] wurde mir klar, dass meine Eltern vor 80 Jahren begannen diesen Weg zu gehen. Darum kann ich nur sagen: Es ist ein schwerer Weg. Es ist kein leichter Weg. Das wird ja auch in Gottes Wort so gezeigt. Aber es ist der schönte, der beste Weg, von dem man auch nicht um einen Preis ein Stück abgehen sollte. Man muss an einem auch arbeiten: [An der] Freude. Mein Mann sprach vom Glauben. Klar, die Liebe, die sollten wir praktizieren und auch an der Freude arbeiten. Die Freude in unserem Gott, das sollte unsere Stärke sein.

Horst Schmidt:

Sie wollen heute viel von mir. Ich weiß nicht, ob ich es zusammen bekomme: „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass“. Das hat einmal Elie Wiesel gesagt. Er ist ein rumänischer Schriftsteller, ein Jude, der maßgeblich am dem Zustandekommen des Holocaust-Museum [Anm.:United States Holocaust Memorial Museum, Washington] beteiligt war. „Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass [1]. Das Gegenteil von Hoffnung in nicht Verzweiflung. Das Gegenteil von gesundem Menschenverstand ist nicht Dummheit. Das Vierte ist [mir entfallen]. Das Gegenteil, das ist die Quintessenz von allen Dingen, das ist die Gleichgültigkeit. Und um Ihnen da zu sagen, sind wir heute hier gewesen.

[1][Originalzitat von Elie Wiesel: “Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass und
Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung und
Das Gegenteil von gesundem Menschenverstand ist nicht Wahnsinn und
Das Gegenteil von Erinnern ist nicht Vergessen.
Das Gegenteil aller diese Dinge ist die Gleichgültigkeit.”]

© Ingeborg Lüdtke

Anmerkung: Horst Schmidt ist inzwischen verstorben.

Wilfried Voigtländer ist für die Pressearbeit der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Göttingen zu ständig.

Literaturhinweis:

Hermine Schmidt, Die gerettete Freude. Eines jungen Menschen Zeit 1925-1945. Autobiographie. © d M b agentur verlag, Potsdam-Babelsberg, 2001

Hermine Schmidt, Unfetteres Joy. A Survivor Memoir, Gramma Books, Kopenhagen, 2005 (Englisch)

Horst Schmidt, Der Tod kam immer montags. Verfolgt als Kriegsdienstverweigerer im Nationalsozialismus. Hrsg. Hans Hesse. Klartext Verlag, Essen 2003

Detlef Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium, Die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich“. (Studien zur Zeitgeschichte, Bd.42), 3., überarb. Und um ein Nachw. Erg. Auflage, Oldenbourg, 1997, S. 341, 349

Filme:

Fritz Poppenberg, Das Mädchen mit dem Lila Winkel , Drei Linden Film, Berlin 2006
Das Mädchen mit dem Lila Winkel – Uraufführung des Filmes in der Urania Berlin am 6.9.2003, Rhein- Mosel –TV, Koblenz 2003

Der Tod kam immer montags – Autorenlesung mit Horst Schmidt und Hans Hesse (Höhepunkte aus dem gleichnamigen Buch), Rhein – Mosel – TV, Koblenz, 2004

Bilder: aus Privatbesitz mit freundlicher Genehmigung von Hermine Schmidt

  1 comment for “„Ich bin nicht als Heldin geboren“

  1. Lux, Eva
    18. April 2018 at 12:36

    Ich hatte das Vorrecht diese so liebenswerten Menschen persoenlich kennen lernen zu duerfen. Es ist in dieser Zeit der Entwertung christlicher Prinzipien bemerkenswert, dass es Vorbilder gab und gibt , die die beiden Hauptpunkte der Lehren Jesu Christi, naemlich das Koenigreich zu verkuendigen und Juenger, also Nachfolger
    Jesu Christi zu schulen seine Gebote zu halten und einander Liebe zu erweisen, unter Einsatz ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit und ihres Lebens vorgelebt haben. Sie sind ein Beweis dafuer, dass sich jeder auf die Seite Gottes stellen kann, seinen heiligen Namen JEHOVA verteidigen und Jesus gehorchen kann. Der Lohn, ewiges Leben
    auf einer paradiesischen Erde, sollte es wert sein, die Vergebung unserer Suenden und die Befreiung von Tod
    und allem Schlechtem dankbar anzunehmen. Horst und Hermine Schmidt sei dafuer aus tiefstem Herzen Dank.

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