Wie entsteht ein Hörspiel?

Kleiner Studioraum mit Blick zum RegieraumBericht über den Workshop „Hörspiel“ in Berlin „Auraton Studio“ am 24. /25. September 2011

Es ist 5.15 Uhr und ich habe leider keine Chance, das Aufstehen noch weiter hinauszuschieben. Schnell gefrühstückt, die letzten Sachen in dem Koffer verstaut und dann fahre ich mit dem Auto zum Bahnhof. Der Zug fährt pünktlich ein. Auch Berlin erreichen wir mit nur fünf Minuten Verspätung. Die erste Etappe ist geschafft, die richtige S-Bahnlinie zum Zoologischen Garten habe ich auch gefunden, doch leider ist es mit dem Anschluss zum Ernst-Reuter-Platz verzwickter. Die S-Bahnnummern, die Peter E. aufgeschrieben hat verwirren mich und führen mich erst in die Irre. Auf dem Bahnsteig befrage ich den netten Herrn, der die Ansage macht. Ich kann nur die U-Bahn benutzen und die wurde von U 2 in U 12 umbenannt. Na super! Aber ich finde am Ernst-Reuter-Platz zum Glück den richtigen Ausgang und bin nun in der Hardenbergstraße. Warum dürfen ICE´s eigentlich nicht mehr am Bahnhof Zoo halten? Alles wäre viel einfacher für mich!

Vorstellungsrunde

Statt um 10 h komme ich 10:10 Uhr im Studio an. Die Vorstellungsrunde ist in vollem Gange. Gerade ist Holger dran: TV-erfahren bei Sat1, Tele 5, Autor, Schauspieler und Sprecher. Ein Profi. Die beiden Teilnehmer daneben sind glücklicherweise keine Profis. Neben ihnen sitzt Peter, ebenfalls ein Profi mit langjähriger Erfahrung als Sprecher beim ARD, dem NDR, Schauspieler, Sänger und vieles mehr. Zwei weitere Mitstreiter stellen sich vor, keine Profis. Claudia, ist wiederum eine Profisprecherin. Insgesamt sind wir 12 Teilnehmer (fünf Frauen, sieben Männer).

Nun bin ich an der Reihe und habe eigentlich nur 13 Jahre Bürgerfunk im StadtRadio Göttingen entgegenzusetzen. Außerdem habe ich pro Jahr selten mehr als 6 Sendungen produziert. Trotzdem kann ich auch auf zwei mit viel Herzblut produzierte Hörbücher verweisen.

Einführung in das Genre Hörspiel

Kleiner Studioraum mit Blick zum RegieraumUnser Kursleiter Peter E. (steht für Eckardt) führt uns kurz in das Genre Hörspiel ein und erklärt uns anschließend, was uns in dem zweitägigen Workshop erwartet. Wir werden aus dem Text von Edgar Allen PoeHopp Frosch“ ein Hörspiel produzieren. Peter E. hat den Text bereits in mehreren Phasen hörspielgerecht gekürzt und umgeschrieben. Er darf dies, denn der Text ist laut Urheberrechtsgesetz gemeinfrei. Der Autor ist bereits über 70 Jahre tot und auch das 70. Todesjahr ist längst abgeschlossen. Für mich ist das alles sehr vertraut, denn die letzten Monate habe ich mich beruflich sehr mit dem Urheberrecht auseinandergesetzt.

Wir legen nun fest, wer welche Personen spricht. Da nur wenige Frauenstimmen erforderlich sind, bleibt für mich kein Text übrig, was mir sehr entgegen kommt.

Verteilung der Sprecherrollen und Textinterpretation

Peter übernimmt die Rolle des „Erzählers“ und hat den längsten Text zu sprechen. Er hat eine sehr angenehme Stimme und seine Art zu sprechen, gefällt uns sehr. Wir können uns lebhaft die Geschichte vorstellen. Er setzt die Latte für die anderen Sprecher sehr hoch. Tröstlich ist für mich aber, dass er auch einige Passagen mehrfach spricht, sei es als „Sicherheitskopie“ (wegen eventueller Zwischengeräusche), weil er selbst nicht zufrieden ist oder weil Peter E. eine andere Vorstellung vom Text hat. Peter gefällt es, dass er auch ein direktes Feedback aus der Regie bekommt.

Die Rolle des „Königs“ übernimmt Lutz. Er spielt in einer Band, aber als Sprecher hat er heute seine Premiere. Wir erleben, wie er sich langsam in seine Rolle hineinfindet. Anfangs spricht er sehr gepresst und wird am Ende lockerer. Da es aber schon 18:00 Uhr ist, machen wir für heute Schluss. Ich fahre zu meiner Unterkunft und gehe zeitig schlafen. Berlin hat sehr viel zu bieten, aber dieses Wochenende ist mir mein Schlaf lieber.

Ausgeruht stehe ich morgens wieder auf und schaffe es diesmal als erste beim Studio zu sein.

König und Hopp Frosch

Zuerst sprechen wir das ganze Stück in der jeweiligen Rollenbesetzung durch. Lutz hat sich überlegt, dass er die meisten Passagen neu sprechen will und gibt „seinem König“ nun einen leicht weinseligen Touch. Dies trägt sehr zu unserer Heiterkeit bei und versüßt uns die Wartezeit. Er geht so richtig in seiner Rolle auf.

Hopp Frosch“ wird von Holger gesprochen, der den Text als Schauspieler interpretiert. Mich erinnert dies sehr stark an „Puck“ aus einer modernen Fassung des „Sommernachtstraum“ von William Shakespeare. Peter E. bittet ihn, den Text noch einmal etwas spielerischer zu sprechen.

Erinnerungen an erste Sprechversuche in einem Tonstudio

Inzwischen kam jemand auf die Idee, dass doch eigentlich jeder etwas gesprochen haben sollte. Auch ich muss also ins Studio. So schaue ich mir den Text an und gehe auf den Balkon, um ihn laut zu sprechen. Ich fühle mich zurückversetzt in die Zeit, als ich während eines VHS-Kurses den Text probte, den ich vor laufender Videokamera lesen sollte. Das Ergebnis war damals grausam, viel zu schnell und die Stimme ohne Volumen. Auch denke ich an meine ersten Sprechversuche in einem Tonstudio. Der Tontechniker hatte Mühe meine leise Stimme ohne Verzerrung hörbar zu machen. Ich wollte nur weg vom Mikrofon, weg von meinen Zuhörern und schnell den Kopfhörer abnehmen. Auch muss Kleiner Studioraum mit Blick zum Regieraumich an ein „Hörfunk-Seminar“ während meines Journalistenstudium denken. Nils-Holger interviewte mich und fing plötzlich im Studio an zu lachen. Wir konnten vor lauter Lachen nicht mehr weitermachen.
Nun soll ich in der Sprecherkabine meinen Satz als erste Kammerzofe sprechen. Das Studio empfinde ich als angenehm. Es ist hell, neu und modern ausgestattet. Kopfhörer gibt es nicht, aber ein riesiges Sprecherpult mit einem Deckchen auf dem ich mein Manuskript ablege. Über dem beleuchteten Pult schwebt das Mikrofon. Jakob, einer der Höflinge spricht zuerst. Peter E. ist mit meinem Satz nach dem 2. Versuch zufrieden. Ich bin es auch und überlasse Eugenie den Platz.

Tripetta, Minister, Zofen, Höflinge und die Hofgesellschaft

Eugenie spricht Ihre Bitte als „Tripetta“ mit lieblicher Stimme und russischem Akzent. Ihre Anweisung an die Zofe ist da aber schon energischer.

Lustig wird es auch, als Luisa als Kammerzofe Jacob herunterputzt, er solle sich nicht so anstellen, schließlich wäre es ja die „königliche Unterhose“, die mit Teer anzustreichen sei.

Claudia wirkt sehr elfenhaft, als sie dem König die Kette um den Bauch legt.

Inzwischen sind auch die Parts aller Höflinge, Kammerzofen, Minister und die der Hofgesellschaft aufgenommen und wir machen erst einmal Pause.

Auswahl der Tonwerke, der Musik und Geräusche

Peter E.´s Frau bereitet uns wieder leckeres vegetarisches Essen zu. Anschließend hat Patrick alle Hände voll zutun, unsere Tonwerke zu bearbeiten. Später sitzen wir gruppenweise abwechselnd im RegieraumRegieraum und hören zu, welche Version unserer Tonwerke von Peter E. und ihm ausgewählt werden. Auch Musik und Geräusche fügt er ein. Eigentlich muss jetzt noch der Klang bearbeitet werden. Da es aber zu lange dauert, bitten wir ihn, uns die derzeitige Fassung vorzuspielen.

Beifall für unser „Kunstwerk“

Wir sind doch sehr angenehm überrascht, wie sich so mancher Part so harmonisch in das Hörspiel einfügt und es mit Leben füllt. Unsere Interpretation ist sehr heiter und nicht so düster, wie Edgar Allan Poe sie sich gedacht haben mag. Wir sind begeistert von unserem „Kunstwerk“ und klatschen am Ende Beifall. Dann kommen noch die Dankeswort an unseren Kurleiter Peter E, dem Tontechniker Patrick und natürlich lobende Worte für die gute Küche.
Unsere „Küchenfee“ bedankt sich stilvoll mit einem Hofknicks.

Eugenie und ich verlassen schnell die Gruppe, da wir zum Zug müssen. Schade, dass wir die Gruppe in der Formation wohl nicht wieder treffen werden. Wir waren ein gutes, lustiges und harmonisches Team. Alle, auch die Profi-Sprecher, fügten sich gut ein.

Damit ich nicht wieder so viel Zeit zum Hauptbahnhof benötige, laufe ich diesmal bis zur S-Bahn-Station „Zoologischer Garten“. Der Zug ist pünktlich. Ich arbeite die Seminarunterlagen durch und muss bald aussteigen.
Zuhause angekommen, werde ich gefragt: „Wie war es in Berlin?“ Schön war´s!

© Ingeborg Lüdtke

http://www.words-and-music.de/
Veranstalter (Leitung)
Peter Eckhart Reichel
Hohenzollernstrasse 31
14163 Berlin
Tel: +49 (0)30 883 1978
Fax: +49 (0)30 885 0302
Mail: info@words-and-music.de
www.words-and-music.de

Veranstaltungsort:

auraton studio
Hardenbergstraße 6
10623 Berlin
Ansprechpartner: Patrick Ehrlich
Tel: +49 (0)30 3151 8683
E-mail: info@auraton-studio.de
www.auraton-studio.de

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Nach dem Hörspiel-Workshop aufgenommene Version:

Ausschnitt aus Edgar Allan Poe, Hopp-Frosch gelesen und interpretiert von Peter Bieringer

http://www.peter-bieringer.de/hoerspiel

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